Josef Quack

Selbstbildnisse

Peter Engel, Drittes Auge. Gedichte.
Grafik: Wolfgang Smy.
Hamburg: Carl-Walter Kottnik 2014. 275 nummerierte Exemplare.



Beobachtung seiner selbst ist eine Schule der Weisheit.

B. Gracián

Nach meiner Überzeugung war die Mode der Alltagslyrik, die in den siebziger Jahren von Feuilleton und Germanistik als fortschrittlichste Stufe der Dichtung gepriesen wurde, der absolute Tiefpunkt der Literatur hierzulande, ein Desaster, von dem sich die Lyrik bis heute nicht erholt hat. Von da an ging’s nicht mehr bergauf. Alltagslyrik, das ist natürlich nichts anderes als die banale Beschreibung banaler Gegenstände, was in Wirklichkeit auf die Selbstaufhebung der Lyrik hinausläuft: denn die Dichtung unterscheidet sich per definitionem von banaler Rede. Daraus folgt aber andererseits, was die großen Dichter immer schon gewußt haben, daß in einem echt poetischen Kontext, im Rahmen der gehobenen Sprache, ein gewöhnlicher Ausdruck den Charakter seiner Gewöhnlichkeit verliert und etwa ein Dialektausdruck unter Umständen gekünstelt wirkt.
Mit der Schwierigkeit, die durch das literaturhistorische Faktum der Alltagslyrik nun mal gegeben ist, hat es jeder zu tun, der heute noch den Mut aufbringt, Gedichte zu schreiben. Mit diesem Problem muß sich ganz gewiß auch ein Autor wie Peter Engel auseinandersetzen, dessen lyrische Produktion absichtlich und offensichtlich Tagebuchcharakter hat. Seine Gedichte sind Berichte über den jeweils aktuellen Zustand des Autors, Ausdruck seiner Einfälle und Einsichten, so wie sie ihm vom Tag beschert werden. Der Intention nach sind sie aber Ausdruck alltäglicher Erlebnisse in einer Form, die den Tag überdauert.
Von den fünfzehn Gedichten, die Engel in einer von Graphiken Wolfgang Smys geschmückten Ausgabe, vorlegt, kann man sagen, daß sie zwar die Gefahrenzone der Alltagslyrik gelegentlich streifen, im ganzen betrachtet, aber den richtigen Abstand zu jenem Bezirk der Trivialität wahrt. Nur der Text über „Gaumenfreude“ scheint mir dieses nichtssagend platte Gelände nicht recht zu vermeiden; auch schmecken die Zeilen ein wenig nach Grassens aufdringlich gefrässiger Manier. Das Reflexionsgedicht, das sich „Bauchgefühl“ nennt, erinnert dagegen mit seinem Titel, keineswegs mit seiner schweren Gedankenfracht, an einen Schlager, der von „diesem Kribbeln im Bauch“ handelt. Diese Konnotation hätte der Autor aber möglichst ausschließen müssen, denn, wie Karl Kraus ein für allemal klargestellt hat, ist ein Schriftsteller gehalten, alle unerwünschten Nebenbedeutungen und irreführenden Implikationen seiner Worte auszuschalten.
Im letzten Gedicht, „Menzel als Vorbild“ hat Engel angegeben, was der Sinn der neuen Texte ist. So wie Menzel sich selbst beim Zeichnen zeichnet, so will er Selbstbildnisse als schreibender Autor geben. Es sind Selbstporträts eines Dichters als alternder Mann, nüchtern und genau gesehene, ungeschminkt notierte Anzeichen des fortschreitenden Alters und, was die Pointe dieser Texte ist, Fragen, Zweifel und Überlegungen, was diese Anzeichen für ihn bedeuten. Selbstbeschreibungen, nicht Selbstbespiegelungen, unerschrockene Erkundungen seiner eingebürgerten Gewohnheiten und wechselnden Stimmungen, wobei ein Grundton jedoch seine Lebensstimmung zu beherrschen scheint. Davon handeln die folgenden Zeilen:

Und der wiederkehrende Traum,
wie ich durch alle Stockwerke
stürze, schneller und schneller,
ungebremst und unaufhaltsam,
und unten wache ich heil auf.

Das Gedicht scheint doch wohl einen letzthinnigen Optimismus anzuzeigen. Es ist mit „Tendenz fallend“ überschrieben, und dieser Titel verrät deutlich die Schreibweise, die Engel in diesen Texten vor allem anwendet: er reflektiert über Redensarten, die er wörtlich nimmt und in kurzen Szenenbeschreibungen ausführt. So etwa: „Eingewohnt“, „Auf die leichte Schulter“, „Die Stelle, wo’s juckt“, „Alte Narben“.
Diese Form der Darstellung hat übrigens der Graphiker in seinem Medium übernommen, zeichnet er doch mit breitem schwarzem Stift, vor rotem Hintergrund und Backsteinfassade, hauptsächlich Gesten oder Gebärden eines Menschen in expressionistischer Einfachheit und Eindeutigkeit. Die Illustrationen sind keine Gegenbilder zum Text, sondern seine meist glückliche Veranschaulichung.
Das Titelgedicht, „Drittes Auge“, überragt, was die Bedeutung und die sprachliche Darstellung angeht, alle anderen Texte. Mit dem dritten Auge ist ein visuelles Wahrnehmungsorgan besonderer Art gemeint, dessen Sitz man sich in der Mitte der Stirn vorzustellen hat und das eine durchdringende Sehkraft besitzt. Zunächst sieht es so aus, als teile der Autor die traditionelle, äußerst elitäre Meinung, daß der Dichter ein Seher oder Prophet sei und über eine besondere Sehergabe verfüge. Dann stellt sich jedoch heraus, daß die eigenartige Sehschärfe des dritten Auges nur der untrüglichen Selbsterkenntnis dient. Das heißt aber, daß der Dichter für sich keinen geringen Anspruch erhebt, einen Anspruch, der allerdings weit über das Niveau der Alltagslyrik hinausgeht:

Mein drittes Auge, täuscht mich nicht,
nimmt alles durchdringend wahr
bis hinab auf den schwärzesten Grund,
blickt tief in das eigene Herz.

Zu der Vorstellung des dritten Auges wäre anthropologisch und kulturhistorisch anzumerken, daß es sich dabei um eine gut begründete und uralte Annahme handelt. Wie Karl Bühler uns mitteilt, hat man nämlich festgestellt, daß Menschen mit zwei gesunden Augen annehmen, daß der Ausgangspunkt ihres Sehens, bildlich gesprochen: der Ursprung des Sehstrahls, ein wenig über der Nasenwurzel in der Stirn liegt. Das aber ist eine Einsicht, die auf eine seit jeher bekannte Erfahrung der Menschheit zurückgeht und auch in der Mythologie ihren Niederschlag gefunden hat. Man braucht nur an den Riesen Polyphem aus der Odyssee zu denken, der ein Auge mitten in der Stirn hat.
So eingängig und anschaulich das Bild vom dritten Auge ist, so blaß und unverständlich bleibt die Zeile, in der „mein schweres Selbst“ zur Sprache kommt. Denn das großgeschriebene, substantivierte Selbst ist ein psychologischer oder philosophischer Fachausdruck, der so häufig mit den unzulänglichsten Subjekttheorien verbunden ist, daß man ihn weder in poetischer noch in philosophischer Rede unerklärt gebrauchen sollte. Nicht ganz unbewandert in diesen Dingen, bin ich doch nicht dahintergekommen, was Engel mit dem Poem eigentlich sagen wollte.
Dagegen beleuchtet der Text über das Herz als „ungewisse Instanz“ recht klar, wie wenig wir berechnen und vorhersehen können, was wir selber in bestimmten Situationen fühlen. Bekanntlich ist das Herz wahrscheinlich der am meisten besungene und infolgedessen auch der am meisten malträtierte Gegenstand der deutschen Poesie. Es spricht für den Autor, daß er dem vielberedeten Gegenstand jenseits der Konvention eine neue Seite abgewinnen konnte.
An diese Texte aber sollte man sich halten, denn nicht die schwächsten, sondern die gelungenen Gedichte machen den Wert einer Publikation aus.

J.Q. — 11. Mai 2014

©J.Quack


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