Josef Quack

Profil eines Mörders
Über Simenons "Die Zeit von Anaïs"




Dieser Kriminalroman, Le temps d‘Anaïs (1950, Paris 1967, Die Zeit von Anaïs), bringt drei Gedanken zur Sprache, die die eigene Überzeugung des Autors wiedergeben. Der Roman ist also simenonissime, um den schönen Ausdruck seines Biographen Pierre Assouline zu gebrauchen. Die drei Gedanken aber sind die folgenden: die Meinung, daß es keinen besonderen menschlichen Typus des Mörders gibt; daß also jeder Mensch unter Umständen zum Mörder werden könnte; die Beobachtung, daß eine tief verletzende Erniedrigung ein oft übersehenes Motiv für einen Mord ist, und die Empfehlung, daß an der Untersuchung ein Psychiater mitwirken sollte, weil die wahren Gründe für die Tat sich oft nicht mit den strafrechtlichen Methoden der Polizei oder des Untersuchungsrichters ermitteln lassen. Bei dieser Empfehlung kommt es weniger darauf an, daß sie tatsächlich befolgt wird, als darauf, daß man ihren Sinn erfaßt.

Simenon äußert diesen Gedanken, weil er grundsätzlich an der Verantwortlichkeit eines Menschen zweifelt. Er will damit sagen, daß es ihm in jedem Fall darum geht, einen Menschen zu verstehen, und nicht darum, ihn zu verurteilen. Wie man weiß, ist dies auch das inoffizielle Motto des Kommissars Maigret. Simenon wendet sich strikt gegen eine Strafjustiz, die sich als Rache der Gesellschaft an dem Übeltäter begreift (Als ich alt war 1977, 90). Das ist der Grund für sein Interesse an der medizinischen Psychiatrie und sein Plädoyer für ihre Rolle in der Untersuchung. Daß er auch ihr gegenüber, besonders aber gegenüber der Tiefenpsychologie in all ihren Spielarten, skeptisch ist, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Wenn er über den „falschen Freudismus“ spottet, gebraucht er einen redundanten Ausdruck – er meint, daß jeder Freudismus falsch ist (l.c. 94).

Selbstverständlich schreibt Simenon keinen Traktat, wie es nach meinen Worten, die die Aussage des Romans paraphrasieren, scheinen könnte, sondern einen Roman und zwar einen Roman über einen Menschen, der auf der anderen Seite der Barrikade steht und die Prozeduren der Untersuchung am eigenen Leib erlebt, statt sie selbst durchzuführen. Diesem peinlichen Erlebnis gilt der erste Teil des Romans, wo die genannten Themen nur angedeutet werden. Eigentlich dargestellt und besprochen werden sie erst im zweiten Teil.

Das erste Kapitel ist einer der erstaunlichsten, atmosphärisch dichtesten Romananfänge, die Simenon je geschrieben hat. Es schildert den existentiellen Sturz eines Menschen von der Höhe seines überschwenglichen Selbstbewußtseins in den untersten Tiefpunkt, wo er, in einer peinlichen Situation menschlicher Schwäche, nur noch wie ein niederes animalisches Wesen erscheint.

Eines regnerischen Herbstabends fährt ein Mann, von Paris kommend, durch den ausgedehnten Wald von Orléans, wo die Tannen ein Gewölbe bilden, das für ihn eine kosmische Dimension hat: „Er war die erhabene, schmerzliche Mitte der Welt, und jeder Wassertropfen, den der Scheibenwischer wegfegte, war ein Stern; der senkrecht fallende Regen, den die Scheinwerfer zu verschlingen schienen, war aus Millionen Sternen gemacht; die anderen Scheinwerfer vorher auf der Hauptstraße, diese meergrünen Augen, die aus dem Nichts kamen und sich mit einem Grollen vorwärtsstürzten, waren wie er Meteore, die ihre Fahrt keuchend ins Unendliche verfolgten.“ (S.8)

So lautet der zweite Satz des Romans, der hier wörtlich übersetzt wurde, um seine konzentrierte, zugleich genau beschreibende und metaphorisch deutende Gestalt möglichst genau wiederzugeben. Plötzlich setzt der Motor aus und das Auto bleibt stehen. Der Mann findet im nahen Dorf, Ingrannes, ein Wirtshaus, wo er die Gendarmerie anruft, um sich der Polizei zu stellen, weil er in Paris einen Mord begangen hat. In diesem Moment tritt eine Zäsur in seinem Leben ein. Der Wirt und seine Gäste, drei Jäger, betrachten ihn als Bedrohung: „Es war, als hätte er plötzlich aufgehört, ein menschliches Wesen zu sein“ (S.19), die Jäger richten ihr Gewehr auf ihn und die Gendarmen betrachten ihn wie ein „Tier“ (S.23). Auf der Fahrt nach Orléans ignorieren sie ihn völlig, als sei er nicht vorhanden oder ein Gepäckstück.

Es handelt sich um Albert Bauche, 26 Jahre alt, ehemals freischaffender, kleiner Journalist, Filmkritiker mit einem kümmerlichen Auskommen, dann nomineller Leiter einer zwielichtigen Filmgesellschaft, die in Wirklichkeit von Serge Nicolas, einem russischen Filmproduzenten geführt wird, der wegen mehrerer Konkurse und ungedeckter Schecks die Firma selbst nicht legal vertreten kann. Der Geldgeber im Hintergrund aber ist der reiche Ozil, eine eher schattenhafte Figur.

In diesem Kriminalroman sind sowohl der Tathergang, das Opfer und der Täter zweifelsfrei bekannt. Die entscheidende Frage ist nur noch das Motiv, und davon handelt der Hauptteil des Romans. Es ist die Frage, die nach einer Antwort verlangt, da der vom Täter angegebene Grund für die Tat den Untersuchungsbehörden nicht glaubwürdig erscheint. So hat denn Bauche alle Mühe, sich in diesem Punkt gegenüber dem Inspektor in Orléans, dem Kommissar in Paris, dem Untersuchungsrichter und selbst dem eigenen Anwalt, einem Freund seines Vaters, verständlich zu machen. Seine einzige Hoffnung ist, daß ihn der Psychiater, der ihn nach Vorschrift untersuchen muß, verstehen könnte. Vor allem muß er die Vertreter des Gesetzes überzeugen, daß er Nicolas nicht aus Eifersucht getötet hat, obwohl seine Frau Fernande ein Verhältnis mit Nicolas hatte. Sein Tatmotiv war Rache für eine Demütigung. Als er zufällig ein Gespräch mithört, in dem Nicolas ihn gegenüber Ozil als „angeberischen Dummkopf“ bezeichnet, faßt er den Entschluß, Nicolas zu töten (S.172f.).

Um diesen Zusammenhang klarzumachen, wird das Intimleben Bauches und seine Vergangenheit ins Spiel gebracht. Sein früheres Verhalten wird ausführlichst erörtert, um herauszufinden, welche Rolle die Eifersucht, das am nächsten liegende und menschlichste Tatmotiv, in diesem häßlichen Drama gespielt haben könnte.

Die Zeit von Anaïs verweist auf die Jugend Bauches in Grau-du-Roi, einem Städtchen nahe Nîmes, wo Anaïs, eine junge Frau, am Strand ihre Liebhaber zu treffen pflegte. Sie „war außerhalb der Regeln“ (S.147), und so wird die „Zeit von Anaïs“ für Bauche zum Symbol für das sonnige, sorglose Leben im Süden, für die „Unschuld“ (S.146), während seine Zeit in Paris ihm als schwarze Periode oder als Periode im Neonlicht erscheint, vor allem deshalb, weil Nicolas sein Leben verändert hatte (S.103). Bevor er Nicolas traf, lebte er materiell am Rande des Elends. „Nous tirions toujours le diable par la queue“, wir zogen den Teufel immer am Schwanz, lautet denn auch die sinnige Redensart, die Bauche mehrfach gebraucht (S.165).

Der Roman wurde im November 1950 in Amerika geschrieben, was wohl die Jahreszeit der Handlung erklärt. Es fällt aber auf, daß die offene Schilderung sexuellen Verhaltens in diesem Roman im krassen Gegensatz zu den verschämten Andeutungen des Themas in den „amerikanischen“ Romanen steht, die in einem puritanischen Milieu spielen. Simenon hat übrigens einige Zeit selbst in Ingrannes gewohnt, er ist mit der Landschaft bestens vertraut (Als ich alt war, S.214).

Wenn man die thematische und formale Eigenart des Romans genauer angeben möchte, müßte man drei Aspekte ins Auge fassen: die Tatbeschreibung, das Problem der Verantwortlichkeit eines Menschen und die Erzählperspektive.

Die Zeit von Anaïs zählt zu den wenigen Kriminalromanen Simenons, in denen der Tathergang en détail geschildert wird. Warum? Der Mord wird deshalb so ausführlich beschrieben, weil seine Grausamkeit in den Augen des Kommissars und des Untersuchungsrichters ein Beweis dafür ist, daß Bauche im Augenblick der Tat nicht zurechnungsfähig gewesen sein konnte, er also verrückt ist. D.h., daß sie überzeugt sind, daß es „nicht in der menschlichen Natur liege, zu töten“ (S.178). Es ist aber die Ansicht Bauches, daß jedermann eine ähnlich brutale Tat begehen könnte.

Zweitens wäre daran zu erinnern, daß die Geschichte zu einer Zeit spielt, wo in Frankreich die Todesstrafe galt und tatsächlich auch vollstreckt wurde. Dieser Faktor verleiht der Untersuchung einen tödlichen Ernst, geht es doch um den Kopf des geständigen Täters. Bauche steckt also in einem Dilemma: Wenn er darauf besteht, geistig normal zu sein, wird er zum Tode verurteilt. Wenn er am Leben bleiben will, muß er den Wunsch seines Anwalts und des Untersuchungsrichters erfüllen und zugeben, daß er geisteskrank ist. Damit aber würde seine Handlung jeden Sinn verlieren und sein Selbstverständnis würde radikal verneint, mit anderen Worten, er würde seine existentielle Identität verlieren. — Schließlich wählt er, eher verlegen oder beschämt, diese Alternative, die nur durch die Aussicht gerechtfertigt ist, daß sie ihm die Gelegenheit bietet, mit dem Psychiater intensiv über sein Leben zu sprechen.

Drittens hätte man bei all dem aber zu berücksichtigen, daß diese Geschichte, bis auf die letzten Zeilen, aus der Perspektive des kleinen Journalisten erzählt wird, der sich zum verachteten Strohmann einer dubiosen Filmgesellschaft machen ließ und sich dafür grausam rächt. Es stellt sich die Frage, ob die Aussagen dieses Menschen über die Beweggründe seines Handelns glaubwürdig und seine Überlegungen über die Beschaffenheit der menschlichen Natur wahr sind. Diese Fragen sind nicht leicht oder endgültig zu beantworten, und so überrascht es nicht, daß Simenon sie öfter aufgegriffen und in anderer Gestalt und in anderen Situationen erneut behandelt hat.

Die Zeit von Anaïs aber ist die traurige Geschichte eines Mannes, der um seine Achtung als Mensch, als ein Mann mit gesundem Verstand, kämpft und am Ende resigniert, um am Leben zu bleiben. Eine weitere Spezies der Traurigkeit, deren Begriff und Bedeutung ich in der Schrift über Simenons traurige Geschichten erörtert habe.

Der Kriminalroman ist ein Genre der Unterhaltungsliteratur. Wie man an diesem Roman — und vielen, vielen anderen Romanen — aber sehen kann, verwendet Simenon diese Form, um durch sie eine Aussage mitzuteilen, die die ursprüngliche Funktion des Genres weit übersteigt. Dem entspricht auch die von Literaturkennern viel zu wenig beachtete und gewürdigte Tatsache, daß er in den Detektivromanen, in den Maigrets, ernstere Themen behandeln konnte als in seinen sogenannten harten Romanen (cf. meinen Traktat über die Maigrets in den Grenzen des Menschlichen).

J.Q. — 10. Okt. 2020

© J.Quack


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