Josef Quack

Am Rande der Weltliteratur:
Thackerays Jahrmarkt der Eitelkeit




Es ist sehr artig, daß wir jetzt bei dem engen Verkehr zwischen Franzosen, Engländern und Deutschen, in den Fall kommen, uns einander zu korrigieren. Das ist der große Nutzen, der bei einer Weltliteratur herauskommt.

J.W. Goethe

Dies ist der langweiligste, langfädigste und langatmigste Roman aller berühmten Romane, die ich gelesen habe, und ich frage mich, warum er noch immer, wenigsten am Rande, zur Weltliteratur gezählt wird.
Das wollte ich nachprüfen, als mir vor kurzem durch Zufall die adrette Ausgabe des Manesse-Verlags in die Hände fiel. Der Schutzumschlag war eingerissen und abgenutzt, doch verrieten die makellosen Seiten keinerlei Spuren, daß der Roman, eine Ausgabe von 1959, je gelesen worden sei. Als ich selbst zu lesen begann, verstand ich auch, warum der Vorbesitzer auf die Lektüre des Buches und auf das Buch selbst verzichtet hatte. Es war nach dem Anfangskapitel einfach langweilig, ohne Spannung und ohne Anreiz, mehr über die vorgestellten Personen zu erfahren. Da ich mir aber ein Urteil über dieses oft genannte Werk mit dem suggestiven Titel bilden und nicht über ein ungelesenes Werk urteilen wollte, zwang ich mich dazu, wenigstens ein Kapitel am Stück zu lesen. Da ich den Roman nicht jeden Tag in die Hand nahm, brauchte ich mehr als zwei Monate, um die 57 Kapitel des 1100seitigen Romans zu lesen.
Als ich nach mühsam vollbrachter Tat mich dann informierte, erfuhr ich, daß das Leseproblem nicht auf meiner Seite lag, sondern durch die Anlage des Romans bedingt und verursacht ist. Der Roman erschien nämlich in monatlichen Lieferungen, vom Januar 1847 bis Juli 1848. Er ist ein Fortsetzungsroman mit einer episodischen Struktur, der für die Zeitgenossen gewisse Reize gehabt haben mag. Die Frage ist jedoch, ober er uns heute noch etwas sagen kann oder ob er nicht, ungelesen, in die hintersten Archive der Literaturgeschichte gehört, wo ihn allenfalls noch ein paar exzentrische Anglisten besichtigen mögen.
Wenn man sich in der Sekundärliteratur ein wenig umsieht, gewinnt man in der Tat den Eindruck, daß der Jahrmarkt der Eitelkeit nur noch von antiquarischem Interesse sein kann. Der Anglist Dietrich Schwanitz erwähnt in seinem Bildungs-Kompendium nur den Titel des Romans und die psychisch kranke Frau Thackerays, und Erich Auerbach widmet in seinem Standardwerk über den literarischen Realismus, Mimesis, dem Roman nur einen beiläufigen Satz des Sinnes, daß seine Handlung in die politische Zeitgeschichte eingebettet sei.
Im Nachwort der Manesse-Ausgabe gibt der Verfasser, ein ehrlicher Schweizer, freimütig zu, daß der Roman angestaubt sei und man erst zweihundert Seiten lesen müsse, bevor der Text interessant werde. Dann appliziert er dem Roman das primitivste Lesemodell, das im literaturkritischen Geschäft im Handel ist: er liest das Werk als Schlüsselroman, ohne zu bedenken, daß es uns heute überhaupt nichts sagt, nach welchen zeitgenössischen Personen die Figuren des Romans modelliert sind.
In der Literaturgeschichte von Schirmer/Esch findet man dann das ausgewogene, die Grenzen Thackerays aber doch genau beschreibende Urteil: „Sein Werk gibt ein überzeugendes Bild der Gesellschaft und des Tatsächlichen, es vermittelt den Eindruck eines wimmelnden, oberflächlichen Daseins, aber unter niedrigem Himmel; es fehlt der weite Raum, die seelische Weite, die das Werk eines großen Epikers wie Chaucer auszeichnet.“
Selbst in der positivsten Würdigung von Vanity Fair, die ich gelesen habe, einem Aufsatz von Kathleen Mary Tillotson, werden die offensichtlichen Grenzen und Schwächen des Autors nicht verschwiegen. Sie lobt die Intensität der gesellschaftlichen Beziehungen des Milieuromans: „Bei Thackeray leben die Gestalten in einem dichteren Zusammenhang als vielleicht alle sonstigen Gestalten der Romanliteratur.“ Dann moniert sie, daß es sich um statische Charaktere handelt, die sich nicht entwickeln, und ist bemüht, die spielerisch ausgeübte Rolle des Autors als Kommentator des Geschehens und seiner Figuren künstlerisch zu rechtfertigen: „Die Charaktere, die besten sowohl wie die schlimmsten, haben fast gar keine Ideen; die geistige Atmosphäre des Romans wird durch die erläuternden Bemerkungen geschaffen.“ Eine vernichtende Kritik der geistlosen Gesellschaft jener Zeit oder eine Kritik an der Eindimensionalität der Figurenzeichnung? Zugunsten des Autors bemerkt Tillotson, Thackeray sage niemals alles, man müsse vielmehr zwischen seinen Zeilen lesen können.
Soweit kann ich dieser Interpretation zustimmen, nicht jedoch der Meinung, daß die Illusion des Romans dadurch, daß Thackeray seine Gestalten konstruiere und manipuliere, nicht zerstört werde. Die Interpretin meint, wenn Thackeray seine Figuren als Puppen bezeichne, dann beeindrucke uns nicht deren Kleinheit, sondern ihre Entfernung von ihm und vielleicht seine eigene Größe – was offensichtlich ein Widerspruch in sich ist.
Ich will davon absehen, daß Illusion ein fragwürdiger, nämlich pejorativ klingender Begriff für eine literarische Schöpfung, eine Dichtung, ist, und den ersten Punkt nennen, der gegen den Roman spricht: seine Figuren sind tatsächlich bloße Marionetten, Karikaturen, Strichzeichnungen, keine plastische Gestalten. Auf der einen Seite die edelmütige, sanfte, aber überaus naive, begriffsstutzige, weinerliche Amelia; auf der anderen Seite die Männer und Frauen betörende Rebecca, herzlose Mutter und Emporkömmling von skrupellosem Ehrgeiz; daneben der steife, stotternde, gutmütige Hauptmann, der ein Jahrzehnt nach seiner Geliebten schmachtet; der dicke, weibisch eitle Joe, das letzte Opfer der heuchlerischen Rebecca usw.
Zweiter und dritter Punkt: Der Roman besteht im wesentlichen aus moralisierendem feuilletonistischem Geplauder und Klatschgeschichten über Heiraten und der Gier nach reichen Erbschaften. Der Einwand besagt, daß die durchaus bedenkenswerten gesellschaftlichen Phänomene, die geschildert werden, de facto meist im falschen Stil von Klatschgeschichten, fast möchte man sagen: von Illustriertenromanen, behandelt werden, nur wenig gemildert durch den spöttischen Ton des Autors.
Der vierte Einwand betrifft die wenig geistreiche, recht grobe Schilderung eines deutschen Residenzstädtchens, das Thackeray mit plumpem Witz Pumpernickel nennt. Er läßt eine Gräfin von Butterbrod und eine Prinzessin von Hombourg-Schlippenschloppen auftreten. Frankfurt nennt er, mit leicht antisemitischem Akzent, die Freie Reichsstadt Judenfurt. Über solche kindlichen Scherze scheinen die Leser zu Thackerays Zeit gelacht zu haben.
Was läßt sich zugunsten des Romans vorbringen? Zunächst natürlich die Detailfülle in der Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die historische Wahrheit über eine Gesellschaft mit scharfen Klassengegensätze, ausgeprägtem Standesdünkel, allgegenwärtiger Heuchelei, bigotten Gehabes, bedenkenloser Schuldenmacherei. Man kann dem überdimensionierten Roman einen gewissen kulturhistorischen Wert nicht absprechen, zumal er Verhaltensweisen und Institutionen beschreibt, die in der Oberschicht der Insel bis heute überlebt haben – siehe das kritische Interview, das John le Carré nach der Abstimmung über den Brexit dem Spiegel gab.
Was die Handlung angeht, so können die Kapitel, die von den englischen Schlachtenbummlern in Brüssel während der Tage von Waterloo berichten, auch das Interesse ernsthafter Leser beanspruchen, zweifellos der unverächtliche Kern- und Höhepunkt der Erzählkunst des Verfassers.
Dann wäre noch das ironische Spiel zu nennen, das Thackeray mit der Erzählfunktion spielt. Er stellt sich als Marionettenspieler vor, beansprucht als Erzähler expressis verbis Allwissenheit, um wenig später einzugestehen, daß er etwas nicht weiß oder daß ihm etwas berichtet wurde. Er spricht als Erzähler, der außerhalb der von ihm geschaffenen narrativen Welt steht, und dann als Beobachter, der sich mitten im Geschehen befindet. Der Roman ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, daß sich die Einstellung des allwissenden Erzählers, dieses bis heute herumgeisternde Phantom einer gedankenlosen Literaturinterpretation, praktisch nicht durchführen läßt und tatsächlich auch in der gesamten Weltliteratur nicht durchgehalten wurde, wie Franz Stanzel mit allem Recht betont hat.
Und schließlich ist man überrascht, bei Thackeray gelegentlich eines der feinsten, modernsten Mittel des Erzählstils zu finden: die erlebte Rede. Zweifellos eine beachtliche formale Errungenschaft. Leider ist der Inhalt der erlebten Rede, die Gedanken seiner Figuren, aber durchweg wenig bedeutend.
Man könnte nun meinen, daß ich für eine radikal gekürzte Ausgabe des Riesenromans plädieren würde. Das ist jedoch nicht der Fall. Ich bin prinzipiell gegen gekürzte Ausgaben und die Rosinenpickerei in der Literatur. Sinn und Bedeutung eines Werkes, seine Schwächen und Stärken zeigen sich nur dem Blick, der das Werk als ganzes erfaßt. Daraus folgt, daß man die Quintessenz, also das, was eine Kurzfassung eines umfangreichen Romans bieten sollte, nur als solche erkennen und würdigen kann, wenn man den Kontext, d.i. das Werk als ganzes, kennt, und es wäre auf diesem Felde schon viel gewonnen, wenn die Lehrer, die Rezensenten und die Literaturhistoriker nur über die Bücher sprechen würden, die sie auch selbst gelesen haben.

J.Q. — 12. März 2018

© J.Quack


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