Josef Quack

Nachschrift zu den "Lehrjahren"




Institutionen sind wie Festungen. Sie müssen nach einem guten Plan entworfen und von einer geeigneten Bemannung besetzt sein.

K. Popper

Ich bin noch immer überrascht von dem andauernden Echo, das meine Erinnerungen an die Schulzeit in St. Wendel und die Jahre in St. Augustin finden. Auch hat sich ein gutes Dutzend Leser gemeldet und mir seine Eindrücke geschildert, Korrekturen angebracht und Ergänzungen vorgeschlagen. Die Korrekturen habe ich dann auch hier auf der Website alle genau verzeichnet.
Bei diesen Meldungen ist mir aber dreierlei aufgefallen: Erstens galt die lebhafteste Aufmerksamkeit unseren Lehrern und Erziehern, den porträtierten Personen. Zweitens wurden prinzipielle Fragen der Bildung und Erziehung, philosophische oder theologische Probleme, die ich behandelt habe, nur von zwei, drei Lesern erwähnt, und drittens hat kein Leser auf die Textform, die literarische Gestalt der Erinnerungsfragmente geachtet, obwohl unter den Lesern auch Deutschlehrer waren — andererseits hat sich aber auch niemand beklagt, daß die Denkwürdigkeiten unverständlich geschrieben seien, was immerhin ein Trost für den Autor ist. Einige sagten, sie hätten den Text regelrecht verschlungen. Mehr will auch ich denn nicht zu den Formfragen hier sagen.
Insgesamt läßt sich feststellen, daß die Resonanz auf den Bericht über St. Wendel weitaus stärker ausgefallen ist als die Resonanz auf den Bericht über St. Augustin — was ja auch meiner Einschätzung der beiden Örtlichkeiten und Episoden durchaus entspricht. Hier ging es um das Leben auf einem vorzüglichen Gymnasium, einer Elite-Schule, dort um das Studium an einer eher kümmerlichen Hochschule mit einer wahrhaft erbarmungswürdigen Obrigkeit, zu welchem Erbarmen ich mich damals aber durchaus nicht verstehen konnte.

Der menschliche Faktor

Es ist verständlich und zutiefst menschlich, daß wir zuerst an die Personen denken, mit denen wir es zu tun hatten, wenn wir uns an zurückliegende Erlebnisse erinnern. In diesem Sinne habe ich die vorzüglichen Lehrer genannt, die uns auf das Abitur vorbereiteten, und einige Originale, die wir nicht vergessen haben. — Bestätigt wurde mir, daß das, was ich über das Internatsleben geschrieben habe, in anderen Häusern der Gesellschaft nicht viel anders war.
Dann muß man auch aus wissenschaftstheoretischer Sicht sagen, daß der menschliche Faktor entscheidend ist für die Qualität und den Bestand einer Institution. So schreibt Karl Popper, daß der menschliche Faktor „das letztlich ungewisse und unberechenbare Element im gesellschaftlichen Leben und in allen sozialen Institutionen ist“.
In dieser Hinsicht habe ich vielleicht doch zu wenig betont, daß wir damals einfach Glück hatten, daß uns gerade diese begabten und höchst motivierten Schulmänner unterrichtet haben: P. Werner, P. Stier, Ewald Bohn und Rudi Schumann, P. Benedikt Schmidt, P. Theodor, P. Zettelmeier. Daß sich dieses Team an diesem Ort und zu dieser Zeit zusammenfand, war reines Glück und dauerte nur wenige Jahre. Selbstverständlich waren auch für die Zustände und die weniger rühmliche Entwicklung von St. Augustin bestimmte Personen verantwortlich — hier handelte es sich aber doch, nehmt alles nur in allem, eher um eine negative Auslese von Akteuren, die ich klar genug beschrieben habe. Ich habe auch die rühmlichen Ausnahmen genannt.
Ich habe zudem eine Episode erwähnt, wo in unserem Kurs ein übertriebener Gemeinschaftsfimmel, eine ansatzweise totalitäre Gemeinschafts-Ideologie, sich durchsetzte, der ich mich entschieden widersetzt habe. Leider scheint diese Ideologie wenig später an Einfluß gewonnen zu haben, wurde doch ein Noviziatskurs nach St. Paul, einem kleinen abgelegenen Haus, verfrachtet, wo diese Neulinge ein Jahr lang, gleichsam in einem geschlossenen Raum, eine Art Gruppentherapie durchmachten, in meinen Augen der reinste Psychoterror, und ich frage mich, was das für Leute waren, die sich dieser Prozedur freiwillig unterwarfen. — Dagegen wunderte mich nicht, daß dem Verein allmählich der Nachwuchs ausblieb.

Der intellektuelle Aspekt

Gegenüber den handelnden, den gelobten oder geschmähten Personen fand der intellektuelle Aspekt der Lehrjahre weniger Beachtung. So wurde das Plädoyer, das ich in der Schulzeit in St. Wendel für die traditionelle humanistische Bildung, in Verbindung mit Mathematik und Physik, hielt, überhaupt nicht beachtet. Übersehen wurde auch, was ich im einzelnen über den Sinn der grammatischen Textanalyse und die Beziehung zwischen Zahlen und geometrischen Figuren andeutete.
Ich erkläre mir dieses merkwürdige Desinteresse damit, daß die meisten Menschen von Natur aus so gestrickt sind, daß nur den wenigsten die Gabe verliehen wurde, abstrakt zu denken. Das heißt, philosophisch denken zu können, ist eine natürliche Gabe und hat mit Schulbildung gar nichts zu tun. Ich habe darauf hingewiesen, daß alle, die diesen Berufswunsch hatten, ein Philosophiestudium absolvieren mußten, obwohl nur wenige dafür begabt sind. Ähnliches gilt auch für die Theologie; nicht wenige, die das Fach studierten, waren dafür überhaupt nicht begabt. Das ist das intellektuelle Dilemma, dessen Bedeutung man damals unterschätzt hatte, um das mindeste zu sagen.
Dies muß man auch berücksichtigen, wenn man fragt, warum der Bericht über das Philosophie- und Theologie-Studium in St. Augustin weniger Beachtung gefunden hat. Immerhin haben sich doch auch Stimmen gemeldet, die bekannten, daß P. Altehenger das Verhältnis von Wissenschaft und christlichem Glauben recht einsichtig erklärt und damit eine Weisheit für das Leben mitgeteilt habe. Auch scheint die theologische Vorlesung von P. Dumont für manchen Hörer solider, fördernder und ertragreicher gewesen zu sein, als ich sie eingeschätzt habe. Daß Dumont ein kompetenter Dozent war, habe ich ja nicht geleugnet.
Aufs ganze gesehen, kann ich aber nicht daran zweifeln, daß dort und damals ein geistiges Klima herrschte, das dem wissenschaftlichen Denken und überhaupt der intellektuellen Neugierde nicht gerade günstig war. Gewiß wurden ein paar seltene talentierte Figuren bestaunt, sprachbegabte Studierer dicker Bücher, doch wirklich geachtet und bewundert wurden tatkräftige Jungmissionare, so ein Neupriester mit Pilotenschein. Daß keiner von ihnen eine gute Predigt halten konnte, sagt genug über ihre Geistigkeit.
Bezeichnend ist zum Beispiel auch, daß kein Kollege zu finden war, mit dem man über philosophische Dinge hätte diskutieren können. Ich erinnere mich an ein einziges Gespräch mit einem jüngeren Kollegen über das Problem, ob die Selbstreflexion nicht zu einem unendlichen Regreß führen müßte. Dagegen war es unmöglich, mit einem Kursgenossen zu diskutieren, der sich auf Heidegger spezialisiert hatte und auf die wahrhaft verrückte Idee gekommen war, dessen Begriffe in das Diagramm eines Stammbaums anzuordnen, ein abwegiges Unterfangen und ein Beleg, daß der Jüngling damals von Heidegger wohl nichts verstanden hat.
Außerdem konnte man tatsächlich der naiven Meinung begegnen, daß ein Student, der sich für Kant interessiere, seinen Glauben verlieren würde. Vom Geist des Thomas, der jeden Artikel mit den radikalsten Einwänden des intellektuellen Gegners beginnt und auch die heute noch gängigen Argumente des Atheisten bespricht, hat diese schlichte Seele natürlich noch nie etwas gehört. Er war aber nicht der einzige Kleinmütige, der so dachte.
Was mein Interesse für die Gegenwartsphilosophie angeht, so war ich auf mich allein gestellt. Da ich jedoch manche Stunde in der Bibliothek verbrachte, war ich durch die Zeitschriften auf dem laufenden, so daß ich mir sofort die beiden bedeutendsten Werke des Jahrzehnts anschaffte: Wahrheit und Methode (1965) von Hans-Georg Gadamer und die Negative Dialektik (1966) von Theodor W. Adorno. Das Buch von Gadamer las und exzerpierte ich eifrig; später konnte ich dann einen Komilitonen in Frankfurt mit der hermeneutischen Philosophie bekanntmachen. Adornos Schrift ging mir viel schwerer ein; richtig durchschaut habe ich sie erst, als ich die Kritik seines Schülers Herbert Schnädelbach las, bei dem ich dann auch studierte. Die Erstausgabe von Adornos Buch hat übrigens inzwischen einen gewissen antiquarischen Wert, so daß sich die Anschaffung wenigstens materiell gelohnt hat.
Die spätere wissenschaftliche Entwicklung der Hochschule habe ich natürlich nicht mehr näher verfolgt. Doch habe ich in den letzten Jahren mehr oder weniger zufällig drei Beobachtungen gemacht, die mir symptomatisch für die wissenschaftliche Situation des Hauses und die vorherrschende Mentalität der Gesellschaft zu sein scheinen.
Man erzählte in den höchsten Tönen des Lobes von einem Pater in Manila, der sich tatkräftig um die Kinder und Jugendliche kümmert, die vom Müll und auf den Müllbergen der Stadt lebten. Ganz nebenbei stellte sich heraus, daß der Mann hauptberuflich Dozent für Philosophie ist. Offensichtlich hat der Mann nicht bedacht, daß er die karitative Tätigkeit besser anderen überlassen und er selber sich an der philosophischen Diskussion der Gegenwart beteiligen sollte, wo er den christlichen Standpunkt zur Geltung bringen könnte — was bitter nötig und höchst erwünscht wäre. Angesichts des Verhaltens des Mannes fürchte ich aber, daß er doch kein echter Philosoph ist.
Zweite Beobachtung. Vor wenigen Jahren erschien in einer einschlägigen Zeitschrift eine Studie über die westliche Einflußnahme auf China. In dieser Studie wurde das wichtigste Ereignis dieser Art vergessen: der Taiping-Aufstand (1850-1864), der von einem christlichen Fanatiker angeführt wurde, die gefährlichste Rebellion der neueren Zeit in China, wahrscheinlich der blutigste Bürgerkrieg der Weltgeschichte. Bemerkenswert ist zudem, daß auch die Redaktion diese Wissenslücke nicht bemerkt hat und wohl auch kein Leser — die Zeitschrift scheint keiner wissenschaftlichen Kritik zu unterliegen, die den Fehler des Autors hätte feststellen können. Kein Ruhmesblatt für die Hochschule. — Ihren Vertretern scheint unbekannt zu sein, daß eine wichtige, unerläßliche Aufgabe der Wissenschaft darin besteht, Fehler in ihren Forschungen aufzuspüren; ohne Fehlerkorrektur kann es natürlich keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben.
Über den Taiping-Aufstand hat notabene Erwin Wickert einen Roman geschrieben (cf. meine Besprechung), im SPIEGEL ist über das Ereignis vor nicht langer Zeit ein Essay erschienen und Henry Kissinger hat diese Rebellion in seinem China-Buch natürlich ausführlich analysiert. Heute sollte es zur Allgemeinbildung gehören, daß man dieses Ereignis kennt. Übrigens wird man die chinesische Innenpolitik bis auf den jetzigen Tag nicht verstehen, wenn man von jenem Aufstand nichts weiß.
Dritter Punkt. Die Hochschule hat das Recht, das theologische Lizentiat zu vergeben. Während ehedem aber nur Studenten dieses Examen ablegten, die später Dozent werden sollten oder werden wollten, ermunterte man nun alle möglichen Studenten, das Lizentiat zu machen, auch wenn es für ihren späteren Beruf einigermaßen nutzlos war. Der einzige Zweck war der Nachweis, daß die Hochschule wissenschaftlich rege ist, daß der Betrieb läuft, ein quantitatives Kriterium. Sapienti sat.
Vielleicht hätte ich in den Lehrjahren stärker herausarbeiten sollen, daß das intellektuelle Desinteresse, das für viele Insassen des Hauses eigentümlich war, ihre Gleichgültigkeit gegenüber existentiellen Grundsatzfragen, einer allgemeinen Tendenz der kirchlichen Entwicklung entsprach. Als ich hörte, daß ausgerechnet Anselm Grün, von dem Kurt Flasch so treffend sagt, er grase auf den Wiesen der Seelenkunde, die Rede zum hundertsten Jubiläum des Hauses hielt, wurde mein Verdacht in dieser Hinsicht bestätigt. Der Redner mag für alles mögliche stehen, aber doch nicht für ein ernstzunehmendes, rational vertretbares Christentum.
Von dem, was allein nottut, erzählt eine kleine Geschichte aus Amerika. Einst erhielt ein Prediger eine stattliche Summe guter Dollars, um eine Gemeinde zu gründen. Er baute also eine schöne moderne Kirche mit einem schönen, überaus funktionellen Gemeindezentrum. Was noch fehlte, waren die Gläubigen. Also veranstaltete er an einem Wochenende ein kleines Sportfest, es kamen nur ein paar Schaulustige. Am nächsten Wochenende ließ er einen spannenden Film vorführen, es kam wiederum nur eine Handvoll Neugieriger. Verzweifelt ging er zu dem Nachbarpfarrer, was er denn tun solle. Dieser meinte: Vielleicht versuchen Sie es mal mit der Religion.

P.S.

Wie ich hörte, soll ein Dozent von St. Augustin vor nicht langer Zeit einen Vortrag über die Auferstehung gehalten haben, in dem er die Auffassung vertreten habe, daß die Begegnung der biblischen Zeugen mit dem Auferstandenen eine Art persönliche Vision, ein bloß inneres Erlebnis, aber kein objektives, leibhaftiges Ereignis gewesen sei; daher sei auch das Grab nicht leer gewesen.
Dazu wäre zu sagen, daß diese Deutung dem Wort und dem Sinn der neutestamentlichen Texte offensichtlich widerspricht, und man kann dagegen das entscheidende Argument einiger Exegeten mit gesundem Menschenverstand vorbringen. Sie geben zu bedenken, daß die Verkündigung der Auferstehung für die Zeitgenossen in Jerusalem nicht nur unglaubwürdig, sondern einfach unmöglich gewesen wäre, wenn der Leib Jesu im Grab gelegen hätte. — Näheres und Weiteres darüber kann man in Ratzingers Jesus-Buch nachlesen (2011, II, 273ff.). Und wenn jener Dozent tatsächlich jene These vertreten hat — relata refero —, dann ist dies eine Bestätigung für Ratzingers Meinung: "Die deutsche Universitätstheologie ist sicher in einer Krise und braucht neue Köpfe, braucht neue Energien, braucht eine neue Intensität des Glaubens" (Letzte Gespräche mit Peter Seewald", 2016, 266).

J.Q. — 6. Aug. 2019, ergänzt 24. Jan. 2020

© J.Quack



Anton Quack über die "Schulzeit in St. Wendel"

Am 7. November 2004 schrieb mein Bruder über die "Schulzeit in St. Wendel", die jetzt den ersten Teil der "Lehrjahre" bildet, folgenden Brief. Er hat die Schule drei Jahre nach mir besucht. Später war er, wie in den "Lehrjahren" erwähnt, Ethnologe und Mitglied des Anthropos-Instituts in St. Augustin. Sein Brief lautet:

"Ich habe den Bericht, wie man verstehen kann, aufmerksam gelesen, nicht zuletzt die klaren und deutlichen Beurteilungen von Situationen und ihren Protagonisten. An manches und manche kann ich mich noch ganz gut erinnern, einiges war mir vollständig entschwunden, anderes war mir nie zu Bewußtsein gekommen. Auch für mich liegt diese Zeit schon gut 40 Jahre zurück und es war inzwischen auf manch anderer Hochzeit zu tanzen.
Übrigens war ich zum letzten Mal im August vor zwei Jahren in Sankt Wendel. Doch mehr als die Kirche, den Friedhof und die Buchhandlung haben wir nicht gesehen. Aus der Kommunität kenne ich kaum noch mehr als eine Handvoll Leute, abgesehen natürlich von den bekannten Helden auf der Altenabteilung."


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