Josef Quack

Über das Abenteuer des Lebens
— die Nordland-Erzählungen Jack Londons



Jack London (1876-1916) hat ein abenteuerliches Leben geführt als Robbenfänger, Goldsucher, Tramp oder fahrender Gelegenheitsarbeiter und er besaß die seltene Gabe, aufgrund seiner Erfahrungen spannende und intelligente Erzählungen zu schreiben. Ich beziehe mich auf die Erzählungen der Sammlung Am Ende des Regenbogens (dt. Erwin Magnus, 1977). Mit Nordland ist Alaska und das kanadische Yukon-Territorium gemeint, eine Region der Wildnis jenseits der Zivilisation im Sinne des Spruchs: „Denn weder Gottes noch Menschen Gesetz reicht über den Dreiundfünfzigsten nordwärts“. Mit den saloppen Worten eines berüchtigten Abenteurers ausgedrückt, herrscht „Ellbogenfreiheit im neuen Territorium“.

Diese Erzählungen sind keine Reportagen, sondern ebenso wirklichkeitsgetreue wie kunstgerechte Geschichten, mit denen Jack London etwas sagen will. In der Schilderung extremer Situationen physischer Bedrängnis kommen moralische, weltanschauliche, existentielle Konflikte zur Sprache. Dem Wagemut eines strapaziösen Lebens in der eisigen Wildnis entspricht die Radikalität der geistigen Einstellung dieser Abenteurer.

Damit ist auch schon unmißverständlich angedeutet, daß seine Erzählungen keine Kurzgeschichten im üblichen Sinne sind, deren Albernheit und Gedanken-Leere ich hinreichend denunziert habe (cf. J.Q., Über Ransmayrs „Atlas“). Jack Londons Erzählungen mögen kurz sein und selten mehr als dreißig Seiten umfassen, sie sind jedoch so dicht und intensiv geschrieben, sie enthalten soviel konzentrierte Realität, bedrängende Landschaftsschilderung, atemberaubende Wiedergabe atmosphärischer Nöte und Gefahren und derart radikale Ideen und Überzeugungen, daß man die Erzählungen nicht nacheinander lesen kann, sondern nach den meisten Texten eine längere Denkpause einlegen muß. Diese Geschichten gleichen jenen Büchern, von deren Lektüre Ernst Jünger sagt: „Man muß sich erholen, muß aus dem Zimmer, aus dem Haus gehen. Sonst würde man durch die Lektüre, wie eine Kerze durch die Flamme, zu stark verzehrt.“

Londons Geschichten sind abenteuerliche Erzählungen par excellence. Sie bringen beispielhaft zum Ausdruck, was mit dem Begriff des Abenteuers gemeint ist. Sinn und Begriff des Abenteuers aber hat Georg Simmel in einer klassischen Studie beschrieben und sozusagen ein für allemal geklärt (Philosophische Kultur, 1923). Das Abenteuer ist ein außerordentliches Erlebnis, das gleichsam exterritorial zu unserem Lebenszusammenhang steht, es ist eine Insel im Gegensatz zum Kontinent unserer Existenz. Es gehört Wagemut zu dem Abenteuer, aus der Kontinuität des Lebens auszubrechen. Es ist offensichtlich, daß das Abenteuer ein Erlebnis ist, das einen präzisen Anfang und ein präzises Ende hat und derart eine geschlossene Form bildet — darin gleicht es dem Kunstwerk und man kann hinzufügen, was Simmel nicht erwähnt, als geschlossene Form erhält das außerordentliche Erlebnis einen besonderen Sinn und es ist derart prädestiniert, erzählt zu werden.

Obwohl das Abenteuer wesentlich ein zufälliges Ereignis ist und von dem Lebenskontinuum abweicht, hängt es doch mit dem Schicksal des Erlebenden notwendig zusammen. Damit ist gegeben, daß der Abenteurer im gewissen Sinn ein Spieler ist, der ein durch den Zufall bedingtes Leben führt, den Zufall aber als ein Element in einem sinnvollen Zusammenhang auffaßt. Der Abenteurer verfügt auch über die Geste des Eroberers, der die ihm sich bietende Chance entschieden ergreift, und zugleich ist er Fatalist, insofern er das ihm Zustoßende als Schicksal auffaßt. Der stärkste Reiz des Abenteuers besteht darin, daß es die intensivste Form des Lebensgefühls ist, insofern es uns die Grundelemente unseres Erlebens, Aktivität und Passivität, in höchster Steigerung spüren läßt. Was Leben ist, empfindet man nirgendwo stärker als in der Intensität und Gespanntheit des Abenteuers.

Soweit Simmels scharfsinnige Theorie oder Philosophie des Abenteuers. Für alle typischen Merkmale des Abenteuers, die Simmel abstrakt beschreibt, finden sich bei London beispielhafte Erzählungen, die in konkreten Geschichten die sonderbarsten und gefährlichsten Erlebnisse wiedergeben. Ich will aber nicht pedantisch die einzelnen Texte durchgehen und jeweils ihren abenteuerlichen Charakter erklären, sondern nur die wichtigsten Erzählungen kurz beschreiben, die Londons Denkweise am prägnantesten zum Ausdruck bringen.

Das allgemeine Thema betreffend, sei hier nur die Geschichte von der „Liebe zum Leben“ erwähnt, worin der elementarste, primitivste und stärkste Impetus des Abenteuers, der Wille zum Leben, beschrieben wird, der die ärgste Not des Hungerns unter den elendsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann, schließlich bezwingt. Daß das Abenteuer aufgrund der abgeschlossenen, kunstanalogen Form gleichsam von sich aus danach drängt, erzählt zu werden, zeigt sich bei London darin, daß viele seiner Geschichten mündlich erzählt werden im Kreis von Zuhörern. Das bedeutet auch, daß der Erzähler in Person für die Wahrheit seiner Geschichte garantiert.

Doch heißt dies keineswegs, daß diese Erzählungen photorealistische Abbildungen von Ereignissen wären. Gewiß geben sie die äußeren Umstände getreu wieder, vor allem aber die Dialoge und Reden sind kunstgerecht geformt. So etwa in der Geschichte vom „Frauenmut“, die die Lebensbedingungen des arktischen Winters während einer Hungersnot eindringlich beschreibt, eine Schlittenreise über siebenhundert Meilen in extremer Kälte bei knappstem Proviant. Dabei geht es um die Frage, welche Menschen diese Strapazen am ehesten ertragen können, und die Antwort lautet: nicht die starken Männer mit einer Fettschicht, sondern die kleineren, zähen Männer oder Frauen: „Ausdauer und Körpergröße gehen nie zusammen in einem Geschirr“. Hier ist es eine Indianerin, die die Notsituation am besten beherrscht und zuletzt durch Entsagung und Entschlossenheit dafür sorgt, daß ihr Mann das Salzmeer erreicht. Sowohl die Einleitungsrede des Indianers als auch die letzten Worte seiner Frau sind in einer feierlichen Rhetorik gehalten, die an die pastorale Diktion James Fenimore Coopers erinnert. Man erfährt, daß Yangees, die große Dinge verrichten, den Mund halten, und das Fazit lautet im besten existentialistischen Sinn: „Das Leben ist ein seltsames Ding. Woher diese Sehnsucht nach dem Leben? Es ist ein Spiel, das keiner gewinnt.“

Diese Erzählung verweist auf zwei Themen, die wiederholt behandelt werden: das Zusammenleben der einheimischen Indianer mit den Weißen während des Goldrausches um 1900 und die Stellung der Frau in der Männergesellschaft der weißen Goldsucher und Geschäftemacher. Ohne einzelne Schilderungen zu kommentieren, will ich dazu nur sagen, daß die Indianerinnen als Frauen der weißen Männer gesellschaftlich zwar weniger geachtet sind, in menschlicher oder moralischer Hinsicht aber die bessere Figur machen als die weißen Frauen in Gestalt der Tänzerin oder biederen Soldatenfrau. Ihnen hat London eine überaus verächtliche Humoreske gewidmet.

Den kulturelle Gegensatz zwischen Indianern und Weißen hat er in zwei Erzählungen in aller Schärfe herausgestellt. In „Der Gott seiner Väter“ erweist sich ein salbungsvoller christlicher Prediger als zu feige, um den Märtyrertod zu erleiden, während ein religiös indifferenter Weißer zu seinem Wort steht und kämpfend untergeht. Der Prediger dagegen kann unbehelligt weiterziehen — unter der tiefsten Verachtung des siegenden Mischlings, der von dem Gott der Weißen enttäuscht ist.

In „Wo die Wege sich trennen“ werden drei Männer, die vorgeben, die grausame Religion der Indianer zu achten, Anhänger des Multikulturalismus avant la lettre, als „kleinherzige Feiglinge“ entlarvt und von den Indianern am Ende massakriert, während der Kämpfer gegen die religiöse Unmenschlichkeit sich und seine indianische Freundin retten kann. Eine überaus spannende Geschichte mit einer erzähltechnisch einzigartigen Abbreviatur, in der das Ende der wohlmeinenden Männer beschrieben wird.

In zwei Geschichten hat Jack London dann auch die extremste Situation beschrieben, die man sich vorstellen kann, den Tod, das Sterben oder den Untergang von Menschen und zwar aus der Perspektive dieser Menschen. Er nimmt also das Privileg des Dichters für sich in Anspruch, ein Erleben zu beschreiben, das er selbst nicht kennt, sondern sich nur vorstellen kann. „Am Ende des Regenbogens“ heißt der Text, in dem erzählt wird, wie sich eine Gruppe von Holzfällern, zwielichtigen Abenteurern und einem Polizisten auf einer Insel des Yukon treffen und zwar kurz vor einem Eisbruch des Flusses, der die Insel unweigerlich überfluten wird. Die intellektuell kühne Geschichte schließt, das Getöse des Eisbruchs schildernd, mit den großartigen Worten: „Und so war es Donald vergönnt, etwas zu sehen, das kein Mensch sehen kann, ohne zu sterben. Eine mächtige weiße Mauer stürzte über die Insel, Bäume, Hunde, Männer alles wurde vollständig ausgelöscht, als hätte Gott das Antlitz der Natur rein gewaschen. All dieses sah er, während er noch einen Augenblick auf seinem hohen Sitz hin- und herschwankte. Dann wurde er weit fort in die Eishölle gewirbelt.“ Hier wird übrigens angedeutet, daß London einen Begriff von Wildnis kennt, der moralisch der menschlichen Zivilisation überlegen ist.

Dagegen ist mit dem Titelbegriff im Ruf der Wildnis die von menschichen Einflüssen unberührte Natur gemeint. Es ist eine der großartigsten Tier-Erzählungen der Weltlitaratur, die Geschichte eines Schlittenhundes, die aus dessen Perspektive erzählt wird und zwar mit der erstaunlichsten Emphatie, die das Tier aber nicht vermenschlicht. Anders als Kipling, der die Tiere des Dschungelbuches sprechen läßt und ihnen derart einen fabelhaften oder märchenhaften Zug verleiht, achtet Jack London strikt auf die Differenz von Tier und Mensch. Seine Erzählung ist vollkommen realistisch, in der dichten Schilderung der nordischen Landschaft und der Beschreibung des rohen Milieus der Goldsucher.

„Eine Tragödie aus dem Wilden Westen“ erzählt von dem „Kampf ums Daseins“ eines hungerleidenden, habgierigen Mannes, der zum Mörder wird, um zu überleben, am Ende aber von den Schlittenhunden daran gehindert wird, die Frucht seiner Tat zu ernten. Die Geschichte ist, nebenbei bemerkt, auch ein Lob des Wolfshundes, dem fraglos Londons ganze Sympathie gehört, in der Hauptsache aber eine Phantasie über die letzten Augenblicke eines Sterbenden, der sich nach einem schweren, aber erfolglosen Kampf in sein Schicksal ergibt. In abgemilderter Form wird das Thema übrigens in Hemingways Der alte Mann und das Meer, ausführlichst und weniger überzeugend, noch einmal behandelt.

Die Kunst der „Tragödie aus dem Wilden Westen“, gewiß eine der besten und eindringlichsten Geschichten des Autors, besteht darin, daß das Erleben konsequent nur aus der Perspektive der Hauptperson erzählt wird — ohne ein einziges Wort des Kommentars des Erzählers. Und genau darin besteht in formaler Hinsicht das höchste und feinste Geschick des Erzählens. Um die Sache mit den Worten Lichtenbergs auszudrücken: „Jedem Kenner des Menschen ist es bekannt, wie schwer es ist, Erfahrungen so zu erzählen, daß sich in die Erzählung kein Urteil einmischt“. Derselbe Gedanke findet sich dann auch bei Walter Benjamin in seinem programmatischen Aufsatz über den „Erzähler“: „Es ist nämlich schon die halbe Kunst des Erzählens, eine Geschichte, indem man sie wiedergibt, von Erklärungen freizuhalten“ (cf. J.Q., Über J. Roths Hiob-Roman, S.9).

Dieser seltenen Kunst des Erzählens begegnet man in der Geschichte „Das Wort der Männer“, meines Erachtens die schönste und merkwürdigste Geschichte der Sammlung, dann wieder. Das offenkundige Thema ist die Zuverlässigkeit von Freunden, das eigentliche Thema aber ist die Mentalität, das abenteuerliche Herz eines Spielers.

Lawrence Pentfield und Corry Hutschinson, zwei reiche Partner im Goldgräbergeschäft, die „am Ende der Erde, diesem Abladeplatz der Verdammten“ leben, würfeln darum, wer von ihnen im Herbst zur Erholung nach den Staaten, San Francisco, fahren und bei der Rückkehr die Braut Pentfields mitbringen soll. Hutchinson gewinnt, Pentfield bleibt zurück und vertreibt sich die Zeit beim Spiel, erzielt den höchsten Gewinn. Eines Tages liest er in einer Zeitung, daß Hutchinson seine Braut, Mabel Holmes, geheiratet habe. Er gibt das Spiel auf, reist zu einem Indianerstamm und wählt sich eine Frau, die er nach Indianerart und nach Art der Weißen standesgemäß, kirchlich, heiratet. Bei einer Schlittenreise begegnet er zufällig dem zurückkehrenden Hutchinson, Mabel und deren Schwester. Es stellt sich heraus, daß Hutchinson die Schwester und nicht Mabel geheiratet hat: „Lawrence Pentfield starrte vor sich hin — und schaute in eine unendlich traurige Zukunft. … Dann sprach er ganz einfach, und sah Mabel dabei in die Augen: ‚Es tut mir grenzenlos leid. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Ich glaubte, du hättest Corry geheiratet. Es ist meine Frau, die auf dem Schlitten sitzt.‘“ Und Pentfield reist mit seiner indianischen Frau weiter.

Wie ist das Verhalten des Mannes zu erklären, über das im Text kein Wort mehr gesagt wird? Was ist der Sinn der Geschichte? Offensichtlich hat Pentfield die Falschmeldung der Zeitung als Fügung des Schicksals betrachtet und ist dem Wink gefolgt, ein fatalistischer Spieler und Abenteurer, und er hält sein Wort gegenüber der Indianerin.

Ich habe angedeutet, daß diese Erzählungen anarchische Zustände, den Gegensatz von Wildnis und Zivilisation, die Umwertung vieler Werte und diverse weltanschauliche Konflikte schildern, und es ist schwer zu sagen, welcher Ansicht der Autor selbst ist. Jedenfalls lassen sich die Ideen, die in den Geschichten zur Sprache kommen, nicht ohne weiteres ihm selbst zuschreiben. Diese Ideen und Meinungen aber kann man am ehesten mit den Worten charakterisieren, mit denen Ernst Jünger den philosophischen Nachlaß Nietzsches, von dem Jack London beeinflußt war, beschrieben hat: „ein unaufgeräumtes Schlachtfeld des Denkens“.

J.Q.  4. Mai 2020

© J.Quack


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