Josef Quack

Innenansicht einer amerikanischen Seele:
"Der Tod Belles" von G. Simenon




Soweit ich das „amerikanische Werk“ Simenons überblicke, das heißt jene Geschichten, die in Amerika spielen, ist La mort de Belle (1951, Paris 1999, Der Tod Belles), der Roman, der die amerikanische Mentalität am tiefsten erkannt und am getreuesten wiedergegeben hat. Wir lernen diese unverwechselbare Befindlichkeit aus der Perspektive eines Amerikaners kennen in einer Erzählung, die dessen Innenleben so weit erschließt, wie es ihm selbst bewußt ist. Eine psychologische Studie, wie sie nur Simenon schreiben konnte, und ich wüßte keinen amerikanischen Autor, der diesen Roman hätte schreiben können oder den man mit Simenon überhaupt vergleichen könnte.

Um ein naheliegendes Mißverständnis auszuschalten, sei folgendes betont: Wenn ich von einer amerikanischen Psyche oder Mentalität rede, meine ich keineswegs, daß es so etwas wie ein kollektives Bewußtsein, eine Seele oder ein Geist eines Volkes geben könnte. Es gibt vielmehr nur individuelle Seelen einzelner Menschen. Wenn ich von einer amerikanischen Psyche oder Mentalität spreche, beziehe ich mich auf geistige Einstellungen, Handlungsmuster, religiöse oder weltanschauliche Ansichten und Prägungen, die für die amerikanische Gesellschaft spezifisch sind, d.h. hier in dieser Form oder in dieser Mischung auffallend häufig vorkommen.

Die Rede ist von Spencer Ashby, der mit Christine verheiratet ist, die anfangs vierzig und damit zwei Jahre älter ist als er. Er lebt in einem Dorf bei Lichfield in der Nähe von New York und ist Geschichtslehrer an einer angesehenen Schule des Ortes, die auf das Universitätsstudium vorbereitet. Eines Nachts im Dezember in den Stunden, in denen seine Frau bei Freunden Bridge spielt und er allein zuhause ist, wird Belle, ein 18jähriges Mädchen, das bei ihnen wohnt, in ihrem Zimmer ermordet. Belle Sherman ist die Tochter von Lorraine Sherman aus Virginia, die aus familiären Gründen nach Paris gereist ist und ihre Tochter seit einem Monat bei Christine, ihrer Freundin, als Hausgast untergebracht hat. Lorraine ist ein Musterexemplar von Womans Lib avant la lettre, eine resolute Weibsperson, die in einer Darstellung der amerikanischen Fauna nicht fehlen durfte.

Als Ashby am Morgen danach in die Schule kommt, wird er dringend zurückgerufen und zuhause von Christine mit der Nachricht überrascht, daß Belle ermordet wurde. Während der Untersuchung durch den Coroner und die Polizei richtet sich der Verdacht zunächst auf ihn, weil er während der Tatzeit zuhause war und während dieser Zeit auch mit Belle gesprochen hatte. Allerdings hatte er nicht verstanden, was sie sagte, da er sich in seinem Kämmerchen aufhielt, das Büro und Hobbyraum in einem ist, und wegen des Lärms der laufenden Drehbank sie nicht hören konnte.

Der Tod Belles ist ein Krimi der besonderen Art. Im Mittelpunkt der Geschichte steht nicht der Tathergang, auch nicht das Mordopfer oder der Täter, sondern ein der Tat fälschlicherweise Verdächtigter, Spencer Ashby. Der Tod Belles wird im Roman niemals aufgeklärt. Dagegen erfahren wir, wie der Mordverdacht sich immer mehr auf Ashby konzentriert, er als Feind der Dorfgemeinschaft betrachtet und von ihr gleichsam ausgestoßen wird. Die Pointe der Geschichte ist jedoch, daß er die Ächtung nicht passiv erduldet, sondern in einem letzten Verhör alle Verdachtsmomente entkräften kann und sich dann demonstrativ genau so verhält, wie man es von einem normalen, d.h. der Gemeinschaft zugehörigen Menschen erwartet. Gegen seine Gewohnheit verbringt er den Abend mit der attraktiven Sekretärin des Coroners im Café und in einer Tanzbar, was dann aber der Anlaß für seine eigene Katastrophe wird.

Simenon hat den Roman im Dezember 1951 in Connecticut geschrieben und die Handlung des Romans beginnt ebenfalls im Dezember, eine Koinzidenz, die bei ihm selten vorkommt, hier aber dadurch begründet ist, daß er das schneereiche Winterwetter vor Augen hatte, das er im Roman beschreibt. An einer Stelle des Romans schildert er diese Stimmung mit einem von ihm gern gebrauchten, an Pascal oder Joseph Conrad erinnernden Ausblick auf das Universum, die weiteste Ansicht, die man sich denken kann: „Der Schnee war so dicht, daß man sich als Gefangener der Unendlichkeit fühlte“ (S. 23).

Simenon hat auch eingeräumt, daß die Handlung des Romans in Lakeville spiele, wo er damals wohnte (Intime Memoiren 1982, 484). Im Roman selbst ist die Szene in die Nähe von New York verlegt, die Bewohner von Lakeville haben jedoch ihr Dorf unschwer erkennen können, sie waren darüber nicht erfreut (cf. P. Assouline, Simenon 1992, 677).

Der Roman selbst wird nun aber strikt aus der engen Perspektive Ashbys in der Er-Form erzählt, was für sein Verständnis und seine Beurteilung entscheidend ist. Ein auktorialer Erzähler befindet sich bekanntlich außerhalb des Geschehens, das er beschreibt. Er befindet sich in einer unüberbrückbaren Distanz zu den Personen und den Ereignissen, die er, selbst wenn er sachlich und objektiv berichtet, doch in gewisser Weise auch beurteilt. Dagegen ist diese Beurteilung bei einer personalen Erzählweise aus der Innenperspektive der erlebenden Person ganz und gar dem Leser überlassen, und der Tod Belles ist ein Roman, der dem Leser manches zum Nachdenken überläßt. Wenn man so will, ist dies ein Beleg für die erzählerische Modernität des Romans.

Ganze Passagen geben unvermittelt die Gedanken Ashbys in erlebter Rede wieder und diese Unmittelbarkeit des Gedankenberichts bringt die amerikanische Weltsicht sozusagen rein zum Ausdruck. Man hat sich aber doch auch immer bewußt zu machen, daß es Ashbys persönliches Erleben und seine persönliche Ansicht ist, was beschrieben wird. — Überflüssig zu betonen, daß diese Erzählweise die ungewöhnliche Intensität des Romans zur Folge hat.

Simenon beschreibt nun drei Faktoren, die als spezifisch für das Verhalten und die Geistesart des ländlich-provinziellen, nordöstlichen Amerika der Nachkriegszeit gelten können: ein penetranter gesellschaftlich-moralischer Konformismus, eine zweifelhafte, aus traditionellen Gründen zur Schau getragene Prüderie und einen latenten Hang zu Brutalität und Selbstjustiz, der schließlich dem Roman das überraschendste Ende beschert.

Was die Gemeinschaftsmentalität angeht, so ist für Simenon bezeichnend, daß er nicht nur ihre krassen Ausdrucksformen verzeichnet, sondern auch die unscheinbarsten Formen, die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit öffentlicher Sitte zu tun haben. Er erzählt, daß das Wohnzimmer der Ashbys keine Läden hat und die Jalousien erst vorm Schlafengehen runtergelassen werden, so als hätten die Bewohner nichts vor den Nachbarn zu verbergen. Deshalb kann Spencer auch immer die Fenster des Nachbarhauses einsehen und wahrnehmen, was die junge Frau des reichen Juweliers gerade macht — sie wird dann das unerreichte Objekt seiner zuletzt eingestandenen Begierde.

Die peinlichste Form, die die öffentliche Verdächtigung für Ashbys annimmt, ist nicht der Umstand, daß er von Bekannten nicht mehr gegrüßt oder eingeladen, in der Post angefeindet oder von seiner Schule wegen seines beschädigten Rufes als untragbar ausgeschlossen wird, sondern ein Kirchenbesuch, wo er sich wie ein Ausgestoßener vorkommt. Um die Bedeutung dieses Umstandes richtig einschätzen zu können, muß man wissen, daß der Kirchenbesuch seit alters in diesem Land die notwendige Bedingung dafür war, zur Gemeinschaft des Ortes zu gehören. Max Weber hat darauf aufmerksam gemacht, daß man von den Banken nur dann als kreditwürdig betrachtet wurde, wenn man zu einer Religionsgemeinschaft gehörte, vorzugsweise einer typisch angloamerikanischen.

So ist denn das Kapitel über den Kirchenbesuch Ashbys die kritische oder geistige Mitte des Romans geworden. Der Pfarrer predigt über den Psalmvers 34,22: „Le mal cause la mort du méchant / et ceux qui haȉssent le juste sont châtiés.“ (S.122) Wörtlich: Das Schlechte bewirkt den Tod des bösen Menschen / und die, die den Gerechten hassen, werden gezüchtigt. Oder in Romano Guardinis eleganten Worten: „Den gottlosen Menschen führt die Bosheit zum Tod; / die den Gerechten hassen, werden gestraft“.

Der Pfarrer bezieht diese Worte ausdrücklich auf die aktuelle Situation, daß es im Ort einen Bösen, einen Mörder, geben müsse. Für Ashby ist klar, daß die übrigen Kirchenbesucher sich in dieser Situation als die Gemeinschaft der Gerechten betrachten, die Kirchengemeinde also das Muster einer konformistischen Gemeinschaft bildet. Er selbst aber hat den Eindruck aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein: „Vielleicht handelte es sich genau genommen nicht um einen Ausschluß? Vielleicht war er es, der sich nicht mehr eines Sinnes mit den anderen fühlte?“ Der Grund dafür ist, daß er „plötzlich eine Leere (un vide) um sich spürte“ (S. 122).

Damit ist das Stichwort gefallen, mit dem Simenon die vom Menschen erlebte existentielle Sinnlosigkeit seines Daseins zu bezeichnen pflegt. Sie ergibt sich hier aus der erlebten Isolation in der ihm feindlich gesinnten Dorfgesellschaft. Für Ashby ist nicht nur ihr Haus, in das sie zurückkehren, leer, sondern auch das Dorf: „Für ihn war es auf jeden Fall leerer als gewöhnlich, bis zu dem Punkt, daß er eine Angst fühlte, wie wenn man träumt, daß die Welt um einen erstarrt ist und man plötzlich wahrnimmt, daß es deshalb so ist, weil man tot ist“ (S. 128).

Übrigens sieht man an der Schilderung des Kirchenbesuchs, daß Simenon keineswegs ein religiöser Analphabet war, sondern die Selbstgerechtigkeit der Gewohnheitschristen ebenso gut kannte wie die für die gegenwärtige Situation passenden Schriftworte.

Beim Thema "Prüderie" ist offensichtlich, daß Ashby darüber im wesentlichen genau so denkt wie die öffentliche Meinung. Ein Pubertätserlebnis zeigt, daß ihm das Thema an sich peinlich ist. Er registriert aber, daß es eine falsche Scham gibt, die aufreizend und verführerisch wirkt. Ahnungslos wie er ist, erfährt er bestürzt, daß Belle intime Beziehungen zu Männern gehabt haben muß. Am Ende übernimmt er die Meinung von Lorraine, Belles Mutter, daß die männliche Sexualität an sich schlecht und schmutzig sei.

Bei dem letzten Verhör, in dem Ashby von jedem Verdacht entlastet worden zu sein scheint, ist übrigens als inoffizieller Gutachter ein Psychiater anwesend, was offenbar als Fortschritt in der amerikanischen Rechtspflege betrachtet wird. Für Simenon stellt dies aber eine überaus fragwürdige Sache dar, die er besonders in den späten Maigrets wiederholt kritisch behandelt hat. Im Namen des gesunden Menschenverstand protestiert Maigret gegen die pseudowissenschaftliche Anmaßung der verschiedenen, sich widersprechenden Schulen der Psychiatrie und Tiefenpsychologie so kraftvoll, wie es seinem enormen Ärger entspricht (cf. J.Q. Die Grenzen des Menschlichen, S.42f.).

Der Tod Belles fordert natürlich den Vergleich mit dem Fall des Kleinen Mannes von Archangelsk heraus, der ebenfalls grundlos eines Mordes verdächtigt wird (cf. J.Q. Über Simenons traurige Geschichten, S.16ff.). Doch unterscheiden sich die beiden Fälle in einem wesentlichen Punkt. Während jener „kleine Mann“ sich schließlich der bittersten Verzweiflung ergibt, so daß der Roman, ein Hauptwerk Simenons, als eines der traurigsten Bücher der Literatur bezeichnet werden konnte, widersteht Ashby der öffentlichen Ächtung nach Kräften und bis zu einem gewissen Grad auch durchaus erfolgreich. Daß er schließlich dann selbst doch ein Verbrechen begeht, kommt auf sein eigenes Konto, auf die Rechnung seiner Laune. Eine überraschende Volte der Handlung, wie sie nur in Simenons Werk vorkommen kann.

Ist Ashby nun aber nicht das Opfer einer Mentalität geworden, die er im wesentlichen selbst teilt? Das ist nicht die unwichtigste Frage, die der Roman offen läßt.

Man könnte den Tod Belles als eine Vorstudie für den Roman über den Kleinen Mann von Archangelsk betrachten, in dem Simenon das gleiche Thema, wie er es öfter tat, charakteristisch abwandelt. Gegen diese Beobachtung wäre nichts einzuwenden, wenn man damit nur nicht den autonomen Rang des „amerikanischen“ Romans verkleinert.

La mort de Belle wurde 1961 von Edouard Molinaro verfilmt, das Drehbuch schrieb Jean Anouilh.

J.Q. 14. Sept. 2020

©J.Quack


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