Josef Quack

Roman, made in USA

Über Don DeLillo, Mao II. Roman (1991), dt. W. Schmitz. Reinbek 1994.




Höchst kennzeichnend für die heutige Kritik: fast nie kompromittiert sie einen Autor mehr als wenn sie lobt. Und das ist im ganzen ja in der Ordnung, sofern sie nämlich das Nichtswürdige vorzugsweise lobt.

W. Benjamin

Benjamins Beobachtung stammt aus den späten zwanziger Jahren, aus einer Zeit, als die moderne Literatur in höchster Blüte stand und die Kritik durch Autoren wie Tucholsky, Jhering, Polgar, Kerr und Loerke vertreten wurde. Benjamins Urteil gilt erst recht für unsere Jahre, für eine Zeit, die nur wenige Werke kennt, die die Saison ihres Erscheinens überleben, und das Rezensionswesen kaum noch den Ehrentitel der Kritik verdient. Sein Urteil gilt vor allem für das Echo, das die amerikanische Gegenwartsliteratur im deutschen Feuilleton findet. Bekanntlich überschätzt es die transatlantischen Literaturerzeugnisse auf eine geradezu lächerliche Weise.
Ein Musterbeispiel ist Don DeLillos Roman Mao II, der hierzulande mit Lobeshymnen begrüßt wurde. Heute ist offensichtlich, was man schon vor zwanzig Jahren hätte sehen müssen, daß es sich um eine ephemere Hervorbringung handelt. Sie ist nur aktuell in dem Sinn, als sie die Fernsehberichte über die spektakulärsten Ereignisse von 1989, die Beerdigung Khomeinis und die Niederschlagung der Demonstration in Peking, wiedergibt — wesentlich Neues hat der Roman dazu nicht zu sagen.
Thomas Pynchon, ein Liebling der akademischen Kritik seines Landes, meint: "Dieser Roman ist ein Juwel". Man wird diese Äußerung für eine unverbindliche Höflichkeitsfloskel unter Kollegen halten und sie nicht ernstnehmen. Wenn man sie ernstnehmen würde, müßte man an Pynchons Urteilskraft und an den Ansprüchen ein wenig zweifeln, die er an die Literatur stellt.
Die Taschenbuchausgabe zitiert eine deutsche Rezension mit den Worten: "DeLillo ist ein begnadeter Erzähler. Er verliert sich nicht in abstrakten Ideen, seine Sprache bleibt immer sinnlich und konkret." Das Gegenteil davon ist richtig. Es ist nämlich ein Markenzeichen von DeLillos Diktion, daß seine Erzählerrede neben der Schilderung banaler Dinge ein Übermaß abstrakter Begriffe enthält. Nicht wenige Sätze sind mit Benennungen abstrakter Gegenstände überfüllt: "die Masse, die Menge, die Bewegung, die Gemeinschaft". Oder: "Alle Dinge, die Summe des Erkennbaren, alles Wahre, all das reduziert sich auf ein paar simple Formeln…". Außerdem: "Ein Wort, mit dem sie hundert glückliche Abstraktionen zusammenfaßt, Themen, die im Aufschrei der Menge, in der Symmetrie des Spielfeldes …". Es ist von der "Monstrosität der Zeit", der "alten allwissenden Langsamkeit" die Rede und dergleichen mehr.
Die Figuren gefallen sich in superklugen Bemerkungen, die öde, steril und ohne Substanz sind. Etwa so: "Ganz gleich, was ich aufnahm, wieviel Entsetzen, Wirklichkeit, Elend, verstümmelte Körper, blutige Gesichter, am Ende sah es alles so verdammt hübsch aus." Oder: "Sie spürte die beunruhigende Macht, die Fremdartigkeit, die vom Anblick eines Mannes ausging, der für sie jahrelang nur in Form von Worten existiert hatte." Hinzukommen auf Schritt und Tritt metasprachliche Reflexionen, die als Ersatz dafür dienen müssen, daß es dem Autor nicht gegeben ist, die Schilderung für sich selbst sprechen zu lassen: "Verkörperung des Wortes ‚auftürmen’ in seiner ganzen beharrlichen und drohenden Gewalt".
Was den "begnadeten Erzähler" angeht, so ist damit wohl der Umstand gemeint, daß die Geschichte aus der Perspektive von fünf Personen geschildert wird, denen der Erzähler vernehmbar seine Stimme leiht. Es treten auf: eine junge Adeptin der Moon-Sekte, die der Zwangsgemeinschaft entkommt und schließlich als Hausgenossin bei einem berühmten Schriftsteller landet; der Sekretär und Literaturagent, der unermüdlich die nichtigen Papiermassen des berühmten Schriftstellers sichtet und archiviert; eine schwedische Photographin, die in New York lebt und sich auf Schriftstellerporträts spezialisiert hat; dann der berühmte Schriftsteller, der vor Jahrzehnten zwei Bestseller geschrieben hat und nun, zurückgezogen von der Öffentlichkeit, auf dem Land lebt — worauf sich sein Ruhm, der ein spezifisch amerikanischer Ruhm ist, gründet, erfahren wir so wenig wie Titel und Themen seiner Werke. Schließlich ist da noch ein junger Schweizer Lyriker, der in Beirut als Geisel gefangengehalten wird. Um ihn mittels einer spektakulären Presseaktion zu befreien, verläßt der berühmte Schriftsteller sein Refugium; der Versuch mißlingt und der berühmte Mann stirbt schließlich unerkannt an den Folgen eines Autounfalls. Dieses Ende ist wohl symbolisch gemeint, ich möchte dem jedoch nicht weiter nachgehen, da ich vermute, daß wir das alles schon irgendwie kennen.
Der Wechsel der Perspektiven erfolgt nach dem schlichten Rezept subalterner Journalisten, die einen Artikel mit einem Bericht über einen Er oder eine Sie beginnen und erst im zweiten oder dritten Absatz verraten, um wen es sich bei dem Er oder bei der Sie handelt. Vielleicht ist damit die "filmreife Suspense" gemeint, von der in jener Rezension auch die Rede ist. Wohlgemerkt, der Film wird hier als Ideal hingestellt, demgegenüber der Roman nur eine sekundäre oder parasitäre Gattung ist. Es ist zum Weinen.
Besonders, wenn man sich die teils modischen, teils veralteten Psychologica anschaut, die aufgetischt werden, unverfälschter, ungenießbarer Schmus. Man liest da, es sei eine "Sache der Seele" und stutzt, bis man merkt, daß hier wohl eine Übersetzungsfehler vorliegt und es heißen müßte, es sei eine Herzenssache. Authentisch ist jedoch der unsägliche Satz: "Diese Tassen und Löffel machten sie wieder zu einem ganzen Menschen". Es begegnet uns der altbekannte "Bewußtseinsstrom", eine Kategorie der längst überholten Assoziationspsychologie, ein Begriff, der bis heute zum Kernbestand einer uneinsichtigen Literaturtheorie gehört. Es fehlt auch nicht die puritanisch-amerikanische Einstellung gegenüber dem Trinken. Und zu guter Letzt wird uns noch die Annahme zugemutet, daß ein Terroristenführer in Beirut den gleichen Psychojargon spricht wie die New Yorker Stadtneurotiker. Er sagt über seine jungen Anhänger: "Wir bringen ihnen Identität bei, Zielstrebigkeit".
Die Mehrzahl der amerikanischen Romane ist heute mehr oder weniger triviale Unterhaltungsliteratur: bittersüße Familien- und Beziehungsschnulzen, Mittelstandsromane à la Updike oder Ph. Roth, die unser geistiger Mittelstand so sehr schätzt, dann Thriller aller Art, darunter auch Polit-Thriller, von denen man immerhin einige lesen kann, ohne sich nachher entlausen zu müssen – um einen Scherz aus dem Film Die zweite Chance zu zitieren. Eine zweite Kategorie besteht aus journalistisch aufgezäumten Produkten, die auf die neueste Tagesaktualität setzen, flach, flüchtig und meist extrem geschwätzig. Das dritte Genre ist literaturtheoretsich eingestellt, spezielles Lesefutter für die Literaturprofessoren. Die Autoren schreiben in voller Absicht so, daß die gelehrten Ausleger etwas haben, was sie auslegen können. DeLillo verbindet — ganz im Sinne der dubiosen Lehre der dubiosen Postmoderne — alle drei Spielarten des amerikanischen Romans seiner Zeit.
Zwei Jahre, bevor dieser Roman erschienen ist, hat George Steiner über die Dichter auf dem Campus gespottet und die widersinnigen Kurse über Kreatives Schreiben kritisiert, als ließe sich Kreativität lehren, und beobachtet: "Der Romanschriftsteller legt es auf Mehrdeutigkeit, auf polysemantische Verdichtung einer Art an, wie sie vom akademischen Interpreten gewürdigt und ‚gelehrt’ wird". Und was sagt DeLillos berühmter Schriftsteller über den "großen Roman"? Er sei "etwas Einmaliges, eine vollkommen neue Stimme, Mehrdeutigkeiten, Widersprüche, Geflüster, Anspielungen." Unser Autor hat die akademische Lektion wirklich gelernt.
Sein Alter ego im Roman behauptet: "Früher wurde unsere Suche nach dem Sinn durch den Roman befriedigt". Man fragt sich, wann hatte je ein seriöser Roman in Gottes eigenem Land die Ambition, die Suche der Leser nach dem Sinn ihres Lebens zu befriedigen? Wann hat in der Öffentlichkeit dieses Land die seriöse Literatur je eine nennenswerte Rolle gespielt? Dann merkt man, daß der Sprecher gar nicht eigentlich sein Land meinen kann, er fügt nämlich hinzu: "Der Roman war die große profane Transzendenz". Diese Erklärung aber erinnert an die atheistische Existenzphilosophie Sartres — und tatsächlich wird im Text einigermaßen versteckt auch auf dessen unerschöpfliche Studie über Flaubert, Der Idiot der Familie, angespielt. Die Weisheiten, die die Romanfiguren von sich geben, sind aufgelesene Weisheiten, die mit ihren je eigenen Erfahrungen, wenn es denn solche überhaupt gibt, kaum etwas zu tun haben.
Was über das Verhältnis von politisch-gesellschaftlicher Realität und ihrem medialen Abbild gesagt wird, hat Günter Anders vor einem halben Jahrhundert schon besser gesagt. Was über Masse und Individuum ausgeführt wird, war in den fünfziger Jahren schon ein alter Hut. Von heute aus betrachtet, ist man versucht, diese Zeit glücklich zu nennen, sie kannte noch keine postmodernen Romane und keine Pop-Art, von der DeLillo soviel Wesens macht.

J.Q. — 7. Okt. 2012

©J.Quack

Absatz

 

Eine geballte Ladung Kitsch, made in USA

Über Don Winslow, Tage der Toten. Kriminalroman, dt. 2010.

Der Roman handelt von Drogenhandel und Drogenbekämpfung in Mexiko und den USA. Es treten auf: miteinander rivalisierende amerikanische Dienste, Mitglieder der irischstämmigen und der italienischstämmigen Mafia, des mexikanischen Drogenkartells, korrupte und kriminelle mexikanische Polizisten, staatstreue kriminelle, nichtkorrupte Sicherheitsleute – ob korrupt oder staatstreu, alle sind sie Mörder oder Totschläger. Dann kommt noch eine ehrbare Dirne vor, die liiert ist mit Drogenbossen, Antidrogenagenten und einem "guten" höheren Kleriker; daneben agieren unfähige, korrupte Politiker, der "böse" Nuntius des angeblich so reichen Vatikan, der fähig sein soll, Mexiko finanziell vor dem Staatsbankrott zu bewahren.
Die Handlung besteht aus einer Serie von Akten blindwütiger oder sadistischer Gewalt und pubertärer Pornographie, begleitet von unsäglich bigotten Klischees. Das Ganze ist ein ziemlich wirrer Humbug, es fehlen politische Hintergrundinformationen, wie sie bei Eric Ambler, Charles McCarry oder Frederic Forsyth selbstverständlich sind und selbst bei Tom Clancy im Übermaß vorkommen. – Alles in allem, eine geballte Ladung Kitsch, made in USA.
Dieser Bestseller der untersten Trivialliteratur wird von James Ellroy, einem Krimiautor, der seinerseits gerne mit vulgären Versatzstücken des an sich schon vulgären Freudianismus arbeitet, mit den Worten angepriesen: "Winslow ist einfach der Hammer". Ein anderer Lobredner läßt sich von der Drogengeschichte zu dem sinnigen Ausspruch anregen: "Vom ersten, herzzerreißenden Satz an war ich süchtig nach diesem Buch". Ein weiterer Claqueur behauptet lapidar: "Das Buch des Jahrzehnts".
Als wäre dies nicht schon Werbung genug, trumpft der deutsche Verlag, Suhrkamp, mit einem Slogan auf, der nicht mehr zu überbieten ist: "Einer der besten Thriller aller Zeiten". Dieser Superlativ ist aber kein Amerikanismus, wie ahnungslose Zeitgenossen meinen könnten, sondern ein Erbteil der Lingua tertii imperii. So lebt die NS-Propaganda in der Reklame eines deutschen Verlags fort, der noch vor ein paar Jahren zu den angesehensten Häusern der hiesigen Buchbranche gehörte.

J.Q. — 6. Juli 2013

©J.Quack


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