Josef Quack

Über Phrasen der Nachrufe auf Helmut Schmidt




Den Toten schulden wir nur die Wahrheit.

Voltaire

Ein Menschenkenner hat einmal gesagt: Wenn ein großer Mann stirbt, mischt sich oft in die Trauer auch ein Gefühl der Erleichterung, als sei die Welt nun von einem unerträglichen Gewicht befreit.
Nun, bei dem Tod des 97jährigen Schmidt ist nichts von all dem zu spüren. Die Trauer hält sich angesichts des auf die Hundert zugehenden Kranken in Grenzen, und von Erleichterung ist nicht deshalb etwas zu spüren, weil er eine große historische Gestalt gewesen wäre, sondern allenfalls deshalb, weil er nun seine Zeitgenossen nicht mehr mit seinen schulmeisterlichen Büchern über Gott und die Welt heimsuchen kann. Er hat gewissermaßen zuviel geredet, er hat in Dutzenden von Büchern versucht, die Blamage seiner gescheiterten Kanzlerschaft wettzumachen oder schönzureden — es hat ihm alles nichts genützt, er hat seinen Ruhm dahin. Er gehört nicht, wie Adenauer, Brandt und Kohl, zu den großen Regierungschefs, den Staatslenkern, die die Politik dieses Landes unverwechselbar geprägt haben, und alle Versuche, ihm dieses Prädikat zuzuschreiben, sind wenig glaubwürdig.
In einer Extraausgabe der Zeit behauptet der Chefredakteur: „Helmut Schmidt war politisch und intellektuell ein Großer“, ohne den geringsten Beweis in seinem reichlich sentimentalen Nachruf für diese Behauptung beibringen zu können. Ebenso wenig kann er glaubwürdig belegen, daß der Mann „Millionen von Menschen als Vorbild“ gegolten habe. Man fragt sich: Vorbild worin? Er war allenfalls vorbildlich in seiner Mittelmäßigkeit.
Was seine angebliche intellektuelle Größe angeht: Kein Intellektueller, der den Namen verdient, würde sich auf minutenlange Plaudereien über seine Lebensansichten einlassen, wie Schmidt dies in seinen Zigarettengesprächen getan hat, und nur ein tieferem Denken abgeneigter Feuilletonist würde in Kürzestgesprächen existentielle Themen über Religion oder die Frage, wie sich das Böse in der Welt mit einem theistischen Glauben verträgt, berühren, wie dies der hochgelobte Ex-Politiker getan hat (cf. J.Q., Bildung der Elite). Aber die hagiographische Beweihräucherung und Vernebelung der Figur scheint schon in vollem Gang zu sein.
Die angemessenste Würdigung des Politikers in diesem Extrablatt hat der Historiker Heinrich August Winkler geliefert. Er hat die geschichtliche Bedeutung, die Leistung und die Grenzen dieses Mannes durchaus gerecht beschrieben. Freilich findet sich in diesem Porträt in philosophischer Hinsicht ein gravierender Widerspruch, der einen stutzen läßt. Winkler bezeichnet Schmidts patriotische Solidarität als „kantianisch“, also als eine Haltung, die mit der Verantwortungsethik Kants im Einklang steht. Zwei Absätze weiter informiert er uns, daß Schmidt die „Geringschätzung der Menschenrechte“ in Ostasien auf kulturelle Bedingungen zurückführt und für seinen Teil verständlich findet. Dieser Kulturrelativismus aber läßt sich schlecht mit Kants Ethik vereinbaren, die einen unbedingt universalistischen Charakter hatte.
Winkler zitiert auch einige Sätze aus dem deutschen Herbst, wo Schmidt von Versäumnis und Schuld auf seiner Seite spricht. Es ist schwer zu sagen, ob er nur von einem Schuldgefühl spricht oder ob er eine moralisch anrechenbare, vielleicht auch juristisch greifbare Schuld meint, und die fromme Floskel, die das Diktum abschließt, nimmt sich im Munde eines Agnostikers ein wenig merkwürdig aus. — Meines Erachtens ist diese Äußerung nichts anderes als ein diplomatisches Statement im Stil der moralisch-religiösen Konvention, eine offizielle Verlautbarung, aber keineswegs ein Bekenntnis eines Menschen, der auch glaubt, was er sagt. Schmidt spricht hier als Regierungschef, nicht als private Person.
Auf dieses Statement bezieht sich Theo Sommer, wenn er behauptet: „Den Mord an Schleyer nahm er erschüttert, doch in demutsvollem Bewußtsein von Versäumnis und Schuld auf sich — im Sinne von Max Webers Satz, das alles Tun, zumal aber das politische, in Tragik verflochten sei.“ Man muß sich hier fragen, worin denn bei der Ermordung Schleyers die Schuld des Kanzlers liegen soll? Für diesen Mord tragen einzig und allein die tatsächlichen Mörder, die Terroristen der RAF, die Verantwortung, sie allein sind schuld und kein Politiker jener Jahre. Man kann hier allenfalls von einem Versäumnis der Staatsorgane sprechen, insofern bis zum heutigen Tag noch nicht alle Morde und alle Hintergründe des blutigen Herbstes 1977 aufgeklärt sind, weil die Geheimdienste ihre Akten nicht offenlegen.
Und was die Tragik allen Tuns angeht, so ist diese These, wenn man sich mit ihrer Schlichtheit bescheidet, einfach falsch, gibt es doch unzählige Handlungen, die nicht im geringsten tragisch sind, weil sie zum Beispiel nur lächerlich sind. Die theatralische These würde nur dann einigermaßen plausibel, wenn man die gedanklichen Voraussetzungen Webers beachten und erklären würde. Sonst haben wir es nur mit einer scheinbar ernsthaften Phrase zu tun.
Wie dem auch sei, Schmidts und Sommers Begriff der Schuld ist eine trübe Mischung aus archaisch-mythischen und unreflektierten christlichen Elementen, ein echter Bestandteil der Deutschen Ideologie, die bis heute die rationalen Einsichten der Aufklärung nicht begriffen hat.
Dann rümpft der angestellte Meisterdenker des Blattes, Assheuer, die Nase über Schmidts „intellektuelle Hausapotheke“, und was er über Popper und Marc Aurel ausführt, ist hinsichtlich der Oberflächlichkeit und Ungenauigkeit diesem abschätzigen Tonfall durchaus angemessen. Er behauptet, Popper sei Mitglied des Wiener Kreises gewesen, was nicht stimmt (cf. Popper, Ausgangspunkte 1994, 115), und er schreibt: „Als Hitler in Österreich einzumarschieren drohte, packte Popper die Koffer und floh nach Australien“, was, selbst beim besten Willen, nur halb stimmt. Denn Popper hat schon im Januar 1937 Wien in Richtung Neuseeland verlassen, Hitlers Truppen sind 1938 in Österreich einmarschiert. Von Poppers Demokratieverständnis, seiner Kritik des Totalitarismus und seinen Einwänden gegen Hegels Geschichtsideologie ist in diesem Feuilleton auch nicht der Anfangsverdacht eines tieferen Verständnisses zu finden. Kein Ruhmesblatt der Zeit.
Was Schmidts politische Leistung angeht, so heißt es hier mehrfach, der Nato-Doppelbeschluß, der sowohl Abrüstungsverhandlungen zwischen den Großmächten wie, im Falle des Scheiterns solcher Verhandlungen, die Aufrüstung mit Mittelstreckenraketen in Europa vorsah, habe ursächlich dazu geführt, daß die Sowjetunion Mitte der achtziger Jahre in dieser Frage eingelenkt habe. Mir scheint, daß damit nur die halbe Wahrheit gesagt ist, weil das Geflecht politischer Wirkung und Gegenwirkung doch ein wenig komplizierter ist, als diese Leitartikler es sich vorstellen. Man vergißt, daß die deutsche Friedensbewegung mit ihren großen Kundgebungen den Politikern des Ostblocks, allen Menschen des Ostblocks, eindringlich vor Augen geführt hat, daß es im Westen eine beachtliche Anzahl von Leuten gab, die von Aufrüstung und den alten Feindbildern nichts mehr wissen wollten — was heißt, daß die Sowjetunion sich von diesen Massen nicht mehr bedroht fühlen mußte. Ich denke, man sollte diesen atmosphärischen Faktor, wie immer er ideologisch zu bewerten ist, in der konkreten historischen Situation nicht unterschätzen oder gar ignorieren.
Die Epilogschreiber rühmen Schmidts rührige publizistische und rednerische Tätigkeit, die er entfaltet hat, nachdem er aus der aktiven Politik verabschiedet worden war, und sie schreiben diesen rhetorischen Aktivitäten auch eine beachtliche Wirkung zu, ohne aber sagen zu können, was damit im einzelnen gemeint ist. Faktum ist doch, daß man ihn in den letzten Jahren in Berlin zwar groß feierte, von seinen außenpolitischen Ratschlägen, die nicht einmal schlecht waren, aber nichts wissen wollte. — Wie anders hat sich Willy Brandt nach seiner Resignation als Kanzler doch verhalten, er hat eine zweite, durchaus beachtliche Karriere in der internationalen Politik gestartet und erfolgreich durchgeführt.
Überhaupt, dringt man tiefer in die politischen Geschäfte Schmidts ein, so zeigt sich ein keineswegs ungetrübtes Bild des vielgerühmten Politprofis. Horst Ehmke, der übrigens auf Schmidts Rat in die Politik eingestiegen ist, berichtet in seinen Erinnerungen, wie Schmidt nach Brandts Wahlsieg die Koalitionsverhandlungen führte und dabei dem kleinen Partner Zugeständnisse machte, die dieser Partei dann ein Jahrzehnt später zugute kamen, als sie den Wechsel zur der konservativen Partei durchführte. Egon Bahr wiederum schilderte nicht ohne Ironie, daß der Mann die Kabinettssitzungen wie ein Schulmeister führte, was allerdings nur die Minister seiner Partei, nicht aber die der Koalitionspartei zu spüren bekamen, die ihn schließlich dann nach allen Regeln der politischen Kunst austricksten.
Bekannt ist schließlich die Geringschätzung, die er Jimmy Carter entgegenbrachte. Der vielgescholtene Carter aber war der Initiator des Camp-David-Abkommens, das doch den Nahost-Konflikt wenigstens in einem Teilbereich befriedete, was eine unverächtliche Leistung ist, und keiner seiner Nachfolger konnte einen ähnlichen Erfolg auf diesem Terrain verbuchen. Womit hier nur gesagt sein soll, daß Schmidt diesen Politiker wohl nicht ganz richtig eingeschätzt hat.
Welches Bild wird also die Nachwelt von diesem Mann in Erinnerung behalten? Das Bild eines geschickten Krisenmanagers, eines studierten Ökonomen, den seine Begabung blind dafür machte, daß die Politik immer den Primat über die Ökonomie behalten sollte. Vielleicht aber wird er der Nachwelt als eine Figur der Folklore Hamburgs im Gedächtnis bleiben.

J.Q. — 12. Nov. 2015

© J.Quack


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