Josef Quack

Ungenügend — die revidierte Einheitsübersetzung der Bibel




Das Wort sie sollen lassen stan.

M. Luther

Die deutsche Einheitsübersetzung der Bibel, seit 1980 der offizielle Bibeltext der deutschsprachigen Amtskirchen, ist ein Dokument mangelnder sprachlicher Bildung, ungenügender linguistischer Kompetenz, geringer theologischer Einsicht und unerwünschter Bevormundung des Lesers. Die Exegeten und Übersetzer dieser Schrift haben keine Achtung vor der sprachlichen Tradition, sie haben keinen Sinn für literarische Qualität, dafür aber einen arg begrenzten geistigen Horizont und eine übermäßig ausgeprägte lehrerhafte Arroganz. Kurzum, die deutsche Einheitsübersetzung ist ein schlagender Beweis dafür, daß der rapide Niedergang der Kirche hierzulande selbst verschuldet ist (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S. 93ff.). Die trivialisierte Bibel der deutschen Amtskirche ist ein ebenbürtiges Pendant zur Albernheit der gewöhnlichen Predigt und der demonstrativen Unfeierlichkeit der üblichen Messe (cf. J.Q., Von der Albernheit zeitgenössischer Predigten, S. 93ff.).
Und daran hat auch die revidierte Fassung der Einheitsübersetzung wenig geändert, soweit es das Neue Testament angeht, auf das ich mich beschränke. Zwar wurden einige krasse Fehler verbessert, das Konzept und die Grundsätze der Übersetzung sind aber dieselben geblieben.
♦ Dem Zeitgeist sich anbiedernd, orientiert sich die Einheitsübersetzung an dem Deutsch der Alltagsrede, was darauf hinausläuft, daß sie das flachste, farbloseste, medial oder journalistisch korrumpierte und trivialisierte, oft geschwätzige Umgangsdeutsch der Jetztzeit verwendet. Im Grundsatz – so die Intention der Übersetzer – sollte der Text dieser Verdeutschung nur Wörter unseres aktiven Wortschatzes enthalten, also nur Wörter, Wendungen und Satzkonstruktionen, die wir selbst redend auch verwenden. Die Übersetzer haben nicht bedacht, daß unser passiver Wortschatz weitaus umfangreicher ist als unser aktiver Wortschatz, d.h. wir verstehen weitaus mehr Wörter, als wir selbst gebrauchen. Der Charme literarischer Texte besteht gerade darin, daß sie mit sprachlichen Formulierungen und Ausdrücken überraschen, an die wir selbst nicht gedacht haben, die wir aber sehr gut verstehen. Gerade die Bibel Luthers und seiner Nachfolger enthielt eine Überfülle deutscher Wendungen, eine Überfülle wohlgeformter Gedanken, die ein fester Bestandteil der Bildung geworden war. Dieses sprachliche Erbe hat die Einheitsübersetzung schlicht ignoriert. Soviel zu dem linguistischen Kardinalfehler der Einheitsübersetzung.
♦ Zweitens haben diese Übersetzer kein Organ für die sprachliche Eigenart des Urtextes des Neuen Testamentes, die nach Möglichkeit im Deutschen beachtet werden sollte. D.h. ein griechisches Wort des Urtextes sollte nach Möglichkeit im Deutschen immer mit demselben Wort wiedergegeben werden. Diese Regel, die zum Beispiel Martin Buber in seiner Übertragung der hebräischen Bibel genauestens befolgt hat, haben die Autoren der Einheitsübersetzung sträflich vernachlässigt, wie schon Joseph Ratzinger kritisiert hat. Er hat in seiner Jesus-Monographie, der bleibenden unverächtlichen Leistung seines Pontifikats, übrigens an mehreren Stellen explizit nachgewiesen, daß die Einheitsübersetzung für eine seriöse Bibellektüre nicht geeignet ist — ein vernichtendes Urteil des päpstlichen Kritikers, das aber, soweit ich sehe, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in der revidierten Fassung der Einheitsübersetzung nicht beachtet wurde.
♦ Der dritte und prima vista ärgerlichste Fehler dieser Übertragung besteht darin, daß sie in vielen Fällen keine wortgetreue Verdeutschung des Urtextes ist, sondern eine eher verfälschende als erhellende Paraphrase des authentischen Wortlauts. D.h. statt den oft dunklen und rätselhaften Wortlaut des griechischen Originals so wiederzugeben, daß der ursprüngliche Sinn erhalten und dem Urteil des Lesers überlassen bleibt, verdeutlicht und banalisiert die Übersetzung die originale Vorlage nach Maßgabe der Fassungskraft der Übersetzer. Eine unerträgliche Bevormundung des Lesers und ein schamloses Zeugnis für die Geistesarmut der Übersetzer.
Einer der dicksten Fehler wurde in der neuen Fassung der Einheitsübersetzung immerhin korrigiert. In der ersten Fassung hieß es im Stammbaum Jesu: „Abraham war der Vater von Isaak“ usw. — die Wortwahl unterschlug die Differenz von natürlicher vs. rechtlicher Vater, die für den Status Josephs entscheidend ist. In der neuen Fassung heißt es nun originalgetreu wie in allen anderen Übersetzungen: „Abraham zeugte den Isaak“ usw. (Mt 1,2ff.)
Verbessert wurde auch eine der törichtsten Paraphrasen der alten Einheitsübersetzung:
Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören? (Joh 6,60)
Nun heißt es originalgetreu und im Einklang mit der deutschen Überlieferung:
Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?
Gleichfalls berichtigt wurde die skandalös zu nennende Fassung der goldenen Regel:
Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! (Mt 7,12).
Die neue Fassung überträgt nun sinngetreu:
Alles, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!
Korrigiert wurde sodann auch eine nicht weniger stupide deutsche Formulierung aus der Bergpredigt. Früher hieß es im Jargon der Friedensbewegung:
Selig, die keine Gewalt anwenden.
Heute liest man wieder die bekannten und richtigen Worte:
Selig die Sanftmütigen (Mt 5,5).
Nicht verbessert wurde aber die abwegige Formulierung: „Selig, die arm sind vor Gott“, wo es wortgetreu heißen müßte: „die Armen im Geiste“ (Mt 5,3). Mit der falsch umschreibenden und interpretierenden Übertragung des griechischen Wortlauts, der gewiß nicht einfach zu verstehen ist, ging auch die bedeutsame religionshistorische Konnotation verloren, die mit dem Ausdruck „die Armen im Geiste“ verbunden ist. Dies war nämlich die Selbstbezeichnung der Frommen von Qumran, wie Ratzinger anmerkt.
Die Regel, daß ein griechisches Wort möglichst immer mit dem gleichen deutschen Wort wiedergegeben werden sollte, ist in der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland mehrfach ohne Grund verletzt worden. Damit wurde auch eine bezeichnende Eigenart der biblischen Rhetorik, der Parallelismus, der hier mehrfach vorkommt, schlicht unterschlagen. Die Weisen heißen übrigens nun „die Sterndeuter aus dem Osten“ — mißverständlicher und trivialer könnte die aktualisierte Formulierung kaum sein (Mt 2,1ff.)
Das Prinzip der gleichen Wortwahl im Griechischen und im Deutschen wurde, wiederum ohne jeden Grund, auch in der Geschichte der Versuchungen Jesu verletzt. Kürzinger übersetzt originalgetreu:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen. / Als der Teufel mit allen Versuchungen zu Ende war ...(Lk 4,12f.)
Die Einheitsversion lautet doppelt ungenau:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. / Nach diesen Versuchungen ...
Ungenau und überdies blasser als das Original ist der Ausdruck der Einheitsbibel:
... der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab. (Lk 3,22)
Kürzinger hält sich engstens an das Original:
... der Heilige Geist kam in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn herab.
Keine richtige Übersetzung, sondern eine reine Paraphrase ist die folgende Stelle des Einheitsbuches:
Das Kind ... lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem es seinen Auftrag für Israel erhielt. (Lk 1,80)
Kürzinger gibt wiederum den Urtext richtig wieder:
... und lebte in der Wüste bis zum Tage seines Auftretens vor Israel.
Die offizielle deutsche Bibel der Jetztzeit mißachtet an vielen Stellen die Prägnanz und die Stilhöhe der originalen Heiligen Schrift. Wo es kurz und präzis heißt:
Mir geschehe nach deinem Worte! (Lk 1,38)
redet die Einheitsbibel in üblichem Alltagsdeutsch:
Mir geschehe, wie du es gesagt hast.
Das ist eine Übernahme von Luther, der denn doch noch um ein entscheidende Nuance konziser formuliert:
Mir geschehe, wie du gesagt hast.
Doch ist diese Anleihe keine Entschuldigung, da die Einheitsübersetzung Luther nur da zu folgen scheint, wo er der jetztzeitlichen Verdeutschungs-Doktrin entgegenkommt. Ein anderes Beispiel, wo im Original die gehobene Sprache verwendet wird:
Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist (Lk 2,49 nach der Keppllerbibel), und, wo die Einheitsübersetzung gewöhnliches Umgangsdeutsch bevorzugt:
... was meinem Vater gehört.
So zurückhaltend Ratzinger in seiner Kritik der Einheitsübersetzung auch war, er mußte doch den Kopf darüber schütteln, daß das Erschrecken in Mt 7,28 mit der damals modischen Betroffenheit übersetzt wurde. Die neue Fassung schreibt nun:
die Menge war voll Staunen über seine Lehre,
was der lateinischen Vulgata entspricht. Dem griechischen Urtext dürfte Luthers Version am nächsten kommen:
... entsetzte sich das Volk über seine Lehre.
Unverändert falsch ist in der Einheitsübersetzung der Vers, der orginalgetreu sprichwörtlich geworden war:
Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse (1 Kor 13,12).
Das Original am getreuesten hat die alte Stuttgarter Kepplerbibel (1936) wiedergegeben:
Jetzt sehen wir wie durch einen Spiegel in Rätseln.
In der Einheitsübersetzung lautet eine Formulierung von Eph 2,2, eine Lesart des Urtextes wiedergebend: „wie es der Art dieser Welt entspricht“. Einer anderen Lesart des Originals folgend, sprach man seit Luther früher vom „Lauf dieser Welt“, eine geläufige Wendung des Deutschen, die doch wohl eine Anmerkung verdient hätte.
Die eigensinnige Fehlerhaftigkeit der Einheitsübersetzung ist in dem folgenden symptomatischen Beispiel zusammengefaßt. In der Geschichte der Emmaus-Jünger liest man tatsächlich im übelsten Alltags- und Zeitungsdeutsch:
Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet?“ (Lk 24,17)
Der griechische Urtext läßt sich fast Wort für Wort genau ins Deutsche übertragen:
Was sind das für Worte (οι λογοι), die ihr dahinwandernd miteinander wechselt?
Sinngenau ist auch die Verdeutschung der immer zuverlässigen Kepplerbibel:
Was sind das für Reden, die ihr miteinander auf dem Weg führt?
Ähnlich wortgetreu lautet auch die Übersetzung des alten Schott-Meßbuches, dessen Bibeldeutsch ganz gewiß der Einheitsübersetzung in allen Fällen an Textreue und Sprachkultur weit überlegen war. Das griechische Wort für dahinwandern (περιπατειν) hat nach dem Wörterbuch von Pape den Sinn: "herumspazieren und dabei über philosophische Gegenstände sprechen". Das Wort erinnert also an die philosophischen Peripatetiker, und man kann durchaus vermuten, daß Lukas dies gewußt und das Wort absichtlich gewählt hat. Schott übersetzt also:
Was sind das für Reden, die ihr dahinwandernd miteinander führt?
„Reden“ ist hier die Übersetzung von οι λογοι (die Worte), und Logos ist bekanntlich einer der Zentralbegriffe des Neuen Testamentes und des christlichen Denkens überhaupt. In der Einheitsübersetzung wird dieser Begriff mit „Dinge“ wiedergegeben, die banalste Wortwahl, die man sich denken kann, und den geistigen Status dieses amtskirchlichen Unternehmens treffend bezeichnend.
Als ich diese Stelle las, hatte ich genug von der neuen Einheitsübersetzung, die von einem Verlag tatsächlich als authentische Fassung der Bibel angepriesen wird, eine Schwindelreklame, wie sie kaum zu überbieten ist. Die neue Einheitsfassung aber hat wiederum den Eindruck bestätigt, daß die Vertreter der Institution, die die Übersetzung autorisiert hat, nur in einem beschränkten Maße fähig sind, Fehler zu erkennen und aus Kritik zu lernen. Und der eigentliche Skandal besteht darin, daß nahezu vierzig Jahre vergehen mußten, bis man überhaupt an eine Verbesserung der Einheitsbibel dachte, und diese ist dann auch noch völlig ungenügend ausgefallen.
Die verbesserte Einheitsübersetzung ist bei weitem noch nicht von der Art, daß ich das eingangs abgegebene Urteil revidieren müßte.

J.Q. — 24. Okt. 2017

©J.Quack


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