Josef Quack

Zur Diskussion über Walter Jens und Kollegen

 



The intellectuals have nothing to lose but their brains.

A.Huxley

Als anfangs der Fünfziger die Hatz des Senators McCarthy auf kommunistische Sympathisanten in vollem Gange war und jeder Politiker und Intellektuelle über seine ideologische Vergangenheit ausgespäht und ausgehorcht wurde, schrieb H.Arendt treffend: "Die biographische Forschung spielt hier eine ganz ähnliche Rolle wie die Ahnenforschung seligen Angedenkens."
Nun läßt sich die derzeitige Suche nach Indizien für nazistische Beziehungen im Leben diverser Wissenschaftler nicht mit jenen antikommunistischen und faschistischen Diffamierungskampagnen auf eine Stufe stellen. Die Erinnerung an diese Praktiken kann aber dafür sensibilisieren, daß solche Forschungen fast immer einen faden Beigeschmack haben. Das gilt erst recht für die sogenannten Enthüllungen über die vielbesprochenen Jugendjahre von Walter Jens und Peter Wapnewski. Was man ihnen vorzuwerfen hat, eine mögliche Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Partei, ist, gemessen an den wirklichen Untaten der Hitlerzeit, verglichen auch mit der verschwiegenen Mitgliedschaft in der SS einiger Professoren und einiger Journalisten, eine rechte Lappalie, und die Reaktion heutiger Zeitungsangestellter, die über den angeblich verdrängten Schandfleck in der Vergangenheit prominenter Zeitgenossen ihre Schadenfreude zum Ausdruck bringen, braucht man nicht ernst zu nehmen.
Leuten wie Jens und Wapnewski, die ein respektables Lebenswerk aufzuweisen haben, einen zeitweiligen Konformismus in der Jugend vorzuhalten und ihre Karrierebestrebungen zu rügen, nimmt sich ein wenig komisch aus in einer Zeit, in der gesellschaftlich-ideologischer Konformismus und Karrieredenken die unbezweifeltsten Normen der Gesellschaft sind. Nicht zu reden von der Moral der politischen Klasse, gibt es doch sogenannte Volksvertreter, die Parlament und Öffentlichkeit nachweislich belogen haben und dennoch in höchstem Ansehen stehen.
Wenn man das spätere publizistische und repräsentative Wirken jener Leute kritisieren will, dann sollte man es offen und direkt tun. Immerhin hat Jens in der öffentlichen Auseinandersetzung der letzten Jahrzehnte mehr Zivilcourage gezeigt, als man von Hochschullehrern in diesem Land erwarten kann, und einem Mann wie Wapnewski, der einer Anklage wegen Wehrkraftzersetzung ausgesetzt war, jene Vergeßlichkeit anzukreiden, grenzt ans Peinliche. Und bei Walter Höllerer sollten die jetzigen Anwürfe doch nicht vergessen lassen, daß er eines der seltenen authentischen Gedichte über den Krieg hinterlassen hat, die geschrieben wurden.
Jedoch ist hier sehr wohl ein Trend festzustellen: die Wiederbelebung der biographischen Methode in der Literaturwissenschaft. Nachdem die kapriziösesten Verfahren und die spekulativsten Theorieansätze — oft genug "Unsinn auf Stelzen" — nach Jahrzehnten ihren modischen Elan verloren haben, hält man, durchaus konform mit der Mentalität des Talkshow-Zeitalters, jetzt wieder dort, wo man im 19. Jahrhundert schon einmal war. Gottfried Keller hat darüber seinen kaustischen Spott ausgegossen, nicht anders Jacob Burckhardt, der einsichtig urteilte: "Das jetzige Ausmalen von Dichter- und Künstlerleben hat eine sehr ungesunde Quelle; besser man begnüge sich mit den Werken."
Eine Probe aufs Exempel lieferten auch die Adorno-Feiern. Es gab viel öffentlich-rechtlichen Rummel und breit gestreute Reklame. Die vorherrschende biographische Annäherung aber war ein Beleg, daß man mit seinem Denken nichts anfangen konnte. Das Ganze war der Ausdruck einer vagen, im Unverbindlichen bleibenden Sehnsucht nach einem Meisterdenker, einem Artikel, den derzeit weder die Universitäten noch die Medien auf Lager haben.
Gewiß konnte man in der jetzigen Diskussion auch manches Nüztliche lesen, sachliche historische Untersuchungen wie die von Götz Aly über das Verfahren der Parteiaufnahme (Die Zeit 15.1.04). Zwiespältig ist jedoch der Eindruck, den die Stellungnahme von Hans Peter Herrmann hinterläßt (FR 21.2.04). Hier vermischen sich vernünftige, nachdenkenswerte Gedanken mit irrationalen Annahmen, die man nur zurückweisen kann.
Wenn er an die unter dem Hitlerregime verfolgten Hochschullehrer erinnert, die nach dem Krieg nicht mehr zum Zuge kamen, berührt er einen Komplex, der in der Tat nicht vergessen werden sollte. Er hätte ebenso gut an das Schicksal der exilierten Autoren erinnern können, für die spätestens seit den siebziger Jahren in der Forschung viel getan wurde. Gleichwohl ist die Tradition des Ressentiments und des Vorurteils, die im Dritten Reich und kurz nach seinem Ende sich bildete und die zum Beispiel die dauernde Rückkehr Alfred Döblins nach Deutschland verhinderte, bis heute nicht ganz verschwunden.
Auch hätte Herrmann als Emeritus im Falle der aus dem Beruf gedrängten Hochschullehrer wissen können, daß es mit den Berufungen auch im Normalfall eine fragwürdige Sache ist. Ein nicht ganz unbekannter Verwaltungsfachmann namens Niklas Luhmann, in Universiätsdingen wohlbewandert, hat mit der ihm eigenen, leicht zynisch angehauchen Ironie einmal darauf hingewiesen, daß bei Lehrstuhlbesetzungen selbst im idealsten Fall die fachliche Qualifikation nur zu fünfzig Prozent ins Gewicht fällt. Und wann haben wir es schon mit Idealbedingungen zu tun? Kaum heute, und gewiß nicht in den ersten Nachkriegsjahren.
Problematisch ist aber, was Herrmann über die private Moral, die Gewissensfrage abfällig mehr andeutet als ausführt. Er hätte nicht von privater, sondern von persönlicher oder individueller Moral sprechen sollen und im Kantjahr wissen können, daß es in ethischen Fragen immer nur um die individuelle Verantwortung gehen kann und daß die persönliche Moral nur dann etwas wert ist, wenn sie sich an allgemeingültigen Normen orientiert. Bei Herrmann kommt jedoch eine fatale kollektivistische oder totalisierende Denkfigur zum Ausdruck, spricht er doch zweideutig von einem "verbrecherischen Geschehen, in das wir alle verwickelt waren, die wir zwischen 1933 und 1945 in Deutschland ein bewußtes und halbwegs unbeschädigtes Leben geführt haben". Und ähnlich behauptet er: "alle Deutschen waren, in unerschiedlicher Weise, Teil des NS-Systems, mit und ohne Parteieintritt."
Um das mindeste zu sagen: hier liegt eine unerlaubte Vereinfachung vor, die Verabsolutierung eines einzigen Aspekts, wobei unklar ist, ob vom Staat oder der Gesellschaft die Rede ist. Und so erinnert seine totalisierende Behauptung an die alte These von der Kollektivschuld, und sie erscheint fast absurd, da er im nächsten Satz auch jene, die bewußt Widerstand geleistet haben, zum NS-System rechnet. Auf diese Weise werden alle Differenzen eingeebnet, wo doch gerade alles auf genaue Unterscheidungen ankäme, und die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung.
Dabei sind alle grundsätzlichen politischen und ethischen Fragen, die sich aus der Herrschaft des Nationalsozialismus und seiner Überwindung ergeben, schon vor einem halben Jahrhundert gründlich diskutiert worden: in den unmittelbaren Nachkriegsjahren und zwar auf einem intellektuellen Niveau, das später selten wieder erreicht wurde. Damals wurde über die Probleme ernsthaft, mit Argumenten und erlebter Sachkenntnis gestritten, während heute vielfach nur noch willkürlich und kurzfristig improvisierte Statements abgegeben werden. Man kann an die Reden von Karl Jaspers erinnern und besonders an die großen Aufsätze, die Eugen Kogon 1946/47 in den Frankfurter Heften zur Sache veröffentlicht hat.
Über die Frage der von H.P.Herrmann so gröblich fehlgedeuteten individuellen Gewissensmoral in der konkreten historischen Situation hat Kogon in seinem ersten Rückblick auf Hitler und die Folgen, schonungslos, aber sachlich differenzierend, das Wichtigste gesagt: "Gericht und Gewissen" war der Titel. Die späteren Debatten vorwegnehmend, hat er des weiteren über die deutsche Aufgabe geschrieben, die nicht "die eines Unversalbösewichts" sei, und er hat jenen vollends ins Negative umgeschlagenen Nationalismus schärfstens kritisiert, der die totale Niederlage absurderweise für ein "Zeichen der Auserwähltheit" ausgibt. Mehrmals hat er auch auf die außerordentliche, zum Teil verhängnisvolle Bedeutung hingewiesen, die die Erfahrung des Bombenkrieges in der psychosozialen Situation des Nachkriegs erlangte. Daß vor einigen Jahren die Mär aufkommen konnte, der Luftkrieg sei verdrängt worden, kann man nur der Unkenntnis oder der Vergeßlichkeit der nachgeborenen Rechthaber zuschreiben. — Immer lesenswert aber bleibt nicht nur für das engere Thema, sondern wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung, was Kogon über das "Recht auf den politischen Irrtum" geschrieben hat.

J.Q.   —   12.März 2004

©J.Quack



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