Josef Quack

Abstimmung über Ein weites Feld

Wie der Roman beim Erscheinen besprochen wurde

Günter Grass, Ein weites Feld. Roman. Göttingen 1995.




Sie sagen: das mutet mich nicht an!
Und meinen, sie hätten's abgetan.

J.W. Goethe

Vorbemerkung (2010)

Nach meiner Ansicht ist Ein weites Feld (1995) das letzte erzählerische Werk des Autors von größerer Bedeutung. Den Schriften, die er später herausbrachte, fehlt offenkundig die literarische Inspiration (Cf. J.Q. Übertreibungen). Das Erstaunliche an dem Weiten Feld ist aber, daß es ein großer Wurf ist — trotz der politischen Einstellung des Autors, die man wohl nur als töricht bezeichnen kann. Als der Roman erschien, wurde er von den tonangebenden Rezensenten in seltener Einmütigkeit verrissen. Mein Vorwurf war, daß diese Buchbesprecher die beschriebene Differenz des Werkes nicht gesehen haben, sie also unfähig waren, den Roman objektiv zu beurteilen. Was sie schrieben, kam einer Abdankung der Literaturkritik gleich. Um dies nachzuweisen, habe ich den folgenden Artikel verfaßt.
Heute liest sich der Roman insofern ein wenig anders, als ihm eine historische Dimension hinzugewachsen ist, die uns damals nicht auffiel, weil wir sie für selbstverständlich hielten. Der Roman beschreibt das öffentliche, soziale und politische Klima der Wendezeit, die alltäglichen Schwierigkeiten der Wiedervereinigung, die kleinen Hoffnungen, Beschwerden und Enttäuschungen — viele Dinge, Akteure, Slogans, Anspielungen und Parolen, die damals allbekannt waren, heute aber vergessen sind. Darin liegt die bleibende Bedeutung des Buches, sein Erinnerungswert. Amüsant bleibt natürlich auch das Doppelporträt Fontanes und seines ihn rezitierenden und kopierenden Vortragsreisenden aus der DDR, diese Parallele dient dann als Aufhänger, die DDR als eine eher mißglückte als gelungene Kopie Preußens darzustellen. In der Vergegenwärtigung des historisch gewordenen Alltags der Wendejahre liegt der besondere Charme des Buches, das zweifellos einer der wichtigsten deutschen Romane der neunziger Jahre ist. Das ist leicht gesagt, da es sonst kaum nennenswerte Romane gegeben hat.

Abstimmung (1995)

Die Literaturkritik läßt sich als Institution nur rechtfertigen, wenn ihre Vielstimmigkeit und Pluralität in jedem Fall gewährleistet ist. Ein Meinungsmonopol, eine ideologische oder organisatorische Gleichschaltung des Rezensionswesens würde dem Sinn einer rationalen Kritik widersprechen und eine lebendige Literatur wahrscheinlich bald zum Verstummen bringen. Was aber, wenn die meinungsbildenden Organe, zufällig oder nicht, einmal ein Buch einstimmig verurteilen? Wäre das ein Beweis, daß das Buch wirklich schlecht ist, oder könnte es sein, daß sich die renommierten Kunstrichter en masse geirrt haben?
Nehmen wir den letzten Roman von Grass, über den eine Reihe der führenden Literaturblätter nicht nur in ihrem negativen Urteil, sondern auch, was wirklich verblüffend ist, teilweise in ihren Begründungen einig waren. Diese Argumente aber sind einigermaßen fadenscheinig und bar jeder erzähltheoretischen Einsicht, so daß man nur noch betrübt das Gesicht von diesem Unwesen abwenden kann.
Man trifft zunächst auf die Koinzidenz, daß Ein weites Feld dieselbe Wirkung hervorrief wie Vor dem Sturm, über dessen Erstpublikation Helmuth Nürnberger schreibt: "Bei den Lesern von 'Daheim', wo der Vorabdruck erschienen war, erzielte Fontane einen Effekt, der selten vorkommt: Beleidigung des sittlichen Empfindens zusammen mit Langeweile. Aufs Ganze gesehen standen die Zeitgenossen Fontanes dem Stoff noch zu nah, um Geduld für die Schönheit der Einzelschilderungen haben zu können." Wenn man an die Stelle von 'sittlichem Empfinden' 'politischen Konsens' setzt, hat man die merkwürdige Kombination des Effekts, den Grass' Roman verursachte. Und man ist frappiert, wie gedankenlos die Kritiker en famille von Langeweile sprechen, ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß die Ursache der Langeweile bei ihnen selbst liegen könnte. Sie haben niemals gelernt, zwischen einer subjektiven und einer objektiven Langeweiligkeit zu unterscheiden. Ein Thema, das sie nicht interessiert, halten sie für einen Gegenstand, der an und für sich langweilig ist. Weil diese Differenz nicht beachtet wird, kommt es so oft zu subjektivistischen Fehlschlüssen der folgenden Art: a ist ein Werk des Autors x. a entspricht nicht der Erwartung, dem Geschmack, der geistigen Kapazität des Kritikers y. Also ist a ein schlechtes Werk oder als künstlerisches Werk mißlungen.
Der Vorwurf, daß das Buch unlesbar und langweilig sei, sagt zunächst etwas über die Einstellung des Kritikers aus. Es ist einfach trivial, daß ein dickleibiger Roman für Liebhaber poetischer Kurzwaren ein harter Brocken und ungenießbar sein muß. Hinzukommt, daß sich die Rezensenten der ersten Stunde bereitwillig dem Diktat des Marktes unterworfen haben. Wer sich an dem Wettlauf um die ersten Plätze der Besprechungen beteiligt, braucht sich nicht zu wundern, daß er mit einem Werk seine Probleme hat, das sich durch seine mikrologische Beschreibungskunst, seine fragmentierte Gesprächsstruktur, seine alexandrinische Anspielungs- und Zitattechnik einer eiligen und flüchtigen Lektüre nach Kräften und mit Absicht widersetzt. Ein weites Feld läßt sich in der Tat nicht auf einen Sitz durchlesen, so wenig wie dies bei Winterspelt, der Ästhetik des Widerstands oder den Jahrestagen möglich war. Wie die meisten ambitionierten Werke der Gattung stellt auch dieser Roman die höchsten Ansprüche an den Leser. Joyce hat einmal gesagt: "Die Forderung, die ich an meine Leser stelle, ist, daß sie ihr ganzes Leben der Lektüre meiner Werke widmen sollen." Grass geht nicht ganz so weit Joyce oder Arno Schmidt, doch erhebt auch sein Buch unerbittlich die Forderung, daß man viel Zeit und Muße mitbringen soll; sein Text ist nun einmal so gefügt, daß er sich nur kapitelweise aneignen läßt. Nur wenn man eine zugleich entspannte und hellwache Haltung einnimmt, wird man dieses amüsante und gescheite Buch, das ein Lob auf die skeptische Gelassenheit ist, in seiner Eigenart erfassen können. Grass hat nun einmal die "Gabe der Breite", und dem hat sich der Leser anzubequemen.
Ein zweiter Einwand, der mehrfach geäußert wurde, lautet: Der Text sei nicht anschaulich. Wiederum macht man eine Voraussetzung, die alles andere als selbstverständlich ist. Man erhebt eine ästhetische Norm, die allenfalls dem Konzept des realistischen Romans angemessen ist, zu einem poetologischen Dogma und glaubt mit diesem Maßstab ein Werk bewerten zu können, das mit reflexiven und essayistischen Elementen vielfach durchsetzt ist. Im übrigen ist Anschaulichkeit ein mehrdeutiges Prädikat. In einem engeren Sinn bedeutet es die plastische, realistische, lebendige Menschendarstellung einer Erzählung; in einem weiteren Sinn ist damit die visuelle, optische Qualität einer Prosa gemeint und, allgemeiner gefaßt, kann es den Inbegriff der sinnlichen Eigenschaft einer Diktion bedeuten, also die rhythmischen Qualitäten und die melodischen oder lautlichen Eigenschaften der literarischen Rede. Welche Bedeutung man aber seinem Urteil zugundelegt, für alle Sinnuancen lassen sich Textbeispiele zuhauf anführen, die die Sinnlichkeit des Werkes belegen. Man findet fast auf jeder Seite Beschreibungssequenzen von knappster und treffendster Genauigkeit, zahlreiche Bild- und Photobeschreibungen, zeichnerische Vergegenwärtigungen, die nur ein Blinder überlesen kann, erstaunlich kenntnisreiche Naturbeobachtungen und überdies szenische Schilderungen wie die Hochzeitskapitel und die Bootsfahrten, die einen filmisch geschulten Blick verraten.
Was die Menschendarstellung angeht, so wird man die Hauptfigur, einen wahrhaft ironischen Fontane-Darsteller, so schnell nicht vergessen; ebensowenig die unvermutet auftauchende zierliche Enkelin aus Frankreich. Und einprägen werden sich auch die wiederholten Ansichten Fontys und seines Beschatters, die durchweg mit einem Refrain, der an einen Bildtitel Caspar David Friedrichs erinnert, als unzertrennliches Paar beschrieben werden: Zwei Männer in Betrachtung ihrer Welt, zwei alte Männer unter einem Schirm. Daß Tallhover, die unsterbliche Spitzelfigur, immer eine Schattengestalt bleibt und niemals in den Rang eines biographisch und psychologisch reichen Menschenwesens erhoben wird, ist eine Pointe von delikatem Reiz: Er ist nun einmal ein reduziertes Wesen, das sich ganz und gar einer menschenunwürdigen Funktion verschrieben und sich deshalb das Recht auf eine komplexe Figurendarstellung verscherzt hat.
Der dritte Einwand, der gegen diesen Gesprächsroman wiederholt vorgebracht wurde, zeugt von einer so schlichten Wesensart, daß man ihn kaum ernstnehmen kann. Es heißt, der Roman habe keine schlüssige Handlung oder erzähle keine abgerundete Geschichte. Wiederum haben wir es mit einem dogmatischen Vorwurf zu tun, der diesem Text nicht gerecht wird, mit einem Argument, das die Grundforderung jeder Interpretation mißachtet: die Frage nach der literarischen Gattung des Werkes. Da Ein weites Feld nun einmal ein Roman des Räsonnements ist, bringt es wenig, wenn man die Linien der äußeren Handlung rekonstruiert. "Was ist Handlung? Oft ist es nur das leichte Verrücken von Stühlen, mehr nicht", heißt es im Text. Davon abgesehen, hat die Handlung dieses Romans sehr wohl einen zeitlichen Anfang und ein zeitliches Ende, und das Ende besteht darin, daß die beiden Hauptfiguren im Unbestimmten verschwinden. Das wiederum verweist auf den Gattungscharaker des Buches, das ein Reflexionsroman ist, und diese Reflexion ist zweiflerischer Natur. Das skeptische Räsonnement versteht sich als Einspruch gegen jede Abgeschlossenheit und Endgültigkeit, als Korrektur jeder systematischen Totalität oder ideologischen Festlegung. Eine betont dramatische Handlungsstruktur würde dem Geist dieser Dialog-Erzählung widersprechen.
Die Kritik hat nicht eines der Dogmen eines unreflektierten Realismusbegriffs auslassen wollen und auch an der allegorischen Darstellungsweise des Romans Anstoß genommen. Es ist aber wahrhaft deprimierend, daß sich die Rehabilitation der Allegorie, die Benjamin und Gadamer vor Jahrzehnten vorgenommen haben und die in der Literaturtheorie heute, von Curtius, über Northrop Frye bis Paul de Man ein Gemeinplatz ist, in der landläufigen Kritik noch nicht herumgesprochen hat. Natürlich ließe sich darüber streiten, ob Grass seine Allegorien und Metaphern nicht manchmal zu detailliert ausmalt - daß aber zum Beispiel das Haubentaucherbild ein glücklicher Fund ist, scheint mir evident zu sein. Niederdrückend ist, daß es nicht gelingen will, literaturtheoretische Erkenntnisse für die Kritik fruchtbar zu machen.
Der lautstarkste Widerspruch kam von den Hütern der politischen Korrektheit, den Vertretern der derzeit vorherrschenden politischen Meinung. Dabei haben einige Rezensenten offensichtlich den politischen Essayisten mit dem politischen Romancier Grass verwechselt. Natürlich ist der Roman kein Jubellied auf die Einheit Deutschlands, doch ist es auch nicht die Intention des Werkes, jenen rigoros moralischen Vorbehalt gegen die Wiedervereinigung zu vertreten, den Grass zur Wendezeit als politischer Redner artikuliert hatte. Vielmehr zeigt der Roman, daß sein Autor in dieser Frage zu einer gelasseneren Haltung und zu einer besonnenen Einsicht gefunden hat. Ist es doch die Absicht des Buches, die Skepsis gegen den Zynismus zu setzen und das "Menschenrecht auf Zweideutigkeiten" zu verteidigen. Das gilt selbst dort, wo die Kosten des Vereinigungsprozesses resümiert werden. Was der Roman gegen die Treuhand, die Abwicklungen, die Evaluierung des Wissenschaftsbetriebs vorbringt, nimmt sich im Kontext des Plauderns und vergleichenden Zitierens weitaus milder aus als das, was man über die Begleiterscheinungen des Beitritts etwa im Spiegel lesen konnte. Und wenn das Porträt des Chefs der Treuhandanstalt nicht mit seinem realen Vorbild übereinstimmt, so sollte man sich des Fiktionscharakters der Darstellung bewußt sein. Im argumentativen Kontext des Romans wirkt sich diese Umdeutung für die Romanfigur jedoch günstig aus. Ein politischer Roman muß keineswegs dem Gebot der Faktentreue in dem Grade gehorchen wie eine Reportage, ein Leitartikel oder eine politische Chronik. Auch muß man nicht mit allen Meinungen einer Romanfigur übereinstimmen, um ein Werk dieses Genres gut zu finden. Hier scheinen manche Kritiker jener unseligen Rezeptionstheorie anzuhängen, die Lesen als einen Akt der Identifikation auffaßt - was erwiesenermaßen eine primitive und absurde Erklärung des Lektürevorgangs ist. Was die durchweg negative Zeichnung des Regierungschefs in diesem Roman angeht, so ist es allerdings verwunderlich, daß Grass keinen Blick für die unübersehbaren und literarisch reizvollen Falstaff-Qualitäten des Mannes hat, der derzeit unser Kanzler ist.
Was für den politischen Aspekt des Romans gilt, hätte man analog auch bei der Frage zu bedenken, ob Grass immer die Meinung Fontanes richtig wiedergegeben hat. Wer hier gelegentliche Abweichungen konstatiert, vergißt, daß der Roman keine Biographie sein will, so ausführlich er das Leben des Dichters rekapituliert und so gern er sich seiner Aussprüche und Kommentare bedient. Im übrigen, wer hat denn von den pünktlichen Rezensenten es für nötig befunden anzuerkennen, daß Grass ein Erkleckliches zur lebendigen Rezeption und zum Fortleben Fontanes, seiner berühmten Romane und seiner unbekannten Nebenwerke getan hat? Wir haben es mit einer fiktionalen Deutung Fontanes zu tun, die in manchem ein neues Licht auf das Werk des Romanciers wirft. So wird etwa durch die malerischen Beschreibungen des Romans ins Bewußtsein gehoben, daß Fontane ein Dichter der impressionistischen Kunstepoche war und manche Schilderung den impressionistischen Blick auf eine urbanisierte Natur verrät. Und es werden sich gewiß auch Leser finden, die erst jetzt Schädlichs Roman zur Kenntnis nehmen, ein Buch, das ohne die Fürsprache des geschmähten Großschriftstellers Grass dem Vergessen anheimgefallen wäre.
Inkonsequent, wenn auch nicht ganz unverständlich, scheint mir aber seine Idiosynkrasie gegen die "Sekundärliteratur" zu sein. Schließlich ist sein Buch in einem doppelten Sinn sekundär: ein (fiktionales) Buch über andere Bücher und ein Werk, das von der Arbeit der Fontaneforscher zehrt. Er hat diese Schuld dadurch abgetragen, daß er deren Namen nennt und die Mitarbeiter des Fontane-Archivs zu seinen Erzählerfiguren promoviert.
Wenngleich die communis opinio der Verrisse ein kolossales Fehlurteil zu sein scheint, bedarf der Roman doch keiner kritischen Rettung. Schließlich gab es vereinzelt auch gerechte Würdigungen seiner Leistung. Vielleicht war es nicht ganz unnütz, auf einige zeitlose, nach der Diktion des Romans: unsterbliche Stereotypen der Besprechungen hinweisen. Es sind fraglos Symptome einer Trivialisierung des Metiers, die allerdings durch die aufwendige und lautstarke Promotion des Buches gefördert wurde. Unglücklicher aber und peinlicher noch als mancher Kritiker haben einige Verteidiger des Autors agitiert. So war ein Leitartikel in der Zeit (25.8.95) überschrieben: "Günter Grass und sein neuer Roman: Als Literat gescheitert, als Intellektueller unentbehrlich." Bei Lichte betrachtet ist diese schulterklopfende Ehrenrettung eine Beleidigung des Autors. Sie erinnert an den Spruch: Ein schlechter Musikant, aber ein guter Mensch. Der Satz wird im Stechlin zitiert, er geht auf Brentano zurück, und die kunstverständigen Romantiker haben das Diktum mit verächtlichem Hohn gebraucht, wann immer sie eine nur gutgemeinte Kunstübung zu tadeln hatten. Eine überzeugende Antwort auf einen Verriß kann nun einmal nur in dem Nachweis bestehen, daß die Kritik sachlich unzutreffend und das Werk nach Maßgabe seiner Intention gelungen ist.
So verkennt auch der Verlag, der daran dachte, gegen einen mißliebigen Kritiker tätig zu werden, das Gesetz der literarischen Öffentlichkeit, wonach eine Entgegnung auf eine unzutreffende Rezension nur eine sachlich bessere Rezension sein kann. Selbst wenn man nicht so blauäugig ist anzunehmen, es gäbe überhaupt keine Einflußnahme seitens der Verlage auf die Kritik ihrer Bücher und wenn man die derzeit übliche Rezensionspraxis nicht für ideal und die Literaturpolitik der tonangebenden Redaktionen nicht für objektiv hält, so muß man doch den Versuch, einen Kritiker mundtot zu machen, zurückweisen. Im übrigen dürfte die Drohung wirkungslos bleiben. Es ist kaum anzunehmen, daß sich mehrere Verlage auf einen Boykott eines Kritikers einlassen werden, und es widerspricht jeder Erfahrung, daß sich andere Autoren mit einem Kollegen solidarisieren, der trotz aller Verrisse einen Bestsellererfolg landen konnte. Grass könnte wohl nur mit der Sympathie anderer Erfolgsautoren rechnen, als welche keinen Anlaß zu Neidgefühlen verspüren.
Bei alledem muß man natürlich auch einem Kritiker das Recht auf Irrtum zugestehen. Dies konzediert, bleibt an der ganzen Affäre doch der Eindruck unwiderleglich bestehen, daß eine erschreckend große Zahl von Rezensenten sich subjektivistische Fehlschlüsse leistet und das Grundprinzip der kritischen Textinterpretation, das Prinzip der "hermeneutischen Billigkeit" (Gadamer) schlicht mißachtet. Dieses Axiom besagt, daß man von einem Text im "Vorgriff der Vollkommenheit" zunächst und bis zum Beweis des Gegenteils annimmt, daß er verständlich ist und einen vollkommenen Bedeutungszusammenhang aufweist. Würde dieser Grundsatz in der Literaturrezeption nicht so häufig verletzt, hätten weder George Steiner noch Grass Anlaß, gegen die Überschätzung und Anmaßung der 'Sekundärliteratur' zu polemisieren.

J.Q. — 1995/2010

©J.Quack


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