Josef Quack

Gegen die pseudoreligiöse Schwärmerei

 



Wenn der Katholizismus entartet, welche Form der Verderbnis wird sich dann zeigen? Die Antwort ist leicht: Scheinheiligkeit. Wenn der Protestantismus entartet, welche Form der Verderbnis wird sich dann zeigen? Die Antwort ist nicht schwer: geistlose Weltlichkeit.

S. Kierkegaard

Es ist merkwürdig, daß in katholischen Kreisen keine Stimmen zu vernehmen sind, die gegen die Heiligsprechung der letzten Päpste Einspruch erheben. Denn der neueste Brauch der Päpste, ihre unmittelbaren Vorgänger heiligzusprechen, ähnelt in fataler Weise dem Brauch der römischen Antike, jeden Kaiser nach seinem Ableben zu einem Gott zu erheben – gleichgültig, welche Taten oder Untaten er begangen hat. Auch heute hat man den Eindruck, daß es bei dieser Prozedur überhaupt nicht darauf ankommt, was ein Paul VI. oder ein Johannes Paul II. denn eigentlich geleistet haben, daß sie diese Würde verdient hätten. Auch scheint dieser Vorgang recht gut zu jenem Phänomen zu passen, das wir seit Johannes XXIII. kennen: einer allzu menschlichen Begeisterung für den Papst, die mit der eigentlichen Bedeutung seines Amtes herzlich wenig, aber sehr viel mit dem kitschigen Glamour der Boulevardpresse zu tun hat.
Und dem entspricht in nichtkatholischen oder nichtchristlichen Kreisen ein lebhaftes, gestern ablehnendes, heute zustimmendes Interesse für den amtierenden Papst, das sich rational kaum erklären läßt. Denn warum sind religiös indifferente oder atheistische Zeitgenossen derart auf den Papst fixiert, wenn sie von seiner Konfession oder Religion nicht das geringste halten?

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Paul VI. hat sich dem Gedächtnis der Nachwelt durch zwei Fehlentscheidungen eingeprägt, die die Praxis des katholischen Milieus in verheerender Form verändert haben: durch die Enzyklika Humanae vitae (d.h. Vom menschlichen Leben; 1968), die jede künstliche Empfängnisverhütung verbot, und durch die Liturgiereform, die den lateinischen Ritus abschaffte und den jeweiligen Landessprachen in der Liturgie zur Herrschaft verhalf.
Zum ersten Punkt bemerkt Karl Rahner: "Paul VI. bestellte eine Kommission, die eine liberale Stellungnahme zu Ehe- und zu Empfängnisfragen erarbeitete. Sie wurde mit der Mehrheit der von Paul VI. eingesetzten Bischöfe und Experten verabschiedet. Dann machte der Papst im Alleingang die Enzyklika Humanae vitae, in der er eingestandenermaßen auf Grund seiner eigenen Vollmacht und seines Studiums das Gegenteil erklärte." Rahner will damit sagen, daß der Papst mit seiner Entscheidung dem Geist und dem Buchstaben des Konzils klar widersprochen hat, das den Bischöfen eine entscheidende Mitsprache in den Angelegenheiten der Kirche eingeräumt hatte.
Zu den Folgen jener päpstlichen Fehlentscheidung kann man bei einem anderen exzellenten Theologen, bei Hans Urs von Balthasar lesen: "Erst recht sind Enzykliken zwar maßgeblich, aber nicht unfehlbar. Man wird schwerlich leugnen können, daß ein so wohlfundierter, aber im Wortlaut nicht unfehlbarer Text wie Humanae vitae ungewollt am Zusammenbruch der kirchlichen Beichtpraxis mitbeteiligt war."
Der renommierte Moraltheologe Bernhard Häring kommentiert im Rückblick (1997) jene Entscheidung mit den Worten: "Papst Paul war von dem starken protestierenden Echo auf seine Erklärung überrascht und äußerst betroffen. Doch er gab meines Erachtens ein schönes Zeugnis pastoraler Toleranz, in der Ehrfurcht vor dem Gewissen der Gläubigen. / Anders reagierte der harte Kern jener Ratgeber, die den Papst zu der tragischen Entscheidung gedrängt hatten. Zu seinen Ratgebern zählte damals auch Karol Wojtyla, der in der Kommission auf seiten der Minderheit stand. Wieviel Leid wäre der Kirche erspart geblieben, wenn man in Rom endgültig der Härte abgesagt hätte!"
Die Folgen der Liturgiereform waren womöglich noch verheerender, was erstaunlicherweise Joseph Kardinal Ratzinger in den neunziger Jahren klar gesehen und offen eingestanden hat. Schon zwanzig Jahre früher hat Heinrich Böll sofort erkannt, daß mit dieser Reform in brutaler Weise eine uralte religiös-kulturelle Tradition nicht nur aufgegeben, sondern regelrecht verboten wurde, ohne daß etwas Besseres an ihre Stelle gesetzt wurde. Ratzinger hat den innersten, recht fatalen Kern der unglückseligen Liturgiereform in dem Gesprächsband Salz der Erde (1996) unmißverständlich aufgedeckt: "Eine Gemeinschaft, die das, was ihr bisher das Heiligste und Höchste war, plötzlich als strikt verboten erklärt und das Verlangen danach geradezu als unanständig erscheinen läßt, stellt sich selbst in Frage. Denn was soll man ihr eigentlich noch glauben?"
Dem kann man zwei Bemerkungen hinzufügen. Nicht nur in jener Enzyklika, die eine schlecht begründete moralische Konvention als Norm festschrieb, sondern auch in der Frage der selbstherrlich vorgenommenen Liturgiereform äußert sich eine Überschätzung oder eine Überdehnung der päpstlichen Amtsgewalt. Im Fall der Liturgiereform, die dem Umsturz einer Tradition mit höchsten musikalischen und poetischen Leistungen gleichkam, zeigte sich zudem noch eine Banausie, wie man sie nicht für möglich gehalten hätte. Zweitens hat die Einführung der Landessprachen in die Liturgie weltweit eine Nationalisierung der Kirche bewirkt, was dem übernationalen Wesen des Katholizismus eklatant widerspricht.
Wie Leonardo Sciascia berichtet, erschien damals eine französische Zeitschrift, die auf der Titelseite Papst Paul VI. abgebildet hatte, "der mit so finsterer Miene wie Edward G. Robinson und einer Pistole in der Hand sagt: 'Schluß mit dem Beten!'" Die Karikatur ist sicher gewaltig übertrieben, dennoch trifft sie ein heikles Moment jener Maßnahme: die autoritäre Rücksichtslosigkeit, mit der ein großes Kapitel der edelsten geistlichen Kultur beendet wurde. Das abschreckende Beispiel einer naiv gedankenlosen, geistverlassenen Amtsauffassung.
Jene Frage an die Kirche: "Denn was soll man ihr eigentlich noch glauben?", bestimmt aber bis heute die prekäre Situation des katholischen Christentums. Das heißt aber nichts anderes, als daß Ratzinger eingesehen hat, daß die Kirche ihren Niedergang zu einem guten Teil selbst verschuldet hat (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S.130ff.).

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Zu Johannes Paul II. bleibt wenig zu sagen, da seine Amtsjahre noch recht gut in Erinnerung sind. Sein Hauptverdienst dürfte auf politischem Gebiet liegen, da er zweifellos durch seine Existenz und sein Verhalten einiges dazu beigetragen hat, daß der Ostblock erodierte und schließlich in sich zusammengebrochen ist.
Was Wojtyla in kirchlicher Hinsicht geleistet hat, ist weniger rühmenswert. Zunächst wären einige Versäumnisse zu nennen. Er hat nichts dazu beigetragen, die Umstände des rätselhaften Todes seines Vorgängers aufzuklären, so daß bis heute der Verdacht nicht überzeugend widerlegt werden konnte, daß Johannes Paul I. ermordet wurde, weil er die päpstlichen Finanzen gründlich durchleuchten und offenlegen wollte. — Dieser Unglücksmensch soll ein überaus kindliches Gemüt gewesen sein. Warum hat man ihn nicht heiliggesprochen? Die Antwort dürfte klar sein: Weil man in diesem Fall seinen Tod hätte genau untersuchen müssen.
Vor allem aber hat Johannes Paul II. einiges dazu beigetragen, daß die zahlreichen Mißbrauchsfälle hoher und weniger hoher Kleriker überall in der Welt vertuscht und verdrängt wurden. Erst sein Nachfolger hat sich konsequent um die Offenlegung und Aufarbeitung dieser Mißstände gekümmert, was sein Pontifikat dann erheblich belastet hat. Außerdem trifft den polnischen Papst die Hauptschuld an den unhaltbaren politisch-organisatorischen Zuständen der Kurie, die bis heute nicht überzeugend reformiert werden konnte.
Statt diese Aufgaben zu lösen, hat der oberste Kirchenfürst sich recht geschickt der Instrumente der Kulturindustrie bedient und sich rund um den Globus als Medienstar feiern lassen. Er hat es sogar hingenommen, daß ein Getränkekonzern eine seiner Reklamereisen gesponsert hat — was die Glaubwürdigkeit dieser medialen Inszenierungen in den Augen redlich denkender Menschen nachhaltig erschüttert hat.
Sein Nachfolger hat dann allerdings den zwar verständlichen, aber unverzeihlichen Fehler gemacht, daß er den Brauch dieser Reklamefahrten pietätvoll übernahm, obwohl sie weder seinem Naturell zusagten noch mit der Würde seines Amtes eigentlich verträglich waren. Sein Vorgänger hat sogar sein Siechtum und sein Sterben den Scheinwerfern der Öffentlichkeit ausgestellt. Dem hat Ratzinger für seinen Teil eine entschiedene Absage erteilt; das ist immerhin ein kleiner Fortschritt.
Als Resümee kann man festhalten, daß medialer Schein und Heuchelei, was die moralische Qualität des Klerus angeht, die Kennzeichen der überlangen Amtszeit des polnischen Papstes waren. Für einen unvoreingenommenen Beobachter ist nicht zu sehen, was daran im christlichen Sinne wertvoll oder gar heilig gewesen sein soll.

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Und der heutige Papst? Ich fürchte, daß man für ihn wiederum deshalb so billig und folgenlos schwärmt, weil er einige sympathische Züge aufweist, die aber letztlich mit seiner Stellung und Aufgabe wenig zu tun haben. Bis jetzt ist von der angekündigten Reform der Kurie, so weit man das von außen beurteilen kann, kaum etwas zu spüren. Daß keine weiteren Skandale bekannt geworden sind, wird man ja kaum eine wirkliche Reform nennen können.
Und was die Lehre angeht, hat er kaum etwas zu sagen, was sein Vorgänger nicht gesagt hätte. Vermutlich dürfte er im Laufe der Jahre doch noch merken, daß man eine weltumspannende Institution, wie die katholische Kirche es ist, nicht mit ein paar gutgemeinten Gesten und Symbolen der bescheidenen Lebensführung leiten kann, sondern nur mit tatkräftigen Impulsen und Entscheidungen. Ein verändertes "Romgefühl", das man aus der Ferne konstatieren zu können meint, dürfte kaum reichen und fragwürdige Heiligsprechungen dürften es auch nicht tun. Es ist dies eine Art von Personenkult, der wenig erbaulich erscheint.

J.Q. — 21. Okt. 2014

©J.Quack


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