Josef Quack

Camus und Simenon
"Der Fremde" und "Die Witwe Couderc"




Im Jahre 1942 erschienen in Paris im gleichen Verlag zwei Romane, die sich im Thema und in der Heldenfigur auffallend ähnlich waren: Der Fremde von Albert Camus (L‘étranger, Paris 1976) und Die Witwe Couderc von Georges Simenon (La veuve Couderc, Paris 1976). Simenon hatte seinen Roman am 1. Mai 1940, kurz vor dem Feldzug Deutschlands gegen Frankreich, beendet, das Buch konnte aber erst nach dem Waffenstillstand während der deutschen Besatzung erscheinen. Beide Romane sind völlig unabhängig voneinander entstanden. Daß aber beide Romane einen verbrecherischen Aspekt der Menschennatur behandeln, dürfte gewiß auch auf die düsteren, schwärzesten Zeitumstände zurückzuführen sein, wenngleich diese elende Beschaffenheit der Menschennatur, um mit Schopenhauer zu reden, keineswegs an eine bestimmte Zeitsituation gebunden ist, sondern jederzeit anzutreffen ist.

Der Fremde hat Camus zu Recht berühmt gemacht und das Buch wurde bald zu einem Klassiker des modernen Romans. Es ist inzwischen denn auch wirklich erschöpfend beschrieben und ausgedeutet worden. Zunächst von dem Autor selbst, der einen philosophischen Kommentar über den Roman schrieb, nämlich den Mythos von Sisyphos, einen „Versuch über das Absurde“, welches auch das Thema des Fremden ist. Dann hat Jean-Paul Sartre einen kritischen Essay über den Roman geschrieben, seinen Sinn und seine Erzählform besprochen, so daß darüber wenig zu sagen übrig blieb (Der Mensch und die Dinge 1978, 75ff.). Gabriel Marcel hat das Buch fast die Sprache verschlagen, schreibt er doch lediglich: „Diesen Roman zeichnet eine nüchterne Schönheit des Stiles aus. Albert Camus gibt ein Bild vom heutigen Menschen, das alle Hoffnung rauben könnte“ (Die französische Literatur im 20. Jahrhundert, 1966, 92).

Was formal noch über das Buch zu sagen war, über den grammatischen Aspekt des Erzählens, hat schließlich Harald Weinrich im Lichte seiner Textgrammatik gesagt (Tempus, Besprochene und erzählte Welt 1971, 266ff.). Man ist also über den Fremden von klugen Lesern informiert wie kaum über ein anderes Werk der neueren Literatur.

Simenons Roman ist längst nicht so bekannt geworden wie der Fremde von Camus, und es wäre müßig darüber zu spekulieren, warum dies der Fall ist. Es genügt zu bemerken, daß es vor allem damit zusammenhängt, daß die Literaturkritiker, selbst in einem Land mit einer mächtigen literarischen Tradition wie Frankreich, Simenon lange als Romancier gewaltig unterschätzt haben – mit einer Ausnahme, André Gide. Gide aber hat als erster die Ähnlichkeit der beiden Romane erkannt und Simenon gegenüber seine uneingeschränkte Bewunderung ausgesprochen: „Es gibt da frappierende Analogien zu ‚L‘étranger‘, dem Buch von Camus, das in aller Munde war; ich finde jedoch, daß das Ihre viel weiter geht, ohne daß man es gleich gewahr wird und wie unbewußt —, und das ist Kunst in höchster Vollendung.“ (14.Juli 1945) Camus' Roman bestätigt auch auf überraschende Weise die Meinung Simenons, daß eine gerichtliche Untersuchung selten die wahren Gründe und Motive für ein Verbrechen an den Tag bringt.

Der Fremde

Man könnte erwarten, daß ein Roman, zu dem der Autor einen philosophischen Kommentar geschrieben hat, ein Thesenroman sei. Dies ist aber nicht der Fal, vielmehr ist Camus' Roman eine selbständige literarische Erzählung mit einer anschaulichen, in seltenem Grade sinnlich intensiven, frappierenden Geschichte, die ein paar intellektuelle Fragen aufwirft, die nach einer Antwort verlangen. Der Ruhm des Werkes ist wohlverdient.

Der Fremde ist Meursault, ein junger Büroangestellter in Algier, der die Nachricht erhält, daß seine Mutter im Pflegeheim gestorben ist. Er fährt zu ihrer Beerdigung, trifft am nächsten Tag seine Freundin Marie, geht mit ihr schwimmen, ins Kino, dann zu sich nachhause. Dem folgt ein langweiliger Sonntag. Tags darauf begegnet er seinem Wohnungsnachbarn Raymond Sintès, einen Zuhälter, der ihn bittet, einen Brief an seine arabische Freundin zu schreiben, die er wegen Betrugs bestrafen will. Meursault tut Raymond den Gefallen. Zusammen mit ihm und Marie verbringt er einen Tag am Strand, wo Raymond von dem Bruder seiner arabischen Bekannten mit dem Messer verletzt wird. Meursault nimmt einen Revolver und nachdem er den Araber gefunden hat, erschießt er ihn.

Dies ist der erste Teil des Romans, der von Meursault selbst erzählt wird. Der zweite Teil, ebenfalls von Meursault erzählt, beschreibt die Gerichtsverhandlung, in der nicht nur Meursaults Mordtat, sondern sein ganzes Verhalten, seine Persönlichkeit und seine Geisteshaltung von dem Richter, dem Staatsanwalt und den Zeugen rekapituliert, beschrieben und beurteilt, d.h. am Ende verurteilt wird. Er erscheint den anderen Menschen gegenüber als Fremder im wörtlichen Sinn und für ihn sind die gewöhnlichen Menschen Fremde, weil er das Leben, das menschliche Dasein, auch das Leben, das er geführt hat, für „absurd“ hält (S.183).

Hier sei angemerkt, daß die Glaubwürdigkeit der Geschichte gerade davon abhängt, daß der Fremde sie selbst erzählt – so erscheint er auch den Lesern als völlig fremd. Die Kunst des Romanciers aber bestand darin, eine Form des einfachen, klaren Erzählens zu erfinden, die nicht gekünstelt und nicht banal sein durfte. Wenn Gabriel Marcel von der nüchternen Schönheit des Stils spricht, meint er dessen klassische Einfachheit. Sartre hat auf die Ähnlichkeit der verbindungslosen Satzfolgen mit der lakonischen Diktion Hemingways hingewiesen. Damit ist der unübersehbare literarische Aspekt des Stils treffend bezeichnend.

Der umgangssprachliche Aspekt des Stils, der der mündlichen Rede angenähert ist, besteht jedoch darin, daß Camus nicht die literarischen Zeitformen des Erzählens verwendet, sondern die umgangssprachlichen Tempora, das Perfekt vor allem. Damit wird glaubwürdig, daß der Ich-Erzähler kein professioneller Romancier ist, sondern ein literarischer Laie, ein einfacher Angestellter. Harald Weinrich hat dann gezeigt, daß in dem Roman Tempora des Besprechens dadurch zu Tempora des Erzählens umgewidmet werden, daß sie häufig durch zeitliche Adverbien ergänzt und bestimmt werden.

Soviel zur Form des Romans, bei der man die ungewöhnliche Intensität der Schilderung keineswegs vergessen darf. Camus gelingt es zum Beispiel, einen langweiligen Sonntagnachmittag zu schildern, ohne daß die Schilderung selbst langweilig wäre. Und Meursaults Beschreibung, wie er die Sonne des Strandes erlebt, die er am Ende allen Ernstes als Grund für seine Mordtat anführt, ist ebenso frappierend wie glaubwürdig, womit denn wiederum das Thema des Romans berührt ist.

Der oberste Grundsatz der absurden Weltanschauung lautet, daß alle Erfahrungen gleichwertig sind, wie Camus erklärt. In einer glücklichen Formulierung Sartres ausgedrückt, heißt dies, daß es auf dasselbe hinausläuft, ob man die Geschicke der Völker leitet oder sich im Stillen betrinkt.

Wer diesen Grundsatz verstanden hat, hat auch die Geschichte des „Fremden“ verstanden, der natürlich keine philosophischen Reflexionen über die Absurdität der menschlichen Existenz anstellt, sondern das absurde Lebensgefühl schlicht und ehrlich in seinem Verhalten und in seinen lakonischen Äußerungen zum Ausdruck bringt. Er äußert keine abstrakten Gedanken über die Sinnlosigkeit des Lebens, sondern Einsichten und Räsonnements, die aus seiner konkreten Erfahrung stammen.

Meursault erklärt zum Beispiel: „Ich habe gedacht, daß das immer ein öder Sonntag war, daß Maman jetzt beerdigt war, daß ich meine Arbeit wiederaufnehmen werde, und daß, alles in allem, sich nichts geändert hat.“ (S.41). Ihm ist es egal, ob er der Partner von Raymond ist, sein Zeuge wird oder Marie heiratet, obwohl er sie doch nicht liebt: „Warum mich dann heiraten? hat sie gesagt. Ich habe ihr erklärt, daß das keine Bedeutung habe und daß wir, wenn sie es wünsche, heiraten können.“ (S.69) Daß etwas ohne Belang sei, ist denn auch Meursaults ständige Antwort und Redensart.

Man kann ihm nicht absprechen, daß er sein Lebensgefühl konsequent offenlegt. So schockiert er das Gericht mit der Aussage: „Ohne Zweifel liebte ich Maman, aber das will nichts sagen. Alle gesunden Wesen hatten mehr oder weniger den Tod derer gewünscht, die sie liebten“ (S. 102). Die Geschworenen kommen ihm vor wie Leute, die ihm in der Trambahn gegenübersitzen, obwohl es hier um ein Verbrechen geht, nicht um etwas Lächerliches (S. 129). Er fühlt sich nicht wegen des Mordes schuldig, sondern weil er dem Hausmeister eine Zigarette angeboten hatte, was dessen Aussage vor Gericht über Meursaults Verhalten bei der Beerdigung seiner Mutter abwertet (S.139). In seiner eigenen Aussage erklärt Meursault, nach dem genauen Motiv gefragt, daß er damals nicht die Absicht hatte, den Araber zu töten: „Ich habe schnell gesagt, ein wenig die Wörter vermengend und mir des Lächerlichen bewußt, daß es wegen der Sonne war. Es gab Gelächter im Saal.“ (S.158)

Zum Tod verurteilt, in seiner Zelle isoliert, erklärt er als Summe seiner Erfahrung: „Aber jedermann weiß, daß das Leben nicht der Mühe wert ist, gelebt zu werden.“ (S.173) In seiner Auseinandersetzung mit dem ihm unwillkommenen Pfarrer sagt er, daß er im rechtlichen Sinne schuldig war und dafür bezahlt habe, mehr könne man von ihm nicht verlangen, er wisse nicht, was eine Sünde sei (S.179). Im übrigen langweilt ihn das fromme Gerede und er betont ein letztes Mal die Bedeutungslosigkeit aller Wünsche, um am Schluß, seine öffentliche Hinrichtung vor Augen, zu bekennen, daß er glücklich sei. Der letzte Ausdruck einer geistig-moralischen Fremdheit.

Fraglos ein bewegender Roman der absoluten Illusionslosigkeit, ein persönliches Bekenntnis von seltener Offenheit. Sartre erinnert das gleichgültige Verhalten Meursaults an einen Pflegmatiker, man könnte ihn auch einen Stoiker des moralischen und existentiellen Nihilismus nennen, der genau so lebt, wie er über ein Leben ohne Bedeutung denkt.

Die Witwe Couderc

Jean Passerat-Monnoyeur, 28 Jahre alt, der Sohn eines reichen Destillateurs aus Montluçon, mit dem er sich überworfen hatte, begegnet auf der Landstraße zufällig der Witwe Couderc. Sie kommt vom nahen Markt, wo sie die Erzeugnisse ihrer kleinen Geflügelzucht verkauft und einen Brutkasten erworben hat. Jean hilft ihr den Brutkasten tragen und wird von ihr als Knecht eingestellt. Er versorgt das Geflügel und die Hasen und führt die beiden Kühen auf die Wiese neben dem Kanal. Die Witwe Couderc, genannt Tati, 45 Jahre alt, war mit 14 Jahren als Magd in das Haus gekommen, sie hat den Sohn geheiratet und lebt nun mit ihrem senilen, tauben Schwiegervater in dem Haus, das ihr zu einem Drittel gehört.

Bei einem Streit mit ihrer Schwägerin wegen der Erbschaft des Hauses wird Tati am Kopf erheblich verletzt, sie geht nicht ins Krankenhaus, sondern wird von Jean einige Wochen gewissenhaft gepflegt. Es kommt aber zwischen ihnen zum Eklat, als sie von Jean um jeden Preis verlangt, sein Verhältnis mit Félicie, ihrer Nichte, aufzugeben. Sie verrät ihm sogar, wo sie ihre reichen Ersparnisse versteckt hat. Doch Jean will dem drängenden Verlangen nicht nachgeben und erschlägt sie in einem Anfall heftigen Zornes. Er flieht aber nicht mit dem Geld Tatis, sondern, gleichsam von einer unendlichen Müdigkeit erfaßt, bleibt er im Hof, bis am nächsten Tag die Gendarmen kommen, um ihn zu verhaften. Am gleichen Tag schlüpfen die ersten Küken in dem Brutkasten, auf den Tati so große Hoffnungen gesetzt hat.

Es braucht wohl nicht betont zu werden, daß Simenon in seiner Schilderung die ländliche Atmosphäre genau getroffen hat, die handgreifliche, scheinbar idyllische Seite und die nüchterne moralische Seite des Landlebens in der Mitte Frankreichs. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie man Kühe hält und Hühner und Gänse versorgt, und er weiß, daß die schärfsten und häßlichsten Konflikte im bäuerlichen Milieu wegen Erbschaftsangelegenheiten entstehen. Er hat vielfach erfahren, daß die Sparsamkeit und der notorische Geiz der Franzosen früherer Zeiten gesellschaftliche Ursachen haben, und er hat diese Ursachen in seinen Romanen über die französische Provinz niemals aus den Augen verloren.

Wiederum finden sich im Text auch jene kleinen Beobachtungen, die den Eindruck einer authentischen Wirklichkeit erwecken und Simenons Ruf als großer Realist begründet haben. So hier die Bemerkung, daß Jean bei Regen einen Sack über seinen Kopf und seine Schultern zog (S.204).

Der junge Jean aber ist eine der erstaunlichsten Figuren, die Simenon je ersonnen und geschaffen hat. Ich werde aber das Seelenleben Jeans nicht zerfasern und sezieren, sondern nur seine Schlüsselerlebnisse anführen und die charakteristischen Momente seines Verhaltens.

Die tiefste Demütigung hat Jean in der Schule von seinem Englischlehrer erfahren, der ihn überaus verächtlich behandelte. Um später in Paris als Student seine Freundin unterhalten zu können, läßt er sich auf ein Pokerspiel ein, er verliert an einen Unternehmer, den er überfällt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ihm geht es aber in diesem Augenblick um mehr als um das Geld: „Er wollte etwas Endgültiges, und daß er darauf niemals mehr zurückkommen würde. / Es ist wahr, daß er in dem Augenblick, als er mit dem Totschläger zugeschlagen hatte, das Gesicht seines Englischlehrer vor sich zu sehen glaubte.“ Er hatte deshalb niemals Gewissensbisse, und beim Prozeß hält er sich nicht für einen Menschen, der für seine Handlungen verantwortlich ist (S.105).

Damit greift Simenon ein Motiv auf, das er zuletzt in Le temps d‘Anais behandelt hat, den Gedanken, daß die Rache für eine verletzende Erniedrigung ein oft übersehenes Motiv für einen Mord ist. Zudem erwägt Simenon hier die Möglichkeit, daß man den Haß auf eine Person gleichsam auf eine andere Person übertragen kann. Überdies teilt Jean die Zweifel des Romanciers, ob ein Verbrecher im strikten Sinne für seine Taten verantwortlich ist.

Bemerkenswert ist aber vor allem, daß Jean sich über die Umstände und Folgen jenes Mordes erst nach seiner Haft klar wird, als Tati ihn nach seiner Vergangenheit fragt. Erst jetzt empfindet er die Angst vor der Todesstrafe, die ihn ereilt hätte, wenn er damals vor Gericht nicht gelogen hätte. Die Gesetzesparagraphen über die Todesstrafe immer für sich wiederholend, fühlt er, daß ihn ein Schrecken überfällt: „Die Angst erfaßte ihn an einem unbestimmten Punkt und überwand sein ganzes Sein, bis in die Spitze seiner Finger, seiner Zehen, die sich wie unter dem Schlag eines Krampfes versteiften.“ (S.104)

Diese sozusagen nachträglich erlebte Frucht, „une peur rétrospective“ (S.106), beeinflußt aber dann auch auf seltsame Weise die Entscheidung, Tati zu töten. Er hängt nämlich einem bestimmten Schicksalsglauben an und empfindet eine ungewöhnliche Müdigkeit, die seine ganze Existenz umfaßt. Als er nach einem Alptraum erwacht, heißt es: „Allein in seinem Bett, lachte er mit Bitterkeit. Das wird wiederbeginnen, das wahre Leben, die Verwicklungen und, wie immer, wird das Schicksal sich auf ihn stürzen. Er war dessen sicher.“ Ohne wieder einschlafen zu können, fühlt er sich dennoch müde: „Er war schrecklich müde. Nicht allein wegen der Vergangenheit, wegen der Gegenwart, sondern wegen all der Verwicklungen, die er voraussah; er machte sich schon auf die Tage gefaßt, die er erleben werde.“ (S.182).

Der nächste Grund für den Zorn Jeans, der zu dem Mord führt, besteht darin, daß er nicht mehr lügen will, daß er mit Félicie kein Verhältnis habe – er will endlich die Wahrheit sagen und war sich bewußt, „eine Tat von großer Bedeutung begangen zu haben“, etwas Endgültiges getan zu haben, „weil er nicht mehr den Mut hatte zu lügen, und nicht mehr „kalten Schweiß haben wollte, in Erwartung dessen, was nicht ausbleiben würde, sich zu ereignen“ (S.209). Er tötet also auch deshalb, weil er es nicht mehr erträgt, gegen seinen Willen die Unwahrheit zu sagen, ein ungewöhnliches Tatmotiv. Er betrachtet auch den Versuch, ihn zu einem Verhalten zu zwingen, das seinem Willen widerspricht, als eine Art von Demütigung.

Treffend heißt es auf der Rückseite der französischen Ausgabe des Romans: „Eine einfache Geschichte von der Größe einer Tragödie, deren Helden auf geheimnisvolle Weise berufen sind, das Schicksal zu erfüllen, das sie zugrunde richtet“.

Es ist keine Frage, daß Jean eine komplizierte Persönlichkeit ist und sein Verhalten ernste Fragen aufwirft. Ich will nur das entscheidende Problem, ein Menschheitsproblem, hervorheben, das Problem, wie sich die menschliche Willensfreiheit mit der schicksalshaften Bestimmung verträgt. Oder anders gesagt, wie die Theorie der menschlichen Freiheit mit einem konsequenten Determinismus zu vereinbaren ist.

Dieses Problem hat zum ersten Mal in der Geschichte des europäischen Denkens Boethius (524 n. Ch.) in seinem Traktat De consolatione philosophiae (Über den Trost der Philosophie) in aller Schärfe formuliert und einer metaphysischen Lösung zugeführt. Er schrieb den Traktat im Gefängnis vor seiner Hinrichtung. Kant und Schopenhauer haben ihrerseits darauf verschiedene Antworten gegeben.

Jean aber steht nicht die Einsicht der Philosophie zur Verfügung, die ihn vor der Tat bewahrt hätte, sondern nur eine stumme Resignation, die Ergebung in das selbstverschuldete Schicksal, letztlich eine Folge seiner überwältigenden Lebensmüdigkeit. Gewiß ein großer Roman, wenngleich es einer der düstersten und hoffnungslosesten Romane ist, die Simenon je geschrieben hat.

Der Leser aber, dem das Nachdenken über jene existentiellen Probleme, die jeden Menschen betreffen, aufgegeben ist, ist nicht ganz ohne Trost — er besteht gerade in diesem Nachdenken, sagt doch Theodor Haecker mit Recht: „Das Tragische, in die Reflexion erhoben, tröstet bis zu einem gewissen Grade den Menschen“ (cf. J.Q. Über Simenons traurige Geschichten, S.181)

J.Q.   —   28. Nov. 2020

©J.Quack



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