Josef Quack

Zur Krise der Geisteswissenschaften

 




Man muß Hypothesen und Theorien haben um seine Kenntnisse zu organisieren, sonst bleibt alles bloßer Schutt, und solche Gelehrten gibt es in Menge.

G.Ch.Lichtenberg

In diesen Jahren wurde die Öffentlichkeit Zeuge einer der größten Blamagen, die in neuerer Zeit je ein Wissenschaftszweig erlitten hat. Gemeint ist die Pseudoreform der Rechtschreibung, für die eine Handvoll germanistischer Sprachwissenschaftler verantwortlich ist. Die Affäre ist ein Musterbeispiel für die These, daß es in den Geisteswissenschaften nicht rational oder vernünftig zugeht. Denn ohne Wirkung blieb die fundierte Kritik anderer Sprachwissenschaftler, ebenso der Einspruch der namhaften Schriftsteller und der wissenschaftlichen Akademien, sowie der Widerstand der Bevölkerungsmehrheit.
Die Pseudoreformer konnten sich nur durchsetzen, weil sie von den Kultusministern der Länder unterstützt wurden, allerdings auch von den meisten Zeitungsverlagen und den Medienanstalten. Während jedoch einige große Blätter die Kraft zur Korrektur ihrer Fehlentscheidung fanden, beharren die politisch Verantwortlichen auf ihrem Standpunkt, unberührt von aller Sachkritik, unbeeindruckt von dem Spott und Hohn, der Tag für Tag über diese Figuren ergossen wird, die für den vielberedeten Bildungsnotstand an Schulen und Hochschulen verantwortlich sind. Wie soll man von Politikern, die sich in Sachen der eigenen Frau-Mutter-Sprache derart blamiert haben, noch Impulse für echte Bildungsreformen erwarten?
Was aber die wissenschaftlichen Vordenker und Umsetzer der Pseudoreform angeht, so ist der eigentliche Skandal, daß ihnen jene fundamentale Sprachkompetenz fehlt, die man sonst bei einem einheimischen Sprecher voraussetzen muß. Und die Frage ist, wie solche inkompetenten Leute überhaupt in einem Fach reüssieren konnten, zu dem ihnen die elementarste Voraussetzuung fehlt, das Sprachbewußtsein dessen, der seine Sprache versteht. Hier scheinen die Sicherungen der fachlichen Kritik und der innerdisziplinären Kontrolle eklatant versagt zu haben.

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Wenn nicht alles trügt, ist der Mißstand der fehlenden oder mißachteten wissenschaftlichen Kritik jedoch nicht auf diesen Zweig der Germanistik beschränkt. Darauf hat schon vor Jahrzehnten Hans Fromm in einem scharfen Artikel ausführlich hingewiesen.
Zwei Beispiele aus der akademischen Realität der letzten Jahre. Ein Germanist, der seinen Lehrstuhl vermutlich familiären und kollegialen Beziehungen verdankt, bringt für ein Seminar nicht mal die Zahl von vier oder fünf Studenten zusammen, die für eine solche Veranstaltung vorgeschrieben ist, während andere Seminare des Massenfachs von Hörern überlaufen werden. Der Grund, den die Studenten richtig erkannt haben: was er anbietet, ist flachstes psychologisierendes Klischeematerial, annähernd auf dem Niveau der zahllosen Ratgebersendungen und Talkshows des Landes, jedoch in eine terminologisch überladene Form gebracht, die man hier für wissenschaftlich hält. Dieselbe Person füllt aber mit Produkten der gleichen Qualität mehrere Folgen einer Fachzeitschrift, mit deren Redaktion sie freundschaftliche Beziehungen unterhält.
Ein zweiter Fall. Herr X. ist Herausgeber zweier Periodika seiner Disziplin, außerdem verantwortlich für eine Klassikeredition. Als nun eine Studie erscheint, die indirekt die evidente Mangelhaftigkeit seines Klassikerkommentars belegt, rezensiert er diese Arbeit herabsetzend nicht nur in seiner eigenen Zeitschrift, sondern auch im bekanntesten Rezensionsorgan des Fachs. So wird eine Grundvoraussetzung der wissenschaftlichen Kritik verletzt: die Vielfalt der Stimmen und kritischen Argumente. Nebenbei bemerkt, wäre ein solches Verhalten bei keinem der renommierten Tages- und Wochenblätter möglich gewesen.
Ein anderes Übel der literaturwissenschaftlichen Zeitschriften bedürfte einer genaueren Untersuchung: daß allzu viele Artikel von inkompetenten Anfängern beigesteuert werden. Die Betonung liegt hier auf 'inkompetent'. Denn wenn sie kompetent, nämlich literarisch gebildet, theoretisch versiert, kritisch und vorurteilslos sind, können gerade sie zur wissenschaftlichen Gesundung des erstarrten Betriebs beitragen. Leider sind sie dies nur in Ausnahmefällen.
Angesichts solcher Praktiken verliert der Vorschlag der politischen Hochschulreformer, die Herausgeberschaft von Zeitschriften besonders zu honorieren, einiges von seiner Überzeugungskraft. Hier hätte man jeden Fall für sich genauestens zu überprüfen. Warum sollen die Dutzende von Herausgebern, deren Namen die Titelblätter von Periodika bedecken, besonders belohnt werden? Bestenfalls dienen ihre Namen der Dekoration, schlimmstenfalls aber der Abwehr unliebsamer Kritik. So ist es keineswegs selten, daß ein Beitrag, der die wissenschaftliche Position eines Herausgebers sachlich oder namentlich in Frage stellt, von einer Veröffentlichung ausgeschlossen wird. Dagegen kann man in einer renommierten Zeitung durchaus eine Meinung vertreten, die der Auffassung des Herausgebers oder des zuständigen Redakteurs widerspricht. Zum Glück aber gibt es immer noch mehrere literaturwissenschaftliche Zeitschriften, die miteinander in einem mehr oder weniger edlen Wettstreit stehen, so daß vorläufig die Pluralität der Positionen publizistisch zur Geltung kommt.

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Allerdings droht den Zeitschriften ausgerechnet von jener Institution Gefahr, der ihr Überleben anvertraut ist: von den Universitätsbibliotheken. Wenn eine Bibliothek die Auslagen der laufenden Zeitschriftenjahrgänge einschränkt und an ihre Stelle Computerbildschirme plaziert, vergräbt sie ihr Pfund, statt mit ihm zu wuchern. Sie tut es, indem sie kurzsichtig einer momentanen Mode folgt, die sich inzwischen schon überlebt hat. Gewiß soll eine große Bücherei auch Internetanschlüsse zur Verfügung stellen, damit die Benutzer sich über die Bestände anderer Bibliotheken informieren können. Jedennoch: einen Internetanschluß kann sich heute jeder selbst leisten, die wissenschaftlichen Zeitschriften kann er bisher jedoch nur in Bibliotheken einsehen. Es kann sein, daß die wissenschaftlichen Zeitschriften in naher Zukunft durch Internetpublikationen ersetzt werden. Derzeit sind diese Druckwerke jedoch einer der wichtigsten Bestände der Bibliotheken.
Ein Argument der eingeschränkten Zeitschriftenauslage stützt sich auf eine wie immer fragwürdige Besucherstatistik. Fragwürdig ist sie deshalb, weil es hier nicht nur zu zählen, sondern auch abzuwägen gilt. Und Statistiken muß man zu lesen verstehen. Nach amerikanischen Untersuchungen werden 80 Prozent der naturwissenschaftlichen Zeitschriftenbeiträge nicht zitiert, geschweige denn gelesen — und dies in Disziplinen, wo die Forschungsergebnisse sich hauptsächlich in Zeitschriften niederschlagen. Ich weiß nicht, ob es entsprechende Untersuchungen über deutsche, geisteswissenschaftliche Zeitschriften gibt, vermute aber, daß bestenfalls hier kaum die Hälfte der Veröffentlichungen beachtet wird — was gewiß ein schwerer Einwand gegen die eingefahrene Redaktionspraxis darstellt.
Die Lage ändert sich aber vollkommen, wenn nach Jahrzehnten ein Niklas Luhmann oder ein Thomas S.Kuhn einen deutschen Zeitschriftenaufsatz ausgräbt und sich von ihm zu fruchtbarster Forschung anregen läßt.
Außerdem haben Zeitschriften den Vorteil, daß man an ihnen die jeweiligen Modeströmungen der spezialisierten Disziplinen ablesen kann: die neuesten Editionsideale, die diversen Anleihen bei anderen Wissenschaften, die letzten psychologischen oder soziologischen Hits, darunter purer Schwindel wie das Konstrukt der multiplen Persönlichkeit, das seine Spur durch ganze Jahrgänge von Zeitschriften gezogen hat, ohne daß kritische Einwände Gehör fanden. Wer die Krise dieser Fächer, die sich mit dem Begriff des Geistes schmücken, an der Quelle studieren will, hat hier ein reiches Betätigungsfeld.

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Um bei der Germanistik zu bleiben: als Massenfach scheint sie die Kategorie der Masse zu ihrem obersten Wert erhoben zu haben. Siehe die aufgeblähten Habilitationsschriften. Und man vergleiche die Ausgaben eines der verbreitesten Handbücher des Fachs. Das "Fischerlexikon Literatur" von 1965 kam mit 700 Seiten aus, die mit knappen, konzisen Artikeln gefüllt waren. Die neue Ausgabe bringt es auf 2100 Seiten, wovon das Neue hauptsächlich in der Masse des berücksichtigten Stoffs, selten aber in der theoretischen Präzisierung besteht. Was sich hinter der Aufblähung verbirgt, kann man aus der Versicherung des Herausgebers erschließen, Platon und Thukydides könne man "unabhängig von ihrem Sachgehalt als ‚Literatur' lesen". Selten wurde die Gehaltlosigkeit dieser Wissenschaftskonzeption offener und klarer ausgesprochen.
Und so verwundert es nicht, daß einer der unbefriedigendsten Artikel des Buches der Artikel ist, der bestimmen soll, was man unter Literatur versteht. Es tröstet wenig, daß der Artikel des Konkurrenzprodukts bei dtv, "Grundzüge der Literaturwissenschaft", in diesem Punkt auch nicht schlauer ist. Es wirft aber ein Licht auf die Krise eines Fachs, daß seine lexikalischen Wortführer nicht mal sagen können, was der Gegenstand ihrer Wissenschaft ist.

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Nicht viel besser scheint es um ihre Spitzenleistungen bestellt zu sein. Ich meine nicht die zahlreichen Klassikereditionen, die die üppigsten, mit überflüssigstem Kram beladenen Kommentare mit sich führen und derart die Kritik wahrmachen, die George Steiner an den Interpretationswissenschaften zu Recht geübt hat. Ich rede auch nicht von jenen Projekten, wo die Quantität nicht in Qualität, sondern in Monströsität umschlägt wie bei der umstrittenen Büchneredition.
Ich denke vielmehr an ein Werk, das von Kennern überschwenglich gerühmt wurde: die zweibändige Schillerbiographie von Peter-André Alt. Es ist gewiß die umfänglichste wissenschaftliche Arbeit über Schiller, die derzeit zu bestaunen ist. Aber auch sie beeindruckt wesentlich durch die schiere Quantität des erfaßten und referierten Materials. Gewiß findet sich darin Kluges über Schiller und sein Werk, so ein ausgewogenes Urteil über das Verhältnis zu Goethe, und manches Erhellende über die Zeitverhältnisse. Die Lektüre ist aber ein mühseliges Geschäft. Der Autor bevorzugt einen pleonastischen Stil, seine besten Leistungen erbringt er mit einer Methode des späten 19. Jahrhunderts, der Einflußforschung; was er neu hinzubringt, sind sozialgeschichtliche Informationen — ähnliches konnte man schon bei H.Taine finden, der aber doch ein vorzüglicher Schriftsteller war.
Sonst bleibt er von der Theoriediskussion der letzten Jahrzehnte unberührt. Mitunter verirren sich allerneueste Theoriefragemente in seinen Text, wie der Luhmannsche "Vollzug der Selbstreferentialität", ohne daß man erführe, was das bedeuten soll. Desgleichen wird nie klar, was er unter Metaphysik versteht, wie überhaupt die philosophischen Exkurse am wenigsten überzeugen können. Ohne Skrupel bewältigt der Interpret und Biograph seine Aufgabe, indem er mit einer Identifikatonstheorie der Lektüre und einer Sublimationstheorie der Kunst hantiert, als wäre das alles selbstverständlich und nicht schon längst als fragwürdig erwiesen (cf. J.Q. Die fragwürdige Identifikation).
Und der wichtigste Einwand: er hat die Stoffülle formal und organisatorisch nicht bändigen können. Die biographische Notiz wird übergangslos mit Zeitgeschichtlichem, dieses mit Problemhistorie und die Ideendiskussion schließlich mit Werkanalyse vermischt. Er kann keine Akzente setzen, unterscheidet das Wichtige nicht vom Peripheren, sondern breitet das Nebensächliche so detailliert aus wie das Wesentliche. Kurzum: er beherrscht die Kunst, Wälzer zu schreiben. Als Biographie zu disparat und unsensibel, als Handbuch zu unübersichtlich, in der Sprache beamtenhaft umständlich, bleibt die Arbeit ein Dokument, das die derzeitige Verfassung seiner Disziplin nahezu rein zum Ausdruck bringt.
Übrigens fehlen auch die interpretatorischen ‚Anmutungen' nicht, die wir aus der Germanistik der fünfziger Jahre kennen und die ein Erkennungszeichen der Zunft sind. Wolfgang Kayser, Emil Staiger und Paul Stöcklein konnten aber doch ein wenig besser schreiben.

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Germanisten wie Paul Stöcklein wußten noch, daß Ironie und Naivität keine sich ausschließende Gegensätze sind, sondern bei einem Autor sehr wohl nebeneinander bestehen können und eine gewisse Form der Ironie gerade ein Ausdruck der Naivität ist. Ihr Paradebeispiel war Thomas Mann. Diese Kenntnis ist dessen heutigen Verehrern verlorengegangen.
Das hängt vielleicht damit zusammen, daß im letzten Jahrzehnt eines der gängigsten Stichworte der modisch gehandhabten Literaturtheorie — oder wie man es nennen soll —, Reflexivität oder Ironie als Spielart der Reflexivität war.
Von größerem Belang aber ist, daß bei all der Rede von Reflexivität gerade eine Reflexion über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen des Fachs, wissenschaftstheoretische Bildung, so selten zu finden ist. Eine rühmliche Ausnahme bilden die wenigen Vertreter der kritischen Rationalität. Einer der verhängnisvollsten Effekte dieser Unkenntnis besteht darin, daß man nicht weiß, daß der wissenschaftliche Wahrheitsbegriff ohne das Moment der Relevanz nicht denkbar ist. Nur so läßt sich die Masse belangloser Arbeiten über belanglose Themen und unbedeutende Autoren erklären, ein Übermaß an Irrelevanz, das für die gegenwärtige Germanistik typisch ist.
Wenn man diese Titel betrachtet, gewinnt man den Eindruck, die neueste Germanistik sei im Bestreben, die neuesten Autoren zu behandeln, nur eine sprachlich ungeschicktere, terminologisch überanstrengte Fortsetzung des Rezensionsbetriebs, der dann wieder tautologisch auf diese Bemühungen antwortet. Im Glauben, das jeweils Neueste sei das Beste, übernehmen sie ungeprüft das Urteil über windige Schriftsteller der laufenden Saison, der sie ihre fragwürdige Aufmerksamkeit widmen, ohne von der Problematik des Rezensionwesens, wie sie etwa G.Orwell beschrieben hat, den geringsten Schimmer zu haben:

Es ist fast unmöglich, Bücher en masse zu kritisieren, ohne die meisten über Verdienst zu loben. Erst wenn man so etwas wie eine berufliche Beziehung zu Büchern bekommen hat, merkt man, wie schlecht die meisten sind. In mehr als neun von zehn Fällen müßte das einzig objektive, wahrheitsgemäße Urteil lauten: ‚Völlig wertlos', und die subjektive Stellung des Kritikers: ‚Das Buch interessiert mich in keiner Weise, und bekäme ich nicht dafür etwas bezahlt, würde ich keine Zeile darüber schreiben.'

Der Tagesaktualität, die sie im Feuilleton vorfinden, hinterherlaufend, produzieren manche Anfänger, nicht anders als manche Arrivierten des Fachs, verzweifelt Arbeiten, die den elementaren Grundsatz verletzen, daß sich "über etwas Unbedeutendes nicht viel Relevantes sagen" läßt (F.v.Kutschera). Unbewußt und unbeabsichtigt erfüllen sie mit ihren Arbeiten den Begriff des Feuilletonismus, der in jener Definition rein erfaßt ist.
Das einzig Richtige aber wären Untersuchungen darüber, warum Belanglosigkeiten, etwa von der Tageskritik gehätschelte Schriftsteller minderen Ranges, überhaupt einen derartigen Eindruck machen konnten und immer noch machen können.

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Ein weiterer Punkt der Misere dieser Fächer läßt sich an der Literaturliste ablesen, die den neuen Publikationen beigegeben ist. Im Unterschied zur früheren Praxis wird heute meist nur noch die Sekundärliteratur des letzten Jahrzehnts angeführt. Darin äußert sich eine überaus naive Vorstellung vom wissenschaftlichen Fortschritt. Es wird nämlich unterstellt, daß die neueste Sekundärliteratur tatsächlich die gültigen Ergebnisse der bisherigen Forschung aufgenommen und fortgeschrieben habe. Das aber ist nur selten der Fall. Was hier der neueste Stand der Forschung heißt, ist oft nur eine Bilanz der rasch wechselnden Wissenschaftsmode. Vor Jahren war Tiefenhermeneutik an der Reihe, dann Dekonstruktion und Postmoderne — heute ist das meiste davon schon Schnee von gestern, was aber nur heißt, daß es auch damals eben nur modisch und nicht sachlich wissenschaftlich war.
Es gibt eben in diesen Fächern keine automatische Akkumulation des Wissens, das sich in gesetzesartigen Theorien niederschlüge, sondern eine Tradition, die bewußt und kritisch fortgeführt werden muß, wenn sie nicht dem Vergessen und dem Unverstädnis anheimfallen soll. Und es gibt einige wenige Standardwerke, deren Substanz der Kritik der Jahre standgehalten hat und die man immer wieder mit Gewinn lesen kann, so etwa das Mimesis-Buch von Erich Auerbach oder das Werk von Ernst Robert Curtius über das Lateinische Mittelalter. Der Kenner aber wird sich darin zeigen, daß er sich an die bewährte Sekundärliteratur hält und die strengste Auswahl aus der Masse der Hervorbringungen trifft, die nur akademischen und karrieristischen Zwecken dient.

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Nicht zuletzt besteht die besprochene Krise auch darin, daß sich in diesen Fächern wie nirgends sonst der Verfall der klassischen Bildung verheerend auswirkt. Bei Germanisten kann man heute nicht mehr als selbstveständlich voraussetzen, daß sie Latein können, von Griechisch ganz zu schweigen. So kann es, um bei symptomatischen Kleinigkeiten anzusetzen, heute vorkommen, daß ein Rhetorik-Professor gebräuchliche lateinische Verben falsch betont, und daß 'Mímesis' auf dem e statt auf dem ersten i betont wird, ist fast schon die Regel: die Sprecher halten den Querstrich über dem e, der die Länge angibt und das griechische Eta bezeichnen soll, für ein Betonungszeichen: μιμησις.
Daß ein Mathematiker auch heute noch Euklid kennen muß, versteht sich von selbst. Daß man aber die Poetik des Aristoteles kennen muß, um die Literaturtheorie von Grund auf zu verstehen, wird einem Germanisten heute kaum einleuchten. Ihre Hervorbringungen sind denn auch danach.

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Wissenschaften sind geselllschaftliche Institutionen, die den Prinzipien der Öffentlichkeit, der freien Meinungsäußerung und des intellektuellen Pluralismus verpflichtet sind. Und die Geisteswissenschaften verlieren ihre Glaubwürdigkeit und Berechtigung, wenn sie die Tradition der kritischen Rationalität verlassen, den "Schandweg der Kameraderie" (Schopenhauer) einschlagen, Zitierkartelle und sektenähnliche Gruppen bilden. Sie berufen sich vielfach auf die Konsenstheorie der Wahrheit, die eine Doktrin des Relativismus ist und der letzte Grund für die notorische Beliebigkeit der Hervorbringungen dieser Fächer. Beliebigkeit ist aber nur ein anderer Ausdruck für Unwissenschaftlichkeit.

J.Q.   —   25. März 2006

©J.Quack



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