Josef Quack

Was ein Mensch wert ist
Hinweis auf "Das Fenster der Rouets" von Simenon




Wie Chesterton, wie Boswell zählt Simenon zu jenen Glücklichen, die der Zustimmung der Kritik entraten können und zuweilen sogar der Zustimmung des Lesers, da der Genuß, den uns der Umgang mit ihnen beschert, unwiderstehlich und immer gleich groß ist.

J.L. Borges, ergänzt

Vorweg sei gesagt, daß ich, um dem Leser die Spannung zu erhalten, die Handlung des Romans, La fenêtre des Rouet (1942 - Paris 1976), nicht im einzelnen nacherzählen werde. Ich möchte nur die wesentlichen Merkmale des Romans diskutieren, die seine unbestreitbare, letztlich doch überwältigende Qualität ausmachen. Er gehört nicht zu den großen, meist genannten Romanen Simenons, obwohl er zwei Grundgedanken seines Menschenbildes trefflich illustriert, verdient aber meines Erachtens gerade wegen seiner scheinbaren Unscheinbarkeit unser Interesse. Simenon beschreibt darin eines der traurigsten Schicksale, die er je in seinem Universum dargestellt hat, und wenn ich den Roman vorher gekannt hätte, hätte ich ihn in dem Buch Über Simenons traurige Geschichten unbedingt berücksichtigen und besprechen müssen.

Wenn man so will, ist es ein existentialistischer Roman, der die erfahrene Nichtigkeit eines Lebens klaglos beschreibt und dabei der Person die Achtung erweist, die sie als Mensch verdient. Dies ist es, was uns die Traurigkeit des Geschehens ertragen läßt — wir schätzen die humane Schilderung dieser Existenz.

Dominique Salès, 40 Jahre alt, ist die verarmte Tochter eines Generals, den sie bis zu seinem Tode gepflegt hat. Sie ist gezwungen, ein Zimmer an ein junges Paar zu vermieten, deren planloses Treiben und unbekümmerte Lebensfreude sie gewaltig irritieren. Sie ist eine der schlichtesten, farblosesten, gewöhnlichsten Personen in der Romanwelt Simenons, und die moralische Pointe des Romans besteht darin, daß der Erzähler Dominique genau so ernst nimmt wie den großen Staatsmann (Le Président), den hochgeachteten Präfekten (Le Fils, Der Sohn), den Chefarzt (L‘ours en péluche, Der Plüschbär), den berühmten Künstler (Le petit saint, Der kleine Heilige) oder den mächtigen Zeitungsverleger (Les anneaux de Bicêtre, Die Glocken von Bicêtre). Das heißt, seine Erzählhaltung gegenüber dieser Figur ist das Gegenteil der erzbürgerlichen, standesbewußten Schreibhaltung Thomas Manns, er orientiert sich vielmehr an der Einstellung Flauberts, der das Schlichte Herz ohne jede Herablassung, ohne jede Ironie als Mensch respektiert und ernst nimmt, wie es ein Menschenwesen an sich nun mal verdient. Die genannten Romane habe ich übrigens alle in dem Buch über Simenon ausführlich besprochen.

Der literarische Clou des Romans besteht darin, daß es Simenon gelingt, für die Dauer der Erzählung, aus der unscheinbarsten Person eine interessante Figur zu machen, die unsre Aufmerksamkeit fesseln und unsere Sympathie gewinnen kann. Dominique wird Zeuge eines ungewöhnlichen Vorfalls, sie beobachtet mehr oder weniger zufällig das seltsame Verhalten von Antoinette, der Schwiegertochter der Rouets im gegenüberliegenden Haus. Daraufhin gilt ihre ganze Aufmerksamkeit dem Leben und Treiben Antoinettes, die sie ständig beobachtet und auf ihren Ausgängen durch die Straßen auch beschattet. Sie erfährt, wie Antoinette sich nach dem Tode ihres Mannes die Freiheit gegenüber der alten Frau Rouet erkämpft und ein neues Leben beginnt. Diese Frau war die Tochter eines Fabrikbesitzers und obwohl ihr Mann die Fabrik bedeutend erweitert und mit hohem Gewinn verkauft hat, ist sie immer noch die alles beherrschende Figur im Hause, eine imposante, statuarische Person, unerschütterliche Exponentin der französischen Bourgeoisie.

Nicht der geringste erzähltechnische Reiz der Geschichte besteht nun darin, daß wir mit den Verhältnissen der Familie Rouet größtenteils aus der Perspektive Dominiques bekannt werden. In seitenlanger erlebter Rede werden die Vermutungen Dominiques über das Objekt ihres Interesses wiedergegeben. Das heißt, sie verhält sich bewußt wie ein bestellter Zeuge des Geschehens und sie verhält sich zeitweise wie ein Detektiv, der eine verdächtige Person beschattet. Beide Einstellungen aber sind wesentliche Momente im Oeuvre Simenons — die Beschattung ist ein Standardmotiv der Maigrets und das Thema des Zeugen, der den Anderen beobachtet und sein Wesen durchschaut, hat Simenon in einigen Romanen in den heikelsten Aspekten beschrieben (cf. J.Q., Über Simenons traurige Geschichten, S.36ff.). Daß hier die Hauptperson als der Zeuge eines anderen Geschehens porträtiert wird, macht unbestreitbar auch die Lebendigkeit der Erzählung aus. Hinzukommen aber noch zwei weitere Momente der lebendigen Darstellung.

Nach einer treffenden Beobachtung von George Steiner muß man bei den meisten realistischen Romanen erst einige Dutzend Seiten lesen, bis man den Eindruck gewinnt, die beschriebene Welt tatsächlich vor Augen zu haben. Erst dann ist man von der Erzählung gepackt und möchte wissen, wie es weitergeht. Bei Simenon aber stellt sich dieser Eindruck fast immer schon auf der ersten Seite ein. Er ist ein Meister der realistischen Vergegenwärtigung und in dieser Hinsicht, wie Steiner erklärt, sogar Balzac und Dickens überlegen. Nur noch Tolstoi erreicht diese Intensität des wirklichkeitsgetreuen Erzählens.

Nun gibt es zwei nahezu unfehlbare Mittel der realistischen Schilderung: die intensive Vergegenwärtigung der sinnlichen Sphäre und die Wiedergabe kleinster, jedermann bekannter Beobachtungen allgemeinmenschlicher Art. Simenon ist in beiden Disziplinen ein Meister und Das Fenster der Rouets ist ein Musterbeispiel für diese Kunst des vitalen Erzählens. Der erste Teil des Romans spielt in der Sommerhitze des August in einem halbentvölkerten Paris, der zweite Teil spielt in den folgenden Herbst- und Wintermonaten, dem Vorfrühling und es versteht sich fast von selbst, daß Simenon die schwüle Atmosphäre des Sommers mit ihren Schweiß- und Geruchsphänomenen und die verregneten Tage des Herbstes mit einer fast schmerzhaften Intensität schildert.

So etwa erlebt Dominique einen Tag im frühen März: „Den ganzen Tag gab es kein schönes Wetter. Die Sonne hatte ein bleiches Gelb, das Blau war nicht rein, das Weiß der Wolken hatte Reflexe des Regens. Gegen Mittag, hatte sie den Eindruck, werde der Himmel sich ganz bedecken, und dann, noch vor dem Abendessen, werde über die Stadt sich diese beängstigende Dämmerung niederlassen, die in die Straßen dringt wie ein geheimnisvoller Staub.“

Ähnliches wie von der Atmosphäre läßt sich von der Beschreibung der Szene sagen, der Wohnung des alternden Mädchens und der Straßen, in erster Linie der Rue du Faubourg-de-Saint-Honoré. Denn Simenon hat erlebt, daß in Paris bis in die Nachkriegszeit jede Straße ihr eigenes Leben, ihre besondere Physiognomie hatte. Siehe die wechselnden Milieus in den Maigrets oder etwa die prägende Rolle, die die Rue Mouffetard in dem Kleinen Heiligen spielt (cf. J.Q., Über Simenons traurige Geschichten, S.158f.). Übrigens hat Léo Malet diese Beobachtung zum szenischen Prinzip seiner Krimiserie gemacht, bei der jedes Abenteuer in einem anderen Viertel von Paris spielt (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, S.20ff.)

Das andere sichere Mittel des Erzählstils, den Eindruck der lebensnahen Realität zu erwecken, besteht in der gleichsam nebenbei geschehenden Wiedergabe winziger, alltäglicher Beobachtungen, die jedermann bekannt sind. So erklärt schon Jean Paul im Hinblick auf Tristram Shancy: „Daß Walter Shandy mehrere Jahre, jedesmal, so oft die Türe knarrte, sich entschließet, sie einölen zu lassen, ist unsere Natur, nicht seine allein“. Auch dieses Stilmittel verwendet Simenon mit großem Geschick und sehr diskret. Ich will dafür nur zwei Belege anführen. Bezeichnend ist die Furcht, die Dominique jedesmal vor ihrer Wohnungstür empfindet, sie habe ihren Schlüssel verloren oder vergessen und, wenn sie weggeht, fürchtet sie, die Tür nicht abgeschlossen zu haben.

Dann die überaus sinnige Bemerkung, daß sie gelegentlich nicht sagen könnte, an was sie die letzte Stunde gedacht hat — eine Beobachtung, die der Wahrheit unseres bewußten Lebens erschreckend nahekommt, daß wir nämlich die meiste Zeit unseres Lebens gedankenlos, mit leerem Bewußtsein verbringen. Während die meisten Romane der Weltliteratur von Personen handeln, die sich ihrer Gedanken und Gefühle ständig bewußt sind, wenn sie sich nicht gar in inneren Monologen in Form des Bewußtseinsstromes pausenlos aussprechen, verweist Simenon in seinem Menschenbild darauf, daß wir die meiste Zeit unseres Lebens geistig gleichsam im Leerlauf verbringen, d.h. überhaupt nicht denken. Darauf hatte ebenfalls schon Alfred Döblin, auch er ein Menschenkenner, aufmerksam gemacht.

Übrigens geht der Begriff des Bewußtseinsstromes, in den Augen der Literaturhistoriker lange das Merkmal des avanciertesten Romans, auf eine längst veraltete Assoziationspsychologie zurück, die mit unserem wirklichen Denken nichts zu tun.

Während Antoinette am Ende sich in ihrem neuen Leben mit mehr oder weniger treuen Freunden recht und schlecht behaupten kann, resigniert Dominique vollständig, sie gibt den Lebenskampf freiwillig auf. Sie wird sich ihrer absoluten Einsamkeit und der vollkommenen Sinnlosigkeit ihres Lebens in unwiderlegbarer Evidenz bewußt. Die Metapher für diese existenzielle Verfassung ist bei Simenon aber „le vide“ (die Leere) und sie beherrscht denn auch in obstinater Häufung die Prosa des letzten Kapitels.

Nach einer Flucht aus der ihr unerträglich gewordenen Wohnung in ein Gewirr von zwielichtigen Gäßchen, nach einem unfreiwilligen, von ihr abgebrochenen Rendezvous mit einem fremden Mann, kommt sie, heimkehrend, zu der Entscheidung, daß es zu Ende ist. Sie erinnert sich ihrer Ohnmacht zu leben: „Sie fühlte sich so elend, daß sie fast fähig wäre, im Gehen zu flennen. Sie war einsam, einsamer als irgendjemand anderes.“ Dem folgt die allegorische Ortsbeschreibung: „Die Wohnung war leer, absolut leer, im Faubourg Saint-Honoré, das einzige Holzscheit war seit langem erloschen; es war nichts da als die erkaltete Luft, um sie bei der Rückkehr zu empfangen.“

Nachdem sie ihren Erinnerungen nachgehangen hatte, zieht sie eine schonungslose Lebensbilanz: „War es das, das Leben? Ein wenig unbewußte Kindheit, ein kurzes Heranwachsen, dann die Leere, ein unlösbares Geflecht von Ärgernissen, von Scherereien, von winzigen Sorgen und schon, mit vierzig Jahren, das Gefühl des Alters, eines Abhangs mit einem freudlosen Abstieg?“

Sie denkt an die höfliche Konvention, niemand zu stören, sich bescheiden zurückzuhalten (s‘effacer) und sie nimmt das Gebot wörtlich: „Sich auslöschen! Wie dieses Wort ihr von weither wiederkommt! Das ist es! Sie hat sich beschieden! Sie wird sich noch bescheiden“, d.h sich auslöschen. Wie sehr ihr jedoch daran gelegen ist, bis zuletzt in den Augen der anderen nicht anstößig zu erscheinen, zeigt sich daran, daß sie ihr Bett mit Rosen umstellt, bevor sie sich zu dem langen Schlaf niederlegt — der erschütterndste Ausdruck ihrer Persönlichkeit und einer der erstaunlichsten Einfälle des Erzählers, der die Menschen kennt, über die er schreibt.

Wenn man das Schicksal Dominiques mit der Geschichte des Kleinen Mannes von Archangelsk vergleicht, sieht man, daß dieser Mann sein Unglück, die Ächtung durch die Nachbarn und seine gesellschaftliche Isolation, ohne Absicht, tragischerweise, selbst verursacht hat (cf. J.Q., Über Simenons traurige Geschichten, S.16ff.). Dominiques verfehltes Leben, ihre Einsamkeit aber ist allein ihre Sache, ihre Einstellung oder ihr Wesen, und nach der Darstellung des Romans, der in dieser Hinsicht mit einer Kernthese der Existenzphilosophie übereinstimmt, ist sie in gewissem Sinne letztlich auch ihre Wahl, ihre Entscheidung. Dominique könnte aber auch mit gutem Recht wie Simone de Beauvoir von sich sagen, daß sie um das Leben geprellt worden sei. — Wie beide Aussagen zu vereinbaren sind, bleibt dem Urteil des Lesers überlassen.

J.Q. — 6. Juni 2020



Josef Quack

Über das Problem, einen Menschen zu verstehen
Hinweis auf "Die verlorene Stute" von Simenon




Was den Vortrefflichen, den Kennern, gefällt, ist gut; was allen ohne Unterschied gefällt, ist es noch mehr.

Fr.Schiller

Georges Simenon ist Ende 1945 nach Amerika ausgewandert. Er lebte zunächst einige Zeit in Kanada, dann, nach einer Reise an der Ostküste entlang, im Süden der USA, bis er sich 1947/48 in der Wüstenstadt Tucson in Arizona niederließ. Diese Monate waren, qualitativ betrachtet, die schöpferischste oder ertragreichste Zeit seines ganzen Lebens als Schriftsteller. In drei Monaten verfaßte er zwei seiner bedeutendsten Romane.

Im Januar 1948 schrieb er Maigret et son mort (Maigret und sein Toter), das großartige Gipfelwerk der Maigret-Serie, ein Polizeiroman in höchster Vollendung, der handlungs- und personenreichste, der längste und spannendste Roman der Serie, er hat ein anthropologisches Grundmotiv Simenons zum Thema, den Rückfall des Menschen auf eine animalische Entwicklungsstufe. Es wird sowohl das Privatleben Maigrets als auch das Innenleben des Polizeiapparates genau beschrieben. Auch der Sprachstil umfaßt eine für Simenon ungewöhnliche Breite der Redeweisen und Aussageformen. Dialog, Handlungsbeschreibung und Gedankenbericht ergeben im Wechsel einen großartig getragenen Erzählrhythmus, Simenons vollkommene Prosakunst (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, S.60ff.).

Im März 1948 schrieb er La neige était sale (Der Schnee war schmutzig), den schwärzesten und härtesten Roman, den er sich je ausgedacht hat, ein Genrebild, das eine der finstersten Epochenerfahrungen des 20. Jahrhunderts in beklemmender Authentizität wiedergibt, die gesetzliche Willkürherrschaft in einer mitteleuropäischen Stadt, die von einer totalitären Macht besetzt ist; die moralische Atmosphäre der Stadt, die Mutlosigkeit und das Elend der Bewohner und die kriminellen Nutznießer der politischen Situation, das Porträt eines der schändlichsten Menschen und dessen unerwartete Wandlung. Ein imposantes Meisterwerk, überragend nicht nur im Oeuvre Simenons, sondern in der Literatur des 20. Jahrhunderts (cf. J.Q., Über Simenons traurige Geschichten, S.25ff.).

Wenige Monate vorher, am 16. Oktober 1947, hatte er La jument perdue (Die verlorene Stute — Paris 1990) abgeschlossen, den wohl interessantesten seiner „amerikanischen“ Romane, und, was bei Simenon äußerst selten ist, die Handlung spielt genau an dem Ort und genau zu der Zeit, in der der Roman geschrieben wurde. Er beginnt am 7. Oktober 1947, an dem Tag, an dem er ihn zu schreiben begann, und endet nach zehn Kapiteln, die je an einem Tag verfaßt wurden. Überdies folgt der Roman einer selten konsequenten, fast systematisch zu nennden Gliederung, bieten die zehn Kapitel doch jeweils ein oder zwei charakteristische Episoden, die das Geschehen unerbittlich vorwärts treiben.

Mir ist völlig unerklärlich, warum dieses Werk in der Forschungsliteratur fast völlig ignoriert wurde, ist es doch einer der beachtlichsten, nämlich delikatesten Romane des Autors. Die Handlung, die Intrige, der historische Hintergrund, die Landschaft, die Gesellschaft und die Personen sind typisch amerikanisch, das Thema aber ist ein typisches Leitmotiv Simenons, das Problem nämlich, wie es möglich ist, daß ein Mann seinen Freund und Geschäftspartner 38 Jahre lang mißverstehen und damit auch sein eigenes Leben falsch verstehen kann. Es ist das wichtigste existentielle Thema in Simenons Oeuvre, es beherrscht die ganze Maigret-Serie und nicht wenige seiner anderen Romane. Es ist ein zutiefst menschliches Thema und, wie nicht zuletzt auch dieser Roman beweist, ein Grund, warum Simenons Bücher in der ganzen Welt gelesen und geschätzt werden konnten. Das Thema berührt eine schmerzliche Lebenswahrheit, kommt es doch gar nicht so selten vor, daß man sich über seine Mitmenschen durchaus falsche Ansichten bildet und jahrelang an diesen Vorurteilen festhält.

Der Held dieses Romans, John Evans, 68 Jahre alt, Besitzer einer kleinen Ranch in der Nähe von Tucson, ist aber fähig, sein Vorurteil zu durchschauen und seine menschlichen Beziehungen ins Reine zu bringen. Damit aber haben wir es mit einem der gezählten Romane Simenons zu tun, die zwar eine traurige Geschichte erzählen, am Ende aber doch glücklich ausgehen — vielleicht ist auch dies eine amerikanische Sache. Überdies gehört der Roman, wie Le fils (Der Sohn), zu jenen Büchern, die eine zweite Lektüre geradezu erzwingen (cf. J.Q., Über Simenons traurige Geschichten, S.54ff.). Denn der Text spielt ständig auf diverse Ereignisse an, die erst später erzählt werden, so daß man die Anfangskapitel und den weiteren Verlauf erst beim zweiten Lesen recht eigentlich verstehen kann.

Wir haben es mit einem überaus fesselnden Roman zu tun, der aus vier Komponenten besteht, die aufs glücklichste zusammenpassen: eine ereignisreiche Kriminal- und Detektivgeschichte, prächtige Landschaftspanoramen, lebensnahe Darstellungen der Personen und der provinziellen Gesellschaft im Westen der USA und schließlich das genannte Kernthema Simenons, ob nämlich ein Mensch einen anderen Menschen wirklich verstehen kann.

John Evans besucht an seinem 68. Geburtstag seine alte Freundin Peppy Clum in Tucson, die ihn zu einer Versteigerung mitnimmt, wo er einen Koffer ersteht, der einen Brief enthält, der ausgerechnet auf das gefährlichste Ereignis seines Lebens verweist, auf einen Hinterhalt, in den er am 15. August 1909 geraten war. Als er damals von einem Ritt zurückkehrte, wurde plötzlich auf ihn geschossen, sein Arm wurde verwundet, er aber konnte den Schützen töten. Nun erfährt er durch den Brief, daß dieser Mordversuch geplant worden war. In den folgenden Tagen versucht John herauszufinden, an wen der Brief gerichtet war und wer der Anstifter jenes Überfalls auf ihn war.

Bisher hat John das Ereignis vom August 1909 in eine Reihe von Daten eingeordnet, mit dem Ergebnis, daß er seinen alten Schulfreund und Geschäftspartner, Andy Spencer, des Verrats an ihm verdächtigte und allen Verkehr mit ihm abbrach. Spencer trennt an Weihnachten 1909 sich vertragsgemäß von John, weil er heiratet; wenige Monate später wird auf dem Grundstück Spencers eine Kupferader entdeckt. Damit und durch weitere Geschäfte wird er zu dem reichsten und mächtigsten Mann in Tucson. Jetzt, in den aktuellen Tagen, droht er jedoch ruiniert zu werden, weil er der Geldgeber von J.B. Hackett war, eines Flugzeuglieferanten im Krieg, der nun wegen Bestechung angeklagt ist und sich in einer Anhörung in Washington verteidigen muß.

John versucht, die Hintergründe des damaligen Anschlags auf sich aufzuklären. Er leistet die akribische, auch verbissene Arbeit eines Detektivs, muß aber bald feststellen, daß er damit letztlich gegen sich selbst ermittelt, da er durch den falschen Verdacht gegen Andy Spencer sein eigenes, sein „ganzes Leben verfälscht“ hat (S.31).

Die Beschreibung dieser Ermittlungen ergeben für Simenon die Gelegenheit, das kleinstädtische Milieu im Westen Amerikas recht eindringlich zu beschreiben, den Aufstieg und die Verödung von Minen- oder Bergwerkstädten, eine Gruppe alter Damen, die unaufhörlich miteinander telefonieren, um die Neuigkeiten des Städtchens auszutauschen, den alten Doktor Schwob, der die Jahre der Gesetzlosigkeit, die Verbrecher und ihre Hintermänner in Arizona in bester Erinnerung hat, den Croupier, der Spencers Spielleidenschaft kannte, den Saloonbetreiber, der die lukrativen Spielstätten im Namen mächtiger Geldgeber betreibt, schließlich den ehemaligen Verwalter der Ranch, Aloso Riales, der als einziger John noch die Wahrheit über die Hintergründe jenes Anschlags und die Entdeckung der Kupferader sagen kann, eine Wahrheit, die John um jeden Preis erfahren möchte.

Eine besondere Erwähnung verdient Boris, ein jovialer Russe, der John während einer Trinktour wertvolle Aufklärungen geben kann. Als sozusagen klassischer Trinker redet er den Baarkeeper feierlich an: „Mein Freund Jim, ich wäre dir bis zum Tod erkenntlich, wenn du uns sofort das gleiche servieren würdest“. Er war Kunstreiter, was auf die historische Tatsache verweist, daß es Kosaken waren, die den amerikanischen Cowboys die Reiterkunststücke beibrachten (cf. J.Q., Bemerkungen zum Western ). Der Vater von Boris wurde gehenkt, weil er, die gesetzliche Strafe vor Augen, dennoch absichtlich ein Pferd erschossen hat — auch dies erinnert an eine historische Tatsache, die Simenon in seinen Intimen Memoiren (1982, 312f.) erwähnt, die Geschichte eines russischen Aristokraten, der in Toombstone aus Mutwillen ein Pferd erschoß und von dem Gericht, seinen Spielkumpanen, zum Tod verurteilt und aufgehenkt wurde.

Die Fahrten, die John unternimmt, begleitet Simenon pünktlich mit Schilderungen, die uns die fremdartige, eigentümliche Landschaft vergegenwärtigen, die nicht wenig zu der befremdlichen Stimmung der Ereignisse beiträgt. Das zweite Element der vorherrschenden Atmosphäre zeigt sich in der Spannung, die in den Straßen und in den Bars durch den drohenden geschäftlichen Ruin Spencers und die Anhörung in Washington erzeugt wird.

So nimmt sich der Blick auf eine Wegtrecke inmitten der Ausläufer des Felsengebirges aus: „John fand die Landschaft wieder, so, wie er sie gekannt hatte, diese ungeheure Ebene, vielmehr diese Hochebene, die, von hier aus, ebenso rund und glatt wie ein Teller erschien und die ringsum von Bergen umgrenzt war, die die Sonne vom Blau zu Rot, zu Rosa, zu allen Farben des Prismas wechseln ließ.“ (S.52) Und er beschreibt die nächtlichen Aussichten, die John auf seinem Flug kreuz- und quer durch Amerika nach Washington erlebt.

Diese endlosen Flugstunden bieten John die Gelegenheit, das ernüchternde Fazit seiner Ermittlungen zu ziehen, das ein enttäuschendes Fazit seines Lebens in den letzten 38 Jahren ist. Im Hinblick auf Andy lautet sein Resümee: „Wie hatte er, Curly John, sich in diesem Punkt täuschen können? Man hielt sich für einen Menschen, dann einen alten Menschen. Man bildete sich gerne ein, daß man alles gelernt hat. Man versenkte sich dummerweise in die Bitterkeit und man ist durchaus bereit, Gott und das Leben zu verfluchen, weil man einfach an den Leuten vorbeigegangen ist, ohne sie zu verstehen. … Er selbst hatte Andy nicht verstanden, niemals! Er hatte manchmal die Wahrheit geahnt, im Laufe der letzten Jahre, aber ohne daran glauben zu wollen.“ Er denkt an seine Schwester, die Andy richtig einschätzte, aber meinte, John müßte selbst darauf kommen: „Mit achtundsechzig Jahren, ja! Nachdem er achtunddreißig Jahre seines Lebens damit verloren hatte, sich zu quälen, Zweifel zu erleiden, sie zum Schweigen zu bringen und sich gegen Andy zu erregen.“ (S.173)

Nicht die geringste Überraschung dieser Geschichte ist, daß dieser Mann in seinem Alter geistig noch so beweglich ist, daß er seinen Lebensirrtum einsehen und korrigieren kann. Einmal heißt es: „John schaute den Dingen ins Gesicht“ (S.65), womit Simenon die Lieblingsmaxime Maigrets zitiert: „Man muß der Wahrheit ins Gesicht sehen“.

Eine weitere Überraschung, die Schlußpointe, aber besteht darin, daß die klärende Aussprache und endliche Versöhnung zwischen John und Andy nicht mehr erzählt wird, sondern der ausmalenden Phantasie des Lesers überlassen bleibt. Dies ist vielleicht die erstaunlichste Aussparung in dem Werk Simenons, der dieses Kunststück oft anwendet und meisterhaft beherrscht, eine Verneigung vor der Intelligenz des Lesers.

Dieser Roman aber zeigt ein weiteres Mal: So traurig auch Simenons Geschichten oft sein mögen, sein Menschenbild weist drei positive, um nicht zu sagen, optimistische Züge auf. Er nimmt an, daß ein Mensch den anderen verstehen kann. Er glaubt, daß Menschen fähig sind, die Wahrheit über menschliche Dinge zu erkennen, und er ist überzeugt, daß wir, wenn auch nicht immer, so doch grundsätzlich fähig sind, unsere Vorurteile abzulegen.

J.Q. — 23. Juni 2020

© J.Quack


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