Josef Quack

Die dahinsiechende Zeitung




Was soll man zu der andauernden Krise der Presse, zu der im glanzlosen Elend dahinsiechenden Zeitung sagen? Nun, ich denke, über die Vorzüge und Nachteile dieses Mediums ist schon alles gesagt worden, was zu sagen ist. Man kann sich also kurz fassen, wenn man die neuesten Nachrichten von Stellenabbau und Sparmaßnahmen bei großen Blättern hört. Schaut man sich einzelne Ausgaben der Zeitungen genauer an, so muß man sich wundern, daß jemand diese Blätter überhaupt noch liest.
Sie sind vielfach in schlechtem Deutsch geschrieben; sie haben schon lange keine nennenswerte Leitartikler mehr und neuere Versuche, diesem Mangel abzuhelfen, sind kläglich gescheitert; sie sind ratlos, wie sie auf die Überfülle von Online-Publikationen antworten sollen; manche Blätter kaprizieren sich auf medizinische Themen, so als betrachteten sie Ärzte und Kranke im Vorstadium der Demenz als ihre idealen Leser. Dies alles spricht nicht gerade für diese Institution, die bessere Tage gesehen hat und von besseren Leuten betrieben wurde.

Mißhandelte Sprache

Ein Leitartikel der FAZ (17.9.20114) beginnt mit dem folgendem überaus gewundenen Satz:

Dass, wer in der CDU-Führung sagt, die ‚Alternative für Deutschland’ (AfD) sei zu ignorieren, diese auch tatsächlich nicht beachtet, glauben mutmaßlich selbst diejenigen in der CDU nicht, die ihre Parteispitze deswegen kritisieren.

Wie oft muß man dieses Satzungetüm lesen, um den banalen Inhalt zu verstehen? Und welcher Leser macht sich die Mühe, ihn genau zu lesen? Geht er nicht darüber hinweg, läßt er den Leitartikel nicht links liegen und blättert weiter, bis er endlich das Blatt dorthin befördert, wo es hingehört, in den Papierkorb?
Denn im Feuilleton finden sich Sätze, die noch vertrackter und verkorkster sind, wahre konstruktive Monster, und es macht die Sache nicht besser, daß sie von einem unserer bekannteren Schriftsteller stammen, Martin Walser. Er kommt zu der Einsicht, daß er eigentlich überflüssig sei, ohne jedoch daraus die richtige Konsequenz zu ziehen, zu schweigen oder endlich Deutsch zu lernen. Seine Einsicht faßt er in die Worte:

Ich erlebe ein Nicht-mehr-in-Frage-Kommen für das Hier und Heute. Eine vollkommene Eingenommenheit. Von ihm. Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung, daß wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben.

Kann man sich umständlicher, gestelzter und prätentiöser ausdrücken? Und kann man sich falscher ausdrücken? Der Mann behauptet, „wir“, das heißt also auch er, hätten Millionen umgebracht. Nun, wenn er ein millionenfacher Mörder wäre, gehörte er vor ein Gericht und in ein Gefängnis. Und ein Staatsanwalt, der diese Sätze liest, müßte gegen ihn ermitteln. Nichts dergleichen aber geschieht, denn die Worte unseres Autors waren nicht ernstgemeint, es war nur Fiktion und Literatur, reines Geschwätz, rhetorisch so aufgeblasen und thematisch so bedeutungslos, wie wir es von ihm zur Genüge kennen.
Übrigens wird hier auch überdeutlich, daß der Mann in völkischen Kategorien denkt. Er scheint die Grundidee einer aufgeklärten, menschenwürdigen Ethik niemals begriffen zu haben. Alfred Döblin faßte sie anläßlich des Nürnberger Prozesses in die klassischen Worte: Moral existiert nur im Singular. Aus all dem ergibt sich, daß Walsers philosemitische Regungen nicht weniger verdächtig sind, als es seine Nähe zum Antisemitismus war.
Auf der Rückseite dieses Rapports verbreitet sich Herr Bahners in seinem notorisch konfusen Stil über das Werk eines irischen Historikers, stillschweigend voraussetzend, daß irgendein Mensch, der halbwegs bei Sinnen ist, sich die Mühe macht, sein Geschreibe in Gänze zu entziffern. Der Mann kann keine zwei Sätze schreiben, die fugenlos zusammenpassen. Hier spricht er von dem von Clark zerstörten Mythos der deutschen Schuld am Ersten Weltkrieg. Behauptet Clark das wirklich? Behauptet er nicht vielmehr, daß Deutschland nicht allein am Ersten Weltkrieg schuld sei? Wenn man die Formulierung wörtlich nimmt, dann besagt sie, daß Deutschland überhaupt keine Schuld am Ersten Weltkrieg hat. Übrigens hat schon Golo Mann, was der historisch informiert tuende Redakteur nicht zu wissen scheint, in seiner hunderttausendfach verbreiteten deutschen Geschichte plausibel gemacht, daß die These von der Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg nicht stimmen kann.
Das Konkurrenzblatt, die Süddeutsche, ist in Sachen wohlgeformter, kompetent gesprochener Sprache nur wenig besser, obwohl sie dem richtigen Gebrauch des Deutschen eine eigene Rubrik widmet. Nicht in dieser Spalte, sondern im SZ-Magazin Nr. 29 übt Axel Hacke Sprachkritik und gibt dabei unfreiwillig zu erkennen, daß ihm die feinen Unterschiede des Deutschen fremd geblieben sind. Er behauptet allen Ernstes, der Satz: Goethe und Schiller drehten sich vermutlich im Grabe um, sei falsch, es müßte heißen: "in ihren Gräbern".
Diese Behauptung ist falsch, die Formulierung "im Grabe" oder "in ihrem Grabe" ist durchaus korrekt. Es handelt sich hier um einen distributiven Singular, von dem A. Hacke noch nie etwas gehört zu haben scheint. Zum Beispiel: Sie schüttelten den Kopf, nicht: die Köpfe.
Dann verspottet er in gezwungener Geistreichigkeit die Wendung "sich im Grabe umdrehen", ohne zu merken, daß es sich um eine metaphorische Redewendung handelt und es hochgradig naiv ist, eine umgangssprachlich gebrauchte Metapher wörtlich zu nehmen. Hacke meint es natürlich ironisch, er gibt sich als naiver Leser, der nicht weiß, was eine Metapher ist, sondern alles wörtlich nimmt, um dann derart die bildliche Redeweise zu kritisieren. Doch funktioniert dieser Trick hier nicht, man glaubt ihm die Naivität, nicht aber die Ironie. Außerdem, anscheinend hat der Mann noch nie davon gehört, daß Ironie sehr wohl mit Naivität zusammengehen kann — wofür gerade die deutsche Literatur die unangenehmsten Beispiele parat hält. Und für manchen Journalisten scheint das die Regel zu sein: wenn sie etwas nicht verstehen, werden sie ironisch, eine recht fadenscheinige Ironie.

Die Crux mit dem Leitartikel

In der Debatte über den Rücktritt von Christian Wulff hatte Robert Leicht bemerkt: Es gibt keine Leitartikler mehr. Er hat recht. Sebastian Haffner, Joachim Fest, Marion Dönhoff, Rudolf Augstein oder Peter Scholl-Latour haben keine Nachfolger gefunden. Es gibt derzeit keine Publizisten, die historisch gebildet sind, die die politischen Zusammenhänge der gegenwärtigen Situation überblicken, ein durchdachtes politisches Konzept, ein treffendes politisches Urteil haben und ihre Meinung klar und überzeugend aussprechen können. Man muß nicht hinzufügen, daß für diese Funktion nur erfahrene und profilierte Publizisten in Frage kommen, Autoren, die ein individuelles Gesicht haben, die mit ihrem Namen und ihrem Renommee für das einstehen, was sie schreiben.
Deshalb kann man die neueste Methode des Spiegels, Leitartikel anonym zu präsentieren, nur als grotesk bezeichnen. Diese Herrschaften belegen damit nur, daß sie nichts von der fraglichen Gattung verstanden haben. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis das Magazin die anonyme Berichterstattung aufgab und den Artikeln die entsprechenden Verfasser zuordnete, während die Meinungsartikel schon immer namentlich gezeichnet waren, oft freilich nur mit einem Pseudonym, das jedoch jedermann entziffern konnte. Nun aber, wo es wirklich auf den Namen ankäme, bringen sie ungezeichnete Meinungsartikel sozusagen als Stimme des Redaktionskollektivs heraus — der Stil dieser Verlautbarung ist denn auch danach, unpersönlich, verwaschen und farblos, wenn auch gelegentlich nicht ohne Stilblüten.
Daß die sogenannten Kolumnen, die mancherorts ins Kraut schießen, beliebige oder launische subjektivste Meinungsäußerungen ohne fundamentum in re, mit Leitartikeln nichts zu tun haben, braucht hier nicht eigens diskutiert zu werden. Desgleichen kann jeder Leser selbst leicht erkennen, daß jene Zeitungsartikel, die nur ein Echo der offiziellen und offiziösen Verlautbarungen sind, hier nicht in Betracht kommen.

Ratlos gegenüber dem Internet

Es ist sattsam bekannt, daß die Zeitungen immer noch nicht wissen, wie sie sich angesichts der überwältigenden Realität des Internets zu verhalten und zu positionieren haben. Sie wissen immer noch nicht, wie sie im Internet auftreten sollen und was sie mit der Überfülle seriöser oder weniger seriöser Online-Publikationen anfangen sollen. Einstweilen schwören sie noch auf die gedruckten Medien, berücksichtigen und propagieren eher die Erzeugnisse der etablierten Verlage, und auch die Sendungen des Staatsfernsehens, als die unübersehbare Masse der individualisierten Veröffentlichungen im Internet. Und wenn sie dergleichen einmal zur Kenntnis nehmen, verraten sie alles andere als kritisches Urteil oder nennenswerten Sachverstand.
So konnte man in der Süddeutschen (19. 7. 2014) einen seitenlangen Artikel über neue Internetunternehmen lesen, die mit neuen Programmen das große Geld zu machen hoffen. Ein typisches Feuilleton, voll der allseits bekannten treudeutschen unverwüstlichen Schwärmerei für Amerika und seine Kommerzkultur, aber ohne ein einziges Wort, was denn eigentlich ein Algorithmus ist, angeblich das neue Gold. Ich möchte wetten, daß der Autor selbst nicht weiß, was im Umfeld des Internets, seiner Programme und Datenbanken mit einem Algorithmus gemeint ist, und seine Leser dürften auch nicht viel schlauer sein.
Dieselbe Zeitung hat in einer späteren Ausgabe (30.8.2014) eine ganze Seite einer Studentin gewidmet, die mit einem lyrikartigen Text für eine kleine Weile im Internet bekannt geworden war. Der Text beginnt mit den gekünstelten, dem infantilen Deutsch der Filmsynchronisation abgelauschten Zeilen:

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein.

Und die Vertreterin der Pop-Literatur legt das wahrhaft verblüffende Bekenntnis ab, daß sie das Philosophiestudium aufgegeben habe: Aber das war mir zu viel Platon und zu wenig Zeitgeist.
Das ganze wird von der Interviewerin ohne ein einziges kritisches Wort über dieses kleingeistige Geschöpf der Popkultur vorgestellt, so als hätten wir es hier mit einer Autorin im Range von Rilke oder Benn zu tun. Die Interviewerin kapituliert vor einem ihr unbekannten Phänomen, von dessen flüchtigster, nichtigster Eigenart sie nicht das geringste verstanden zu haben scheint.

Mißachtung der Leser

Man hat mehrfach vermerkt, daß die Illustrierten und Wochenmagazine in letzter Zeit häufig gesundheitliche Themen behandeln. Auch die Beilage der FAZ über Natur und Wissenschaft widmet ihre Seiten auffallend häufig medizinischen Gegenständen, so als habe sie als Leser vor allem Ärzte und Kranke im Auge. Daß hier Themen aus der am wenigsten exakten Wissenschaft so evident bevorzugt und die mindestens ebenso wichtigen Forschungen der Physik und Astronomie sichtlich vernachlässigt werden, spricht nicht gerade für die rationale Einstellung der Zeitungsredaktion. Oder sollten wir es hier mit einem unbewußten Reflex eines maladen Blattes zu tun haben?
Daneben konnte man in dem Blatt kürzlich (17.9.2014) einen gelehrten Vortrag von Wolf Singer über die Hirnforschung und die Kunst lesen, was natürlich wiederum auch nicht das Rechte für eine Zeitung ist. Denn nur eine verschwindende Minderheit der Leser dürfte die Ausführungen des Hirnforschers auch nur ansatzweise verstehen und noch weniger Leser dürften fähig sein, sie kritisch zu beurteilen. Wenn die Zeitung ihrer Aufgabe gerecht geworden wäre, hätte ein fachkundiger Wissenschaftsjournalist den Vortrag in allgemeinverständlichen Worten referiert und erklärt, und er hätte die Vorzüge und Schwächen des Vortrags herausgearbeitet, vor allem aber seinen komplizierten Stil und die Grenzen seiner naturalistischen Mentalität gebührend getadelt. So verwechselt Singer hier offenbar transzendental mit transzendent.
Was aber die idealen Leser des Wissenschaftsjournalismus, was die Zeitungsleser im allgemeinen angeht, so sollte man das Selbstverständliche nicht vergessen und sich an die Leute mit gesundem Menschenverstand wenden. Dabei ist natürlich vorausgesetzt, daß man selbst über diesen Artikel verfügt.

J.Q. — 20. Sept. 2014

©J.Quack


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