Josef Quack

Zur Antrittsrede von Gauck




Die Sprachen sind die Scheide, darin das Messer des Geistes steckt.
Viel mit wenig Worten fein kurz anzeigen können, das ist Kunst und große Tugend; Thorheit aber ists, mit viel reden nichts reden.

M. Luther

Alles Offizielle ist Schmach.

Th. Haecker

Nun, es hätte schlimmer kommen können. Der Bundespräsident, Kandidat der großen Koalition der Parteien, hat so geredet, daß seine Wähler zufrieden sein konnten. Er wußte, daß er der politischen Klasse sein Amt verdankt und hat niemand von ihnen vor den Kopf gestoßen, er hat die Regierten ermahnt, nicht die Regierenden. Dabei hat er so unscharf und so unbestimmt gesprochen, daß auch das angeredete Volk sich nicht belästigt fühlen mußte und ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen konnte. Zufrieden waren auch die meisten Leitartikler und Kommentatoren, wenn sie von der Rednergabe des Mannes nicht gar sehr angetan waren. Eine rühmliche Ausnahme bildete Arno Widmann (FR 24.3.12), der mit Recht auf die peinliche Leerstelle der Ansprache verwies: Der Redner bat um Vertrauen für die politische Kaste, die im Gegenteil immer und überall mit dem gößten Mißtrauen beobachtet werden sollte. Übrigens kann man auch die journalistische Kaste von diesem Mißtrauen a priori nicht ausnehmen.
Es war nicht anders zu erwarten, als daß der ehemalige Prediger auch jetzt im Predigerstil reden würde, ein wenig salbungsvoll, milde ermahnend, ermunternd und aufbauend, Ängste zurückweisend, Zuversicht verbreitend, aber dies alles in einer wolkigen Diktion, die auch ein paar rhetorische Tricks im Repertoire hatte.
Er sagte zum Beispiel: "Stattdessen [d.h. statt sich Ängsten hinzugeben] will ich meine Erinnerung als Kraft und Kraftquelle nutzen, mich und uns zu lehren und zu motivieren." Warum diese umständliche, verdruckste Formulierung? Warum sagt er nicht einfach: Die Erinnerung soll uns lehren und motivieren? De facto maßt er sich die Kompetenz eines Volkslehrers an, er will Praeceptor Germaniae sein, er verschleiert diese Einstellung aber, indem er hinzufügt, daß seine Erinnerung auch ihn selbst belehren solle, was eine typische Redefigur der scheinbaren Demut von Predigern ist, die jedem Tadel ostentativ einen Selbsttadel hinzufügen: "mich eingeschlossen". Nein, Herr Pastor, ein ehrlicher Mann würde oratorische Kniffe dieser Art verschmähen.
Dann kommt er auf die Skandalepoche des Dritten Reiches zu sprechen, der gegenüber er die demokratischen Fortschritte des Nachkriegs zur Geltung bringen möchte. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn er die Aufarbeitung der Vergangenheit nicht wiederum wohlmeinend in sprachlich-begrifflichen Dunst gehüllt hätte. Er mutet uns zum Beispiel die folgende Aussage zu: "Trotz aller Irrwege, die sich mit dem Aufbegehren der 68er auch verbunden haben, haben sie die historische Schuld ins kollektive Bewußtsein gerückt." Von wessen Schuld spricht er hier? Aus dem Zusammenhang muß man erschließen, daß er die Schuld der "Generation unserer Eltern" meint, was aber nichts anderes bedeutet, als daß er offenbar die These von der Kollektivschuld der Deutschen vertritt, die das Pech hatten, im Dritten Reich zu leben. Spätestens seit den Klarstellungen von Karl Jaspers, Eugen Kogon, Alfred Döblin und Hannah Arendt Anno 1946 sollte aber klar sein, daß moralische Schuld immer eine individuelle Angelegenheit ist. Dann spricht unser Mann vom kollektiven Bewußtsein, einem Ding, das es nicht gibt, sondern nur eine sozialpsychologische Fiktion ist. Er spricht bezeichnenderweise nicht direkt von einer Kollektivschuld, insinuiert aber durch die Wortzusammenstellung, daß er genau dieses meint.
Selbstverständlich gebraucht er auch das klischeehafte Verb "úmgehen" [mit Betonung auf der ersten Silbe], das in keiner gutgemeinten öffentlichen Äußerung wohlmeinender Zeitgenossen fehlen darf, desgleichen die "Erinnerungskultur", die doch längst zu einem Morast von Phrasen der berufsmäßigen Phrasendrecher vermodert und verkommen ist.
Wenn er die Verhältnisse der unmittelbaren Gegenwart ins Auge faßt, kommen ihm Formulierungen über die Lippen, die man, bei Lichte betrachtet, nur anstößig nennen kann. Er sagt etwa, daß die Gerechtigkeit die Bedingung dafür sei, "Freiheit und Selbstverwirklichung erlebbar zu machen". Einmal davon abgesehen, daß der Begriff der Selbstverwirklichung eine romantische Leerformel ist, und abgesehen davon, daß man nicht recht weiß, was die gestelzte Wortfügung "Selbstverwirklichung erlebbar zu machen" heißen soll — auf deutsch müßte es einfach heißen: sich selbst verwirklichen —, er beschwört das hehre Ideal der sozialen Gerechtigkeit, ohne mit brutaler Deutlichkeit zu sagen, daß die Rede von Selbstverwirklichung im Hinblick auf die Millionen von seinen Landsleuten, die von Minijobs leben, angesichts ansteigender Kinderarmut und Altersarmut geradezu obszön und pervers ist. So sieht das Land aus, das der Redner so blumig beschreibt. — Mit dem Neoliberalismus flirtend, lehnt er den sozialstaatlichen Paternalismus ab, obwohl klar sein müßte, daß die gebotene Fürsorge für Kinder, Behinderte und Greise nur paternalistisch sein kann.
Ich will nicht alle gestelzten, im feierlichen Ton vorgebrachten Wörter und Sätze, die diese Ansprache zieren, hier aufspießen, sondern nur auf ein paar sachliche Klippen aufmerksam machen. Der Redner erwähnt, daß der Islam inzwischen auch in seinem, des Redners Land, heimisch sei. Er hätte, der Klarheit halber, hinzufügen sollen, daß die Zahl der praktizierenden Moslems hierzulande wahrscheinlich höher ist als die Zahl der praktizierenden evangelischen Christen — woraus sich ergibt, daß der Pfarrer selbst zu einer Minderheit in unserem Land gehört und daß von dem christlichen Erbe in dieser Gesellschaft nicht mehr viel zu spüren ist. Ebenso wenig ist von dem erwähnten antiken Erbe Europas noch vorhanden, das in der DDR von vornherein als bürgerliches Bildungsgut verpönt war und in Westdeutschland durch die zahllosen Schulreformen nach und nach abserviert wurde, bis es durch die sogenannte Rechtschreibereform auch aus der deutschen Schriftsprache ausgemerzt wurde.
Schließlich beglückt uns der Mann auch noch mit einer veritablen Prophezeiung, wenn er sagt: "Die Völker ziehen in die Richtung der Freiheit. Ihr werdet den Zug vielleicht behindern, aber endgültig aufhalten könnt ihr ihn nicht." Wie kommt er zu dieser Behauptung, denkt er an den sogenannten arabischen Frühling? Sicher denkt er an das Ende der kommunistischen Diktaturen in Europa, doch scheint er zu übersehen, daß die deutsche Wiedervereinigung ein einmaliger und einzigartiger Glücksfall war und daß es keineswegs sicher ist, daß sich die demokratischen Freiheitsrechte in Rußland und bei seinen Nachbarn, geschweige denn in den arabischen und islamischen Ländern, durchsetzen können. Ich will gar nicht davon reden, wie es mit der Freiheit hierzulande angesichts vieler überflüssiger Zwangsauflagen tatsächlich bestellt ist.
Eingangs hatte er gewarnt, sich von Ängsten leiten zu lassen, zuletzt macht er selbst nichts anderes als eben dies, wenn er von seiner Angst vor der Politikverdrossenheit der Bürger spricht. Natürlich merkt er den Kontrast und den Widerspruch in seiner Rede nicht, und wenn er ihn entdecken würde, wüßte er sicher einen rhetorischen Predigerkunstgriff, ihn zu erklären oder aufzulösen.
Aber genug und schon zuviel über diese Rede, man würde sonst ihren Wert und ihre Wirkung überschätzen, wie denn tatsächlich die Reden der Bundespräsidenten von den meinungsformenden Medien maßlos überschätzt werden. Politische Reden haben nur dann einen Sinn und können nur dann eine Wirkung ausüben, wenn sie Polemiken, Streit- und Kampfreden sind und dazu dienen, Machtinteressen durchzusetzen — siehe Herbert Wehners Rede vor dem Godesberger Programm, Lafontaines Rede auf dem Mannheimer Parteitag, die diversen Reden F.J. Straußens, in denen er seine Position verteidigen mußte, Helmut Kohls Rede über das Zehn-Punkte-Programm.
Bundespräsidenten aber haben kraft ihres Amtes keinen politischen Spielraum, sie sollen über den parteipolitischen Wasser schweben und dürfen keine Interessengruppen kennen. Man behauptet oft, ihr einziges Wirkungsinstrument sei die Macht der Rede, übersieht dabei aber, daß sie im Grunde nichts politisch Belangvolles zu sagen haben, sondern nur unanstößige Allgemeinheiten promulgieren können. Die Annahme, sie könnten mit sogenannten Hauruck-Reden in diesem Land etwas verändern, ist naiv und albern. Sie bestärkt nur jene politischen Kritiker, die dieses Amt für überflüssig halten, was es ja wohl auch tatsächlich ist.

J.Q. — 25. März 2012

©J.Quack


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