Josef Quack

Über Religion, Gewalt und Toleranz

Rez.: Franz Kamphaus, Die Welt zusammenhalten. Reden gegen den Strom. Vorwort von H.G. Stobbe. Freiburg 2008.



Man übertreibt wohl wenig, wenn man behauptet, Franz Kamphaus, von 1982 bis 2007 Bischof von Limburg, sei einer der glaubwürdigsten Vertreter seiner Zunft in Deutschland. Wenn man sich jedoch seine Reden und Aufsätze, die 2008 unter dem arg erbaulichen Titel „Die Welt zusammenhalten“ erschienen sind, genauer anschaut, wird man feststellen müssen, daß es ihm trotz aller Mühe am Ende doch nicht gelungen ist, seinen Standpunkt, d.h. die christliche Option, angemessen zu erklären und in allem überzeugend darzustellen.
Das mag zum Teil an dem von ihm gewählten Genre der öffentlichen Rede liegen. Denn eine Ansprache dieser Art kann nun einmal subtile Gedanken oder schwierige Glaubenssätze nicht so ausführlich und sachgerecht erörtern, wie es nötig wäre. Reden sind ihrer Natur nach auf Oberflächlichkeit, rhetorische Eingängigkeit und begriffliche Vereinfachung angelegt. Daraus folgt, daß nicht jedes Thema für eine Rede geeignet ist, und ein kluger Redner zeichnet sich dadurch aus, daß er in öffentlicher Rede nur über solche Dinge spricht, die sich einfach und populär darstellen lassen. Dies aber ist bei den meisten spezifisch religiösen Gegenständen, über die Franz Kamphaus sich verbreitet, nun nicht der Fall.
Hinzukommt ein zeitlich-historischer Faktor, der diese Beiträge ein wenig entwertet. Inzwischen sind Ereignisse eingetreten, die Kamphaus nicht voraussehen konnte, die aber einige seiner Behauptungen überholt erscheinen lassen. Die Tatsache, daß im Nahen Osten ein mörderisches Kalifat entstanden ist, zeigt, daß Kamphaus in seinem interreligiösen Dialog die militante Seite des Islam doch ein wenig unterschätzt hat. Auch wurde sein Urteil über die moderne Kunst durch die jüngste Entwicklung des Kunstmarktes mit den exorbitant hohen Preisen für moderne Kunstwerke geradezu ad absurdum geführt. Er hat nämlich die von der modernen Kunst angestrebte Autonomie schlicht als gesellschaftliche Funktions- und Nutzlosigkeit gedeutet. Kamphaus hat den Warencharakter der Kunstwerke übersehen.
In den Reden dieses Bandes beschäftigt sich Kamphaus mit drei großen Fragekomplexen: der Beziehung zwischen Gewalt und Religion in Judentum, Christentum, Islam; den Folgen der Globalisierung für das katholische Christentum und schließlich beschäftigt er sich mit der sozialpolitischen Situation in dem Deutschland der letzten Jahre, die er aus der Sicht der katholischen Soziallehre beurteilt.
Was die geistige Situation der Zeit angeht, so hat er richtig beobachtet, daß sie nicht durch eine Rückkehr der Religion geprägt ist, wie uns das Feuilleton unisono einreden wollte, sondern im Gegenteil durch einen weit verbreiteten „religiösen Analphabetismus“ (cf. J.Q., Angst vor der Religion?). Vielfach bestätigen kann man auch die Befürchtung, daß die Kirche Gefahr läuft, in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit eines bloßen Vereins abzusinken. Kamphaus bemüht sich nun nach Kräften, die Ignoranz und Unbildung in Sachen Religion zu beseitigen.
Das ist ihm in einem Punkt unbestreitbar gelungen: Er hat den Begriff, den Umfang und die Grenze der Toleranz, auf die man im Nebeneinander der Religionen und Konfessionen nicht verzichten kann, recht plausibel beschrieben. Er erinnert daran, daß die Toleranz, insofern damit eine ethische Norm für soziales Verhalten gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen gemeint ist, ursprünglich eine christliche Idee ist. Gegen die multikulturelle Mode der weltanschaulichen Beliebigkeit verweist er auf das Wesen der Toleranz, die einschließt, daß man einen eigenen geistigen Standpunkt hat, der einen Menschen erst befähigt, gegenteilige Überzeugungen zu ertragen – auch, wenn man sie nicht billigen kann.
So richtet er denn auch in diesem Sinne einige diplomatisch formulierte Fragen an Vertreter des Islam, Fragen, die in Wirklichkeit nichts anderes als kritische Einwände sind. Er verweist auf die historische Tatsache, daß Mohammed nicht nur ein Religionsstifter, sondern auch ein glorreicher Feldherr war: „Der Islam ist eine kämpferische, wehrhafte Religion. Ist die Gewalt für ihn konstitutiv?“ Oder: „Ist das Konzept eines islamischen Staates für den Islam als Religion verzichtbar?“
Dann legt er den Finger auf den wunden Punkt, daß in der Türkei von Staats wegen die Menschenrechte vielfach mißachtet werden, insofern es dort keine Presse- und Meinungsfreiheit und für die Christen keine Religionsfreiheit gibt.
Kamphaus redet in dieser Sache unmißverständlich, aber doch diplomatisch zurückhaltend. Im Klartext müßte man sagen, daß es ein Ding der Unmöglichkeit, nichts anderes als ein Skandal ist, daß die Europäische Union Beitrittsverhandlungen mit einem Land führt, in dem die genannten Menschenrechte ständig verletzt werden – und dann wundert sich das politische Establishment bei uns, daß es Menschen gibt, die gegen diesen Skandal auf die Straße gehen. So etwas hat man in politisch wacheren Zeiten einmal außerparlamentarische Opposition genannt.
Der substantiellste Beitrag dieses Bandes ist jedoch der Aufsatz über „Mission und Toleranz“. Kamphaus macht darauf aufmerksam, daß das letzte Konzil zwar eine vernünftige, nämlich tolerante Stellung gegenüber anderen Religionen eingenommen hat, dabei aber eine ebenso wichtige wie heikle Frage nicht beantwortet hat: „Es hat die Spannung zwischen dem Respekt vor fremden religiösen Überzeugungen und dem klaren Auftrag, das Evangelium aller Welt zu bezeugen, theologisch nicht gelöst.“ Er fügt hinzu: „Es ist eine der großen Aufgaben der heutigen Theologie, Religionsfreiheit als Menschenrecht mit dem Auftrag zur Mission zusammenzudenken“. Eben diese Aufgabe sucht Kamphaus hier zu lösen: ohne Mission gäbe es überhaupt keine Christen.
Auf der anderen Seite ist es Kamphaus nicht immer gelungen, seine Position einsichtig zu machen. Er behauptet mit Recht, daß die Religion mehr sei als eine Ethik, er kann dann aber nicht angeben, worin das Wesen der Religion, womit er vor allem die Glaubensrichtungen des Judentums, des Christentums und des Islam meint, eigentlich besteht. Er erklärt etwa, Religion sei eine „Form kultureller Weltdeutung“, ohne daran zu denken, daß man dies auch von jeder Philosophie aussagen kann. Auch gelingt es ihm nicht, klar zu machen, worin nach christlicher Auffassung der Friede besteht. Er spricht von einem Frieden mit sich selbst und verweist dabei ausgerechnet auf den Nichtchristen Mahatma Gandhi als Vorbild für Gewaltfreiheit. Zudem bedenkt er nicht, daß auch ein Mensch, der keinerlei moralische Skrupel hat, durchaus mit sich in Frieden sein kann.
Auch behauptet er kategorisch, ohne die Aussage zu begründen: „Wenn die schlimmste Gefahr von der Fähigkeit ausgeht, durch Religion Menschen in lebende Bomben zu verwandeln, dann bedarf es der Religion, um sie zu entschärfen oder besser noch, gegen diese Mutation zu immunisieren.“ Man fragt sich verwundert, wie er z.B. islamistische Attentäter mit seiner „Seelsorge“ erreichen will.
Meines Erachtens berührt Kamphaus die Geschichte der religiös motivierten Gewalt im Judentum (im Alten Testament) und Christentum, den religiös bestimmten Antisemitismus, allzu kursorisch, und dann möchte man gerne wissen, ob er denn angesichts der unbestreitbar vorhandenen religiös begründeten Gewalt, der immer wieder aktuell gewordenen Verfolgung der Christen im Ernst einem bedingungslosen Pazifismus, d.h. dem Martyrium, als einziger Möglichkeit das Wort redet, wie es diese Sätze nahezulegen scheinen: „Legitime Formen, auf Angriffe gegen den Glauben zu reagieren, sind Argumente und Toleranz im Sinne des Ertragens. Wenn sie nichts ausrichten, dann wartet möglicherweise das Martyrium, sicher nicht der Heilige Krieg.“ Gerade dieses Thema eignet sich am wenigsten, in einer Rede abgehandelt zu werden.
Unerlaubt schlagwortartig und thesenhaft streift er auch das Kernproblem des christlichen Glaubens in Zeiten der Aufklärung und der rational eingestellten Moderne, das Verhältnis von Glauben und Vernunft (cf. J.Q., Zur Wahrheitsfrage bei Joseph Ratzinger.).
Das Mißlichste in diesen Reden eines sozial engagierten Kirchenmannes ist jedoch, daß es ihm nicht gelingt, überzeugend darzulegen, was im christlichen Sinne von der Armut zu halten ist. Er zitiert das Bibelwort: „Armen wird das Evangelium verkündet“ und kommentiert wenig erhellend: „Die Armen kommen jetzt zu ihrem Recht, sie sind Bürgerinnen und Bürger der Gottesherrschaft. Jesus vertröstet sie nicht auf spätere Zeiten jenseits von Welt und Geschichte. Er beginnt zeichenhaft mit dem, was kommen wird.“ Der Interpret unterläßt es hier, uns zu sagen, was denn das Paradox von einem bloß „zeichenhaften“ Beginn des diesseitigen Rechts, in das die Armen eingesetzt werden, eigentlich bedeutet.
Zu den sozialpolitischen Ausführungen des Autors möchte ich nur zweierlei anmerken. Er sucht eine soziale Lösung für die Widrigkeit, daß sich der Anteil von Löhnen und Gehältern am Volkseigentum seit Jahren zugunsten des Anteils verringert, der durch Vermögen erzielt wird. Diese Beobachtung scheint, soweit ich informiert bin, der These recht nahezukommen, die Thomas Piketty jüngst in seinem Bestseller über das Kapital im 21. Jahrhundert vertreten hat. Dann ist es nicht überflüssig zu erwähnen, daß Kamphaus den sozialen Abbau des Schröder-Fischer-Regimes unnachsichtig kritisiert hat. Vor allem hat er ein damals gängiges Vorurteil als politische Verblendung zurückgewiesen: „Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist so hoch, weil Arbeitsplätze fehlen, und nicht, weil sich Arbeitslose nicht genügend um eine Rückkehr ins Erwerbsleben bemühen.“
Schließlich verlangt es die Redlichkeit, auch den schwächsten Beitrag dieses Buches zu nennen: die Ausführungen von Kamphaus über moderne Kunst und christliche Religion. Es sind feuilletonistische, frei schweifende Gedanken über die gesellschaftliche Funktionslosigkeit von Kunst und Religion, die Schöpfung als absichtsloses Kunstwerk, was immer damit gemeint sein mag, und dergleichen mehr. Er scheint tatsächlich erfreut darüber zu sein, daß in den billigsten Phrasen des Kulturbetriebs, in den Klischeewörtern von „Kultfilm“, „Kultbuch“ oder „Kultstar“ der Begriff des Kultes vorkommt, was darauf verweise, daß der Begriff der Kultur mit dem Begriff des Kultes zusammenhänge. Man ist fassungslos, daß der Autor sich diese trivialste Gedankenlosigkeit zu eigen macht. Er gibt damit zu erkennen, daß er in den Vorurteilen einer intellektuell rückständigen Tradition befangen ist, die von authentischer Kunst herzlich wenig begriffen hat.
Um es mit Worten zu sagen, die ich einmal im Hinblick auf die Literatur gebraucht habe: Es ist entlarvend, wenn die an christlicher Literatur Interessierten jede Neuerscheinung, mag sie noch so kümmerlich sein, dankbar begrüßen, wenn sie nur religiös angehaucht ist – eine Gesinnungsethik im schlechten Sinn, aber mit langer Tradition (J.Q. Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert
, S.16f.). Es ist offensichtlich, daß Kamphaus zu dem Verständnis dessen, was das Wesen einer christlich bestimmten Kunst ausmacht, nicht vorgedrungen ist.

J.Q. — 2. Jan. 2015

©J.Quack


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