Josef Quack

Zensur wg. Blasphemie?
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Zu einem Vortrag von M. Mosebach




Über etwas Unbedeutendes läßt sich nicht viel Relevantes sagen.

Fr. v. Kutschera

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat in einem Vortrag die Meinung vertreten, sowohl der christlich orientierte Staat als auch der weltanschaulich neutrale Staat hätten unter Umständen die Pflicht, blasphemische Darstellungen in den Künsten zu verbieten. Zugleich hat er die Meinung vertreten, ein Künstler könne aus kunstimmanenten Gründen die Pflicht haben, ein blasphemisches Werk zu schaffen. In diesem Fall müsse er den Konflikt mit der Staatsmacht in Kauf nehmen und auch ernsthafte Gläubige könnten ihm dann ihren Respekt nicht versagen (Frankfurter Rundschau 19. Juni 2012).
Dazu wäre mehreres anzumerken. Es ist richtig, daß das derzeit geltende Grundgesetz auf christlich-theistischen Voraussetzungen beruht. Falsch ist aber, daß der auf dieser Verfassung gegründete Staat "eine sittliche Ordnung" auf theistischer Grundlage aufbauen wolle oder müsse. Es kann nicht die Aufgabe oder die Absicht eines Staates sein, eine sittliche Ordnung aufzubauen; seine Aufgabe ist vielmehr eine Rechtsordnung zu verfügen und durchzusetzen. Wie man weiß, verstößt aber die gegenwärtige Rechtsordnung der Bundesrepublik in einigen elementaren Punkten gegen ethische Normen des Christentums. Von diesem Staat eine Zensur blasphemischer Meinungsäußerungen zu verlangen oder zu erwarten, wäre eine rein akademische Frage.
Mosebach beruft sich auf die Formel des ehemaligen Verfassungsrichters Böckenförde, "der bürgerlich-liberale Staat beruhe auf Voraussetzungen, die er weder schaffen noch garantieren könne". Diese Feststellung ist eine Binsenweisheit, wenn man das moderne Staatsverständnis voraussetzt. Der Staat ist eine von den Bürgern geschaffene Institution, die bestimmte Gemeinschaftsaufgaben erledigen soll. Die Bürger sind es, die sich an gewissen ethischen Normen und Traditionen orientieren, und sie, die einzelnen Menschen, nicht ein hypostasierter Staat, stehen vor der Frage, wie die ethischen Regeln und Konventionen ihres Zusammenlebens zu begründen und zu rechtfertigen sind. Nur ein Staat, der sich nicht als Gründung seiner Bürger versteht, muß sich dem Problem stellen, woher er seine Legitimation bezieht. Dies wäre ein Obrigkeitsstaat, und es überaus bezeichnend, daß ein Verfassungsrichter auch dort den Begriff des Obrigkeitsstaates voraussetzt, wo er von dem liberalen Staat spricht.
Nicht weniger fragwürdig ist das, was Mosebach zu Kunst und Künstler der Jetztzeit ausführt. Richtig ist, daß in unserer geistesgeschichtlichen Situation kein Gericht entscheiden kann, ob in einem umstrittenen Fall ein Kunstwerk vorliegt oder nicht. Plausibel ist auch, daß der Künstler selbst sein Werk unter kunstimmanenten Gesichtspunkten betrachten sollte. Man sieht aber sofort, daß der Redner hier zwei verschiedene Werkbegriffe verwendet. Einmal denkt er an die Kunst der Beliebigkeit, die seit einem halben Jahrhundert Mode ist; dann spricht er von einem Werk, das strengen ästhetischen Vorgaben genügt. Nicht widersprüchlich, sondern nur nebulös ist schließlich die Künstlerpsychologie, die Mosebach bemüht, um zu behaupten, daß der Künstler einem inneren "Ruf" folgen müsse, um dieses oder jenes ins Werk zu setzen oder nicht.
Kurzum, Mosebach hat es versäumt, die Voraussetzungen seines eigenen Kunstverständnisses und die der aktuellen Kunstszene zu untersuchen. Was er zur Künstlerpsychologie andeutet, ist nichts anderes als eine Verneigung vor der biographistischen Mode, die nicht erst seit heute das Feuilleton und die Buchproduktion beherrscht. Und für die Kunstszene ist charakteristisch, daß ihr ein völlig entgrenzter Kunstbegriff zugrunde liegt, der alles und das Gegenteil von Kunst umfaßt. Wenn Kitsch als Kunst betrachtet, wenn der nichtigste Unfug hochtrabend als künstlerische Performance, Konstellation oder Installation deklariert wird, dann hat die Kunst jede geistige Bedeutung verloren, und es war nur folgerichtig, daß die Kunstkritik zugunsten des Kunstmarktes abgedankt ist.
Was die Kirche angeht, so kann nur ein aus der Zeit gefallener Beobachter im Ernst erwarten, daß sie ein entscheidendes Wort in Fragen blasphemischer Hervorbringungen zu sagen hätte. Wie kann man denn von einer Kirche, die nicht nur in Dingen der Kunst hinter dem Zeitgeist herhechelt, die in ihren Akademien tiefsinnige Tagungen über Nichtigkeiten wie die Pop-Musik abhält und in ihren Häusern die Produkte eines obskuren, pseudoarchaischen Blutkünstlers ausstellt, noch erwarten, daß ihr Wort in ernsten Angelegenheiten gehört würde? Übrigens gab es gegen diese Veranstaltungen keine öffentlichen Proteste. Das aber zeigt nur, daß weder die Kirche noch die Kunst in intellektueller Hinsicht heute noch ernstgenommen werden. Man kann zweifeln, ob die Kirchen in ihrem gegenwärtigen Zustand und die Gegenwartskunst überhaupt noch eine kulturelle Bedeutung haben.
Gewiß, keine zivilisierte Gesellschaft kommt ohne Zensur aus, und auch unsere Gesetze kennen Einschränkungen der Freiheit der öffentlichen Meinungsäußerung. Bei uns ist sogar die Leugnung bestimmter historischer Tatsachen strafbar — nicht aus vernünftigen juridischen Gründen, sondern aus Gründen einer zweifelhaften politischen Korrektheit. Darüber ließe sich streiten, aber wohl kaum über die Frage einer Kunstzensur.
Denn hier ist doch das Problem, ob diese Frage überhaupt ein Fundament in der Sache hat. Wir haben einen Kunstmarkt, aber keine Kunst, eine üppig subventionierte Theaterszene, aber keine dramatische Kunst. Wir haben eine Inflation von Literaturpreisen, aber keine Literaturkritik: Es gibt Redakteure von literaturwissenschaftlichen Zeitschriften, die nicht den Schimmer einer Ahnung von Literaturtheorie haben; Schriftleiter, die eine Titelgeschichte über Koeppen schreiben, ohne einen Roman von Koeppen gelesen zu haben; Korrespondenten, die über eine Böll-Tagung berichten, ohne ein Buch von Böll aus eigener Anschauung zu kennen; Rezensenten, die den letzten Schund hochjubeln und sich anmaßen, einen Klassiker zu beurteilen. Wir haben einen auf Hochtouren laufenden Literaturbetrieb, aber keine Literatur.
Es fehlt hier also der Gegenstand, der zensuriert werden könnte. Oder soll sich etwa ein Prinzipienmann der öffentlichen Freiheit dafür einsetzen, daß ein kitschiger Jesus-Film — Jesusfilme sind per definitionem Kitsch — ungehindert verbreitet wird? Ich denke, er hat Besseres zu tun.

J.Q. — 24. Juni 2012

©J.Quack


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