Josef Quack

„Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen.“
Wider die feministische Sprachpolitik und den Übermut feministischer Schulämter


 


I. Bizarres vs. Richtiges
II. Weibliche Sonderformen
III. Die mytho-poetische Sicht
IV. Zum Schluß

Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

Fr. Schiller

Denn wer ertrüg' der Zeiten Spott und Geißel, ...
Den Übermut der Ämter, und die Schmach,
Die Unwert schweigendem Verdienst erweist ...

W. Shakespeare

Wie jeder gebildete Mensch, wie jedes Schulkind weiß, muß man bei Wörtern, die Personen bezeichnen, zwischen dem grammatischen Geschlecht (genus) und dem natürlichen Geschlecht (sexus) sorgfältig unterscheiden. Nun gibt es, nicht erst seit heute, aber heute wiederum vermehrt, Bestrebungen unter Sprachwissenschaftlern (w/m) und in feministischen Kreisen, diesen feinen Unterschied zugunsten des natürlichen Geschlechts abzuschaffen. Und es gibt tatsächlich feministisch indoktrinierte Schulbehörden, die diese grammatische Differenz in ihren bürokratischen Verordnungen der albernen Sternchen-Schreibweise ("Lehrer*innen") absichtlich ignorieren.
Die Folge dieser Sprachauffassung und Sprachpolitik ist eine Verarmung und Versimpelung des Sprachgebrauchs, stilistische Umständlichkeit, die Begünstigung falscher Wortbildungen in der öffentlichen Rede und letztlich, von den Protagonisten dieses Trends unerkannt, eine Regression auf eine archaische oder mythische Stufe der Weltauffassung. Zudem läßt das Verhalten dieser Schulbeamten vermuten, daß Behörden, die sonst nichts zu tun haben, als solchen Unsinn auszuhecken, offensichtlich überbesetzt sind, während es an Lehrern sonst vielfach fehlt.
Laut Spiegel (Nr. 8/ 2018) hat eine Sprachwissenschaftlerin behauptet, die deutsche Sprache sei „besonders patriarchalisch aufgebaut“. Diese Behauptung setzt voraus, daß das sprachliche Geschlecht von Personenbezeichnungen immer das natürliche Geschlecht angebe. Diese Voraussetzung ist aber schlicht falsch und sie wird keineswegs von den meisten Sprechern des Deutschen geteilt. Wenn allgemein und unspezifisch von einem Doktor oder einem Professor die Rede ist, bedeutet dies keineswegs für die meisten Sprecher, daß es sich hier nur um einen Mann handeln könne. Die Anrede „Frau Doktor“ oder „Frau Professor“ ist selbst nach dem allzu sehr sprachlichen Trends folgenden Duden auch heute noch korrekt. Nicht die deutsche Sprache ist patriarchalisch aufgebaut, vielmehr betrachten die sogenannten Gleichstellungsbeauftragen in den Schulbehörden und jene Wissenschaftlerinnen die Sprache durch einen sexistischen, soziologistischen Filter und projizieren ihre falsche Ansicht auf das sprachliche System, was natürlich alles andere als wissenschaftlich, sondern nur eine ideologische Einstellung ist, wie man sie auch andernorts beobachten kann.
Selten wird in diesem Falle jedoch erkannt, daß die Unterschlagung des grammatischen Geschlechts zugunsten des natürlichen Geschlechts in der Rede eine typisch mythische Denkfigur ist und diese Denkungsart wollen die Schulpolitiker (m/w) und die akademischen Feministinnen der Allgemeinheit als gültige Sprachnorm vorschreiben! Ein unbilliges Ansinnen und ein Beleg für einen bedauerlichen Verlust an sprachlicher Bildung, der aber nur zu gut in den allgemeinen Trend des Bildungsschwundes unserer Zeit paßt. Wüßten zum Beispiel die werten Zeitgenossen (w/m), daß die Wörter „Student“ und „Dozent“ und ähnliche Formen sich von lateinischen Partizipien herleiten, die sowohl Männer als auch Frauen bezeichnen, dann würden sie nicht das schlichte „Studentenhaus“ durch das schwerfällige „Studierendenhaus“ ersetzen oder in klappernder Echolalie den Dozenten immer die Dozentinnen hinterherlaufen lassen.
Man sollte sich in diesem Streit also darüber klar sein, daß die feministische Sprachwissenschaft, darin manchen Richtungen der Pädagogik durchaus verwandt, offensichtlich weniger eine Wissenschaft als eine wissenschaftlich verbrämte Form der Sprach- und Bildungspolitik ist. Deshalb glaube ich nicht, daß die Vertreter dieser Richtung überhaupt rationalen Argumenten zugänglich sind.

I. Bizarres vs. Richtiges

Die feministisch inspirierte Bildung weiblicher Wortformen ist immer noch eine unerschöpfliche Quelle unfreiwilligen Humors, wenngleich mit der Zeit leider ein Gewöhnungseffekt eintritt und die sprachlichen Mißbildungen kaum mehr als solche wahrgenommen werden. Was noch schlimmer ist, die falschen Neologismen werden allgemein anerkannt. Auch in diesem Falle bestätigt sich die Beobachtung des Sprachwissenschaftlers Heinz F. Wendt: „Die einmal staatlich anerkannte Dummheit kann zu einem Merkmal der Bildung werden.“ Ich möchte aber nicht hoffen, daß sich die Sternchen-Schreibweise allgemein durchsetzt; sie ist einfach zu blöd, als daß sie der gesunde Menschenverstand jemals akzeptieren wird.
Da sagt etwa eine Studentin im Radio: „Ich bin Erstsemesterin“, und sie ist nicht die einzige, die das Unwort gebraucht; aber keinem der Beteiligten fällt die Komik der sprachlichen Form auf. In der Zeitung war von „SPD-Mitgliederinnnen“ die Rede – auch dies kein Einzelfall -, doch hat immerhin ein Leser brieflich dagegen protestiert. Es versteht sich, daß es gerade Politiker sind, die, im Bestreben, sich allen Bevölkerungsgruppen anzubiedern, leicht der Versuchung erliegen, falsche weibliche Wörter zu bilden.
Während es im nazistischen Dritten Reich oft politischer Stil war, die „Frauen und Männer“ anzureden, sprach Adenauer, ein Mann vom alten Geld, seine Wähler, wie es sich ehedem gehörte, mit „meine Damen und Herren“ an. Ludwig Erhard und seine Nachfolger bevorzugten dann das umständliche, aber politisch korrekte „Wählerinnen und Wähler“. Heute ist es unüberlegte Praxis, bei jeder Gelegenheit, von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes zu reden. Man liest sogar von den Vätern, „und mittlerweile zwei Müttern“, des Corporate Governance Kodex, und kein Mensch findet etwas dabei, wenn er von der „Mutter der Atombombe“ liest, einer schlechten Metapher, die immerhin anzeigt, daß auch die Metapher von dem Vater der Wasserstoffbombe nicht besonders glücklich gewählt war. Ähnlich steht es mit dem Doktorvater und -mutter, nur daß es in diesem Falle an einem Wort für den professoralen Betreuer eines Doktoranden fehlt.
Einen komischen Beiklang hat auch die Doppelform, die ein Politiker nach einer Landtagswahl gebrauchte, als er die „Hessen und Hessinnen“ ansprach. Der „alte Hase“ ist eine prägnante Metapher für einen vielerfahrenen Menschen. Die davon abgeleitete, im feministischen Sinne ergänzte Variation, die dem Gehege der Zähne eines Grünen Politikers entfloh: „die alten Häsinnen und Hasen“, ist dagegen lächerlicher Schwachsinn. Und Günther Öttinger, nicht bekannt für Sprachsensibilität, wandelte eine Redewendung ab, indem er meinte: „Wir müssen Herr und Frau dieses Verfahrens bleiben“. Nicht viel eleganter ist die Formulierung, die Petra Roth gebrauchte, als sie beim Abschied von ihrem Amt verkündete: „Ich werde nicht als Stadtmutter auftreten“, wobei sie dieses Wort durchaus ernsthaft, nicht ironisch gebrauchte, wie es das Wort eigentlich verdient hätte. Als sie dann von der Oberbürgermeisterwahl sprach, hat sie sich an die gewohnte Form gehalten und jede feministische Fehlbildung vermieden, während man zum Beispiel im Radio der „Kanzlerinwahl“ begegnen konnte. Andererseits wurde Roth gelegentlich auch durchaus korrekt einfach „Oberbürgermeister“ genannt.
Übrigens hat die „Oberbürgermeisterin“ einiges die Stadt gekostet, da alle städtischen Dienstautos und alle Formulare und Schreiben der Stadt mit dem Siegel oder Wappen versehen werden mußten: „Die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main“. Als dann ein Mann ins Amt gewählt wurde, mußte wieder die männliche Form in den betreffenden Fällen angebracht werden.
Soweit ich weiß, hat die Bundeswehr die feministische Sprachpolitik nicht übernommen. So heißt es immer noch Hauptmann Ulrike Steiger, wie man lesen konnte, und wenn in der Zeitung von einer Generalin die Rede ist, so ist dies nicht die offizielle Bezeichnung, sondern die Wortwahl des Journalisten.
Es fehlt den feministisch indoktrinierten Sprechern vielfach das Gespür, daß die automatische Verdopplung à la Hauptschullehrer und Hauptschullehrerin, Philosophin und Philosoph, Einwohner und Einwohnerin u. ä. stilistisch nicht nur umständlich, sondern einfach unschön ist. Sie haben keinen Sinn dafür, daß Kürze, lapidare Knappheit, eine der wichtigsten und wirkungsvollsten Normen unserer Sprache ist. Niemand hat dies besser gewußt als Friedrich Schiller, der größte Rhetor des Deutschen. Maria Stuart spricht gewöhnlich, wie üblich, von sich als Königin. Wenn sie jedoch ihren Herrschaftsanspruch gegenüber England bekräftigen will, sagt sie emphatisch: „Ich bin Euer König“, wobei sie das „ich“ betont. Wer nicht erkennt, daß hier „König“ weitaus stärker den Herrschaftsanspruch zum Ausdruck bringt, als es „Königin“ je könnte, dem ist in sprachlichen Dingen wirklich nicht zu helfen.
Die Norm der Prägnanz wird auch von den Autoren mißachtet, die in ihren Büchern nun, um den herkömmlichen Usus zu konterkarieren, durchweg von der „Leserin“ sprechen, statt wie ehedem vom „Leser“. Diese modische Anpassung ist aber nicht nur stilistisch mißraten, sondern auch begrifflich; denn der Leser, der in Büchern, oft besonders in Romanen, angesprochen wird, ist ein Funktionsbegriff, der an sich mit dem natürlichen Geschlecht nichts zu tun hat. Wenn etwa Jean Paul die Leserin anspricht, so ist das eine ironische Schäkerei, und bei manchen Autoren, die sich auf die Leserin beziehen, hat man den Eindruck, daß dies kein Ausdruck der Höflichkeit, sondern der spöttischen Ironie gegenüber der feministischen Sprachauffassung ist.
Anders steht es mit der „Romancière“, eine Analogiebildung zu Romancier, der man gelegentlich begegnet und die auf den ersten Blick sinnvoll zu sein scheint; doch hat sie sich nicht durchsetzen können, wohl weil sie zu preziös klingt. Im Französischen ist sie, entgegen dem Anschein, unbekannt; hier bezeichnet „romancier“ sowohl den Romanschriftsteller als auch die Romanschriftstellerin. Vom allgemeinen Sprachgebrauch nicht angenommen wurde auch die „Jockette“, das weibliche Pendant zu „Jockei“, das gelegentlich auftaucht (FAZ 13.6.12). Laut Duden steht „Jockei“ immer noch für Rennreiter beiderlei Geschlechts, d.h., das Wort wird als reiner Funktionsbegriff aufgefaßt. Dagegen hat das Standardwerk der Rechtschreibung „Producerin“ als korrektes Wort aufgenommen, obwohl im Englischen „producer“ sowohl den Produzenten als auch die Produzentin bezeichnet.
Wenn im Radio eine Frau als Studiogästin vorgestellt wird, klingt dies zumindest etwas ungewohnt, was der Moderator dann auch selbst merkte – er hat die Formulierung nur bei der Vorstellung gebraucht. Wenn eine Journalistin von „Büchern über Katzen und Kater“ spricht, merkt man, daß sie die feministische Redenorm fairerweise auch auf das Tierreich ausdehnen will; man sieht aber auch, daß sie in diesem Sektor unbewandert ist. Denn bekanntlich sind die Tiernamen Gattungs- oder Artbegriffe und auf dieser Stufe der Klassifikation wird das natürliche Geschlecht nicht markiert. Das Wildschwein ist sächlichen Geschlechts und der Begriff umfaßt sowohl „Keiler“ als auch „Bache“. Die Otter ist feminini generis; wenn der Jäger aber das weibliche Tier meint, spricht er von der Otterin; ähnlich bei den Wildkatzen, wo man die weiblichen Tiere ausdrücklich „Kätzinnen“ nennt, obwohl Katze ein weibliches Wort ist.
Tiervater Brehm hat übrigens das nächtliche Treiben der Katzen beiderlei Geschlechts in einem glänzenden Passus großartig beschrieben: „Nicht immer sind die Raufer die stärksten, und nicht allemal sind die Kater die ärgsten Raufbolde; es gibt auch weibliche Haudegen, wilde Weiber.“ Und E.T.A. Hoffmann war sich in seinem Kater-Roman der undifferenzierten Form des Katzenbegriffs durchaus bewußt, erzählt er doch ausdrücklich von den „lieblichen Katzentöchtern“. Wenn man sich dieses Treiben vor Augen hält, versteht man auch recht eigentlich erst den Sinn der auf den Menschen bezogenen Metapher von der Katzbalgerei der Geschlechter. Die Metapher hat meines Wissens Heimito von Doderer geprägt, vielleicht aber auch der von Doderer so genannte Karl der Große, nämlich Karl Kraus.
Selbstverständlich gab es immer, und gibt es auch heute noch, zahllose einsichtige, sprachbewußte Frauen, die die feministische Redeweise, die sonst so oft völlig gedankenlos akzeptiert und nachgesprochen wird, nicht übernommen haben. Ich führe ihre Stimmen hier an, nicht weil sie Frauen sind, sondern weil das, was sie sagen, grammatisch und semantisch korrekt ist. Hannah Arendt schreibt zum Beispiel in einer ernsthaften Selbstbeschreibung: „ich als Jude“, nicht als Jüdin, was zwar auch richtig, aber keineswegs so eindeutig und signifikant wäre. Ihren Beruf beschreibt sie, wie folgt: „Ich bin eine Art freier Schriftsteller geworden, irgend etwas zwischen einem Historiker und einem politischen Publizisten“. Immer die kürzere Berufsbezeichnung wählend, zeigt sie den wachsten Sprachsinn und sie ist einfach zu selbstbewußt, als daß sie von der männlichen grammatischen Form alteriert werden könnte. Hier sollte man auch an Simone de Beauvoir denken, die engagierte Frauenrechtlerin, die wiederum literarisch zu sensibel war, um die feministischen Sprachallüren mitzumachen. Zu erinnern wäre auch an Mechthilde Lichnowsky, eine Freundin von Karl Kraus, die ihm geistig ebenbürtig war und seine Sprachkritik fortsetzte. Ihr Buch Worte über Wörter wiegt ein Bäckerdutzend sich wissenschaftlich nennender Arbeiten feministischer Observanz auf. Sie spricht selbstverständlich von „mir, dem Autor“ oder von „uns Schülern“. Wenn sie einmal „Autorin“ sagt, dann bei einem mißverständlichen, nämlich männlich klingenden Eigennamen einer Frau.
Elisabeth Trissenaar erklärt, wieder den emphatischen, grammatisch männlichen, nicht den gängigen Ausdruck verwendend: „Ich habe gelernt, mich als denkender Schauspieler zu begreifen“. Jette Joop, die die Geschäfte einer Firma führt, sagt von sich: „Ich bin ein Praktiker“. Und die Journalistin Sigrid Löffler, wahrlich mit einem an Sturheit grenzenden Selbstbewußtsein begabt, stellte einmal fest: „Ich bin Dialektiker genug, um zu wissen ...“. Dagegen konnte man eine modisch formulierte Überschrift in der Zeitung lesen: „Die Seele ist eine Dialektikerin“, was immer damit gemeint sein mag – der Verfasser der Überschrift wußte es sicher nicht.
Die Gegenbeispiele zum normierten feministischen Redestil lassen aber erkennen, daß eben dieser Stil oft nichts anderes ist als der Ausdruck eines Minderwertigkeitsgefühls. Selbstsichere Frauen sind über diese Marotte erhaben.
Ich hörte einmal ein kleines Mädchen so stolz, wie nur ein Kind sein kann, sagen: „Ich bin der einzige Türke im Kindergarten“. Damit hat sie ihre Position klar, korrekt und vor allem auch erschöpfend beschrieben; hätte sie „Türkin“ gesagt, hätte man nachfragen müssen, ob es dort denn auch türkische Buben gebe.
Was das substantivierte Partizip des Präsens „Studierende“ angeht, so hat Bastian Sick gegen dessen Gebrauch eingewandt, das Wort sei ein „grammatikalischer Mißgriff“: „Studierend ist nur, wer im Moment auch wirklich studiert, so wie der Lesende gerade liest und der Arbeitende gerade arbeitet.“ Dieses Bedenken hat Harald Weinrich in seiner Textgrammatik vorweggenommen und entkräftet. Er erklärt zunächst ähnlich wie Sick, daß Handlungsnomina wie „Leser“ oder „Lehrer“ eine habituelle, ständig ausgeübte Rolle beschreiben, während nominalisierte Partizipien des Präsens eine okkasionell, im Augenblick ausgeübte Rolle beschreiben. Doch fügt er hinzu, daß diese Unterscheidung sich unter bestimmten Bedingungen verwischen könne: „So ist beispielsweise eine Tendenz zu verzeichnen, das motivierungsbedürftige Nomen ‚der Student ...“ durch das ohne Motivierung zu verwendende Neutral-Partizip ‚der Studierende ...‘ zu ersetzen“. Mit Motivierung ist gemeint, daß bei diesem Nomen die Form des biologischen Geschlechts angegeben werden muß. Während „Studierende“ unverändert sowohl mit „der“ als auch mit „die“ verbunden werden kann, muß man in dem anderen Fall eine eigene weibliche Form bilden: die Studentin. Wie man sieht, übernimmt Weinrich, den derzeitigen Gebrauch beschreibend, ohne Bedenken die damit gekoppelte Norm der Rede.
Gegen Sicks Monitum spricht auch, daß ein so sprachbewußter Autor wie Schopenhauer jenes Partizip ohne jeden Skrupel verwendet. Außerdem gibt es viele Analogiebildungen, deren Gebrauch in stilistischer Hinsicht zwar unschön und umständlich sein mag, jedoch durchaus als grammatisch korrekt betrachtet wird und auch als solcher tatsächlich zu betrachten ist: Promovierende, Zivildienstleistende u.ä.
Nebenbei bemerkt, erinnert die besagte Unterscheidung der Aktionsarten an einen berühmten Aphorismus von Jean Paul. Er schreibt im Titan: „Solang‘ ein Weib liebt, liebt es in einem fort – ein Mann hat dazwischen zu tun.“ In einem ähnlichen Sinne macht Jean Pauls Vornamensvetter Sartre auf diese Differenz aufmerksam, indem er schreibt: „Wir wissen, daß wir lieben, aber fühlen es nicht“. Damit weist er darauf hin, daß „lieben“ nicht nur, wie gewöhnlich angenommen wird, eine gefühlshafte Einstellung bezeichnet, sondern auch eine willentliche Einstellung, die in der philosophischen Tradition bene velle, Wohlwollen, genannt wurde. Wenn man dieses Moment des Begriffs beachtet, verliert denn auch das biblische Gebot, daß man seine Feinde lieben solle, den Anschein der Paradoxie. Und was das Bonmot von Jean Paul angeht, so impliziert es die Deutung, daß die Frau das gefühlshafte Moment des Begriffs realisiert und auslebt, während der Mann das willentliche Moment bevorzugt.

II. Weibliche Sonderformen

In den Tagebüchern von Thomas Mann findet sich oft die stereotype Bemerkung: „zu Tische leider die Herz“, womit eine Verehrerin gemeint ist, die ihm unsympathisch war. Walter Kempowski verwendet immer den bestimmten Artikel, wenn er weibliche Autoren erwähnt: die Bachmann, die Rinser, die Wohmann, die Luxemburg u.ä. Selbst der renommierte Sprachpfleger Ludwig Reiners verwendet diese Form bei weiblichen Personennamen: die Huch. Und was sagte die betroffene Ricarda Huch zu dieser Redeweise? „Wenn ich so etwas höre wie ‚die Huch‘, so wünsche ich, ich hätte nie etwas geschrieben“. Dazu Golo Mann, es sei wirklich „eine üble Gewohnheit, bei schöpferischen Frauen dem Nachnamen ein ‚die‘ vorzusetzen, besser sei es, den Vornamen zu nennen: „Übrigens zeigte mir Frau Ricardas Ärger, wie sehr sie Frau war, große Dame war.“
Der Duden hat diese Ausdrucksweise früher sanktioniert: „Familiennamen von Frauen, die ohne einen das Geschlecht bezeichnenden Zusatz stehen, brauchen den bestimmten Artikel, um als weiblich erkannt zu werden: Die Gedichte der Bachmann“. Neuerdings heißt es, dieser Unterschied, der zwischen Frauen und Männern gemacht wurde, sei vor allem bei bekannten Persönlichkeiten unnötig. Während die frühere Aussage normativ, verpflichtend war, wird in der neuen Bemerkung die alte Vorschrift zurückgenommen, der Gebrauch selbst aber nicht als verwerflich bezeichnet. Weinrich registriert zu dem bestimmten Artikel bei bekannten Frauennamen rein deskriptiv, daß dies so sei und manchmal eine umgangssprachliche, familiär-vertrauliche Nuance habe, wie „die Droste (= die bekannte Dichterin Annette von Droste Hülshoff)“. Mechthilde Lichnowsky beschränkt dagegen den Gebrauch des bestimmten Artikels bei der Nennung von berühmten Frauen explizit auf die Namen von großen Schauspielerinnen, Tänzerinnen u.ä: die Sandrock, die Duse. Vor allem aber macht sie auf die negative Wirkung aufmerksam, die der falsche Gebrauch des Artikels vor Personennamen zur Folge hat: „Wird der Familienname mit dem Artikel für eine nicht berühmte Person weiblichen Geschlechts gebraucht, so muß Herabsetzung dieser Person oder ihres Wertes als beabsichtigt erscheinen.“
Die zuletzt genannte Absicht liegt zum Beispiel zweifellos vor, wenn Hannah Arendt die Frau von Martin Heidegger als „die Martinsche“ bezeichnet. Ein großartiges literarisches Beispiel für den vertraulichen Gebrauch des Artikels vor Namen findet sich wieder bei Schiller, wo Wallenstein zu Max Piccolomini sagt: „Es kann nicht sein, ich mags und wills nicht glauben,/ daß mich der Max verlassen kann“.
Sigismund von Radecki, gleichfalls ein geistig ebenbürtiger Freund von Karl Kraus und Sprachkritiker in seiner Nachfolge, hat meines Erachtens den Sinn des Gebrauchs von „der, die das“ richtig erkannt und ähnlich wie Lichnowsky, aber ausführlicher beschrieben. Er führt aus, daß die bestimmten Artikeln zwei entgegengesetzte Fähigkeiten haben: „erstens die des Bestimmens, Aussonderns, Hervorhebens“ und die „Fähigkeit der Substantivierung und Objektivierung, welche einen Abstand schafft und dadurch entfernt.“ Und er verdeutlicht, daß „der, die, das“ eine abschätzige Bedeutung haben könne, etwa vor Namen, was geringschätzig und respektverletzend sei: „Gleichfalls unhöflich wirkt es, wenn Schauspielerinnen ein ‚die‘ vor ihren Namen bekommen: die Sembrich, die Dorsch. (Nur bei allergrößten, längst verloschenen Sternen geht es an: die Rachel, die Wolter). … Am peinlichsten wirkte dieses ‚die‘, als ein Auswahlband der Schriften von Annette v. Droste-Hülshoff glatt und forsch ‚Die Droste‘ betitelt wurde.“ Radecki teilt also in diesem Punkt die restriktive Ansicht von Ricarda Huch.
Eine seltene, aber unproblematische Art, eine Person als Frau zu kennzeichnen, besteht darin, daß man, wie bei allgemeinen Personenbezeichnungen, die feminine Form des Familiennamens bildet: man hängt ihm ein weibliches Suffix an. So nennt Schiller die Frau des Stadtmusikanten Miller in den Szenenanweisungen Frau Millerin und seine Tochter Luise Millerin. So hieß ursprünglich auch das Drama Kabale und Liebe. In Literaturgeschichten findet man auch heute noch die Ausdrucksweise „die Gottschedin“ oder „die Neuberin“, die Namen von Frauen, die das Theater zu ihrer Zeit erneuert haben. Bemerkenswert ist jedoch, daß Wilhelm Scherer in seiner Geschichte der deutschen Literatur (1883), die einzige Literaturgeschichte, die über Jahrzehnte nachgedruckt und ein klassisches Hausbuch wurde, diesen Sprachgebrauch nicht übernommen hat. Er spricht durchweg von Frau Gottsched, von Caroline Neuber oder der Direktrice Caroline Neuber. Dagegen hielt Victor Klemperer an jener Redeweise fest, wenn er von der „Gruberin“ berichtet, und die Frau von Ernst Kreuder unterschrieb einen Brief an Arno Schmidt tatsächlich mit „Ihre Kreuderin“ (1959). Heute hört man diese Wortform gelegentlich noch in Franken, in einem umgangssprachlichen Kontext.
Ich will das Kapitel über weibliche Kennzeichnungen und Namensformen nicht abschließen, ohne einen Ausdruck zu erwähnen, dessen einzige Funktion es ist, eine Frau als verächtlich zu bezeichnen: „das Mensch“, Plural „die Menscher“. Hier ist der sächliche Artikel offensichtlich deshalb gewählt, um der Person die positiven, unverächtlichen weiblichen Eigenschaften explizit abzusprechen.
Zu dem Streit um weibliche Personenbezeichnungen will ich allgemein folgendes anmerken und zu bedenken geben. „Person“ ist feminini generis, wird aber auch verwendet, um einen Mann zu bezeichnen. Dieser Sprachgebrauch widerspricht aber dem Postulat einer sprachlichen Gleichstellung von Mann und Frau; doch hat sich noch kein Mann darüber beschwert, daß er mit einem Wort beschrieben wird, dessen grammatisches Geschlecht weiblich ist. Ähnlich steht es bei weiblichen Metaphern wie etwa: Er ist eine Leuchte oder eine Koryphäe der Wissenschaft. Das letzte Wort ist insofern interessant, als es davon auch eine männliche Variante gibt, der Koryphäe, nämlich der Chorführer im antiken Drama. Doch hat nicht die männliche, sondern die weibliche Form die Bedeutung von jemand angenommen, der auf seinem Gebiet Hervorragendes geleistet hat. Übrigens nennt man auch eine Solotänzerin eine Koryphäe.

III. Die mytho-poetische Sicht

Nach der mythischen Weltauffassung sind die Sterne bekanntlich Götter, wie die Namen der Planeten noch heute erkennen lassen: Jupiter, Saturn, Venus, Mars, Pluto. Das Geschlecht dieser Götter wurde vom Namen abgeleitet, d.h. man nahm an, daß bei diesen Bezeichnungen das natürliche und das grammatische Geschlecht dasselbe sei. Diese Denk- und Anschauungsweise hat man natürlich auch zu berücksichtigen, wenn man antike Texte in moderne Sprachen übersetzt. Im Falle von Joyce hat die erste deutsche Übersetzung sich jedoch nicht an diese Richtschnur gehalten. Wo Joyce offensichtlich auf Homers "oxen of the sun" anspielt, hieß es auf deutsch ahnungslos banal „die Ochsen der Sonne“, während es nach der klassischen, den Geist des Griechischen getreu respektierenden Fassung von Johann Heinrich Voß „die Rinder des Helios“ hätte heißen müssen, wie Arno Schmidt anmerkt.
Auch der Sonnengesang des Franziskus ist mytho-poetisch angelegt: „Gelobt seist du, mein Herr, / mit allen deinen Geschöpfen, / zumal dem Herrn Bruder Sonne“. Darauf spielt Alfred Döblin in seinem letzten großen Akademie-Vortrag an, wenn er über das poetische und das physikalische Wesen des Sonnengestirns meditiert und erklärt „Ja, du bist mein Bruder, große Sonne“; auch er betont die Geschöpflichkeit der Gestirns, weil sie wie der Mensch, metaphorisch und liturgisch gesprochen, aus Staub geschaffen wurde. Döblin hat aber betont, daß er die Sonne nicht wie der alte Goethe verehre. Franziskus personifiziert die Sonne nach der Vorgabe des Italienischen, wo „sole“ wie das lateinische „sol“ masculini generis ist.
Wie dem aber sei, nicht nur die Dichter der Klassik haben die mythische Anschauungsweise der Antike in vielem übernommen – aus Gründen der poetischen und künstlerischen Fruchtbarkeit, ohne im Ernst das spezifisch Mythische, den religiösen Gehalt der Götterwelt sich zu eigen zu machen. Was in unserem Zusammenhang jedoch entscheidend ist, sie haben sich oft auch an den antiken, nicht den deutschen Namen der Gestirne orientiert und wie Goethe ein Gedicht „An Luna“ (An den Mond) gerichtet.
Von den Autoren unserer Zeit hat wohl kein Schriftsteller das Spiel mit dem grammatischen und natürlichen Geschlecht der Wörter so bewußt und passioniert gespielt wie der in die Wörterwelt und das Buchstabenreich vernarrte Arno Schmidt. In einer Geschichte spricht der Erzähler von Frau Nacht und Lord Sun, und in eigenem Namen hat Schmidt sich oft zu seiner Selenomanie bekannt, d.h. er war ein Verehrer des Mondes, den er sich als weibliche Gestalt dachte und nach seiner persönlichen erotischen Einstellung ausmalte.
Zu den Vorstellungen der Dichtung, die das sprachliche Genus eines Wortes als Ausdruck des natürlichen Geschlechts deutet, gehört auch die Bemerkung des über das Sterben sinnierenden Walter Kempowski: „Der Tod müßte weiblichen Geschlechts ein“. In der Tat hat das männliche Geschlecht dieses Wortes die erotische Konnotation, die mit dem Totentanz verbunden ist, entscheidend geprägt. „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod ...“ - diese bedrohlichen Verse bilden bekanntlich den Generalbaß, die düstere Hintergrundmelodie, das sprechende Leitmotiv von Berlin, Alexanderplatz. Und wenn Gerrit Engelke im Ersten Weltkrieg dichtet: „Mich aber schone, Tod“, dann denkt er sich die personifizierte Figur des Lebensendes als absoluten, unerbittlichen Herrn über das menschliche Leben. Dem deutschen Ausdruck entspricht auch das griechische Wort für Tod, Thanatos, den Heinrich Heine in einem rührenden Gedicht beschreibt: „Das ist der böse Thanatos / er kommt auf einem fahlen Roß ...“
Dagegen ist der Gefühlswert des Erlebens völlig anderer Art, wenn man sich die Todesfigur als Frau vorstellt, weil das Wort feminini generis ist wie im Russischen und anderen slawischen Sprachen, was Kempowski nicht gewußt zu haben scheint. Dem entsprechend unterscheidet sich natürlich auch die slawische Dichtung von der Anschauungsweise der deutschen Poesie in einem existentiellen, kaum zu überschätzenden Punkt.
Einer der wirkungsmächtigsten rhetorischen Kunstgriffe besteht in dem pointierten Übergang von dem sprachlichen Geschlecht eines Wortes zu der weiblichen Form des Wortes im Sinne des natürlichen Geschlechts. Der Kunstgriff verfehlt selbst in unpoetischen, fachsprachlichen Texten selten den überraschenden Effekt. So etwa bei dem Philosophen Alan Musgrave, der erklärt, der Held dieses Buches sei tatsächlich eine Heldin. Wenn er danach jedoch immer von der Skeptikerin spricht, klingt dies auf deutsch allzu gesucht und verkrampft.
Anders jedoch, wenn ein Meister der Sprache die rhetorische Figur anwendet, wie Giorgio Scerbanenco in dem Kriminalroman, einem Werk unbestreitbaren literarischen Ranges, Traditori di tutti (Verräter von allem), dem man den unsäglich schwachsinnigen deutschen Titel Doppelt gekillt hält besser verpaßt hat. Hier hat der Protagonist, Duca Lamberti, einigen Verbrechern eine Falle gestellt und Duca wartet nun mit einem Kollegen von der Polizei, daß die Gesuchten anbeißen: „Er, der Gangsterfänger Duca Lamberti, stand neben dem Koffer, wie man auf Safari neben der Ziege steht und auf den Löwen wartet, der sie auffressen soll. Und der Löwe kam. Es war eine Löwin.“ Und diese Löwin ist denn auch ein Prachtexemplar von vulgärer Schönheit und derbster Redeweise. Eine unvergeßliche Szene vollkommener Prosakunst.
Wenn man das reizende Sprachspiel analysiert, kann man feststellen, daß es nicht nur auf der natürlichen Geschlecherdifferenz beruht, sondern auch auf der grammatischen Differenz.
Gelegentlich bilden Autoren entgegen der Standardsprache künstlich Wortformen weiblicher Art, um die Differenz der Geschlechter sprachlich zu markieren. Sie verfolgen damit verschiedene Zwecke. So hat Lessing beobachtet, daß der Dichter Friedrich von Logau zu „Biedermann“ das Analogon „Biederweib“ und ähnliche Komposita bildet, um die Vielfalt des moralischen Phänomens auszudrücken. Diese Wörter sind entgegen unserem heutigen Verständnis durchaus positiv gemeint: man verstand unter Biederkeit nichts anderes als die „alte, deutsche Redlichkeit“.
Wenn Kempowski dagegen nicht von einem weiblichen Fan, sondern von einer „Kempowski-Fanin“ spricht, ist dies offensichtlich spöttisch gemeint und Ausdruck seines Abscheus gegen die Mode weiblicher Wortbildungen.
Anders dagegen Arno Schmidt, der weibliche Kunstwörter bildet, weil es seines Erachtens für bestimmte Phänomene keinen passenden Ausdruck gibt. „Während draußen untröstlich-weiblich der Regen schluchzte“, heißt es in einer Erzählung, „- ‚die Regin‘ wäre treffender: unsere Sprache ist schlecht und unüberzeugend durchkonstruiert!“ In einer Beschreibung New Yorks formuliert er in seinem eigensinnigen Jargon, nachdem er emigrierte Existentialisten „mit infernalischen Schienbeinen“ karikiert hat, die andere zum Stolpern bringen: „Biedermännlein zum Stolp; und smarte Jemandinnen führen durch die UN, halb fesches Mensch halb blauer Wegweiser“. Übrigens zeigt das Attribut an, daß das sächliche „Mensch“ hier keineswegs verächtlich oder abwertend gemeint, sondern ein Synonym zu smarte Jemandinnen und eine Konstrastbildung zu Biedermännlein ist.
Ähnlichen Sinnes bildet auch Michael Ende in seinem Märchenroman Die unendliche Geschichte neue weibliche Wörter, um die bunteste Vielfalt und Eigenart der Geschöpfe in seiner Phantasiewelt zu bezeichnen und zu benennen. Über Borkentrolle schreibt er: „Das waren, wie man ihm gesagt hatte, riesenhafte Kerle und Kerlinnen, die selber wie knorrige Baumstämme aussahen.“ Man sieht förmlich, daß das vergleichende Neuwort die gleichförmige Monstrosität der weiblichen Trolle anschaulich abbildet. Ende erzählt auch von der „Bruder- und Schwesterschaft“ der Mönche der Erkenntnis und bemerkt: „Zur Zeit war die Anzahl der Mönche und Mönchinnen etwas über zweihundert“. Es ist evident, daß er den Neologismus „Mönchin“ gewählt hat, weil er die vollkommene geistige Ebenbürtigkeit der Schwestern zum Ausdruck bringen wollte, was „Nonne“ niemals geleistet hätte.
Schließlich noch ein kurzes Wort zu dem vieldeutigen, mehrere Buchtypen bezeichnenden Begriff des sogenannten Frauenbuches. In früheren Zeiten meinte man damit Romane, die nach dem Muster angelegt waren: Aschenbrödel heiratet den Prinzen, Sekretärin ist „Perle“ der Firma und heimlich in den Chef verliebt. Heute gehören in diese Rubrik die Produkte der romanestrickenden Ladies wie Elisabeth George u. a., deren Welt solange in Ordnung ist, wie der Fünf-Uhr-Tee sakrosankt ist. Hierher gehört wohl auch P.D. James, obwohl sie eher die Einstellung einer sadistischen Krankenschwester zu teilen scheint. Eine andere Klasse bildet die Literatur, die ein bestimmtes feministisches Selbstverständnis zum Ausdruck bringt. So hat eine Rezensentin in den siebziger Jahren den Roman Malina von Ingeborg Bachmann einen „sehr weiblichen Roman“ genannt, bezeichnenderweise ohne nähere Begründung, als verstünde sich dies von selbst. Gemeint war aber wohl ein autobiographischer, extrem gefühlsbetonter Roman in dem Sinne, daß die Autorin sich mit der Protagonistin vorbehaltlos identifiziert, ein Roman jenseits kritischer Distanz und der Ironie im romantischen Sinne.
Ich kann dazu nichts weiter sagen, da ich diesen Roman nicht gelesen habe. Ich möchte nur wiederum Mechtilde Lichnowsky zitieren, die sich entschieden dagegen gewandt hat, daß die deutschen Kritiker, wenigstens seinerzeit, überhaupt die jeweiligen Geschlechter in der Weise unterscheiden, daß sie „die Arbeit einer Frau: Frauenbuch, die eines Mannes: Buch (nicht etwa: Männerbuch)“ nennen. Und sie fragt im Hinblick auf große Autorinnen durchaus berechtigt, was denn „das Zivilverhältnis, das Geschlecht eines Menschen mit seiner künstlerischen Arbeit zu tun“ habe. Sie beendet diese Diskussion mit dem goldenen Wort, daß „Kunst jenseits von Geschlecht zu suchen ist“.
Diesem wichtigen Grundsatz der Literaturkritik widerspricht keineswegs die Beobachtung, daß es offensichtlich Frauen oft besser gelingt als Männern, die Erlebniswelt von kleinen Kindern zu erfassen und darzustellen. Daß sie sie sprachlich wiedergeben und gestalten können, ist aber wiederum die entscheidende Frage der Kunst, die tatsächlich mit dem Geschlecht nichts zu tun hat. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß ein Mann, ausgenommen vielleicht Bernanos, einen überzeugenden, realistischen Roman über ein bösartiges halbwüchsiges Mädchen hätte schreiben können, wie dies Josephine Tey getan hat, meines Erachtens die beste Autorin literarisch hochstehender Kriminalromane. Wie recht Lichnowski hat, ersieht man übrigens daraus, daß die überzeugendsten Frauengestalten der Weltliteratur bis heute von Dichtern geschaffen wurden.

IV. Zum Schluß

Zum Schluß brauche ich wohl nicht zu wiederholen, daß ich es schlicht für unverschämt halte, wenn feministische Sprachpolitiker beiderlei Geschlechts der Allgemeinheit ideologische Vorschriften machen und uns ein mythisierendes Sprachverständnis aufdrängen wollen.
Prinzipiell gesprochen, möchte ich aber auf einen Gemeinplatz hinweisen, daß nämlich die Ziele und Belange der feministischen Sprachauffassung rein akademischer Natur, recht eigentlich weltfremd sind und mit den wirklichen Problemen der gesellschaftlich benachteiligten Frauen praktisch nichts zu tun haben. In jener feministischen Debatte wird nicht erkannt, daß man soziale Ungleichheit nicht durch sprachliche Normen oder sprachliche Gleichstellung beseitigt, sondern durch sozialpolitische Gesetze und Aktionen, letzten Endes durch Aktionen des Arbeitskampfes. Auch übersieht dieser universitäre Kreis höherer Töchter, daß es nicht nur eine geschlechtsbedingte Ungleichheit in unserer Gesellschaft gibt, sondern in erster Linie eine Ungleichheit sozialer Klassen. Eine Arzttochter hatte schon immer günstigere berufliche Chancen als ein Arbeitersohn.
Es gibt nun seit mindestens einem halben Jahrhundert hierzulande eine politisch aktive Frauenbewegung, doch hat sie es nicht fertiggebracht, das Hauptproblem aller beruflichen Beschäftigung zu lösen – daß nämlich die gleiche Arbeit den gleichen Lohn verdienen sollte. Das macht, die feministischen Akademikerinnen haben in ihrer bürgerlichen Beschränktheit dieses Problem nicht mal als zentrales Problem ihrer Bewegung erkannt, und erst recht haben sie nicht gesehen, daß diese Frage aller Fragen weit mehr berufliche Verhältnisse betrifft als die Beschäftigung von Frauen.
Die USA, Vorbild und Referenzland unserer Universitätslehrer und aller amerikahörigen Journalisten, ist in sprachpolitischer Hinsicht wahrlich ein abschreckendes Beispiel. Nirgends sonst in der westlichen Welt wird auf Schulen und Hochschulen das Gebot der politischen Korrektheit so strikt durchgesetzt wie hier. In keinem westlichen Land ist jedoch der Rassismus, die gesellschaftliche Trennung von Schwarz und Weiß, vor allem aber der Haß vieler Weiße auf Farbige, so ausgeprägt wie in diesem Land. Dies beweist, daß man moralischen Fortschritt nicht mit den Mitteln angeblich richtiger politischer Gesinnung erreichen kann. Die moralisierende Spracherziehung ist völlig wirkungslos geblieben.
Was die weltfremde Sprachpolitik hierzulande betrifft, so besteht vielleicht der größte Skandal darin, daß ein skandalöses Phänomen überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird. Vor ein paar Jahren konnte man eine kurze Zeitungsnotiz lesen: „Alarmierende Tendenz zur Geschlechtswahl“ (FAZ 26.10. 2011). Darin hieß es, daß „in einigen Ländern der früheren Sowjetunion [nach der Feststellung des Geschlechts der Ungeborenen] bis zu zehn Prozent der Schwangerschaften abgebrochen werden, wenn es sich um Mädchen handelt“. Wahrlich eine tödliche Form der Frauenverachtung und -diskriminierung. Von einem feministischen Protest gegen diese Mißstände hat man aber nichts gehört.

J.Q. — 24. Feb. / 27. Nov. 2018

©J.Quack


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