Josef Quack

Geschichte einer Leidenschaft
"Das blaue Zimmer" von Simenon




Ein ganzes Jahr und noch viel mehr,
die Liebe nahm kein Ende mehr.

Volkslied

Der Roman mit dem unscheinbaren Titel La chambre bleu (1964, Paris 1966) erzählt die Geschichte einer frenetischen, unbeirrbaren erotischen Leidenschaft und die Geschichte eines fatalen Mißverständnisses. Er beginnt mit der Schilderung eines Moments sinnlichen Glücks und endet mit der Schilderung einer stummen Verzweiflung. Am Anfang steht ein Lustspielmotiv und am Ende steht eine ausweglose Tragik.

Von Anfang an auf künftige Ereignisse anspielend, erzeugt der Text eine Spannung, die erst am Ende aufgelöst wird — mit dem Effekt, daß die Erzählweise eine zweite Lektüre geradezu erzwingt, weil man jetzt erst alle Zusammenhänge durchschauen kann. — Es ist eine ähnliche ausgefuchste Technik, wie sie Simenon in Der Sohn (1956) mit dem gleichen Erfolg angewandt hatte, in einem Roman, der gewöhnlich, durchaus mit Recht, zu den großen Romanen des Autors gerechnet wird (cf. J.Q. Simenons traurige Geschichten, S.54ff.).

Nicht weniger bezeichnend ist, daß auch in dem Blauen Zimmer ähnlich wie in Der kleine Mann von Archangelsk (1956) eine unbedachte Lüge dem Protagonisten zum Verhängnis wird und sein tragisches Geschick wenigstens mitverursacht (l.c. 16ff.).

Das Thema des Mißverständnisses verweist auf den zentralen Gedanken im Werk und im Menschenbild Simenons, die Frage, ob es möglich ist, einen anderen Menschen wirklich zu verstehen, besonders dann, wenn er ein Verbrechen begangen hat. Es ist das Kernthema der Maigrets und der thematische Hintergrund vieler seiner „harten“ Romane.

Das blaue Zimmer aber ist eine der härtesten, finstersten, hoffungslosesten Romane, die Simenon jemals geschrieben hat, eine sex and crime-Geschichte auf höchstem literarischen Niveau, und man fragt sich, ob man den Leser nicht besser vor diesem Buch warnen sollte. Doch habe ich schon die Hauptgründe genannt, die es lesenswert machen. Simenon zeigt uns glaubhaft, zu welcher äußersten Leidenschaft ein Mensch fähig sein kann, und bereichert mit diesem ungewöhnlichen Beispiel einer erotischen Besessenheit unsere Menschenkenntnis. Daneben kommt das zutiefst erschreckende Motiv zur Sprache, wie aus einer Unachtsamkeit eine Katastrophe hervorgehen kann.

Nicht zuletzt wird in dem Roman mit einiger Penetranz der Unterschied zwischen dem unmittelbaren Erleben und der Reflexion über das Erlebte vorgeführt. Es ist ein Unterschied ums Ganze und der Grund für das intellektuelle Interesse, das der Roman unweigerlich erweckt, ein Moment der Spannung, das durch die vorgreifende und vortastende Erzählweise noch verstärkt wird. Kurzum, man kann die überlegene, scheinbar mühelose Erzählkunst nur bewundern, mit der Simenon diese schreckliche Geschichte, die an sich ganz gewiß nicht anziehend ist, zu präsentieren und dem Leser akzeptabel zu machen versteht.

Ich werde diese Geschichte aber nicht im einzelnen nacherzählen, sondern nur die Hauptpersonen kurz vorstellen, ihr Milieu knapp beschreiben und ihren Konflikt ein wenig beleuchten, indem ich die genannten Motive genauer bespreche.

Der traurige Held des Romans, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist Tony Falcone, 33 Jahre alt, Sohn eines italienischen Fremdarbeiters, verheiratet mit Gisèle, Vater einer kleinen Tochter, selbständiger Mechaniker, Besitzer eines Geschäfts für landwirtschaftliche Geräte.

Er hat eine sorgsam verheimlichte Affäre mit Andrea Despierre, der Frau von Nicolas, Eigentümer eines Lebensmittelladens. Sie treffen sich in dem Zimmer eines Hotels in der Kleinstadt Triant nahe Poitiers, das Tonys Bruder gehört. Als Tony bei einem Rendezvous mit Andrea zufällig sieht, wie ihr Mann Nicolas vom Bahnhof auf das Hotel zukommt, macht er sich schleunigst aus dem Staub. Ohne eine eigentliche Entscheidung zu treffen, vermeidet er jede weitere Begegnung mit Andrea. Sie hält die Verbindung jedoch durch anonyme Briefe aufrecht. Als ihr epileptischer Mann stirbt und sie nun frei ist, erwartet sie, daß er sich scheiden läßt. Als er nichts unternimmt, übergibt sie ihm bei Gelegenheit einen Topf Marmelade, an deren Genuß Tonys Frau qualvoll stirbt. Andrea hat die Marmelade ohne sein Wissen vergiftet. Es kommt zum Prozeß, Andrea wird wegen Mordes an ihrem Mann und Tony wegen Mordes an seiner Frau zu lebenslänglicher Schwerarbeit verurteilt.

Wie immer bei Simenon spielt auch in diesem Roman das gesellschaftliche Milieu eine bedeutende Rolle. Daß eine außereheliche Affäre derart desaströse Folgen hat, ist wohl nur unter den Umständen eines ländlichen Dorfes und einer ländlichen Kleinstadt möglich. In diesem Fall sind zwei Faktoren für Tonys Schicksal ausschlaggebend, einmal die Tatsache, daß er kein einheimischer Dorfbewohner, sondern ein Fremder ist, dazu noch Italiener. Als er mit dem unverhofften Tod seiner Frau konfrontiert wird, hält die Polizei ihm vor, ein italienischer Lügner zu sein. Der zweite Faktor ist der Konflikt zwischen Andrea und ihrer Schwiegermutter Despierre, die im Roman als der Prototyp der reichen Landfrau bezeichnet wird (S.74), aber ein natürlicher Teil des Dorfes ist, obwohl man ihren Geiz und ihre Härte tadelt (S.114). Sie sorgt durch einen anonymen Brief dafür, daß die Vergiftung ihres Sohnes durch Andrea aufgedeckt wird, und durch eine Falschaussage, daß auch Tony verurteilt wird, obwohl er unschuldig ist.

Das zur Katastrophe führende Mißverständnis aber besteht darin, daß Tony bei ihrem Rendezvous am 2. August die Fragen Andreas als unverbindliche Plauderei, als Spiel, auffaßt, während sie ihre Fragen ernst gemeint hat — wie sich später herausstellt, sogar todernst. Sie fragt: „Könntest du das ganze Leben mit mir verbringen?“ Und er antwortet obenhin, ohne rechte Überzeugung: „Aber sicher“ (S.52f.). Er verkennt, daß ihre Beziehung für Andrea eine große Leidenschaft ist, die sie für ihn schon in ihrer Jugend faßte, und bedenkt nicht recht, daß sie es war, die ihn hemmungslos verführt hat. Er dagegen fühlt sich für sie nur in der Weise verantwortlich, wie man sich für eine verlorene Katze verantwortlich fühlt, die einem miauend nachläuft (S.117).

Dies ist einer jener für Simenon typischen Tiervergleiche, die auf sein animalisch zu verstehendes Menschenbild verweisen. Sie sind sozusagen immer das letzte Wort, wenn Simenon das Verhalten eines Menschen aus dem Grunde erklären will. Verweisen will ich hier nur auf die Wahrheit über Bébé Donge, die ihr Mann erst versteht, als er sie mit einer Fliege vergleicht und damit in ihr die leidende Kreatur erkennt (cf. J.Q. Simenons traurige Geschichten, S.74.).

In unserem Text heißt es von Andrea, die nun erreicht hat, was sie seit ihrer Schulzeit begehrte, daß sie von Tony Besitz ergriffen habe. Daran schließt sich die weitere Frage an: „War es glaubhaft, daß sie auf Tony so lange gewartet habe, ohne daß nichts geschah, um sie von ihrer Besessenheit abzubringen?“ (S.122). Die Frage bleibt unbeantwortet, es sei denn, man nehme Andreas leidenschaftliches Verhalten als Antwort. Es ist aber sicher eine knifflige Frage, wie lange nämlich eine starke Leidenschaft wirklich einen Menschen beherrschen kann.

Simenon hat diese Thema in einem seiner letzten Maigrets, dem meisterhaften Maigret et l‘homme tout seul (1971, Maigret und der einsamste Mann der Welt) explizit behandelt. Hier wird ein Clochard wegen einer Tat ermordet, die zwanzig Jahre zurückliegt, und Maigret muß aufklären, warum der Täter nach so langer Zeit noch einen tödlichen Haß empfinden konnte, der ihn zum Mord antreibt. Die Erklärung ist nicht nur psychologisch glaubwürdig, sondern auch erzähltechnisch von größtem Interesse (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, S.18).

Die Erzählung des vorliegenden Textes beginnt mitten in der Handlung, dem Rendezvous Tonys mit Andrea am Nachmittag des 2. August. Aber schon der fünfte Satz verweist auf zukünftige Ereignisse: „Bis zu diesem Augenblick war alles wahr, da er nun ja die Szene im rohen Zustand erlebte, ohne sich Fragen zu stellen, ohne zu verstehen zu versuchen, ohne den Verdacht zu haben, daß es eine Tages etwas zu verstehen geben würde“ (S.7). Und wenig später heißt es, daß er die Worte Andreas nicht bewußt registriert habe: „Wie hätte er erraten, daß er diese Szene zehnmal, zwanzigmal und mehr, jedesmal in einen anderen Geisteszustand nacherleben würde, jedesmal aus einem anderen Blickwinkel“ (S.9). Dann erfahren wir, daß er verhaftet, vom Untersuchungsrichter und dem Anwalt verhört worden sei. Aber erst im vorletzten Kapitel wird der Grund für die Verhaftung angegeben.

Damit wird Schritt für Schritt eine starke Spannung aufgebaut, deren Ende man unbedingt erleben möchte. Außerdem kommen auf diese Weise zwei Gedanken zur Sprache, die zur Signatur von Simenons Autorschaft gehören. Zunächst das bekannte Motiv, daß es den Beamten des Verhörs und des Gerichts niemals gelingen kann, die Menschen, über die sie im Urteil zu befinden haben, wirklich zu verstehen.

Der damit zusammenhängende andere Gedanke bildet das zweite Hauptmotiv dieses Romans: die Diskrepanz zwischen dem unmittelbaren Erleben und der Reflexion über das Erleben, der unüberbrückbare Gegensatz zwischen den erlebten Ereignissen und der späteren Rekonstruktion. Falcone wendet gegen diese Methode der Rekapitulation ein, daß sie von der falschen Annahme ausgehe, daß unserem Verhalten immer eine genaue Überlegung vorausgehe (S.146). Außerdem meint er mit einem gewissen Recht, daß es einfache Dinge im Leben gebe, die man nicht erzählen könne, sondern erlebt haben müsse (S.158). Was wohl heißen soll, daß man ihre existentielle Bedeutung nur erkennen könne, wenn man sie erlebt habe. Damit verweist Simenon nebenbei auf ein zentrales Problem seiner Erzählmethode, der anschaulichen, sinnlichen Vergegenwärtigung der Ereignisse.

Der wesentliche Unterschied zwischen Leben und Denken aber wird in mehreren Varianten beschrieben, die alle unterstreichen, daß man sein Leben gewöhnlich nicht vor dem Spiegel verbringe (S.65). „Wie sehr ist das Leben doch verschieden, wenn man es lebt und wenn man es hinterher zerpflückt“ (S.27). Mit diesen und anderen Einwänden will Falcone — und mit ihm der Romancier in eigenem Interesse — nur sagen, daß man das Erlebte niemals wissenschaftlich erfassen oder adäquat auf einen Begriff bringen kann. Es ist evident, daß diese rationalen Fragen und Überlegungen ein Gegengewicht bilden zu der affektiv aufgeladenen, schrecklichen Geschichte der gewissenlosen Leidenschaft.

Sie beginnt mit einer von Simenon geliebten kosmischen Geste, einem Ausblick auf den weitesten Horizont — mit der Aussage über Falcone in der Eingangsszene: „Er fühlte sich wohl, in Einklang mit dem Universum“ (S.11); dem folgt später die Bemerkung über die erlebte Fülle der physischen Liebe (S.65), und die Geschichte endet mit dem Blick auf den in Apathie und stummer Verzweiflung erstarrten Gefangenen in der Zelle: „Ein gleichgültiger Mann gegenüber dem, was man ihm sagte, gleichgültig gegenüber allem, der nur noch ein vegetatives Leben zu führen schien“ (S.174). Auch taucht zweimal "die Leere", "le vide", auf, Simenons Metapher für die Sinnlosigkeit der Existenz. Das Wort bezeichnet hier das extrem belastete Verhältnis Falcones zu seiner Frau und schließlich seine Befindlichkeit als Gefangener.

Falcones letztes überlegtes, bewußt geäußertes Wort besagt, daß er sich zwar nicht im Sinne der Anklage schuldig fühle, aber eingestehe, daß seine Frau dennoch durch seine Schuld gestorben sei (S.173). Dies ist wohl nur so zu verstehen, daß sie infolge seines amourösen Abenteuers ermordet wurde und daß sein Fehler darin bestand, daß er Andrea, die er niemals hatte heiraten wollen, nicht ernst genommen habe. So hat er sein eigenes Unglück und den Tod seiner Frau bis zu seinem bestimmten Grad selbst verschuldet.

In der Mitte der Ereignisse meint er, er sei „glücklich und traurig wie das Leben“ (S.91). Davon bleibt am Ende nur noch eine wortlose Traurigkeit.

Simenons Kommentar dazu lautet: „Ich schrieb derweil einen Roman, einen zugegebenermaßen ziemlich tragischen: La chambre bleue. Was hätte ich anderes tun können in einem Haus, das aufgehört hatte, das unsere zu sein“. Er meint damit das Zerwürfnis mit seiner psychisch gestörten Frau (Intime Memoiren 1982, 685). Doch ist diese Bemerkung über seine eigene Stimmung und die ähnlichgeartete Stimmung des Romans cum grano salis aufzufassen, denn wenig später erwähnt er einen Maigret-Roman, der nichts mit dem Drama zu tun habe, das er durchlebe, und ein Jahr darauf schreibt er den optimistischsten Roman seines Œuvres: Der kleine Heilige (cf. J.Q. Simenons traurige Geschichten, S.154ff.). Das heißt aber, in der Regel lassen sich Simenons Romane nicht autobiographisch als Widerspiegelung seines Lebens deuten. Richtig an jener Bemerkung ist aber das Wort, daß La chambre bleu ziemlich tragisch sei: Falcone hat durch relativ kleine Fehler sein übergroßes Unglück zum Teil selbst verschuldet.

J.Q. — 11. Jan. 2021

© J.Quack


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