Josef Quack

Ernst Jünger, philosophisch betrachtet

Hans Blumenberg, Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger. Hg. A.Schmitz, M.Lepper. Frankfurt 2007.



Es mag sein, daß man aus der Geschichte lernen kann — oder auch nicht. Das ist sekundär gegenüber der elementaren Obligation, Menschliches nicht verloren zu geben.

H. Blumenberg

Ludwig Wittgenstein bemerkt einmal, manche Philosophen leiden an "Problemverlust". Das war einer der Gründe, warum er der Universitätsphilosophie mit einer kaum zu überbietenden Verachtung begegnete. Freilich ist er nicht der einzige Philosoph, der diesen Mangel empfunden hat. Vielmehr haben Denker aller Schulrichtungen diese fundamentale Schwäche erkannt und außerhalb ihrer Disziplin nach Abhilfe gesucht. Karl Popper spürte philosophische Probleme auf, die sich aus der naturwissenschaftlichen Forschung ergaben. Und am anderen Ende des Spektrums befand sich Martin Heidegger, der sich von einer Erzählung Tolstois anregen ließ, als er vor der Aufgabe stand, über das Sein zum Tode nachzudenken. Und noch in unseren Tagen kam Ernst Tugendhat auf dieselbe Erzählung zurück, als er das Thema wieder aufgriff. Auch Hans Blumenberg verdankt eine Grundeinsicht seiner Arbeit am Mythos (1979) einer literarischen Geschichte: Auf den Marmorklippen von Ernst Jünger. Er nennt sie "sein bedeutendstes Werk, fast eine vollendete Dichtung". Und wenn er auf das Phänomen des Sterbens zu sprechen kommt, wendet er sich den Schilderungen Jüngers zu, die von Erlebnissen am Rande des Todes handeln.
Im vorliegenden Band sind nun alle veröffentlichten Artikel Blumenbergs über Jünger und die unveröffentlichten Texte aus dem Nachlaß gesammelt und, wenn auch allzu sparsam, kommentiert. So wurde darauf verzichtet, alle Zitate nachzuweisen, und sinnentstellende Fehler wurden nicht beseitigt. Natürlich sind die Gestalten des Arbeiters und des Anarchen nicht "Varianten des Krieges", sondern Varianten des Kriegers (S.57). Auch hat nicht Henri Plard Les Falaises de Marbre während der Okkupation in Paris übersetzt, sondern Henri Thomas (S.40). Und Jünger war nicht 1945 in Norwegen, sondern 1935 (S.51).
Aus der Sammlung ergibt sich, daß Blumenberg sich in zwei Perioden eingehend mit Jünger beschäftigt hat. Detaillierte Vortragsnotizen stammen aus den Jahren 1949/50 und das "Fazit" dieser Studien zieht er 1955. Erst nach Jahrzehnten, ab 1990, erfolgen die nächsten Veröffentlichungen, darunter die einzigartige resümierende Studie "Jahrhundertgestalt" zum Centenarium des singulären Schriftstellers. Daß er den Autor in der Zwischenzeit nicht vergessen hatte, bezeugt die Referenz im Mythos-Buch. So schmal der Band auch ausgefallen ist, er ist gewiß die philosophisch tiefste und anregendste Schrift, die je über Jünger verfaßt wurde.

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Wenn Blumenberg sich philosophisch mit Jüngers Dichtungen, Essays und Tagebuchaufzeichnungen auseinandersetzt, dann hauptsächlich aus zwei Gründen, von denen der eine offensichtlich, der andere zumindest plausibel ist. Der literarische Autor kann menschliche Erfahrungen anschaulich darstellen, was dem Philosophen versagt ist, da ihm das Erzählen und die evokative Rede nicht zu Gebote stehen, sondern nur die argumentativen und diskursiven Sprachfunktionen. Zweitens kann ein Philosoph nicht eine poetische Lizenz in Anspruch nehmen; Begriffsdichtung ist ein Argument gegen ihn. Die Dichtung aber unterliegt nicht den methodischen Zwängen der Philosophie und Wissenschaft, so daß man die Möglichkeit einräumen muß, daß sich in der Literatur Gedanken und Einsichten finden, die der Philosophie aus eigenem Recht unerreichbar sind. Ihr bleibt aber die Aufgabe, diese Ideen und Probleme kritisch zu prüfen.
Bekanntlich hat es in den letzten Jahrzehnten Versuche gegeben, die Grenze zwischen Literatur und Philosophie systematisch zu verwischen — was natürlich nicht das gleiche ist wie der Umstand, daß ein und derselbe Autor sowohl Romane als auch philosophische Traktate schreibt. In diesem Fall wird die Grenze respektiert, es wird anerkannt, daß philosophische Texte und poetische, fiktionale Texte verschiedenen Wahrheitsansprüchen unterliegen. Jene Versuche im Zeichen einer Postmoderne, die inzwischen schon wieder verflossen ist, aber haben der Philosophie nicht gutgetan. Wie dem aber sei, so gern man auch Blumenberg zur Postmoderne hat zählen wollen, er ist sich der Gattungsdifferenz immer bewußt geblieben, und er hat niemals zu sagen versucht, was sich philosophisch nicht sagen läßt.
Blumenberg deutet Jüngers Schriften, seine fiktionalen und autobiographischen Erzählungen, seine zeitdiagnostischen Reflexionen und seine wilden, oft genug esoterische Gedanken aber philosophisch. Er fragt nach der Weltauffassung, die seinen Schöpfungen zugrunde liegt. Und er kommt wohl als erster Interpret zu dem Ergebnis, daß Jüngers Wirklichkeitsverständnis platonisch, Jünger ein Platoniker ist. Ungefähr zur gleichen Zeit notiert auch Max Bense in seiner berühmten Streitschrift Ptolemäer und Mauretanier (1950) diese Erkenntnis, doch bleibt sie für ihn eine marginale Beobachtung. Für Blumenberg aber wird sie zur Grundeinsicht, die seine Auslegungen bis in die späten Jahre leitet.
Er erkennt, daß Jünger, der Programmatiker und Exekutor der präzisen Beschreibung, die Phänomene von Natur und Gesellschaft nicht um ihrer selbst willen beobachtet, sondern weil er die Erscheinungen als Symptome oder Ausdruck metaphysischer Sinnfiguren auffaßt. Ihm geht es um die Wahrnehmung eines Musters, die Erkenntnis von Urformen. Die subtile Jagd, die lebenslang geübte entomologische Forschung und Klassifizierung hat die platonische Implikation, daß Jünger auf der Suche nach einer Weltordnung oder eines Weltplanes ist. Und damit hängt das platonische Motiv zusammen, wie es in der Welt um die Gerechtigkeit bestellt ist. Was Jünger meist aphoristisch andeutet, greift Blumenberg auf, um alle Facetten des Gedankens im Kontext der Ideengeschichte kritisch zu beleuchten. Wenn Jünger im geistreichen Aperçu die Unvollkommenheit der Welt streift, holt der Philosoph zu einem langen, wahrhaft tiefschürfenden metaphysischen Exkurs aus. Unnötig hinzuzufügen, daß er bei keinem zeitgenössischen Philosophen einen Anhaltspunkt zu einem vergleichbaren Räsonnement finden würde.
Wenn man Jüngers Platonismus recht verstehen will, ist es hilfreich, nicht nur Blumenbergs Auslegung zu beachten, sondern auch ein literarisches Beispiel, das ausdrücklich als Gegenposition zu Jünger konzipiert wurde: der literarische Nominalismus von Alfred Andersch, der bekanntlich ein Verehrer Jüngers war (cf. J.Q. Alfred Andersch).
Zum Interpretationsverfahren wäre anzumerken, daß Blumenberg nicht bestimmte Werke als ganze auslegt, sondern einzelne Sätze, Motive oder Metaphern herausgreift, um ihren anthropologischen oder geistesgeschichtlichen Gehalt zu bestimmen. Er beschreibt Einzelzüge, um von ihnen auf die geistige Physiognomie des Autors zu schließen.
Zur Sprache der Interpretation wäre zu sagen, daß sie oft genug kategorisch behauptend ist und auf einsichtige Begründungen verzichtet. Auch gefällt er sich oft genug in einer Diktion von höchster Abstraktion und dichtester Argumentation, die ihrerseits nach einer Deutung verlangt. Er bevorzugt die gewundenen, schwer zu durchschauenden Gedankengänge, doch muß man anerkennen, daß ihm bisweilen auch bündige Formulierungen von großartiger Luzidität gelingen. So etwa: "Es gibt keine Erfahrungen, die den Sinn des Lebens widerlegen können. Gegen den Sinn gibt es nur den Verdacht. Er kommt aus der Übersättigung mit Angeboten von Sinn. Denn von diesem kann es schlechthin den Plural nicht geben; ihn könnte nur gebrauchen, wer von Sinnen wäre." Über solche Sätze läßt sich reden.

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Was nun Blumenbergs Kritik angeht, so kann man gar nicht genug betonen, daß er Jüngers Diagnosen des epochaltypischen Nihilismus weitgehend zustimmt, aber bestreitet, daß Jünger die "Grenzen der Theologie", die er als Überwindung des Nihilismus angestrebt hatte, erreicht habe. Damit widerspricht Blumenberg, in dem "Fazit" von 1955, implizit wiederum Max Bense, der Jünger umstandslos der "theologischen Emigration der deutschen Literatur" zugeordnet hatte. Daß der Begriff der Emigration hier eine pejorative Konnotation hat, ist nicht zu überhören.
Ein zweiter Einwand Blumenbergs wiegt noch schwerer, weil er eine allgemeine Frage betrifft, die auch Blumenberg nicht schlüssig beantworten kann. Er behauptet, "die Faszination, die nicht zuletzt von der Andeutung arkaner Quellen, höherer Intuition und singulärer Einweihungen ausging," habe sich "nicht zu echter Legitimation der Aussage verdichtet".
Die Frage ist, wie ein adäquater Ausdruck esoterischer Einsichten denn aussehen müßte. In einer früheren Notiz hatte Blumenberg gesagt, die "Schärfe der Selbsterfahrung" gebe den "Aussagen Jüngers ihr Legitimation". Das würde bedeuten, daß man an der sprachlich-ästhetischen Qualität der Beschreibung erkennen könne, ob das beschriebene Erlebnis glaubwürdig sei. Es ist ein immanenter Maßstab, an dem sich Blumenberg auch in späteren Glossen noch orientiert. Doch liegt auf der Hand, daß dieses Kriterium unzureichend ist. Kein Bericht hermetischer Erfahrungen, mag er literarisch noch so dezent und gekonnt sein, wird einen Leser überzeugen, dessen Vorverständnis derartige Erlebnisse ausschließt.
Blumenberg weist Jünger wiederholt und mit Recht nach, daß er auf der Suche nach Bedeutungen hinter den sinnlichen Erscheinungen gelegentlich über das Ziel hinausschießt und eine falsche Bedeutsamkeit postuliert. Es überrascht nicht, daß dem philosophischen Interpreten hin und wieder der gleiche Fehler unterläuft. Das krasseste Beispiel ist eine maßlos überdehnte Auslegung einer schlichten Anekdote, deren Sinn jedermann unmittelbar einleuchtet, nur nicht dem Philosophen, dem ein immenses Wissen den Blick auf die einfachsten Zusammenhänge verstellt.
Jünger berichtet von einer Demonstration von Studenten gegen Marcel Jouhandeau, die der Attackierte mit den Worten pariert: "Geht nach Hause, in zehn Jahren seid ihr alle Notare". Der Sinn der Replik liegt auf der Hand. Jouhandeau wirft den jungen Rebellen vor, daß ihr Protest gegen ihn absurd und unglaubwürdig sei, weil sie auf dem besten Weg seien, echte Bourgeois, spießigstes Establishment zu werden, während er als Schriftsteller zeit seines Lebens unbürgerlich, rebellisch gewesen sei. Blumenberg aber übersieht das Offensichtliche und unterstellt Jouhandeau eine existenzphilosophische "fixe Idee" nach der Art Heideggers, die man beim besten Willen seiner Replik nicht unterlegen kann.
Bisweilen ist auch Vorsicht geboten, wenn Blumenberg logisch argumentiert. So wenn er behauptet: "Nur das Paradox ist denkwürdig: ‚Unter den Letzten Worten gibt es ein erstes'". Wie man den Satz auch wendet, paradox oder logisch widersprüchlich ist er in keiner seiner Varianten. Denn was soll daran paradox sein, daß es einmal einen ersten Menschen gegeben hat, der letzte Worte gesprochen hat? Oder was soll an dem Fall paradox sein, daß die ersten Worte eines Menschen zugleich seine letzten waren? Der Fall wäre traurig, aber nicht paradox. Wenn man will, kann man in Blumenbergs unübersehbaren Bestreben, Paradoxa oder Dilemmata aufzuzeigen, eine Attitüde sehen, die ihn mit den üblen Gewohnheiten der literaturwissenschaftlichen Postmoderne verbindet.

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Daß er sich nach 1955 für Jahrzehnte nicht mehr für die neuen Publikationen Jüngers interessiert, liegt daran, daß er von dem Heliopolis-Roman peinlich enttäuscht war. Leider hat er die Gründe für seine Ablehnung nicht näher erläutert; er spricht nur von "imaginativen Schwächen". Indem er den utopischen Roman, ein seltenes Werk der Science-fiction mit brauchbaren Prognosen, links liegen läßt, hat er sich eine reiche Quelle für Jüngers Kritik der Technik, über die er häufig reflektiert, verschlossen. Und der Autor des Standardwerkes über die Legitimität der Neuzeit verschmäht es, Jüngers hier promulgierte These vom "Ende der Moderne" aufzugreifen und zu diskutieren.
Einem Interpreten, dem es ausschließlich um den philosophischen Gehalt von Dichtungen geht, muß man es nachsehen, daß er offensichtlich kein Organ für die Unterhaltungsqualitäten phantastischen Fabulierens besitzt. Doch hätte man gerne gewußt, was er zu jener These zu sagen hat. Statt dessen beläßt er es mit apodiktischen Urteilen über den Roman. Er behauptet etwa, Benn ziehe sich 1949 auf seine Modernität zurück, "die doch auch schon keine mehr war. Aber gerade Heliopolis war er noch weit voraus". Wenn man sich daran erinnert, daß in den frühen Fünfzigern Benn als Mann der Stunde galt und auch Jünger zu den Favoriten der literarischen Öffentlichkeit zählte, darf man erwarten, daß Blumenberg erklärt, was er unter der vergangenen Modernität Benns und der Zurückgebliebenheit Jüngers versteht. Zweifellos berührt diese Frage einen heiklen Punkt in Blumenbergs Selbstverständnis, der sich nur klären ließe, wenn man sein weitverzweigtes Oeuvre durchgehen würde.
Man darf aber sein Erstaunen darüber äußern, daß der bekennende Historist, der es ablehnt, die Erkenntnis an Interessen auszurichten, der Philosoph, der den "Anspruch auf Erinnerung" als hohes Ideal proklamiert, Modernität als literarisches Qualitätskriterium anzuerkennen scheint. Muß man, gestützt auf diverse Bemerkungen, nicht vielmehr vermuten, daß es gerade Jüngers demonstrative Unzeitgemäßheit war, die den Philosophen zu dem Werk des Literaten hingezogen hat?
Wie dem aber sei, in Heliopolis finden sich Schilderungen, die aktueller gar nicht sein könnten. So etwa über die Substanzlosigkeit einer ‚zweiten Religiosität', die auch augenblicklich wieder mal in den Medien grassiert, oder die staatliche Reglementierung des akademischen Betriebs, dem auch Blumenberg in verschiedenen Funktionen verbunden war: "Die Wissenschaft wird bürokratisiert, ja Funktion der höheren Polizei. Den Professoren wird das Apportieren beigebracht." Gewiß keine unwitzige Metapher eines Autors, dem Blumenberg die Kraft der Metaphernbildung abgesprochen hat. — Was zu Jüngers epischer Begabung zu sagen ist, habe ich andernorts erörtert (cf. J.Q. Ernst Jünger als Erzähler).

J.Q. — 8. Jan. 2008

©J.Quack


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