Josef Quack

Klatschgeschichten

Über: Fritz J. Raddatz, Tagebücher. Jahre 2002-2012. Reinbek 2015.




Die Welt gehört den Schamlosen.

R. Quinton

Ein durch und durch peinliches Buch. Warum dann überhaupt darüber schreiben? Weil es einen Tiefpunkt unseres Literaturbetriebs markiert und weil der erste Band der Tagebücher in Zeitung, Radio und Fernsehen geradezu hymnisch gefeiert wurde, woraus man ersehen kann, daß diese Rezensenten keine kritischen Maßstäbe kennen.

Im Klappentext steht, Frank Schirrmacher habe den ersten Band der Tagebücher „den großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik“ genannt. Der Verfasser dieses Klappentextes scheint den Band selbst nicht gelesen zu haben. Hier vermerkt Raddatz nämlich: „‘Schirrmacher ist ein unwahrer Mensch‘, schrieb dieser Tage Wapnewski – wohl wahr.“ (S.344) Wenn dies wahr ist, dann muß aber das Lob des Mannes über den ersten Band falsch sein. Übrigens kritisiert Raddatz den Mann, wann immer er ihn erwähnt.

In der Tat wird man diese Tagebücher, die im wesentlichen aus Klatschgeschichten über den Literaturbetrieb bestehen, gewiß nicht den repräsentativen Roman über die deutsche Gesellschaft nennen können. Auch ist der Literaturbetrieb nicht deckungsgleich mit der komplexen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Medien usw., ganz zu schweigen davon, daß die fast namenlose Literatur samt Theater und Feuilleton dieser Jahre gesellschaftlich völlig einfluß- und bedeutungslos ist.

Raddatz klagt ständig über „die Verkommenheit des Kulturbetriebs“ und die Kläglichkeit der Hamburger Kulturszene, mischt aber kräftig in diesem Betrieb mit und trägt das Seine im Überfluß zur Verkommenheit und Kläglichkeit bei. Er behauptet, es gebe drei „Fürsten des Feuilletons“ und er sei einer dieser Fürsten, dann klagt er über seine „lebenslange Nichtanerkennung“, sagt aber nicht, wie dies mit seinem finanziellen Erfolg zu vereinbaren ist. Immerhin besitzt er eine Eigentumswohnung in Hamburg, eine Mietwohnung in Nizza, logiert reisend in erstklassigen Hotels, besitzt eine wertvolle Kunstsammlung.

Ein Rezensent meinte im feierlich preziösen Stil Rilkes, diese Tagebücher seien groß — bezogen auf ein Kompendium von eitlen Nichtigkeiten und vulgären Intimgeschichten! Ein anderer Besprecher lobt das „Sichauserzählen“ des Autors, womit aber nichts anderes euphemistisch gemeint ist als die Klatschsucht des Mannes, seine Manie, die intimsten Dinge seiner Bekannten offenzulegen und zu entlarven. Er ist ein Exhibitionist, der sich gerne öffentlich selbst entblößt, d.h. mit seinen Erlebnissen als Homosexueller prahlt, und daraus fälschlicherweise das Recht ableitet, auch andere bloßstellen zu dürfen.

Er ist geradezu krankhaft auf die genitale Sphäre eingestellt. Dabei verwendet er gerne die rhetorische Figur der Paralipse: zu sagen, daß er etwas nicht sagt, und es auf diese Weise doch zu sagen. Er behauptet, daß er nicht so konkret über Sex spreche wie der Autor X, der dies und das gesagt habe. Indem er nun „dies und das“ ausspricht, sagt er genau das, was er angeblich nicht sagt. Er beurteilt das literarische, wissenschaftliche, philosophische Werk von Autoren, das er praktisch überhaupt nicht kennt, nach ihrem sexuellen Verhalten. Geradezu absurd ist dieses Verdikt im Falle von Max Weber, dessen sozialkritische Arbeit er pauschal verwirft, als er von dessen erotischem Faible liest. Sein Literaturverständnis ist ein ziemlich verquerer, primitivster Biographismus.

Raddatz schreibt, er sei ein „Voyeur des eigenen Elends“, er vergißt hinzuzufügen, daß er vor allem ein Voyeur des fremden Elends ist und gerne seine Bekannten, Kollegen, Kontrahenten und Feinde in ihrem schwächsten Zustand beschreibt, als Betrunkene, Hilflose, Pflegebedürftige, Todkranke, als moralisch und physisch armselige, fehlbare und fehlende, unzuverlässige, heuchlerische Menschen.

Ein Kritiker nennt ihn ein Klatschweib. Darauf Raddatz, der Kritiker habe das Denunzieren als langjähriges Mitglied der SED gelernrt — was nicht nur unlogisch, sondern auch schwachsinnig ist. Er schreckt auch nicht davor zurück, den angeborenen Körperfehler eines Autors als ideologisches Argument gegen den Autor anzuführen — was nicht nur schwachsinnig ist, sondern auch infam.

Das Trauma seines Berufslebens besteht darin, daß er 1985 als Feuilletonchef der Zeit abgesetzt wurde, weil er über Goethe eine absurd falsche historische Behauptung aufgestellt hatte, worüber damals durch die ganze Republik ein großes Gelächter der Schadenfreude ging. Seitdem wird er nicht müde, in den Äußerungen von Marion Gräfin Dönhoff, die die Zeit leitete, und in den Äußerungen Helmut Schmidts, Herausgeber des Blattes, Fehler und Unstimmigkeiten nachzuweisen. Auch notiert er ständig die Fehler, die ihm in Reportagen und Rezensionen auffallen.

Er kreidet einem Redakteur der FAZ an, daß er nicht weiß, was F.W.Oelze, der Briefpartner Gottfried Benns, von Beruf war. Er selbst leistet sich dann den Schnitzer: „Mir geht die Theorie (?) vom ‚beschädigten Leben‘ nicht aus dem Kopf. Weiß aber nicht genau, was darunter jeweils verstanden wurde. Meines Wissens kommt es bei Hermann Broch vor (seine Figur des Katastrophen herbeisehnenden Richard Hieck?) und wohl auch bei Adorno – eine Art Irrsinnserwartung im Leben“ (S.112f.). Nun, „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ ist der Untertitel der Minima Moralia von Theodor W. Adorno, in denen Adorno genau und ausführlichst erklärt, was mit dem beschädigten Leben gemeint ist (cf. J.Q., Über das Ethos von Intellektuellen, S.25ff..

Unvergessen ist auch die Behauptung, die Raddatz in einer Diskussion mit Helmut Schmidt äußert: „Da gibt es ja von Franz Mehrung dieses merkwürdige Wort: ‚Unter den Waffen schweigen die Musen‘“ (H. Schmidt, Weggefährten 1998, 105). In Wirklichkeit handelt es sich um das bekannte lateinische Sprichwort: Silent Musae inter arma (Die Musen schweigen unter den Waffen); das Sprichwort geht auf den von Cicero geprägten Satz zurück: Silent leges inter arma (Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze). Soviel zu Güte und Umfang der Raddatzschen Bildung, die man wohl feuilletonistisch oberflächlich nennen darf.

Auch streicht er gerne Sprachfehler an, scheut sich aber nicht, den Namen Goethes falsch nach dem schwachen Paradigma zu deklinieren: „War‘s nicht gar Goethen?“ Goethen ist Dativ oder Akkusativ, nicht Nominativ. Die schwache Deklination von Eigennamen ist übrigens ein Mittel der Satire, das Tucholsky gerne verwendet hat. Von ihm hat es Raddatz übernommen.

Was er über den Literaturbetrieb jener Jahre ausplaudert, ist in den meisten Fällen unwichtig oder nichtig. Was hat man davon, wenn man erfährt, was der Autor X über den Autor Y gelästert hat? Daß die Veranstaltungen des Betriebs, Vorträge, Preisverleihungen, Lesungen, Festessen u. d.gl. ohne kulturellen Belang sind, steht von vornherein fest, und daß die Größen des Geistes im privaten Kreis auch nicht vor Geist sprühen, wußte man ebenfalls.

Von den Absonderlichkeiten des Betriebs seien nur zwei Beispiele referiert. Einmal vergab eine Millionärin ein Literaturstipendium, sie lud den jungen Autor zu einem Essen in einem teuren Restaurant ein und forderte ihn dann auf, sich mit 80 Euro an den Kosten zu beteiligen. Von Peter Rühmkorf liest man, daß er zeitweise zwei Archivare beschäftigt habe, die jedes Blatt und jedes Zettelchen, das er beschrieben hatte, aufnehmen und registrieren mußten – dabei gibt es höchstens vier oder fünf Gedichte, die den Lyriker überlebt haben.

Merkwürdig, höchst charaktestisch ist das folgende. Raddatz war ein Blender, kein Gourmet, der die erlesenen Speisen und Getränke genießen konnte, sondern ein Angeber, der nur den Beifall für seine feine Eßkultur genießen konnte, ein nouveau riche, überdies völlig unfähig, sinnliche Freuden überhaupt als solche zu beschreiben. Er legte großen Wert auf Stil und Anstand, plauderte aber vulgär und schamlos die intimsten Dinge aus. Unerträglich geschwätzig, larmoyant und eitel über seine Beschwerden, eingebildete oder tatsächliche Verletzungen und Beleidigungen jammernd, zeigt er doch nicht das geringste Anzeichen von Witz und Esprit. Er berichtet, daß Augstein ihn einmal lallend anrief und wissen wollte, wie der Autor hieß, der das Blechbuch geschrieben habe, was ja keine unwitzige Beschreibung der Blechtrommel ist. Doch Raddatz vermerkt nicht den Witz des Ausdrucks, sondern tadelt, grämlich ausplaudernd, die Schwäche Augsteins.

Raddatz, ein eitles, verklatsches intellektuelles Leichtgewicht, wurde mit dem Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik ausgezeichnet. Das ist kein Witz, sondern eine Tatsache und so sieht der Literaturbetrieb wirklich aus. Zur Erinnerung, Hildegard von Bingen war eine Äbtissin, die fromme und heilkundliche Bücher schrieb. Zu empfehlen ist ein nach ihr benannter Magenbitter.

J.Q. — 10. Aug. 2020

© J.Quack


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