Josef Quack

Christentum light (II)




Religiös ist das Abendland fertig.

O. Spengler

Soll man sich überhaupt noch die Mühe machen und auf Fehler und Dummheiten der deutschen Amtskirche, ihrer Führer und Gefolgsleute, hinweisen? Ist nicht längst alles hundertmal gesagt und beredet, was sich hier sagen und bereden läßt? Ist das Thema inzwischen nicht schon so erschöpft, daß es nicht einmal mehr ein Gähnen hervorruft? Das alles mag stimmen, doch bleibt immer merkwürdig genug die eiserne Stirn dieser Herrschaften, Klerus und Laien, mit der sie die berechtigste und fundierteste Kritik an ihrem Verhalten beharrlich ignorieren.
So mag denn die neueste Dummheit oder, besser gesagt, der neueste Fehler Anlaß genug sein, wieder einmal auf das respektable Sündenregister kirchlicher Funktionsträger hinzuweisen. Gemeint ist die sogenannte Handreichung der deutschen Bischofskonferenz, die auch protestantischen Ehepartnern den Zugang zur Kommunion gewähren möchte. Dazu hat Kardinal Müller schon alles Nötige gesagt. Im wesentlichen lautet der Vorwurf, daß dieses Dokument ein Kernstück des katholischen Glaubens, das Wesen des Sakraments, zu bagatellisieren scheint.
Außerdem stellt sich die Frage, ob eine Bischofskonferenz überhaupt die Kompetenz beanspruchen kann, derart bedeutende Glaubenssachen zu entscheiden. Denn die nationale Bischofskonferenz wurde erst vom letzten Konzil eingerichtet, während nach traditioneller Auffassung die Kirche letztlich nur vom Papst und den einzelnen Bischöfen verantwortlich geleitet wird. Es ist genau dieser Punkt, den nun Erzbischof Ladaria von der Glaubenskongregation gegen jene Handreichung angeführt hat.
Nicht vergessen sollte man, daß die Institution der Bischofskonferenz eine der fatalsten Folgen der Nationalisierung des Katholizismus ist, der seiner Natur nach übernational sein will und sein sollte.
Hierzulande hat uns diese Institution die Einheitsübersetzung beschert, eine Bibelübersetzung, die für eine seriöse Bibellektüre ungeeignet ist (cf. J.Q., Ungenügend – die revidierte Einheitsübersetzung).
Sieht man die Handreichung im Zusammenhang jüngerer Tendenzen in der Kirche, wie sie durchweg auch in den Predigten aufscheinen, dann muß man eine Anbiederung an den Zeitgeist feststellen. Was in diesem Falle eine Rücksicht auf die Ökumene bedeutet, mag diese Bewegung religiös auch ohne Substanz sein. Diese Mentalität verrät eine tiefe Unsicherheit, wie sich ein religiöser Glaube, repräsentiert durch das katholische Christentum, in einer säkularen Gesellschaft noch überzeugend vertreten läßt. Eine Anbiederung an den Zeitgeist zeigt sich durchweg besonders in den Kommentaren der Medienredakteure, die sich von Berufs wegen mit kirchlichen Dingen beschäftigen. Unabsichtlich, aber unzweifelhaft verraten sie jedoch nur, daß sie vom Wesen des Katholizismus keine Ahnung haben.
♦ Unangenehm fiel auch der Münchener Kardinal auf, der in den Konflikten der jüngsten Zeit keine gute Figur gemacht hat. Daß er sich von dem Vorhaben Bayerns distanziert hat, die Amtsstuben mit Kreuzen auszustatten, war angeblich ein Ausdruck der Sorge, daß das politische Bekenntnis zum Christentum Unruhe in die Gesellschaft trage – der Vorbehalt war also nichts anderes als ein Zeichen der Leisetreterei und Hasenfüßigkeit von Kirchenvertretern, die nicht mehr den Mut haben, für ihre Sache beherzt einzutreten. Ähnlich wie jene deutschen Bischöfe, die bei einem Besuch auf dem Tempelberg in Jerusalem ihr Brustkreuz versteckt haben sollen. Dort geschah bekanntlich schon mal eine dreimalige Verleugnung, wie in der Bibel nachzulesen ist.
Ein weiterer Fall eines zwar gutgemeinten Verhaltens, aber letztlich doch eines veritablen Fehlverhaltens ist die Position jenes Kardinals in der Flüchtlingsfrage, wo er die fatale, bis heute europaweit übel nachwirkende Entscheidung der Kanzlerin im Geiste reiner Gesinnungsethik verteidigt hat — eine Entscheidung, die die stärkste Unruhe in unserer Gesellschaft verursacht hat. Und derselbe Kirchenmann, der jede gesellschaftliche Unruhe vermeiden möchte, soll abseits der Öffentlichkeit bei den Polikern gerne sogar in Personalfragen intervenieren. Kein angenehmer Zeitgenosse.
Ähnlich dubios ist das Verhalten von kirchlichen Stiftungen, die, wie der SPIEGEL berichtet, demonstrativ Barmherzigkeit üben und sich dann ihre Flüchtlingshilfe vom Staat bezahlen lassen.
♦ Schließlich sei noch ein Punkt genannt, der fast vollständig unbemerkt geblieben ist und fast ganz verschwiegen wurde: die zeitgeistgemäße Bagatellisierung und unfeierliche Reduzierung der Beerdigungsriten. Man hat das Requiem samt dem Dies irae abgeschafft, jenen Hymnus, der einen von der antiken Dichtung unerreichten Gipfel höchster Poesie darstellt und heute nur noch im Konzertsaal, im Requiem von Mozart, zu vernehmen ist.
Das Requiem, mit dem Schwarz der Gewänder, war ein ausdrucksvoller Ritus der Trauer, eine unschätzbare geistige Stütze, ein echter Trost für die Angehörigen. Er kam dem tiefsten menschlichen Bedürfnis, einem anthropologischen Essential der menschlichen Natur auf geradezu ideale Weise entgegen, und diesen wahrhaft humanen Brauch hat man leichtfertig abgeschafft im Sinne eines oberflächlichen und leichtfertigen Überlebensglaubens, als sei dergleichen so billig zu haben. Sie übergehen die conditio humana, ohne zu bedenken, daß auch in dieser Hinsicht der Grundsatz gilt, daß die Gnade die Natur voraussetzt.
In Wirklichkeit zeigt sich hier auf Seiten der amtskirchlichen Vertreter nur die Unfähigkeit zu trauern, ihre Unfähigkeit, Tod und Sterben, die Idee eines Gerichts über den Menschen überhaupt noch ernst zu nehmen. In der Archäologie gelten Spuren eines religiösen Bestattungsritus als sichere Zeichen einer menschlichen Kultur. Dieses Moment der Kultur haben die Kirchenvertreter nun ohne viel Federlesens, ohne viel nachzudenken, fast vollständig abgeschafft. Allenfalls die ganz und gar profane Existenzphilosophie handelt noch vom Tod in angemessener Form. — Übrigens war es eine weise Einrichtung, daß im alten Ritus keine Grabrede vorgesehen war; so wurden die Pfarrer davor bewahrt, Unsinn zu reden.
Eine Institution aber, die ihre wichtigsten Glaubenssachen nicht mehr ernst nimmt, braucht sich nicht zu wundern, daß sie auch selbst nicht mehr ernst genommen wird.

J.Q. — 6. Juni 2018

© J.Quack


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