Josef Quack

Der Philosoph im Roman

Sibylle Lewitscharoff, Blumenberg. Roman.
Berlin: Suhrkamp Verlag 2011.



Mit dem Namen im Buchtitel ist der Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996) gemeint. Wer aber nun erwartet, er habe einen biographischen Roman vor sich, der die Lebensgeschichte des Denkers erzählt, wird enttäuscht werden. Der Roman enthält nur ein paar Stichworte zu der äußeren Biographie Blumenbergs. Auch wer erwartet, der Roman stelle die geistige Physiognomie des Philosophen dar, wird enttäuscht werden. Die Autorin zeichnet keineswegs die Grundzüge seines Denkens nach, vielmehr speist sie uns auch hier mit ein paar Stichworten über Blumenbergs Denkart ab, z. B. mit "Absolutismus der Wirklichkeit", und die selbsteigenen Denkversuche der Autorin sind nicht der Rede wert. Es ist nur zu evident, daß sie dem Gegenstand ihres Romans geistig nicht gewachsen ist. Darüber später mehr.

Was ist der Roman dann? Eine phantastische Erzählung über die außergewöhnliche Situation, daß in Blumenbergs Arbeitszimmer plötzlich ein Löwe liegt. Wie wird der Philosoph mit dieser Situation fertig und was hat der Löwe zu bedeuten? Diese phantastische, als Allegorie zu verstehende Löwengeschichte ist der Hauptinhalt des Romans, eine langatmige Darlegung und Deutung einer blassen Fabel. Dazu paßt, daß der Text fast keinen Dialog in direkter Rede enthält.

Daneben gibt es noch die Geschichten von vier Studenten Blumenbergs aus den Jahren 1982/83 in Münster. Es sind mehr oder weniger Sonderlinge — kein gutes Zeugnis für die Philosophie im allgemeinen und die Philosophie Blumenbergs im besonderen. Die Philosophie scheint eine Sache für schmachtende Verehrerinnen und seltsame Käuze zu sein. Ein hochgradig naiver Studiosus glaubt allen Ernstes, ihm würde sich Sein und Zeit — das Hauptwerk Heideggers, das ein geduldiges, systematisches Studium verlangt — von selbst enträtseln, wenn er es in eine exotische Gegend mitnähme!

Außerdem fügt die Autorin zur Freude begriffsstutziger Germanisten, die entzückt sind, wenn man ihnen versichert, daß eine Rose eine Rose, eine Erzählung eine Erzählung und ein Roman ein Roman ist, noch ein paar überflüssige Reflexionen über das Erzählen hinzu. Man will ja schließlich auf der Höhe der modernen bzw. postmodernen Literaturtheorie sein.

Nun wird die Autorin vor allem wegen ihrer angeblichen Sprachkunst demnächst mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet, was das Urteil eines Rezensenten zu bestätigen scheint, der geschrieben hatte: "Sibylle Lewitscharoff ist ein sprachlicher Furor eigen, der in der deutschen Literatur einzigartig ist."

Wie sieht dieser sprachliche Furor aus? Etwa so:

Er fühlte sich ausgeglüht, als hätte man mit einem Flammenwerfer auf seinen Schädel gezielt.

Wenn man mit einem Flammenwerfer bloß zielt, wird nichts ausgeglüht. Wenn man den Flammenwerfer betätigt, bleibt nichts mehr übrig, was fühlen könnte.

Oder so:

Gefühle, die man ihm antrug, versanken spurlos in ihm.

Wie macht man das: Gefühle antragen? Und was ist "Gedichtrespekt"?

Ein weiteres Beispiel für die originelle Sprachkunst der Autorin lautet:

Richard überwand sich zu seinem Seerosenvorschlag, der mit einem kurzen Nicken als Bestätigung aufgenommen wurde.

Ein unerträglich verquerer Manierismus, der aus der berüchtigten Prosaschule Martin Walsers stammen könnte. Ähnlich auch, mit Stab- und Binnenreim:

Heute war Vollmond. Sein von der Sonne geborgtes Licht besorgte eine sanfte Überglänzung von Büschen und Bäumen.

Dann liest man:

Wie nah das Schöne am Schrecklichen siedelte [sc. merkte er, als er den Müll am Ufer sah].

Eine Rilke-Reminiszenz, die die belesene Autorin am unpassendsten Ort anzubringen sich nicht verkneifen kann.

Der Roman enthält einige irritierende satztechnische Fehler, wie sie bei Textprogrammen wohl häufiger vorkommen und die wir der Skribentin nicht anrechnen wollen, aber auch eindeutige grammatische und stilistische Fehler. Die Autorin mißachtet gelegentlich die consecutio temporum, sie verwechselt "gesonnen" mit "gesinnt", "außerordentlich" mit "außergewöhnlich", "vollendet" mit "vollkommen".

Dann sind da noch die Gedankenberichte oder die Versuche der Autorin, auf eigene Faust zu denken. Das liest sich dann so:

Die Seinszufriedenheit drang in selbstleuchtender Projektion aus seinem schon etwas fadenscheinig gewordenen Löwenkostüm hervor.

Und kaum noch zu übertreffen ist das folgende:

Von der Enthärtung der physischen Wirklichkeit bei unverwandt in die Erscheinung hineinblühendem Sein ging etwas zutiefst Beruhigendes aus.

Reiner Gedankenkitsch, ein Echo der derzeit herrschenden esoterisch-spirituellen Mode, eine unfreiwillig komische Parodie der Diktion Blumenbergs.

Schließlich der tiefste Tiefpunkt dieser Denkversuche:

Als wäre die augustinische Lehre von der Illumination, der göttlichen Erleuchtung des Seinsgrundes, auf leisen Sohlen in sein Zimmer getreten, um in ihm Wurzeln zu schlagen.

Eine Lehre, die auf leisen Sohlen ins Zimmer tritt, um Wurzeln zu schlagen (im Zimmer oder im Denker?) — das klingt nicht mehr nach Blumenberg, sondern eindeutig nach Frieda Schanz.

Soviel und mehr als genug zu dem sprachliche Furor dieser Prosa, der nach Meinung des Rezensenten in der deutschen Literatur einzigartig sein soll! Kein Zweifel, der Rezensent muß ein Analphabet sein.

In dem ganzen Roman habe ich eine einzige gute Formulierung gefunden, die tatsächlich von Thomas Mann stammen könnte. Lewitscharoff bezeichnet eine junge Frau einmal als "eine etwas leibarme Erscheinung". Lesbar ist auch die Reportage über eine Amazonasfahrt, das Porträt einer Verehrerin von Virginia Woolf, das man als Karikatur dieser überschätzten, anämischen Autorin auffassen kann — über den Rest wollen wir schweigen.

So sieht derzeit also ein preiswürdiger Roman aus. Ich fürchte, nach der Lektüre dieses Buches war der Schädel manches Literaturkritikers oder Jurors so ausgeglüht, daß er zu einem vernünftigen Urteil nicht mehr fähig war. Die Ansprüche, die heutzutage an literarische Leistungen gestellt werden, sind denn doch ein wenig zu bescheiden.

Übrigens, wer einen Roman lesen möchte, in dem das Thema der Lebenszeit, dem Blumenberg eine große Studie gewidmet hat, literarisch meisterhaft dargestellt ist, dem sei Momo (1973), von Michael Ende, empfohlen. Es ist ein geistreicher, philosophischer Märchen-Roman, geschrieben in reinstem Deutsch nach dem Grundsatz Schopenhauers: "Man gebrauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge." Momo ist, was Lewitscharoffs Roman zu sein nur beansprucht. Michael Ende ist Grass und Böll ebenbürtig, Lewitscharoff aber weit überlegen. Den Büchner-Preis hat Ende allerdings nicht bekommen.

J.Q.  6. Juni 2013

©J.Quack


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