Josef Quack

Zur Blamage unserer politischen Experten




Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so! – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.

K. Tucholsky

Amerika ist Amerika. Deutschland aber will außerdem, daß es Deutschland ist, auch noch Amerika sein.

J. Cocteau

Und wieder einmal haben sich unsere politischen Experten bis auf die Knochen blamiert. Alle, alle Amerikakenner, die ich gehört oder gelesen habe, alle Amerikaexperten, die sich dafür hielten oder dafür gehalten wurden, Journalisten, politische Berater, Politikwissenschaftler und an der Spitze der Außenminister haben sich über den Ausgang der amerikanischen Wahl geirrt, d.h. sie sind ihrem eigenen Vorurteil aufgesessen und haben uns einzureden versucht, Hillary Clinton, die angesehene und erfahrene Politikerin, werde als erste Frau das Rennen machen. Unsere Meinungsmacher schwatzten nach, was sie in der New York Times, die sie für die Quelle der Wahrheit hielten, und ähnlichen Blättern gelesen hatten.
Sie redeten von Frau Clintons angeblicher politischer Erfahrung und verschwiegen die Tatsache, daß es ihr unter der Präsidentschaft ihres Mannes nicht gelungen ist, die Gesundheitsreform, für die sie zuständig war, durchzusetzen.
Und ihre Leistung als Außenministerin? War kläglich, wie man bei Peter Scholl-Latour nachlesen kann (Die Welt aus den Fugen 2012,24f.). Sie war unfähig, außeramerikanische Gegebenheiten und Imponderabilien wahrzunehmen oder auch nur für möglich zu halten. Der wichtigste außenpolitische Erfolg der abgewählten Regierung, das Abkommen mit dem Iran, geht auf das Konto von John Kerry, des Nachfolgers der überschätzten Präsidentschaftskandidatin.
Der Hinweis auf die gesammelten Erfahrungen oder politischen Lehrjahre unter Bill Clinton ist nicht nur gedankenlos, sondern grotesk und nur überzeugend, wenn man zu vergessen bereit ist, daß es Clinton im Juli 1995 nicht gelungen ist, das Massaker von Srebenica zu verhindern. Eine glorreiche Präsidentschaft war dies gewiß nicht.
Unsere Berichterstatter haben wieder einmal so ziemlich alles falsch gemacht, was falsch zu machen war. Als servile Amerikabewunderer haben sie nachgebetet, was die amerikanischen Meinungsführer als angebliche objektive Beobachtung von sich gegeben haben — in Wirklichkeit war es Wunschdenken und politische Propaganda. Sie haben den Meinungsumfragen blind vertraut, obwohl diese Umfragen oft genug bei Wahlen danebenlagen. Sie ließen im Radio und in der Presse fast nur Anhänger Clintons zu Wort kommen, und was das Schlimmste war, nämlich ein Bankrott der politischen Vernunft, sie zitierten empört fast nur die Verstöße Trumps gegen die politische Korrektheit, ohne sein politisches Programm richtig vorzustellen und zu diskutieren. Sie bauschten die Demonstrationen von einigen tausend Studenten maßlos auf, als falle dieser Protest gegen die überzeugende Mehrheit, die Trump gewählt haben, überhaupt ins Gewicht — ein Musterbeispiel von absichtlicher Desinformation. Unsere politischen Experten haben nicht gemerkt, wie fadenscheinig die Vorstellungen der politisch Korrekten sind — was diese Leute glauben, entspricht nicht der harten amerikanischen Wirklichkeit, mit der es die Wähler nun einmal zu tun haben.
Den augenfälligsten Bankrott politischen Sachverstands hat sich bei uns der Spiegel geleistet, der tatsächlich in falschester Voraussicht eine verklärende Sondernummer über Clinton und ihren Clan veröffentlicht hat. Man ist fassungslos angesichts dieses Ausmaßes eines politischen Irrtums. Rudolf Augstein wird ob dieser Dummheit seiner Nachfolger in seinem Grab rotieren. Der Hamburger Journalismus scheint die politische Realität aus den Augen verloren zu haben und nur noch die eigenen Ressentiments zu pflegen.
Unsere Politprofis haben aus ihrem falschen Urteil über Obama, den sie vor acht Jahren als transatlantischen Messias begrüßt und gefeiert haben und der danach die Welt, übrigens unter Beihilfe seiner Außenministerin, nur noch enttäuscht hat, nichts gelernt. Sein fundamentaler Fehler bestand in der neuen Ausrichtung Amerikas nach dem Pazifik, was zur Folge hatte, daß der Führungsanspruch der USA geschwächt und unglaubwürdig wurde; denn, wie Samuel Huntington, die Erfahrung vieler Jahrzehnte amerikanischer Politik zusammenfassend und begründend, erklärt hatte, liegen die kulturellen, d.h. normgebenden Wurzeln des Westens in Alt-Europa (cf. J.Q., Über Huntington: Kampf der Kulturen).
Vor kaum einem halben Jahr haben die Experten unserer Medien sich schon einmal gründlich geirrt — als sie die Abstimmung über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union falsch einschätzten. Auch damals folgten diese Journalisten ihrem Vorurteil und auch damals ließen unsere Medien vor allem Gegner des Brexits zu Wort kommen, Stimmen, die die Meinung der Redakteure bestätigten (cf. J.Q., Zum Fiasko der Europapolitik).
Damit ist die Liste der journalistischen, politologischen oder fachmännischen Irrtümer und Fehler aber längst nicht abgeschlossen. Ich will nur noch den ärgsten Fall dieser Art, die schändliche Medienkampagne gegen Christian Wulff nennen, wo die meinungsmachende Presse, unterstützt vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen, Tag für Tag und Woche für Woche haltlose, ehrabschneidende Beschuldigungen gegen den Mann vorbrachten, von denen nicht eine einzige vor Gericht bestätigt wurde (cf. J.Q., Wulffs Abrechnung).
Inzwischen haben seriöse Medienwissenschaftler feststellen müssen, daß das damalige Verhalten der Medien, die in dieser Sache monatelang nur Falsches berichtet haben, der ausschlaggebende, objektiv nicht zu bestreitende Grund für den Vorwurf ist, daß unsere Presse im wesentlichen eine Lügenpresse sei (cf. J.Q., Lügenpresse).
Und da wundern sich die Zeitungsmacher, daß immer weniger Menschen ihre Blätter kaufen und lesen wollen. Die Fehler der Presse, ihre Informationsdefizite und ihre Bildungslücken, sind inzwischen so notorisch geworden, daß es nicht einmal mehr nötig ist, sie immer wieder im einzelnen zu kritisieren. Den Journalisten immer die Läuse zu fangen, wäre, wie Karl Kraus sagte, ein Selbstmordmotiv.

P. S.

Politische Ahnungslosigkeit, die sich dem eigenen Vorurteil verdankt, ist übrigens kein Privileg unserer Amerika-Kenner, die akademischen Experten des Nahen Ostens leiden unter derselben beruflichen Deformation, wie Scholl-Latour 2007 resümiert: "Orientalisten sind im Grunde Philologen, von Politik verstehen sie nichts. Sie haben auch beim Irakkrieg völlig versagt. Keine einzige Stimme eines deutschen Orientalisten hat sich gegen die grauenhaften Dinge, die im Irak passiert sind, erhoben. Sie sind alle ganz still geworden. Jetzt kommen sie allmählich wieder aus ihren Löchern heraus." (l.c. 386)
Zudem, das komplette Versagen der politischen Berater ist keine deutsche Spezialität. Als Henry Kissinger die Beziehungen zu China aufnehmen wollte, rief er die angesehensten Chinakenner und Sinologen seines Landes zu sich, um sich bei ihnen Rats zu erholen. Sie haben die politischen Ziele Chinas in keinem einzigen Punkt richtig erkannt.

J.Q. — 21. Nov. 2016

© J.Quack


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