Josef Quack

Dichters Klage oder Hier irrt Grass




Das neue Gedicht von Grass hat bestätigt, was längst bekannt war: Politisches Denken ist nicht seine Stärke.
Er kritisiert die Lieferung eines deutschen U-Boots an Israel, ohne zu erwähnen, daß diese Lieferung vom Schröder-Fischer-Regime, das er auch noch nach seiner Abwahl favorisiert hatte, vereinbart worden war. Er kritisiert das angebliche Vorhaben Israels, den Iran mit Atombomben anzugreifen, ohne zu sehen, daß die israelische Regierung allenfalls plant, die fraglichen Kernkraftanlagen des Iran mit konventionellen Waffen zu zerstören.
Es ist dem dichtenden Romancier entgangen, daß die israelische Atombombe ein "Papiertiger" (Mao) ist, ein Mittel der Abschreckung, und daß das Land aus rationalen politischen Gründen es niemals wagen kann, diese Bombe tatsächlich einzusetzen.
Grass schreibt von seiner "Herkunft, die mit einem nie zu tilgenden Makel behaftet" sei. Was meint er damit? Spielt er auf Fehler an, die er selbst früher begangen hat? Oder meint er, es sei ein Makel, Deutscher zu sein? In diesem Fall würde er ein archaisches, kollektivistisches oder rassistisches Denkmuster im Sinne der Hordenmentalität verwenden — und dies wäre in der Tat ein moralischer Fehler, nicht jedoch der Umstand, zu diesem oder jenem Volk zu gehören.
Der Dichter klagt darüber, daß er in dieser Sache so lange geschwiegen habe. Nun, das ist seine Privatsache, und man sieht nicht recht, warum er seinen persönlichen Kummer in ein paar manieristisch gedrechselte Sätze kleiden und an die große Glocke hängen mußte. Wer politische Gedichte schreibt, sollte vorher eine genaue politische Analyse der Situation durchgeführt haben.
Wie zu erwarten, haben die üblichen Verdächtigen sofort in der üblichen Weise auf das mäßig anregende Gedicht reagiert. In seiner Antwort auf das Gedicht begeht der ehemalige Botschafter A. Primor zwei Fehler. Erstens maßt er sich eine moralische Autorität an, die ihm nicht zusteht. Ähnlich verhalten sich jene Funktionäre jüdischer Verbände, die es nicht unterlassen können, alle möglichen politischen Äußerungen diesseits und jenseits der Landesgrenzen moralisch zu bewerten. Diese Herrschaften ahnen gar nicht, wie wenig ernst sie außerhalb des Medienbetriebs überhaupt genommen werden.
Zweitens verbrämt der Diplomat rein machtpolitische Ziele mit einem moralischen Argument und dies läßt seine Antwort ein wenig zynisch erscheinen. Auf die Frage, ob die deutsche U-Boot-Lieferung klug gewesen sei, erklärt er: "Deutschland hat eine moralische Pflicht, Israel zu helfen, sich verteidigen zu können und einen neuen Holocaust zu verhindern." (FR 5.4.2012)
Grundsätzlich wäre zu dem Einwand zu sagen, daß die einzige politisch-moralische Lehre, die Deutschland aus seiner jüngsten Geschichte ziehen könnte, die folgende ist. Der mißverständlich so genannte Holocaust (griech. ‚Brandopfer’), womit die Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten gemeint ist, war die schlimmste Verletzung der elementarsten Menschenrechte, die man sich vorstellen kann. Deshalb sollte Deutschland, wie alle zivilisierten Länder, heute eine Außenpolitik betreiben, die sich an der unbedingten Geltung der universalen Menschenrechte orientiert. Daraus ergibt sich, daß es keine Waffen und kein Kriegsgerät an Staaten liefern sollte, deren Politik massiv, z.B. durch ein jahrzehntelanges Besatzungsregime, gegen das Völkerrecht und die Geltung der Menschenrechte verstößt. Quod erat demonstrandum.

J.Q. — 6. April 2012

©J.Quack


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