Josef Quack

Presse vs. Internet




… denn manches, was in den Zeitungen steht, ist denn doch wahr.

O. v. Bismarck

Gestern war es das Buch, das vor dem Internet geschützt werden sollte, heute sind es die Zeitungen, und wiederum idealisiert man das zu schützende Medium, die Presse, in einem unerträglichen Maß, das die Grenze der Verlogenheit überschreitet. Gewiß ist es berechtigt, daß die Verlage sich dagegen wehren, daß ihre Produkte von Internetunternehmen, die Suchprogramme unterhalten, exzessiv ausgenutzt werden, um damit Geld zu verdienen.
Aber muß man deshalb die Zeitungen gleich zu einem unverzichtbaren Kulturgut hochstilisieren? Was für einen jämmerlichen Begriff von Kultur muß einer haben, wenn er das vulgärste und billigste Boulevardblatt für ein schützenswertes Kulturgut hält? Dieser Schwindel ist nur noch mit der Dreistigkeit zu vergleichen, mit der Funktionäre der öffentlich-rechtlichen Medien die geistloseste Sendung oder das Dauergeschwätz der Talkshows als kulturellen Beitrag bezeichnen, um das System der Zwangsabgaben zu rechtfertigen. Die schäbigste Zeitung hat aber immerhin den Vorteil, daß kein Mensch sie kaufen muß, während jeder Haushalt, der ein Radio oder einen Computer besitzt, den öffentlich-rechtlichen Unfug per Gesetz mitfinanzieren muß. — Es ist nichts dagegen zu sagen, daß die Zeitungen Geld verdienen wollen; sie sollten aber nicht von Kultur reden, wenn sie Profit meinen.
Die Lobbyisten der Presse behaupten, Zeitungen seien deshalb nötig, weil sie dem umworbenen Leser angesichts der Überfülle von verfügbarer Information eine Orientierung böten, um sich in dem Chaos der Nachrichten zurechtzufinden; sie erklärten ihm die Zusammenhänge und Hintergründe der aktuellen Weltlage, und ohne dieser Wegweisung bliebe er der Masse von atomisierten Informationshäppchen, die auf ihn niedergeht, ratlos ausgeliefert.
Schaut man sich die Zeitungen an, die trotz der Krise der Branche florieren, so stößt man auf das Wochenblatt Die Zeit und einige Sonntagszeitungen, die mit allerlei Dekor, bunten Illustrationen und leichter Gesellschaftskost doch eher einem Trend der Boulevardisierung folgen als der Strategie einer tiefer schürfenden kommunikativen Darstellung.
Und wie präsentieren sich die bekannten Organe selbst im Internet? Eines der erfolgreichsten Portale der Presse im Internet ist Spiegel-Online. Seine Startseite ist mit Bildern und Verweisen zugepflastert und sein Rezept schreibt drei Zielpunkte vor:
(1) höchste Aktualität: die Nachrichten müssen den Ereignissen auf dem Fuß folgen,
(2) Kurzmeldung: die Artikel enthalten nur die notwendigsten Angaben, um verstanden werden zu können,
(3) Unterhaltungswert als Auswahlprinzip: je sensationeller und kurioser das Ereignis, um so größer die Chance, daß es beachtet wird.
Die seriösen Zeitungen haben sich höhere Ziele gesetzt. Wie sieht es damit in der Realität aus? Gedruckte Blätter suchen das Problem der unansehnlichen Kurznachricht dadurch zu umgehen, daß sie mehrere Kurzmeldungen zu einem Artikel zusammenstoppeln. Aus lauter Flickstücken kann man aber keinen Maßanzug machen, oder, wie ein russisches Sprichwort sagt, für einen Hasenbraten braucht man wenigstens eine tote Katze.
"Es gibt keine Leitartikler mehr", stellte Robert Leicht vor einem Jahr fest. So ist es. Publizisten mit Sachverstand, die einen fundierten politischen Standpunkt haben und sich einen begründeten Reim auf die aktuelle Situation machen können, sucht man heute vergebens. Sebastian Haffner, Johannes Groß, Rudolf Augstein, Theo Sommer, Werner Holzer haben keine ebenbürtige Nachfolger gefunden.
Als letzter aus dieser Generation hat Peter Scholl-Latour überdauert, ein unabhängiger Kopf, ein politischer Aufklärer im besten Sinn des Wortes. In seinem neuen Buch, Die Welt aus den Fugen, kann man nachlesen, was in den Meinungsspalten der bekannten Tageszeitungen nicht zu finden war:
Daß Deutschland nicht am Hindukusch verteidigt wird, wie uns regierungstreue Kommentatoren jahrelang einreden wollten; daß der Krieg in Afghanistan unter den gegebenen geographischen, sozialen, religiösen und politischen Umständen nicht zu gewinnen ist; daß eine Zweistaatenlösung in Palestina eine Illusion ist, weil die israelische Siedlungspolitik massive Tatsachen geschaffen hat, die dem entgegenstehen; daß der sogenannte arabische Frühling von keinem Nachrichtendienst vorausgesehen, von uninformierten Journalisten und naiven Intellektuellen in grotesker Weise falsch eingeschätzt wurde; daß es im syrischen Bürgerkrieg nicht um die Wahrung von Menschenrechten, sondern um politische Einflußsphären geht; daß in dem vom Westen hochgerüsteten Saudi-Arabien, einem der reaktionärsten Länder der Erde, Christen, die ihre Religion ausüben, unnachsichtig verfolgt werden; daß China "in den westlichen Medien einer systematischen Desinformation ausgesetzt bleibt, die von gewissen nordamerikanischen Spezialinstituten sehr professionell geschürt" werde; daß es auch in buddhistischen Regionen, anders als die westlichen Heilssucher glauben, "entsetzlichste Massaker und Unterjochung" gegeben hat; daß der Iran "keineswegs dem Zerrbild der amerikanischen Desinformation" entspreche; daß "grande nation" ein Ausdruck ist, der "in Frankreich nie benutzt" werde. Usw., usw.
Am meisten verachtet Scholl-Latour die intellektuellen Tugendprediger, die ihre politische Unkenntnis ungeniert zur Schau stellen, so besonders den "Salonlöwen und Modephilosophen" Bernard-Henri Lévy, der auch von unseren Zeitungen hofiert wurde.
Auch übt Scholl-Latour an gegenwärtigen Trends der Presse schärfste Kritik. Er glaubt auch hier eine "Nivellierung der Meinungs- und Informationsvermittlung" feststellen zu können, und folgert, daß diese Strömung die handelnden Politiker so stark beeinflussen könnte, daß die parlamentarische Demokratie unterhöhlt werde.
Wenn unsere Zeitungen die Fehlentwicklung des Internets kritisieren, weisen sie immer auch auf Wikipedia hin, ein Nachlagewerk, dessen Einträge nicht selten von interessierter Seite manipuliert werden. Mal offen, mal versteckt holen aber auch sie selbst ihre Information aus dem geschmähten Portal. Daß es auch Lexika in altehrwürdiger Buchgestalt gibt, die Fehler und Lücken enthalten und manipuliert sind, übersehen sie geflissentlich. In der Tat gehören die Lexika zu den Büchern, die am häufigsten benutzt, aber am seltensten rezensiert werden.
Dann gibt es da noch das unergründliche Kapitel der inneren Zensur in den Zeitungen. Herausgeber und Redaktion bestimmen, welche Nachricht gebracht und welche Nachricht nicht gebracht, welcher Artikel gedruckt und welcher Artikel nicht gedruckt wird, u. dgl. m. Es wäre naiv anzunehmen, die Auswahl richte sich allein nach der sachlichen oder rhetorischen Qualität der Artikel — ein Blick auf das, was täglich erscheint, beweist das Gegenteil. Manches wird nur abgelehnt, weil den Schriftleitern die ganze Richtung nicht paßt oder, noch primitiver, aus Gründen der persönlichen Animosität. Diese Art der Zensur — denn es handelt sich zweifellos um Zensur — ist ein Erbübel der Presse, aber auch des Radios und des Fernsehens, ein Makel aller organisierten Kommunikationsmittel, die ihre Inhalte unter ideologischen, parteipolitischen oder persönlichen Gesichtspunkten auswählen und kontrollieren. Das Internet hat diese Lage grundlegend geändert. Es hat einen Freiraum der Kommunikation geschaffen, von dem im Prinzip niemand ausgeschlossen ist.
Über die Hauptsache habe ich noch gar nicht geredet: den verheerenden Einfluß, den das Zeitungsdeutsch auf den öffentlichen Sprachgebrauch ausübt, die konfektionierte Sprache, die Verwendung von Phrasen, Klischees und Modewörtern, die unreflektierte Übernahme des Experten- und Behördenjargons, der unsinnigen Rechtschreibe-Reform u. ä. — Das weitere kann man bei Karl Kraus nachlesen, der die öffentliche Rede auf einem Niveau verächtlich gefunden hat, das heute längst unterschritten ist.

J.Q. — 12. März 2013

©J.Quack


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