Josef Quack

Über die Macht des menschlichen Blickes:
Die Hand, Roman von Georges Simenon





Es ist das Gütezeichen von Simenon als Romancier, daß seine Romane den Leser von der ersten Zeile an fesseln, ihn gleichsam in das Geschehen hineinversetzen. Man hat den Eindruck, wirkliche Ereignisse mitzuerleben. Gemeint ist seine unübertroffene Kunst der anschaulichen, realistischen Vergegenwärtigung. Dafür ist der Roman mit dem seltsamen Namen La main (Paris 1979, geschrieben 1968; dt. Die Hand) ein Musterbeispiel. Sein erstes Kapitel ist eines der atmosphärisch dichtesten Kapitel, die Simenon je geschrieben hat.

Was den Titel angeht, so stellt sich im Verlauf der Handlung heraus, daß die Hand ein Symbol für das erotische Verlangen ist. Damit wird ein Thema des Romans genannt und zugleich angedeutet, daß dieser Aspekt recht diskret dargestellt wird. Ursprünglich sollte der Roman den dreitaktigen Titel haben: „The Man on the Bench in the Barn“ (Der Mann auf der Bank in der Scheune); da er jedoch im Französischen nicht die gleichen Bilder hervorruft wie im Englischen, wählte Simenon „La main“, ohne damit ganz zufrieden zu sein (Intime Memoiren 1982, 800).

Es handelt sich nämlich um einen amerikanischen Roman mit typisch amerikanischen Personen und einer typisch amerikanischen Landschaft, einem Städtchen in Connecticut, dem Nordosten Amerikas mit einem extrem rauhen Winterklima. Die Geschichte beginnt mit einer winterlichen Naturkatastrophe, die ein menschliches Unglück zur Folge hat, und im weiteren geht es darum, wie die beteiligten Personen mit dieser Situation und ihren Auswirkungen fertig werden. Daß der Roman mit einer Katastrophe beginnt, kommt im Werk Simenons selten vor, so etwa in Les complices, die mit La main auch thematisch einiges gemeinsam haben: in beiden Romanen geht es um eine ähnliche Paarbeziehung (cf. J.Q., Über Simenons traurige Geschichten, S. 42ff.).

An einem Samstagabend, dem 15. Januar, fährt Donald Dodd, 45 Jahre alt, Rechtsanwalt in Brentwood, mit seiner Frau Isabel und seinen Freunden Ray und Mona Sanders zu einem prominenten Empfang, bei dem hauptsächlich viel getrunken wird. Als sie spät abends heimfahren, geraten sie in einen schweren Schneesturm, sie kommen mühsam bis einige hundert Meter vor ihr Haus, wo das Auto in einer Schneemauer steckenbleibt. Sie kämpfen sich bis zur Wohnung durch, das Frauenpaar Arm in Arm voraus, Donald mit einer schwachen Taschenlampe hinterher, neben ihm Ray. Die Frauen und Donald gelangen endlich sich vorwärts tastend zur Haustür, Ray bleibt zurück. Wegen des tosenden Sturms ist jedes Rufen vergebens.

Donald nimmt eine kleine Taschenlampe und macht sich auf die Suche nach Ray, doch biegt er nach wenigen Schritten erschöpft, mit Atem- und Herzbeschwerden, ab und setzt sich in der alten Scheune auf eine Gartenbank, Zigarette um Zigarette rauchend: „Ich war körperlich erschöpft und ich glaube hinzufügen zu können, daß ich es auch moralisch war. Dieser ungeheure Sturm, diese Entfesselung der Welt, die mich gerade noch bis zu einer nervösen Heiterkeit erregt hatte, erschreckte mich plötzlich.“ (S.29)

Er ist sich bewußt, daß er wegen unterlassener Hilfeleistung Ray gewissermaßen tötet, und was entscheidender ist, er wünscht ihm den Tod, weil er ihn wegen seines beruflichen und gesellschaftlichen Erfolgs als Teilhaber einer Werbeagentur, wegen seines überlegenen Verhaltens, geradezu haßt.

Schließlich kehrt er unverrichteter Dinge ins Haus zurück. Da der Strom und damit auch die Heizung ausgefallen ist, kampieren Donald, seine Frau und Mona auf Matratzen vor dem Kamin. Am Montag kommen Bagger und räumen den Schnee weg. Man findet Ray tot und mit gebrochenem Bein am Fuß eines Abhangs in der Nähe des Hauses. Die Polizei bucht den Tod als Unfall ab, nachdem sie bei der Untersuchung vor allem die Trinkgewohnheit der Beteiligten erforscht hat.

Nach der Beerdigung regelt Donald den Nachlaß Rays und die Erbangelegenheiten Monas in New York. Es entwickelt sich eine leidenschaftliche, aber unromantische Beziehung zwischen Mona und Donald, die mit Liebe nichts zu tun hat: „Wir vereinigen uns, weil es uns beruhigt, uns Haut an Haut zu fühlen, im gleichen Rhythmus zu leben. Das ist noch das Nächste, bis zu dem man, in der Vereinigung zweier Wesen, gehen kann (C‘est encore le plus près, dans l‘union de deux êtres, qu‘on puisse aller.)“ (S.197) Es ist bezeichnend, daß er hinzufügt, in der Beziehung eine gewisse Traurigkeit zu empfinden, die in leichte Bitterkeit übergeht (S.162). Diese Andeutungen dürften genügen, um Donalds Verhältnis zu Mona zu charakterisieren.

Doch wird über dieses Verhältnis in dem traditionell puritanisch geprägten Milieu der amerikanischen Kleinstadt und Umgebung abfällig geredet. Isabel scheint die Affäre zu ahnen, wie sie denn auch Donalds Rückzug in die Scheune während der Nacht des Sturms entdeckt und die Spuren seines Aufenthalts stillschweigend beseitigt hat.

Die Stunde, die Donald damals auf der Bank verbrachte, hat eine Wende in seinem ganzen Verhalten zur Folge, machte er doch eine Inventur seines Lebens, in der Absicht, bis zum Ende zu gehen. Er faßt den Vorsatz, eine andere Haltung einzunehmen und nicht mehr wie bisher der verbindliche Pfadfinder zu sein, sondern selbst über sein Verhalten zu entscheiden. Er muß aber von Mona hören, daß er eine völlig falsche Meinung von Ray hatte, der vielmehr ihn wegen seiner angeblichen Stärke bewundert und selbst aus Lebensüberdruß sogar an Selbstmord gedacht hatte. Daß er Ray falsch eingeschätzt und ihn also eigentlich grundlos gehaßt hat, ist nicht die geringste Desillusion, die Donald einsehen und ertragen muß.

Ein weiteres Thema des Romans, das sich schließlich als das Hauptthema herausstellt, ist das Verhalten Isabels gegenüber Donald, den sie mit einem eigenartigen Blick verfolgt, alles verstehend, nichts ausdrücklich tadelnd, aber ihn durchschauend und offensichtlich verurteilend. Sie richtet ihn und verhält sich übrigens ganz anders als Maigret, der die Menschen verstehen, aber nicht richten will.

Die Art und Weise ihres Blickes, mit dem sie ihn beobachtet, wird zu einer Lebensrealität, die Donald über die Maßen irritiert. Damit ist ein Motiv verwandt, das Simenon in mehreren Romanen dargestellt und überdacht hat, das aspektreiche Motiv des Zeugen (cf. J.Q., l.c. 37ff.). Er hatte Isabel ursprünglich als wohlwollenden Zeugen seines Lebens gewählt, der ihm bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein (S. 75). Diese Einstellung aber hat sich in jener Nacht auf der Bank radikal geändert, womit auch sein Haß beginnt.

So wird denn der Roman zu einer großartigen Schilderung des menschlichen Blicks, seiner Variation und seiner Bedeutung in verschiedenen Situationen. Der Erzähler registriert zum Beispiel, daß man sich in unterhaltsamer Gesellschaft kaum direkt in die Augen schaut, daß vielmehr ein direkter Blick eine besondere Bedeutung hat und zum Nachdenken über den Grund des Blickes anregt. Er fragt, was die Blicke zufälliger Passanten bedeuten und beobachtet seinerseits den auf ihn gerichteten Blick seiner Frau. Er gelangt zu der Erkenntnis, daß sie sozusagen die Bedrückung seines ganzen Lebens (l‘étouffement de toute ma vie) repräsentiert (S.212), und er wirft ihr vor, daß sie es liebt, „in der Seele des Anderen zu wühlen, besonders in der meinen“ (S.236).

Wie in dem grundsätzlichen Meinungswandel, der Desillusion Donalds, so zeigt sich besonders in der Beschreibung der Blicke Isabels die immer wieder überraschende Menschenkenntnis Simenons. Man fühlt sich bei diesem Thema unwillkürlich an das berühmte Kapitel über den Blick in Sartres Buch über Das Sein und das Nichts erinnert. Sartre hat darauf aufmerksam gemacht, daß wir durch den Blick des Anderen in unserem Seinsverständnis tangiert werden. Im Erblickt-werden erleben wir die Entfremdung von unseren Möglichkeiten. Der Blick des Anderen wird als Bedrohung der existentiellen Freiheit empfunden. Er erweckt in dem Erblickten oft Scham und Angst (Das Sein und das Nichts, 1980, 362ff.).

Das ist genau die Situation des Erzählers, doch erlebt er diese Situation nicht nur, sondern er erkennt sie auch, er erfaßt ihre Bedeutung und sieht sich geradezu gezwungen, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Pierre Assouline wundert sich, daß Donald für Simenons Verhältnisse schließlich ungewöhnlich grausam handelt. Er sieht nicht, daß diese Besonderheit der Tat daher kommt, daß die Tat eine Reaktion auf die Kraft des Blickes von Isabel ist, den Donald als zutiefst verletzend empfindet (Assouline, Simenon 1992, 810).

Man kann also La main als eine dramatische, allgemeinverständliche Illustration der von Sartre vorgenommenen Phänomenologie des Blickes lesen und der Roman hätte mit mehr Recht auch „Der Blick“ heißen können. — Diese geistige Verwandtschaft belegt übrigens ein weiteres Mal, daß Simenon zur Literatur des Existentialismus gehört.

Erzählt wird der Roman übrigens von Donald selbst, und diese enge Perspektive des Augenzeugen und Täters, in der das Erlebte erscheint und präsentiert wird, trägt zur Spannung des Geschehens nicht wenig bei. Donald betrachtet seinen Bericht aber ausdrücklich nicht als ein Plädoyer, das sein Verhalten entschuldigen soll, womit er zu verstehen gibt, daß der ganze Roman vielmehr eine Rechenschaft über sein Leben, eine bis auf den Grund gehende moralische Inventur seines Daseins sein soll (S. 243). Man spürt aber auch, daß Simenon von Verhältnissen, klimatischen Bedingungen, winterlichen Gefahren und Strapazen berichtet, die er aus eigener Erfahrung in Amerika kennt. Dies macht die unaufdringliche Authentizität des Romans aus. Während einer nächtlichen Fahrt hatte er selbst einen Blizzard erlebt, aber zum Glück ein kleines Hotel gefunden, wo er übernachten konnte (Intime Memoiren S.487).

Man begegnet auch in diesem amerikanischen Roman wieder der unausrottbaren puritanischen Scham, die die Bewohner des reichen Landes bis zum heutigen Tag jedesmal empfinden, wenn sie „gebrannte Flüssigkeiten“ zu sich nehmen, um mit J.F. Cooper zu reden.

Was aber die Einfachheit des Erzählens angeht, so ist sie dem geistigen Niveau des Anwalts, der ja kein gewandter Romancier ist, durchaus angemessen. Man sollte aber wissen, daß die sogenannten einfachen Leute keineswegs einfach erzählen; daß das einfache Erzählen vielmehr das Ergebnis einer nicht geringen Kunstanstrengung des Autors ist.

Ein faszinierender, beklemmender Roman über eine seelisch-moralische Tragödie, die durch eine extreme Naturkatastrophe ausgelöst wird; die rücksichtslose Selbstanalyse eines Mannes, der sich gezwungen sieht, ein Verbrechen zu begehen. Man man so will, beschreibt Simenon hier einen von ihm und seinem alter ego, Maigret, öfter diskutierten Fall, wo man fragen muß, ob das Opfer nicht auch eine gewisse Schuld an dem Verbrechen hat. Dies ist jedenfalls die Meinung des Ich-Erzählers, die es aber zu hinterfragen gilt.

Da es sich um eine Geschichte handelt, die der Held selbst erzählt, stellt sich nämlich sofort das Problem, ob sie glaubwürdig ist (cf. Fr. Stanzel, Theorie des Erzählens 1989, 122f.) . Diese Frage stellt sich bei einem auktorialen oder personalen Erzähler bekanntlich niemals, da diese Erzählungsarten definitionsgemäß, d.h. per se, immer wahrhaftig oder verläßlich sind. Dies ist jedoch bei einer Ich-Erzählung nicht der Fall, da deren Glaubwürdigkeit nicht vorausgesetzt werden kann, so daß der Leser diese Frage jedesmal selbst beantworten muß. Daß aber dieser Roman auch an die Mitarbeit und das Urteil des Lesers appelliert, macht nicht den geringsten seiner Reize aus.

J.Q. — 29. Aug. 2020

©J.Quack


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