Josef Quack

Günter Grass, ein trauriger Fall

 


Geistig verstanden müssen eines Mannes Gedanken der Bau sein, worin er wohnt — sonst ist es verkehrt.

S.Kierkegaard

Die Enthüllung von Grass, daß er in den letzten Kriegsmonaten der Waffen-SS angehörte, war für viele seiner Leser ein gewaltiger Schock, und nicht nur für seine Leser, sondern auch für viele, die ihn nur als politisch engagierten Intellektuellen und Parteiredner kannten. Er hatte die Aufarbeitung der nazistischen Vergangenheit zu einem Hauptthema seines literarischen und publizistischen Wirkens gemacht und sich dabei einem moralischen Rigorismus höchsten Grades verschrieben, seine eigene Vergangenheit aber hatte er in einem wichtigen Punkt von jener Aufarbeitung ausgenommen. Und diese Inkonsequenz wird mit Recht als moralisches Versagen betrachtet. Wie ein Hans Robert Jauß oder ein Theo M. Loch hat er den dunklen Punkt seiner Kriegsjahre nicht einfach vergessen oder unbewußt verdrängt, sondern, wie man nach den bisher von ihm dargelegten Erklärungen annehmen muß, bewußt verschwiegen. Die Gründe für dieses Verschweigen hat er bisher nicht genannt — weder in seiner Autobiographie noch in dem Enthüllungsinterview, das die FAZ am 12. August brachte.
Der Ort aber, wo er diese Gründe artikulieren müßte, wäre ein Bericht über jene Jahre nach dem Erfolg der Blechtrommel, in denen er die Rolle eines Kritikers der bundesrepublikanischen Gesellschaft übernahm und gerade in den Fragen der deutschen Vergangenheitsbewältigung eine gewisse Autorität beanspruchte. Diesen notwendigen Bericht mit den notwendigen Erklärungen hat er bis heute nicht geliefert. Sein Zwiebel-Buch endet just vor diesem Zeitpunkt seiner Geburt als gesellschaftskritischer Publizist. Es ist nicht abwegig zu vermuten, daß der erklärte Liebhaber der Aufklärung aus Rücksicht auf die sich abzeichnende Karriere die Aufklärung seiner eigenen Vergangenheit unterlassen hat. Man hätte aber doch gerne Näheres von ihm selbst darüber erfahren. Grass also ein ganz gewöhnlicher Opportunist, der eine außergewöhnliche Karriere machte? Wie dem auch sei, die heutigen Opportunisten haben nicht das moralische Recht, über ihn den Stab zu brechen. Kompromittiert aber hat er sich selber.
Natürlich stimmt, was jetzt seine Verteidiger vorbringen, daß seine damaligen moralischen und politischen Argumente durch sein spätes Geständnis nicht falsch oder ungültig werden. Auch ein H.R.Jauß hat durch die Enthüllung seiner SS-Vergangenheit nicht seine wissenschaftliche Reputation verloren. Der Begründer der literarischen Rezeptionsgeschichte hat nur deshalb an Renommee eingebüßt, weil sich herausgestellt hat, daß er den fruchtbaren Ansatz seiner Theorie nicht überzeugend ausbauen konnte, sondern bei einer mehr als suspekten Theorie der literarischen Erfahrung landete (cf. J.Q. Die fragwürdige Identifikation). Dagegen haben seine Studien zur literarischen Moderne nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Es sind Standardwerke, die heute noch beachtet und immer wieder zitiert werden.
Bei Grass liegen die Dinge aber insofern anders, als seine Glaubwürdigkeit als moralischer Kritiker tief, wenn nicht irreparabel erschüttert ist. Das aber ist keine Kleinigkeit. Wenn wir schon bei jeder sprachlichen Kommunikation zunächst und bis zum Beweis des Gegenteils voraussetzen, daß die Äußerungen der Gesprächspartner aufrichtig gemeint sind, unterstellen wir das Postulat der Aufrichtigkeit erst recht in Diskussionen, wo es um höchst relevante Dinge geht. Grass hat also in dieser Hinsicht seine Glaubwürdigkeit verloren, nicht jedoch seine moralische Autorität — aus dem einfachen Grund, weil er sie niemals hatte, denn so was gibt es überhaupt nicht. Weder Kant noch Kierkegaard, weder Jaspers oder Habermas oder Böll sind im strengen Sinn moralische Autoritäten. Sie sind allenfalls moralische Mahner, Denker oder Kritiker. Moralische Autorität kann für eine autonome Person, wie man spätestens seit Sokrates weiß, nur das eigene Gewissen sein.
Richtig ist auch, daß nicht seine Autobiographie, sondern jenes Gespräch in der FAZ peinlich ist. Es zeigt ihn sichtlich nicht auf der Höhe seiner intellektuellen Fähigkeiten. Daß er die Adenauerzeit wegen ihrer angeblichen Muffigkeit zugunsten des gesellschaftlichen Klimas der Nazizeit abwertet, ist schlicht skandalös. Und daß er einen Vorzug darin sieht, daß die ostdeutschen Intellektuellen nach dem Krieg eine Ideologie vorfanden, denen sie sich anschließen konnten, ist eine Meinung, die der Idee jeder Aufklärung widerspricht, die er sonst angeblich hochhält. Fairerweise muß man aber anmerken, daß er in dieser Frage schon differenzierter und klüger, d.h. kritischer geurteilt hat. Wer aber seine Einlassungen als Parteiredner in den letzten Jahren auch nur von ferne verfolgt hat, die Entschiedenheit, mit der er sich gegen jede Evidenz für das auf nichts als mediale Wirkung bedachte Schwindelregime der letzten Koalition einsetzte, wird sich über jene Ausrutscher nicht mehr gewundert haben. Tatsache ist, daß er als parteipolitischer Publizist schon lange nicht mehr ernst zu nehmen war.
Man kann ihm aber nicht hoch genug anrechnen, daß er sich ohne Bedenken mutig und unermüdlich für Salman Rushdie einsetzte, als dieser mit einer Morddrohung leben mußte und andere Autoren zu feige waren, um sich zu exponieren. Und unvergessen ist seine Solidarität mit Heinrich Böll, als dieser von der Springerpresse auf das übelste angegriffen wurde.
Der ganze Wirbel hat nun, gewollt oder unbeabsichtigt, zur Folge, daß seine Autobiographie zu einem Bestseller wird. Ist es auch literarisch oder künstlerisch gerechtfertigt? Nach den Leseproben der FAZ zu urteilen, scheint das Buch alles, was an jetziger Literaturproduktion gerühmt wird, um Längen zu überragen, was aber wenig besagt, da wir nun schon seit einem viertel Jahrhundert in einer Phase literarischer Dürre von nicht gekanntem Ausmaß leben. Welchen Rang aber nimmt das Buch ein, wenn man es mit bedeutenden Exemplaren der Gattung im letzten Jahrhundert vergleicht, mit der Geretteten Zunge von Canetti oder den Wörtern von Sartre? Den Rang dieser Werke dürfte die Selberlebensbeschreibung unseres Jubelseniors, Beim Häuten der Zwiebel, kaum erreichen.
Zu künstlich vertrackt ist der manieristische Satzbau der Reflexionen über die Wege der Erinnerung, zu ausführlich und gedanklich unergiebig, was zur Erzählweise gesagt wird. Er strichelt und strichelt und strichelt, wo die gehäuften Striche nichts mehr besagen. Er erklärt weitläufig Metaphern, die sich von selbst verstehen — was allerdings den Kern der reflektierten und praktizierten Poetik seines epischen Erzählens betrifft. Der Aphoristiker Cioran hat einmal bemerkt: "Es wurde gesagt, man müsse eine Metapher ‚zeichnen können'. — Alles, was in der Literatur seit einem Jahrhundert an Originellem und Lebendigem entstanden ist, widerlegt diese Meinung. Denn wenn etwas abgelebt ist, so die klar umrissene ‚kohärente' Metapher. Die Dichtung hat nicht aufgehört, sich gegen sie aufzulehnen. Das geht so weit, daß die tote Poesie eine von Kohärenz geschlagene Poesie ist." Damit ist ohne Frage auch eine zentrale Schwäche des Schreibstils von Grass bezeichnet. Wie jede ästhetische Norm gilt aber auch diese pointierte Regel nicht ausnahmslos. Ein Autor kann sie vielmehr durch ein geglücktes Werk widerlegen. So wenig man aber die oft unmotivierte, die blanke Leere spiegelnde Ausführlichkeit mancher seiner Romane vergessen kann, so wenig darf man vergessen, daß Grass in seinen besten Werken eben das Kunststück gelungen ist, jene Maxime zu widerlegen.
Es lag nahe, den Fall des Nobelpreisträgers Grass mit dem Fall des Nobelpreisträgers Hamsun zu vergleichen, der in der Hitlerzeit sich einige politische Verfehlungen hatte zuschulden kommen lassen. Eine Schreiberin der FAZ benutzte die Gelegenheit, Hamsun einen Fußtritt zu versetzen und ihn als "Hitlerfreund" zu bezeichnen. Er hat zwar manches Unentschuldbare zugunsten des Nazismus geäußert, aber ein Hitlerfreund war er nicht. Er war vielmehr einer der wenigen Besucher Hitlers, die es wagten, dem mächtigen Mann zu widersprechen. Hitler hat denn auch das Gespräch wütend abgebrochen. Als Hamsun aber nach seiner Rückkehr vom Obersalzberg gefragt wurde, ob er Hitler getroffen habe, entgegnete er: "Wissen Sie, ich bin so vielen Leuten begegnet, da kann ich mich wirklich nicht erinnern." Muß man den heutigen Kindern sagen, daß dies keine Erinnerungslücke ist, sondern ein Witz, besser als die besten Witze Werner Fincks?
Doch gibt es zum gegenwärtigen Fall eine Parallele, die recht artig ist. Seine Frau verglich die Bemühung, bei Hamsun zwischen Mensch und Autor zu unterscheiden, mit dem "Abschälen einer Zwiebel auf der Suche nach dem süß schmeckenden Inneren": "Ich glaube, es würde einem dabei so ergehen wie jenem Zwiebelschäler, der am Ende mit leeren Händen dasaß."
Knut Hamsun war wie Alfred Döblin ein episches Genie, einer der bedeutendsten Pioniere des modernen Romans. Mit diesen Großen wird man Grass kaum auf eine Stufe stellen können. Doch ist er eines der produktivsten erzählerischen Talente der Gegenwartsliteratur, und das Beste, was er als Romancier geleistet hat, wird die jetzige Debatte sicher unbeschadet überstehen.

J.Q.   —   20. Aug. 2006

©J.Quack


Zum  Anfang