Josef Quack

Erinnerung an Volker Bohn





Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen.

B. Brecht

Volker Bohn (1941-2014) gehört zu den Hochschullehrern aus Frankfurt, an die ich mich mit Dankbarkeit erinnere. Als ich ihn um 1970 kennenlernte, war er Assistent von Paul Stöcklein, der sich als Goethe-Forscher und Eichendorff-Spezialist einen Namen gemacht hatte. In seinem Seminar hatte ich ein paar Seiten über Wolfgang Koeppen geschrieben, die Stöcklein zwar gelesen, aber nicht besonders gut bewertet hatte — er kannte Koeppen überhaupt nicht, wie er freimütig zugab (cf. J.Q. Wolfgang Koeppen, Erzähler der Zeit). Auch Bohn hatte die Blätter gelesen und dann dafür gesorgt, daß die Note entschieden verbessert wurde. So kam ich in Verbindung mit ihm.
Als er wenige Jahre später selbst eine Professur erhalten hatte, wählte ich ihn neben Norbert Altenhofer als Gutachter für meine Dissertation über Karl Kraus, über dessen Form der Satire Bohn gerade eine Studie veröffentlicht hatte. Er sagte sofort zu, obwohl ich keine einzige seiner Vorlesungen besucht und an keinem seiner Seminare teilgenommen hatte. Er kannte mich nur aus ein paar privaten Gesprächen über Karl Kraus. So etwas nenne ich Großherzigkeit. Bei der Promotionskonferenz hat er sich dann wieder in seiner noblen Art für mich eingesetzt.
In wissenschaftlicher Hinsicht verdanke ich ihm ein paar literaturtheoretische Ideen, die ich in meiner Arbeit über Karl Kraus an einer entscheidenden Stelle der Argumentation gut verwerten konnte (cf. J.Q. Bemerkungen zum Sprachverständnis von Karl Kraus). Von den damaligen Frankfurter Germanisten war er meiner Einschätzung nach der theoretisch begabteste Kopf, und er nutzte, wie er gern erzählte, seine ungemein gefragte Tätigkeit als Prüfer, um bei den Prüfungen selbst etwas zu lernen. So ließ er sich einmal von einem Schüler Karl Otto Apels des langen und breiten den Kerngedanken von Apels eigenartiger Transzendentalphilosophie erklären.
Bohn muß ein überaus fähiger Lehrer gewesen sein, dem die Vorlesungen nicht die geringste Mühe bereiteten. Ihm genügten ein paar Stichworte auf einem Handzettel, um eine Doppelstunde über Gottfried Benn oder einen anderen Dichter zu reden. So konnte es auch nicht verwundern, daß er mit leichter Hand eine Fernsehserie über die Nachkriegsliteratur geschrieben und betreut hat. Seine germanistischen Aufsätze waren aber keineswegs leicht zu lesende Feuilletons, sondern nach allen terminologischen Regeln der Zunft aufgezäumte Abhandlungen.
Aus seiner konkreten wissenschaftlichen Arbeit teilte er einmal eine merkwürdige Beobachtung mit. Wenn er in eine Gedankenstockung geriet und nicht recht weiterwußte, dann las er seine eigenen Texte, um geistig wieder in Schwung zu kommen. Das Rezept scheint gewirkt zu haben, was wiederum beweist, daß seine besten Manuskripte, wie alle guten gelehrten Schriften, eine stimulierende Qualität hatten. Sie regten zumindest ihn selbst zum Schreiben an.
Über seine spätere Entwicklung als Literaturwissenschaftler kann ich nur wenig sagen, da ich in eigene Projekte vertieft war. Ich kenne aus dieser Zeit von ihm nur eine knappe Einleitung in einen Sammelband von Altenhofer (1993). In diesem Text spricht er äußerst konzentriert und durchaus zustimmend über die damals herrschenden Moden der Tiefenhermeneutik und der Intertextualität — was ich nur bedauern konnte. Denn daß es sich hier um fadenscheinige philologische Moden handelte, war nur zu offensichtlich. Aus dieser Einleitung war eine gewisse Verbitterung herauszuhören, ohne daß man aber sehen konnte, gegen welche Interpreten sich diese Abneigung eigentlich richtete. Es ist möglich, daß er diese Arbeit in einer schwachen Stunde, wie sie jeder mal erlebt, geschrieben hat.
Mir ist es ein Rätsel, wie ein Mann, der einst den Jargon der Dialektik so scharf verurteilt hat wie Bohn, später jenen obskuren Lehren das Wort reden konnte. Einst hatte er eine Behauptung in besagtem Jargon mit den Worten erledigt: "Das ist nicht dialektisch, sondern egal". Und nun soll er das terminologische Kauderwelsch jener Text- und Interpretationstheorien kritiklos hingenommen haben? Es ist schwer zu glauben.
Wie dem auch sei, es liegt etwas Tragisches darin, daß so kluge Vertreter der Germanistik wie Bohn und Altenhofer sich zumindest zeitweise von den fragwürdigsten Modetheorien ihres Fachs beeindrucken, wenn nicht sogar überwältigen ließen. Wie konnte es zu dieser Verirrung kommen? Ich vermute, daß sie zu sehr mit Pflichtarbeiten ihres Fachs beschäftigt und durch Verwaltungsaufgaben zu stark beansprucht waren, als daß sie ihren wissenschaftlichen Horizont begrifflich genauer hätten überprüfen können. Aus welchen Gründen auch immer kamen sie nicht dazu, die Fundamente ihres theoretischen Standpunkts kritisch zu untersuchen.
Am meisten schätzte ich an Bohn in den Jahren unseres Kontaktes seine freundliche Liberalität. Sie ermöglichte es ihm, dezidiert vertretene fremde Ansichten gelten zu lassen, auch wenn er ihnen nicht ganz zustimmen konnte. Warum ließ er sie dennoch gelten? Weil er gespürt haben muß, daß hinter diesen Ansichten eine unverächtliche intellektuelle Begabung stand. Er gehörte zweifellos zu den seltenen Lehrern, die die Begabung ihrer Schüler erkennen und ohne Mißgunst auch anerkennen konnten.
Während nicht wenige Professoren, als sie nach 1968 selbst auf einen Lehrstuhl gelangt waren, autoritärer und selbstherrlicher auftraten, als die alten Ordinarien es je waren, war Bohn völlig frei von derartigen Allüren, die mit der Zeit den ganzen Berufsstand in Verruf gebracht haben.
Schließlich sollte nicht vergessen werden, daß er ein witziger Kopf war. So veröffentlichte er einmal einen Aufsatz unter dem Pseudonym "Timpe", dem Namen seines früheren Hundes, von dem er gelegentlich träumte. Ein andermal schloß er einen gelehrten Aufsatz mit einem Dank für seinen Freund Olaf Hansen und Chivas Regal — eine Whisky-Marke, wie man weiß, was der Herausgeber oder der Lektor des Aufsatzes aber offenbar nicht wußte. In diesem Sinne: Auf das Andenken von Volker Bohn! Er hat es verdient.

J.Q. — 12. Dez. 2014

©J.Quack


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