Josef Quack

Zum Frauenbild Simenons
"Die Marie vom Hafen"




Eine starke Frau, wer wird sie finden? Sie ist edler als die kostbarsten Perlen. Es vertraut auf sie das Herz ihres Mannes, und an Gewinn wird es nie fehlen. Sie erweist ihm nur Gutes, nie Böses, alle Tage ihres Lebens.

Spr. 31,10ff.

 La Marie du port (1938; Paris 1966) ist einer der bedeutendsten Romane Simenons aus der Vorkriegszeit, was auch der kritische, hellhörige André Gide sofort feststellte: „Ausgezeichnet in allen Punkten. Nichts fehlt hier. Einer der besten. Und warum ist er nicht mehr beachtet worden?“ Gide, von dem Brecht wegen seiner sprachlichen Sensibilität ironisch sagte, er sei ein Stil, bemängelt nur die Manie Simenons, öfter Fragezeichen zu setzen (zit. Assouline 1992, 605).

Auch für den Autor selbst hatte das Buch einen besonderen Wert. Nach seiner Meinung hat er nämlich mit diesem Roman eine neue Stufe der Erzählkunst erreicht. Im Januar 1939 schreibt er an Gide: „Dieser Roman ist der einzige, bei dem es mir gelungen ist, völlig neutral und objektiv zu bleiben (… Es ist gut, sich selbst zu beweisen, daß man in der Lage ist, auch den Nebenfiguren Persönlichkeit zu verleihen, die nur ‚Es ist serviert!' zu sagen haben)“.

Bevor ich auf diese formalen Aspekte zurückkomme, in aller Kürze der Hergang der Handlung. In Port-en-Bessin, einem Küstenstädtchen in der Nähe Cherbourgs, wird der angesehene Jules Le Flem begraben. Er hinterläßt die Töchter Marie, 17 Jahre alt und demnächst Angestellte in dem Café de la Marine, und deren ältere Schwester Odilie, die mit Chatelard liiert ist, einem reichen, angeberischen Café- und Kinobesitzer aus Cherbourg. Die jüngeren Kinder, Joseph, 13 Jahre alt, Herbert, 8 Jahre alt, und Limace, ein vier Jahre altes Mädchen, werden von den Tanten, den Schwägerinnen des verstorbenen Le Flem, aufs Land mitgenommen. Man sammelt im Hafen für die verwaiste Marie, und nach der feierlichen Beerdigung Le Flems wird ein Fischkutter öffentlich versteigert. Der neue Besitzer ist Chatelard, dem dieser Umstand die Gelegenheit bietet, täglich nach Port-en-Bessin zu kommen, das Café zu besuchen, in dem Marie beschäftigt ist, und ihr den Hof zu machen. Er wird aber von ihr brüsk abgewiesen.

Marcel, ein junger Freund Maries, schießt aus Eifersucht auf Chatelard, der ihn aber überwältigt und ihm einen Arm bricht. Er bringt Marcel in seine Wohnung, läßt ihn von Ärzten behandeln und von Odilie gesund pflegen. Er läßt Marie unter einem Vorwand nach Cherbourg kommen, sie weist jedoch seinen Annäherungsversuch zurück und bewegt Odilie, mit ihr nach Port-en-Bessin zu kommen. Eben 18 Jahre alt und damit volljährig geworden, läßt sie sich und Odilie zum Vormund der jüngeren Geschwister bestellen.

Es folgen Wochen, in denen Chatelard mißmutig von Port-en-Bessin fernbleibt und die Ausbesserung des ersteigerten Fischkutters vernachlässigt. Odilie beschäftigt sich mit Nähen und sucht eine Anstellung in Paris, während Marie ihren festen Entschluß ausspricht, hier zu bleiben und einmal in einer neuen Villa zu wohnen. Als Chatelard eines Tages im Café de la Marine auftaucht und Marie um ein Gespräch bittet, willigt sie in das Treffen und die folgende, von ihr ersehnte Umarmung gerne ein.

Was nun die von Simenon betonte Objektivität der Darstellung angeht, so dürfte sie auch daherkommen, daß Simenon diesen Roman ausdrücklich für den Film geschrieben hat (Assouline S.361). Der augenscheinliche Beweis dafür ist die Exposition der Geschichte im ersten Kapitel mit einer Folge von Szenen, die meist durch einen harten Schnitt getrennt sind.

Das Kapitel beginnt mit einem Panoramablick auf den Hafen, die ankommenden Schiffe, die Männer auf der Brücke, die Alten und Frauen am Ufer, der Blick schwenkt auf das Café, zurück zu den Booten im Hafen, dann auf den Mann, der für Marie Geld sammelt, danach kommt langsam die Nacht. In der nächsten Szene am Mittwoch wird der Zug der Beerdigung Le Flems beschrieben und Chatelards Besuch des Cafés, die Rückkehr der Männer von der Beerdigung und ihre Gespräche in den Cafés. Die Perspektive wechselt dann ohne Übergang zu Marie und dem Familienessen, wo über die Zukunft der Kinder entschieden wird. Die weitere Szene spielt wieder im Café, wo Chatelard sich mit den Besitzern unterhält, auch über Marie, darauf kommt das Familienessen in den Blick und nach einem harten Schnitt die Versteigerung des beschädigten Schiffes, danach die Abfahrt der Verwandten, die Übergabe der eingesammelten Summe an Marie. Ohne Übergang wird die Abfahrt Chatelards und Odilies beschrieben.

Der Erzähler nimmt zu Beginn die Stellung einer Kamera ein, die Außenperspektive herrscht in der Schilderung vor, während später auch das Innenleben der Personen zu gleichen Teilen zum Ausdruck kommt.

Es ist fraglos eine überaus reiche, detaillierte, informative Einführung in den Ort, die Personen und das gesellschaftliche Milieu der folgenden Geschichte, beginnend an einem Dienstagabend im Oktober, dem der geschäftige Mittwoch folgt. Zu beachten wäre, daß Marie, die Titelperson des Romans, zunächst nur in wenigen Zügen und vorwiegend von außen dargestellt wird.

Das klassische Vorbild der realistische Schilderung einer belebten öffentlichen Situation ist natürlich die Beschreibung der Landwirtschaftsausstellung bei Flaubert in Madame Bovary. Ich möchte nicht behaupten, daß die Hafen- und Beerdigungsschilderung Simenons an dieses Vorbild heranreicht; dies ist schon deshalb nicht der Fall, weil Flaubert die Szene breit ausmalt, während Simenon den Wechsel vieler Szenen bevorzugt, um den realistischen Eindruck vielfältigen öffentlichen Lebens zu vermitteln. Im übrigen, Flaubert kannte von den anderen realistischen Künsten nur die Malerei und die Photographie, Simenon aber auch den Film, das Medium, dessen Sinn und Funktion in erster Linie die optische Wiedergabe der Bewegung ist. Was Simenon hier beschrieben hat, kann sich durchaus sehen lassen.

Das Kapitel bringt aber auch ein schönes Beispiel für die von ihm beschriebene Kunst, auch eine Randfigur mit einer Persönlichkeit auszustatten, d.h. sie nicht als Schattengestalt zu schildern, sondern als lebensechten Menschen. Als es um die Zukunft der kleineren Kinder geht, sagt ein Schwager zu dem anderen: „Siehst du, Felix, ich werde dir eine gute Sache sagen, begann Boussus, nachdem er den Mund abgewischt hatte, um seiner Intervention mehr Gewicht zu geben. Du nimmst Joseph! … Und zufrieden, so gut gesprochen zu haben, wandte er sich seiner Frau zu.“ (S. 18)

Eine andere Szene ähnlicher Art zeigt, wie wenige Worte Simenon genügen, um eine Atmosphäre zu schildern. Marie wendet sich im Café an einen alten Kunden: „Auf Ihre Gesundheit, Großvater! … / Und er murmelte: Es wirkt auf dich sehr drollig, emanzipiert (d.h. volljährig, mündig gesprochen) zu sein, meine Tochter… Sie lachte, er lachte. Für nichts. Weil sie beide zufrieden waren, ohne Grund.“ (S. 172)

Die Hauptperson aber ist Marie, eine der beeindruckendsten Frauengestalten, die Simenon je dargestellt hat. Eine stolze, selbstbewußte, vor allem aber selbstbestimmte, lebenstüchtige junge Frau von 17, 18 Jahren, die weiß, was sie will. Man hat ihr den Spitznamen „la Sournoise“ gegeben, „weil man niemals wußte, was sie dachte“ (S. 179); der Name wäre also mit „die Heimliche“ zu übersetzen. Dem entspricht nun, daß sie, wie angedeutet, im Text sowohl aus der Innenperspektive als auch aus der Außenperspektive beschrieben wird, was dem Vorsatz der objektiven Darstellung gemäß ist.

Maries Persönlichkeit zeigt sich in zwei Szenen, die zugleich Höhepunkte der Handlung sind. Gemeint ist die Szene einer mißglückten Verführung, wo sie Chatelard derart kühl und verächtlich behandelt, daß er seinen Annäherungsversuch beschämt aufgibt, ein außergewöhnliches Kabinettstück psychologischer Darstellung selbst in der Romanwelt Simenons. Dann wäre an die Szene vor Gericht zu erinnern, wo Marie gegen den Widerstand ihrer Tanten und Onkeln für sich und Odilie die Vormundschaft für die jüngeren Geschwister erstreitet.

Eine dritte Szene beschreibt ihre Freude, einen Ausdruck ihrer verschwiegenen Zuneigung, den Wechsel ihrer Einstellung gegenüber Chatelard, ihre emotionale Souveränität, als Chatelard nach Wochen des mißmutigen Abwartens, die Wunden seines gekränkten Ehrgefühls leckend, wieder in Port-en-Bessin auftaucht: „Es war wie eine versprochene Freude, die ihr aber allein ein wenig früher gegeben wurde, als sie dachte. Sie lächelte, ein Lächeln ohne Ironie, das nicht mehr den Triumph ausdrückte. Im Gegenteil, es gab in ihr plötzlich einen gewissen Ernst, vielleicht vor Melancholie.“ (S. 170). Treffender und sparsamer kann man den emotionalen Gesinnungswandel der jungen, unter allen Umständen selbstbestimmten Frau wohl kaum darstellen. Zweifellos ist Marie eine Frau, die sich einen Mann nimmt, statt sich verheiraten zu lassen.

Dagegen wird Odilie als träge Freundin Chatelards geschildert, die gerne bis Mittag im Bett liegen bleibt. Doch hat ihr Verhalten gute Gründe in ihrem Schicksal als älteste Tochter im Haushalt eines Fischers, und diese Umstände hat Simenon als Kenner des kleinbürgerlichen Milieus und kinderreicher Familien genau beschrieben: „Odilie hatte keine Laster, keinen Ehrgeiz. — Nur, von dreizehn Jahren an bis dreiundzwanzig Jahre, war sie aus dem Schlaf gerissen worden, jeden Morgen, Winter wie Sommer, um fünf Uhr, von einem knarrenden Wecker, und mit nackten Beinen, teigigem Mund, leerem Kopf und ungeschickten Gesten, hatte sie zehn Jahre lang Kaffee für die anderen zubereitet, die Zimmer heizend, bevor sie es wagten, das Bett zu verlassen, und die Schuhe wichsend, um sich zu erwärmen.“ (S. 38)

Einen Romancier, der die harten Lebensumstände junger Mädchen derart sachlich und genau beschreibt, der eine in jeder Hinsicht mündige Frauenfigur, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt wie die junge Marie, erfindet und gewiß überaus sachlich, aber doch auch nicht ohne Sympathie, beschreibt, wird man wohl kaum einen Frauenhasser nennen können, und doch hat man Simenon vorgehalten, er sei ein Misogyn (Assouline S. 870). Übrigens drückt gerade die Sachlichkeit, die an Flauberts Schreibideal erinnernde Unpersönlichkeit der Beschreibung die Sympathie des Erzählers für diese Figur aus.

Zu den Höhepunkten des Romans zählt schließlich auch die unvergeßliche, in ihrer Art einzigartige Szene, in der Chatelard und Odilie ihre Verbindung auflösen, ohne jeden Streit, ohne jedes Ressentiment. Die Begegnung wurde übrigens von Marie bei Chatelards Rückkehr nach Port-en-Bessin, ohne Wissen des Paares, arrangiert, ein weiteres Beispiel ihrer beherrschenden Rolle. Es ist eine Begegnung des Paares, die diesen Namen wirklich verdient. Es heißt da: "Er zündete eine Zigarette an und rückte den Stuhl nach hinten. Sie waren zwei Jahre zusammengeblieben und das war ohne Zweifel das erste Mal, daß zwischen beiden eine wirkliche Intimität herrschte." (S. 178) Eine Trennung ohne Bitterkeit, ein Abschied in erstmals erlebter Harmonie. Eine erstaunliche Beobachtung in diesem merkwürdigen Roman.

Zu dem Vorwurf der Misogynie aber kann ich nur sagen, daß diese Journalisten und Kritiker offenbar Simenons Romane nicht gelesen haben. Sie kennen zum Beispiel nicht die Untersuchung Maigrets über die junge unbekannte Tote, deren glückloses Schicksal mit einer Anteilnahme erforscht und geschildert wird, die man ohne Übertreibung beispiellos nennen kann (cf. J.Q. Simenons traurige Geschichten, S.11ff.). Man könnte auch auf die Schielende Marie (1951) hinweisen ( l.c. 10f.).

Vor allem aber kennen jene Kritiker nicht die erstaunliche Geschichte der Marie vom Hafen, einen Roman aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, ein Roman über ein Dienstmädchen, aber bei Leibe kein Dienstmädchenroman, sondern ein kunstvolles erzählerisches Werk subtilster Menschenkenntnis, das ich hier nur in den Hauptzügen, aber keineswegs vollständig und seine Bedeutung erschöpfend vorgestellt habe. Sapienti sat, dem Verständigen genügt‘s.

Der Roman wurde 1950 von Marcel Carné mit Jean Gabin und Blanchette Brunoy verfilmt.

J.Q.   —   13. April 2021

©J.Quack


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