Josef Quack

Notiz über Erwin Wickert




Audiátur et áltera pars.
Man soll sich auch die Meinung der anderen Seite anhören.

Sprichwörtlich

Die Literatur einer Epoche besteht nicht nur aus den Werken der herausragenden Schriftsteller, die das kulturelle Gesicht der Epoche prägen, sondern auch aus den Werken einer Vielzahl von poetae minores, die zu ihrer Zeit angesehen waren und bisweilen viel gelesen wurden. Die Frage ist, was wir heute zum Beispiel von den weniger bedeutenden Autoren des Nachkriegs halten sollen, die damals ein gewisses Renommee hatten, heute aber allenfalls noch in den Fußnoten der Literaturgeschichten erwähnt werden. Was sollen wir von Erwin Wickert (1915-2008) halten, der sich in den fünfziger Jahren als Hörspielautor einen Namen gemacht hatte und neben Günter Eich als der wichtigste Autor dieses Genres galt? Außer den Hörspielen hat er auch einige Romane geschrieben, von denen Der Auftrag (1961), die Geschichte einer chinesischen Rebellion im 19. Jahrhundert, Der Purpur (1965), die Geschichte des ohnmächtigen römischen Kaisers Quintillus, und Der verlassene Tempel (1985), auf den ich noch eingehen werde, besonders zu erwähnen wären.
Obwohl sich so einflußreiche Figuren der literarischen Öffentlichkeit wie Friedrich Sieburg und Reich-Ranicki, schließlich auch Johannes Gross, für Wickert eingesetzt haben und obwohl in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft eine Monographie an sein Werk erinnert, blieben seine Romane ohne nennenswertes Echo. Am Beispiel des Verlassenen Tempels werde ich untersuchen, ob dieses Urteil seiner Mitwelt begründet ist.
Mehr Erfolg hatte Wickert, der von 1955 bis 1980 im diplomatischen Dienst tätig war, als politischer Autor. Sein Bericht über seine Jahre als Botschafter in Pecking, China von innen gesehen (1982), wurde ein Bestseller und ist bis heute lesenswert geblieben. Er schildert darin die Umbruchszeit unmittelbar nach dem Tod Maos und die Rückkehr Deng Xioapings an die Führungsspitze des kommunistischen Riesenreichs.
Wenn man sich seine Briefsammlung Das muß ich Ihnen schreiben (2005) und seine Autobiographie Die glücklichen Augen (2001) anschaut, stößt man in literarischer Hinsicht auf zwei Fragen, die uns immer noch etwas angehen. Zunächst möchte man gerne wissen, wie es nach der Blüte des Hörspiels in den Nachkriegsjahren zu dem Niedergang der Gattung kommen konnte, so daß sie heute in der Literaturszene praktisch keine Rolle mehr spielt. Als Antwort muß man auf einen technisch-medialen und einen menschlichen Faktor verweisen: das Aufkommen des Fernsehens, das das Radio als primäres Unterhaltungsmedium ablöste, selber aber keine Kunstform hervorbringen konnte, die mit dem Hörspiel vergleichbar wäre. Das sogenannte Fernsehspiel war nicht lebensfähig, es wurde als mehr oder weniger akademisches Phänomen von den trivialen Unterhaltungsserien mit einem gewissen Recht völlig verdrängt. Der andere Grund für den Bedeutungsverlust des Hörspiels — und überhaupt der Literatursendungen im Radio — ist ein menschlicher Faktor, die sachliche Inkompetenz und Unfähigkeit der zuständigen Redakteure, ihre geistige Beschränktheit, die nur das gelten ließ, was ihrem persönlichen Geschmack entsprach.
Ein weiteres Problem, das sich aus Wickerts Schriften ergibt, ist seine ganz unvernünftige Aversion gegen Heinrich Böll, die letztlich trotz aller Andeutungen undurchsichtig bleibt und einen kleinlichen, um nicht zu sagen unangenehm kleingeistigen Zug im Charakterbild Wickerts offenbart. Vermutlich waren es politische Gründe, vor allem wohl Bölls scharfe Kritik an Kiesinger, die Wickerts Abneigung motivierte. Aber selbst wenn dem so gewesen ist, hätte er doch Bölls literarisches Talent, seine durchaus raffinierte Erzähltechnik und seinen originären Sprachstil anerkennen und würdigen müssen (cf. J.Q. Über einige Romane Heinrich Bölls). Ähnliches gilt von Wolfgang Koeppen, den er wegen seiner Kritik der Bundesrepublik gleichfalls ablehnt; wahrscheinlich aus Versehen nennt er ihn Hermann Koeppen. Ich glaube, daß dieses Defizit im Urteil Wickerts mit den Schwächen seines eigenen Romanstils ursächlich zusammenhängt. Daß er das Wort „Gutmenschen“ in sein Vokabular aufnahm, zeugt nicht gerade von einem sensiblen Sprachbewußtsein.

Politisches

Aus diesen Andeutungen dürfte klar geworden sein, daß ich den politischen Autor höher schätze als den Romancier Wickert. Aus seinen politischen Schriften kann man die Innenansicht eines geschickten Mannes kennenlernen, der im diplomatischen Dienst die wichtigsten Akteure der Bonner Republik, von Adenauer bis Helmut Schmidt, klug beraten und in nicht wenigen Fällen entscheidend beeinflußt hatte. Man erfährt, wie der Regierungsapparat in einem wichtigen Segment tatsächlich funktioniert, und vor allem lernt man, daß der Gesichtspunkt der reinen Machtpolitik jenseits aller ideologischen Phraseologie und hehren moralischen Rhetorik immer noch die Hauptrolle in den zwischenstaatlichen Beziehungen spielt.
Wickert war ein klassisch gebildeter, weitgereister, welterfahrener Mann, der für seine Person freimütig an der Idee der politischen Elite festhielt. Es ist keine Frage, daß er sich für einen Kenner der Politik hielt und mit einer gewissen Arroganz auf die politischen Laien, wozu er auch seinen philosophischen Lehrer Karl Jaspers rechnete, herabschaute. Doch sollte man sich von seiner berufsbedingten Hochnäsigkeit nicht einschüchtern lassen. Überhaupt sollte man Fachleuten nicht alles glauben, was sie als Fachleute behaupten, denn auch Fachleute können sich irren und auch Wickert hat sich in seinem Fach nicht selten geirrt.
Wenn man aus seinen politischen Schriften ein Fazit ziehen möchte, kann man wohl feststellen, daß er alles in allem wohl ein überaus fähiger Diplomat und politischer Beamter war, aber keineswegs ein Politiker im strengen Sinn des Wortes, ein genuin politischer Akteur. Das zeigt sich eklatant in seiner distanzierten Beurteilung der Ostpolitik Brandts. Wenn man Wickerts Bedenken gefolgt wäre, wäre es niemals zu dem Abschluß der Ostverträge gekommen. Auch hat er die Verhandlungen Egon Bahrs vor allem deshalb als dilettantisch bezeichnet, weil er einfach nicht darüber informiert war, daß Bahr und Horst Ehmke in dieser Angelegenheit engsten Kontakt zur amerikanischen Regierung, zu Henry Kissinger hielten. Wickert scheint die aufschlußreichen Memoiren Bahrs, Zu meiner Zeit (1996), nicht gekannt zu haben.
Wolfgang Koeppen hat in seinem Roman über die Frühzeit der Bonner Republik, Das Treibhaus (1953), jene Diplomaten des Dritten Reiches verspottet, die sich nach dem Krieg damit rechtfertigten, daß sie zur Zeit Hitlers in ihrem Dienst Schlimmeres verhütet hätten (cf. J.Q. Wolfgang Koeppen, Erzähler der Zeit, S.147ff.). Dem gleichen fadenscheinigen Argument begegnet man in dem Brief, den Wickert an Karl Jaspers am 7. Januar 1967 schrieb, um das Verhalten Kurt Georg Kiesingers während der NS-Zeit zu rechtfertigen. Wahrscheinlich hat Wickert mit seiner Meinung recht, daß Kiesinger kein Nazi in einem ideologischen Sinne war, doch wäre sein Plädoyer für Kiesinger glaubwürdiger ausgefallen, wenn er auf jenes törichte Argument der NS-Mitläufer verzichtet hätte.
Man kann Wickert auch nicht in allem zustimmen, was er über die äußerst verwickelte politische Situation Tibets schreibt. Es ist evident, daß eine gewisse machtpolitische Logik darin lag, daß China 1951 Tibet besetzte. Das dünnbesiedelte, politisch ohnmächtige Land stellte ein Vakuum dar, das von seinen mächtigen Nachbarn über kurz oder lang auf jeden Fall vereinnahmt worden wäre. Selbst wenn es richtig ist, was ich aber stark bezweifle, daß Tibet völkerrechtlich seit Jahrhunderten zum Herrschaftsbereich Chinas gehört hat, kann dies doch kein Grund sein, der es den Tibetern verbietet, nach politischer Unabhängigkeit zu streben, wie Wickert allen Ernstes annimmt. Mir scheint, daß er nicht nur in diesem Punkt allzu unkritisch den Standpunkt Chinas vertritt. Es hat in jüngster Zeit mehrere Beispiele gegeben, wo sich Regionen, gestützt auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, aus ihrem Staatsverband lösten und für unabhängig erklärten: Bangladesch, die Slowakei, das Kosovo.
Was Wickert über das Christentum und seine Chance in dem Reich der Mitte verschiedentlich ausführt, ist in mancher Hinsicht mehr als fragwürdig. Er scheint die Situation der romtreuen Katholiken nicht zu kennen. Als diplomatischer Realist hält er sich an die Politik der chinesischen Regierung, die eine angebliche ausländische Einmischung in Sachen der Religion strikt ablehnt. D. h. in China gibt es keine Religionsfreiheit.
Wickert erörtert auch die Frage, wie christliche Vorstellungen in der chinesischen Kultur aufgefaßt werden. Dabei spricht er, was das Schuldbewußtsein angeht, von „psychiatrischen Fallstudien“, so als wäre die Schuld ein rein psychologisches Phänomen oder gar ein irrenärztliches Problem! (Der fremde Osten 1988, 330). Er scheint die elementare Wahrheit nicht erkannt zu haben, daß Schuld eine ethische Kategorie ist, wie denn überhaupt seine philosophische Ansicht über die Ethik begrifflich äußerst schwach entwickelt ist. In diesem Fach scheint er durchaus nur über das Wissen eines Laien zu verfügen.
An anderer Stelle behauptet er, eine religiöse Antwort auf die existentielle Sinnkrise der Menschen, eine Antwort, „die aus buddhistischen oder taoistischen Anschauungen hervorgeht, wäre den Chinesen wohl gemäßer als eine christliche, vermute ich“ (China von innen gesehen 1982, 457). In gleichem Sinne führt er im Fremden Osten aus, daß Sünde und Erbsünde Begriffe seien, „die weder im Konfuzianismus, noch im Daoismus, noch im Buddhismus, noch im Hinduismus vorkommen“ (l.c. 332). Er will damit seine Ansicht begründen, daß die christliche Lehre offensichtlich der chinesischen Kultur und Mentalität im Grunde wesensfremd sei. Wickerts Auffassung, was die religiöse Affinität und die moralischen Vorstellungen der Ostasiaten angeht, legen den Verdacht nahe, daß er in diesen Fragen zu einem Kulturrelativismus neigt (cf. J.Q. Ethnologische Fragen in philosophischer Sicht).
Zu seinen Gunsten muß man aber referieren, daß er in Sachen der christlichen Religion doch der Wahrheit nahekommt, sie aber in seine Argumentation nicht recht einordnen kann. Er erwähnt nämlich den Punkt aller Punkte, daß der Begriff der Sünde auch der griechisch-römischen Antike fremd gewesen sei. Er sei christlicher und alttestamentlicher Herkunft (l.c. 332). In der Tat, die spezifisch christlichen Ideen waren in der europäischen Antike völlig neuartig und sie sind es auch heute noch (cf. J.Q. Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S. 90f.). Die Menschen in den säkularen Gesellschaften Europas haben nicht weniger Mühe, die christlichen Ideen zu verstehen, als die Chinesen der konfuzianischen Tradition oder der postkommunistischen Ära. Die entscheidende Frage, die Wickert zu stellen unterläßt, kann allenfalls lauten, warum es in Vietnam und Korea trotz der kulturellen Widerstände relativ mehr Christen gibt als in China. Um diese Frage beantworten zu können, müßte man sich die Geschichte der christlichen Mission in diesen Ländern, ihre Akteure und Methoden sehr genau anschauen.
Um die politischen und kulturpolitischen Themen abzuschließen, seien noch drei Beiträge erwähnt. Für europäische Leser außerordentlich informativ ist der historische Bericht über die japanische Kapitulation 1945 und die Rolle, die der Tenno dabei gespielt hat: „Die Stimme des Kranichs“ in Der fremde Osten.
Dagegen dürfte mancher deutsche Ordnungshüter bestätigen können, was vor Jahrzehnten ein hoher rumänischer Sicherheitspolitiker über das Verhalten seiner Landsleute freimütig zum Besten gab: „Wenn, sagen wir, in Constanza ein Schiff auch nur eine Nacht unbewacht im Hafen läge, wäre es am Morgen abgetakelt und alles, was nicht niet- und nagelfest und was an Ladung weggeschafft werden konnte, wäre verschwunden.“ (Die glücklichen Augen 2001, 413). Soviel zur rumänischen Folklore und den Balkanmethoden, die seit Wickerts Bericht sich kaum verändert haben dürften.
Schließlich kann man ihm nur zustimmen, wenn er in einem Brief vom 3. März 2001 dagegen protestiert, daß unter Fischer ein ehemaliger Stalinist und Befürworter des massenmörderischen Pol-Pot-Regimes als Sachbearbeiter ins Außenministerium berufen wurde. Die Antwort des Ministers, in der von einer „glaubhaften Wandlung zum Demokraten“ die Rede war, ist eines der peinlichsten moralischen Dokumente der damaligen deutschen Regierung.
Endlich wären noch zwei Fehler zu nennen, die dem belesenen Mann unterlaufen sind. Chaban-Delmas war nicht, wie Wickert unterstellt, französischer Präsident, sondern Premierminister (Die glücklichen Augen 2001, 314).
Auch behauptet Wickert, Jacob Burckhardt habe „für jedwede Geschichtsphilosophie nichts übrig“ gehabt (l.c. 110). Das dürfte wohl kaum zutreffen, denn, wie Ernst Gombrich überzeugend nachgewiesen hat, stützt Burckhardt sich in seiner Kulturgeschichtsschreibung vielfach auf tragende Gedanken der Geschichtsphilosophie Hegels und zwar trotz seiner öffentlich bekundeten Abneigung gegen Hegels Philosophie (cf. J.Q. Geschichtsroman und Geschichtskritik, S.184ff.).

Der verlassene Tempel

Bevor ich den angegebenen Roman von Wickert bespreche, noch ein Wort zur Anlage und zum Stil des Memoirenbandes Die glücklichen Augen. Der Autor legt darin eine erzählerische Allegorie, die Erinnerung als Palast, vor und führt diese rhetorische Figur dann im einzelnen aus, ohne sich der literarischen Binsenweisheit bewußt zu werden, daß nichts langweiliger ist als eine methodisch ausgeführte Allegorie. Ich will damit nicht sagen, daß dieser Band durchweg langweilig sei. Er ist es nur in den sinnbildlichen Passagen, meist aber nicht in den vielen anekdotischen Kapiteln, die manches Erhellende über die politisch agierenden Zeitgenossen mitteilen.
Wickert hat mehrfach bekannt, daß er sprachlich und erzählerisch von Fontane und Thomas Mann herkomme. Was seine anekdotisch plaudernde Neigung betrifft, so dürfte der Einfluß Fontanes offensichtlich sein. Die Vorliebe des Autors für Geschichten mit einer abschließenden Pointe erinnert aber eher an die Erzählweise Ernst von Salomons, wenngleich sein Berichtsstil an den erzählerischen Schwung der geschmeidigen Redeform Salomons nicht heranreicht. Auch läßt seine Dialogführung eher an betuliche Schulfunksendungen denken als an die lebendigen Wechselreden des versierten Drehbuchautors Salomon.
Diese Beobachtungen treffen auch auf den besagten Roman zu. Das Werk kombiniert einen historischen Roman mit Elementen der Science-fiction und dem Bericht über die Entstehung dieses historischen Romans. Erzählt wird die Reise eines jetztzeitlichen Heidelberger Mathematikprofessors in die Vergangenheit, in das Süditalien der römischen Soldatenkaiser. Die Idee, sich vorzustellen, wie die Menschen der Antike auf technische Phänomene wie Feuerzeug, Photoapparat, Blitzlicht, Zigaretten, Medikamente, Maschinenpistolen und Flugzeuge reagiert haben könnten, ist streckenweise durchaus amüsant und fesselnd.
Die philosophischen Diskussionen und Reflexionen über das Wesen der Zeit, die Uhr als Instrument der Zeitmessung, die theoretischen Bedingungen der Zeitreise, erinnern jedoch weniger an die klassischen Dialoge Platons als wiederum an schlecht durchdachte Schulfunksendungen. Die Passagen des anachronistisch angelegten historischen Romans werden von einem auktorialen Erzähler berichtet, während in den jetztzeitlichen Partien ein Ich-Erzähler, von Beruf Illustriertenschreiber, zu Wort kommt. Auf diese Art wird der Geschichtsroman als eine Art Illustriertenroman ausgegeben und man muß sagen, daß er auch nur das Niveau dieses Genres erreicht, wenngleich er nach der Intention des Autors wohl auch als eine Parodie dieser Romanform gedacht war.
Sollte dies die ursprüngliche Idee des Autors gewesen sein, so muß man dem entgegenhalten, daß auf diese Art die philosophischen Gedanken, die wohl durchaus ernst gemeint sind, wenngleich das Aperçu über die christliche Gottesvorstellung reichlich infantil erscheint, gründlich entwertet werden. Während der historische Teil des Romans wenigstens in Ansätzen eine plastische Zeichnung der Personen verrät, bleibt die Gegenwartshandlung völlig blaß und leblos, schlechthin langweilig, unkundig in der Schilderung des Unterhaltungsmediums und seiner Akteure.
Kurzum, der Roman ist in der Konzeption nicht recht durchdacht und in der Ausführung schlicht und einfach mißglückt. Es versteht sich, daß sich auf dieser Grundlage über den literarischen Autor Wickert wenig Rühmendes sagen läßt.

J.Q. — 24. Nov. 2014

©J.Quack


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