Josef Quack

Signalement eines Kirchenhistorikers




Ich unterscheide zwei Arten von Historikern: solche, die die Wasser der Geschichte klären, und solche, die sie trüben.

O.v. Bismarck

Die Theologen würden mich sehr anziehen, wenn ein ernsthafter Kampf möglich wäre. Aber sie würden sich doch wohl drücken, wie es Theologenart ist.

K. Jaspers

Das folgende ist die Porträtskizze eines zeitgenössischen Kirchenhistorikers. Da es mir hierbei aber um prinzipielle Dinge geht, tut sein Name nichts zur Sache. Seine wissenschaftliche bzw. pseudowissenschaftliche Eigenart beschreibend, zeichne ich den Typus des geistlichen Hochschulmannes, der für jede rationale Kritik blind und taub ist. Es ist der Typ des klerikalen Anti-Intellektuellen, der kleingeistig und kleinmütig jede geistige Auseinandersetzung scheut, nicht wissend, daß das intellektuelle Leben größtenteils im Streit der Meinungen besteht, in Kontroversen und Diskussionen gerade über jene Fragen, die uns unendlich interessieren, um mit Kierkegaard zu reden. Die Abwehr und Abstinenz von Kritik läßt sich übrigens auch an einschlägigen Zeitschriften beobachten.
Mir kommt es nun darauf an, die irrationale Einstellung des Typs, seine Abwehr aller vernünftigen Einwände und Vorbehalte gegen sich und sein Tun zu analysieren, und ich denke, daß diese Haltung einer der Gründe für den selbstverschuldeten Niedergang seiner Konfession ist. Denn es ist doch wohl klar, daß der elende Zustand dieser Institution heute nur dadurch zu erklären ist, daß sie unter einem exorbitanten Mangel an kritischem, vor allem selbstkritischem Bewußtsein leidet; d.h. sie hat jahrzehntelang jede kritische Prüfung ihres Verhaltens und ihrer mentalen Einstellung rigoros abgeblockt.
Es geht also um weit mehr als um die individuellen Schwächen eines einzelnen Missionsgeschichtlers, nämlich um die Beschreibung eines geistlichen Gelehrten-Typs und um ein Plädoyer für radikale Kritik in diesen Angelegenheiten.
Es besteht der Verdacht, daß er in all den Jahrzehnten seines Lehrens und Publizierens niemals einen aufmerksamen Leser, geschweige denn einen kritischen Leser seiner zahlreichen Schriften gefunden hat. Als ein Kritiker sich seine Schriften einmal genauer anschaute, wollte er davon nichts wissen.
Es ist mehr als ein Verdacht, sondern evident, daß er nicht weiß, daß der wissenschaftliche Fortschritt in dem Aufspüren von Fehlern, der Kritik und der Korrektur von Fehlern besteht.
Er kennt offenbar die Methode Thomas von Aquins nicht, die darin besteht, daß er seine These begründet, indem er sie gegen sachliche Einwände verteidigt, und es gibt keine rationale Aussage ohne mögliche Einwände, Gegenargumente oder Alternativen.
Er kennt nur die historische Schilderung, das Zitat aus Quellen und der Sekundärliteratur, nicht den logischen oder argumentativen Diskurs. D. h. er ist nahezu unfähig, logische Widersprüche oder systematische Inkonsequenzen in seinen Texten zu erkennen. Er verwechselt zitathafte Belege mit sachlichen Argumenten. Er ist recht eigentlich theorieblind.
Er ist auf der Stufe der Materialsammlung stehen geblieben – er ist nicht in der Lage, ein sinnvolles Fazit aus der Schilderung der Fakten, dem Zitat der Quellen zu ziehen. Ihm fehlt das Talent, historische Strömungen, Tendenzen, das Ergebnis bestimmter Ereignisfolgen zu erkennen und zu beschreiben. Er ist kein Meister historischer Urteile. Seine Einschätzungen und mageren Resümees verdienen den Namen nicht. Er hat keinen Sinn für die Unterscheidung, was historisch wichtig und was historisch unwichtig ist. Die Methode der Situationsanalyse ist ihm unbekannt.
Er ist offensichtlich blind für Ideen, abstrakte Gegenstände und geistige Tatbestände, für Aspekte und Probleme der Kultur- und Geistesgeschichte. Sein Blick erkennt allenfalls biographische Fakten und Zusammenhänge, organisatorische und institutionelle Gegebenheiten, sozialgeschichtliche Umstände, vorausgesetzt, sie sind schon schriftlich fixiert und beschrieben, durch Dokumente oder die Sekundärliteratur. So wird man denn historische Betrachtungen, wie sie ehedem Jacob Burckhardt, zu unserer Zeit Golo Mann oder Sebastian Haffner anstellten, bei ihm vergebens suchen; sie übersteigen seine Fähigkeiten.
Eine Folge des Umstands, daß seine Schriften niemals gründlich gelesen und beurteilt wurden, ist sein Glaube, er könne über alles schreiben, auch über Probleme, für die ihm die sachliche Kompetenz fehlt. Aktuelle Konflikte nimmt er durch die Brille der politischen Korrektheit wahr, was auf eine erbauliche Fälschung seiner Feststellungen oder eine frommen Lüge über das Wahrgenommene hinausläuft.
Überflüssig zu sagen, daß ihm jeder Sinn für gutes Deutsch oder gar sprachliche Eleganz abgeht, während man den echten Historiker doch daran erkennt, daß er auch ein Schriftsteller ist, der seinen Ehrgeiz darin erblickt, daß seine Darlegungen und Geschichten auch gut geschrieben und erzählt sind.
Soviel zu den formalen Mängeln seiner Arbeiten. Zur Thematik wäre natürlich eine ganze Menge mehr zu sagen – doch fehlt mir die Zeit und die Muße, seine Materialsammlungen durchzusehen. Solche Materialbeschreibungen wären übrigens zu einem guten Teil überflüssig, wenn die Briefe der führenden Personen der Missionsgeschichte publiziert wären.
Der Mann, dessen Arbeitsschwerpunkt die katholische Mission in China ist, bringt es fertig, kapitale Fehler zu machen, die selbst einem Laien in diesem Fachgebiet auffallen müssen.
In einem Bericht über die westlichen Einflüsse auf China im 19. Jahrhundert hat er das wichtigste Faktum vergessen: er hat es versäumt, den Taiping-Aufstand (1850-1864) zu erwähnen, der schätzungsweise 20 Millionen Menschen das Leben kostete – fast soviel wie der Erste Weltkrieg! Der Aufstand hatte einen christlich-ideologischen Hintergrund und er wurde von chinesischen Regierungstruppen mit englischer und französischer Hilfe niedergeschlagen. Man schüttelt den Kopf, wie ein Historiker Chinas dieses Ereignis, den blutigsten Bürgerkrieg der Weltgeschichte, übersehen konnte (cf. J.Q., Zu Kissingers China-Buch).
Ein anderes Defizit des Missionshistorikers besteht darin, daß er höchstwahrscheinlich nicht einmal geahnt hat, welcher Komplex geistig-kultureller Vorbehalte auf seiten der Chinesen der christlichen Mission entgegensteht. Da er zur eigenen Kultur keine Beziehung hat, ist er kaum in der Lage, eine so fremdartige Kultur wie die chinesische zu verstehen. Er schreibt über die Mission in einem Land, dessen Geschichte und Kultur er kaum kennt.
Schließlich braucht man wohl nicht des langen und breiten zu begründen, daß Gelehrte dieses Typs das Ansehen der Institution, der sie angehören und die sie repräsentieren, ganz gewiß nicht vermehren. Außerdem braucht nicht eigens nachgewiesen zu werden, daß es Historiker ohne Sinn für theoretische Überlegungen und ohne Begabung für das Ersinnen wissenschaftlicher Theorien auch in anderen Disziplinen gibt, zum Beispiel in der Literaturgeschichte. Sagt doch auch schon Lichtenberg sehr treffend: „Man muß Hypothesen und Theorien haben, um seine Kenntnisse zu organisieren, sonst bleibt alles bloßer Schutt, und solche Gelehrte gibt es in Menge.” Und sich gegen Kritik abzuschirmen, scheint ein antrainierter Reflex vieler Mitglieder der gelehrten Zunft zu sein.

J.Q. — 1. Juli 2017

©J.Quack


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