Josef Quack

Über den "Reisenden von Allerheiligen"

Rez.: Georges Simenon, Le voyageur de la Toussaint (1941).
Paris 2009.



1. Dieser Roman ist ein echter Simenon, ein Werk, das Elemente des Gesellschaftsromans, der Kriminalgeschichte, des Familien- und Liebesromans in sich harmonisch vereinigt, ein Roman im Vorstadium der Reife und Vollkommenheit, ein hervorragender Text aus der frühen Schaffensperiode des Autors, wirklichkeitsgetreu mit einem Hauch des Abenteuerlichen und Wunderbaren, von der ersten bis zur letzten Seite spannend und überraschend. Das Buch enthält eine ungewöhnlich scharfe Kritik der Provinz-Bourgeoisie, das Rätsel eines wahrhaft boshaften Mannes, der diese heuchlerische, ungerechte Gesellschaft beherrscht, und die sublime Schilderung verschiedener Paare von Mann und Frau.
Hier zunächst in aller Kürze die Fabel des Romans. Wer sich jedoch das Vergnügen der ersten Lektüre bewahren möchte, sollte zuerst den Roman lesen, bevor er diese Besprechung liest.
2. Gilles Mauvoisin, 19 Jahre alt, groß und schlank, in einem überlangen schwarzen Mantel und mit einer Otterfellmütze, kommt am Vorabend von Allerheiligen in La Rochelle mit einem norwegischen Schiff aus Trondheim an, wo seine Eltern vor kurzem an Ofengas gestorben sind. Er fällt nicht nur wegen seiner Kleidung auf, sondern auch deshalb, weil er der Neffe und Erbe von Octave Mauvoisin ist, der reichste und mächtigste Geschäftsmann der Stadt. Gilles, der zum ersten Mal in die Heimat seiner Eltern kommt, ahnt nichts von dem Erbe. Sein Vater war Musiker und Zauberkünstler und zog mit seiner Familie, in Musikhallen, Kaffees und im Zirkus auftretend, durch Mittel- und Nordeuropa.
Eine Gruppe von zwei Reedern, einem Notar, einem Senator und Anwalt, Syndikat genannt, beherrscht die Öffentlichkeit, die Justiz und die Wirtschaft der Stadt exklusiv. Es sucht den jungen Gilles zu überreden, sich aus dem Geschäftsbetrieb herauszuhalten. Als er sich weigert und sich ernsthaft mit dem Fuhrbetrieb seines Onkels vertraut macht, zudem unstandesgemäß Alice, die Tochter eines subalternen Angestellten, heiratet, machen sie ihm das Leben schwer, sie werben seine besten Leute ab und suchen ihn zu entmutigen.
Er merkt zufällig, daß er sich zu Colette hingezogen fühlt, der jungen Frau seines Onkels, die seit Jahren mit dem Arzt Dr. Sauvaget eine leidenschaftliche Beziehung unterhält. Als die Frau des Arztes an Vergiftung stirbt, wird ihr Mann verhaftet, und es kommt der Verdacht auf, daß auch Octave Mauvoisin vergiftet worden sein könnte. Der Verdacht bestätigt sich und Géradine Éloi, die Schwester von Gilles‘ Mutter, wird wegen dieses Verbrechens angeklagt. Der Arzt und Colette werden aus der Haft entlassen und ziehen nach Fontenay-le-Comte, wo übrigens Simenon diesen Roman geschrieben hat.
Inzwischen hat Gilles durch Nachdenken über die Gewohnheiten seines Onkels die Kombination für das Schloß des Geldschrankes gefunden, der Dokumente enthält, die alle Mitglieder des Syndikats schwer belasten – jeder von ihnen hat sozusagen eine Leiche im Schrank. Doch Gilles verzichtet darauf, die Dokumente wie sein Onkel als Herrschaftsmittel gegen die ehrenwerten Spitzen der Gesellschaft zu verwenden, er verbrennt die Papiere und bemüht sich um einen Freispruch für Géradine. Am Ende hat er sich von seiner Frau entfremdet, er besucht Colette und schlägt ihr vor, mit ihm wegzugehen und das Wanderleben seiner Eltern aufzunehmen, er will als Musikant und Zauberer für den Unterhalt sorgen, er will nicht im Sumpf der Provinzgesellschaft versinken, er will nicht so werden wie sein Onkel.
3. Die prächtigste Person des Romans ist Jaja, die dicke Wirtin eines Fischercafés, in deren Haus Gilles seine erste Nacht verbringt. Sie duzt alle Leute und sorgt sich darum, ob er in seiner Villa am Ursulinen-Kai auch genug zu essen bekommt. Aber auch die anderen Figuren haben alle ein unverwechselbares Gesicht, einen besonderen Charakter und feste Gewohnheiten. So Raoul Babin, ein ständig Zigarren rauchender Reeder, der seine Familie verachtet und seine Firma von einem Café aus leitet, das Kommen und Gehen im Hafenviertel beobachtend; dann Géradine Éloi, eine steife, halsstarrige Frau, mit zwei ungeratenen Töchtern und einem nichtsnutzigen Sohn, sie leitet ein Geschäft für Schiffszubehör, das zum größten Teil Octave gehört; der feine, immer korrekt gekleidete Reeder Edgard Plantel, der sich als Vormund Gilles‘ aufspielt und Octave Mauvoisin seinen Freund nennt, obwohl Octave über Beweise verfügte, daß Plantel an dem Tod eines Schiffsjungen schuld war; der an Gicht leidende Notar, ein beflissener Komplize der ehrenwerten Gesellschaft; Esprit Lepart, Buchhalter in Mauvoisins Fuhrbetrieb, der Prototyp des ergebenen Untertans und Vater von Gilles‘ Frau Alice; Alice, ein junges Mädchen, als Frau eines reichen Mannes unbekümmert lebend, nicht so sehr Gilles als vielmehr die Liebe liebend, „la joie de la chair“ (die Fleicheslust, S. 248); Colette, die junge Frau von Octave Mauvoisin, schmächtig, klug und überlegen, die Verachtung ihres Mannes und die Ächtung der ehrenwerten Gesellschaft stolz und aufrecht ertragend.
4. Die rätselhafteste Person in der Galerie der Romanfiguren ist jedoch Octave Mauvoisin, der sich vom Chauffeur zum Inhaber des größten Fuhrbetriebs der Region hochgearbeitet hat und überdies Anteile an der Bank der Stadt und diversen anderen Firmen besitzt. Er konnte sich gegen das Syndikat durchsetzen und es schließlich beherrschen, weil er über die besagten belastenden Dokumente verfügte. Er galt als ein Monster und ein Schuft (S. 82, 211), der niemals lächelte und die von ihm Abhängigen gemein behandelte. Er gab gerne zu: „Ich bin nicht dumm genug, um gut zu sein, ich bin bösartig“ (S. 98). Er lebt in absoluter Isolation in der Stadtgesellschaft, in einer „wilden Einsamkeit“, ein Mensch ganz allein, der mit einer Festung verglichen wird (S. 234, 186, 212).
5. Um hinter das Geheimnis dieses Mannes zu kommen, rekonstruiert Gilles mit Hilfe des pensionierten Polizeiinspektors Paul Rinquet einen Tag im Leben Octaves. Wie man sieht, wendet er dieselbe Methode an wie Maigret: um herauszubekommen, was für ein Mensch ein Mordopfer war, lebt Maigret sich in die Lebensumstände dieses Menschen ein, in die Atmosphäre seiner Wohnung und seiner Bekanntschaften. Gilles entdeckt auf diese Weise nicht nur, wer Octave vergiftet hat, sondern auch einen Charakterzug, der einen anderen Menschen zeigt, eine menschliche Seite, und indem er diesen humanen Aspekt entdeckt, findet er auch die Kombination für das Schloß des Geldschrankes — ein genialer Einfall, wie er nur Simenon kommen konnte, eine Idee, die wahrlich zum Nachdenken über den Scharfsinn und die subtile Geistigkeit dieses Autors und seines Werkes einlädt. Allein dieser originelle Gedanke rechtfertigt es, dieses Werk zur namhaften Literatur unserer Zeit zu zählen.
Übrigens gleicht Gilles auch darin Maigret, daß er darauf verzichtet, als Richter über die Verbrechen der Menschen aufzutreten (S.310). Ich habe dieses Thema und die Last der Verantwortung Maigrets eingehend besprochen (J.Q., Die Grenzen des Menschlichen). Dort kommt auch das Problem des durch und durch bösen Menschen zur Sprache, das nicht so recht in das humane Weltbild des Kommissars passen will. Aber, wie wir gesehen haben, hat ja Octave doch noch einen "Funken Menschlichkeit" in sich bewahrt, wie Maigret sagen würde. Außerdem habe ich in jenem Buch das Thema des freiwillig allein lebenden Mannes berührt, eine Haltung, die in Maigrets Augen ein unnatürliches Laster und immer verdächtig ist. Octave bestätigt diese Meinung — als Kontrastfigur zu den menschlichen Paaren, über die sogleich mehreres zu sagen ist.
6. Soweit dürfte zur Genüge klar geworden sein, daß das Hauptthema des Romans die Kritik dieser Gesellschaft ist, die aus ein paar herrschenden Männern und der Menge der kleinen Leute besteht, aus Wölfen und vielen Schafen, wie der zynische Reeder Babin feststellt, der sich selbst ebenfalls vom einfachen Arbeiter zum mächtigen Reeder hochgearbeitet hat (S.288). Gilles aber hat diese inhumanen Machtverhältnisse als Kind in einem unvergeßlichen Schlüsselerlebnis selbst erfahren, als er Zeuge wurde, wie der Auftritt seines Vaters von einem mächtigen Konkurrenten gestrichen und sein Vater von dem Mann angespuckt wurde: „Er sah seinen Vater wieder, bleich von der Demütigung, mit ohnmächtiger Wut“ (S. 215). Und er beschließt, dem Druck des Syndikats nicht nachzugeben. Einer der Höhepunkte der Romanerzählung.
Übrigens hat Walter Benjamin erkannt, daß das Unrecht, das ihre Väter erlitten haben, eines der stärksten Motive für die gesellschaftliche Revolte der Söhne war. Er schreibt in seinen geschichtstheoretischen Thesen (XII), daß sowohl der Haß wie der Opferwillen der unterdrückten Klasse sich „an dem Bild der geknechteten Vorfahren“ nährten. Simenon aber dürfte bei dem prägenden Kindheitserlebnis Gilles‘ gewiß auch an seinen Großvater gedacht haben, der grausam ruiniert wurde (Intime Memoiren 1982, 469). Einer der seltenen versteckten Hinweise in seinem Werk auf persönlichste, niemals vergessene Kränkungen.
7. Das zweite große Thema des Romans ist die Beziehung von Mann und Frau, die ihren Ausdruck in der Bildung eines Paares findet. Als Gilles in La Rochelle an Land geht, sieht er ein eng umschlungenes Paar am Hafenufer, das Mädchen, Alice, wird er selbst bald heiraten, und seine Gedanken kreisen häufig um diesen merkwürdigen Zug der menschlichen Paarbildung, von der ihm merkwürdige Varianten begegnen: das Paar seines Vaters, der ein großer Musiker werden wollte und ein kleiner Varietékünstler geworden ist, und seiner ihm folgenden Mutter; das leidenschaftliche Paar Colettes und Dr. Sauvagets, das sich nach dessen Haft zu lockern beginnt; er selbst und Alice, von der er sich mehr und mehr entfremdet.
Das erste ihn störende Anzeichen zeigt sich, als Alice fast den ganzen Tag zuhause im Negligee verbringt. Das erste, von ihm unbewußt erlebte Anzeichen, daß er sich zu Colette hingezogen fühlt, ist die lange nicht mehr empfundene Leichtigkeit, die er bei einem gemeinsamen Essen spürt (S.84). Es folgt eine spontane Umarmung, die er als die intensivste Gemütsregung seines Lebens empfindet (S.304), und sogar während der Trauung in der Kirche muß er an sie denken. Die Hochzeit findet in jenen Monaten statt, in denen er am stärksten angefeindet wurde, und die Stimmung während des Festessens war derart, daß der Wirt feststellte, manche Beerdigung sei heiterer gewesen als diese Hochzeit (S.152).
8. Zur Erzählweise des Romans möchte ich nur zwei Bemerkungen machen, die wenigstens etwas von der Prosakunst ahnen lassen, die Simenon hier entfaltet. Das in die Augen stechende Kennzeichen dieses Textes ist die zwanglose, gleichsam natürliche Verschränkung von Erinnerung und Gegenwartsbericht. So erinnert sich Gilles an jene sozial bedingte persönliche Kränkung in dem Augenblick, als ihm Babin seine Meinung über die aus Wölfen und Schafen bestehende Gesellschaft auseinandersetzt. Er kommt auf seine Eltern, als er die Idee des Paares bedenkt, und er erinnert sich an ihr Wanderleben als Künstler von Abendvorstellungen, als er an seine Ankunft in La Rochelle am Vorabend von Allerheiligen zurückdenkt: „So weit er auch in seinen Erinnerungen zurückging, alle Städte, alle Straßen, die er sah, waren immer in der Dämmerung. Vielleicht weil seine Eltern fahrende Leute waren?“ D.h. immer abends auftraten. (S. 350). Außerdem stammt das Wissen um das Leben Octaves aus der Erinnerung der Leute, die ihn gekannt haben. Nicht der unwichtigste Teil des Textes besteht aus der Rekonstruktion seiner Vergangenheit.
Zweitens ist es fast überflüssig zu wiederholen, daß Simenon sich auch hier als Genie der sinnlichen Vergegenwärtigung und der realistischen Schilderung erweist. Das Hafenviertel der Stadt, der Friedhofsbesuch an Allerheiligen, der abendliche Park, den die Verliebten aufsuchen, erscheinen in intensiv leuchtenden, sich einprägenden Ansichten. Zu nennen wäre auch der Panoramablick auf die von der Sonne vibrierende Hafenszene, ein impressionistisches Kabinettstück in Prosa (S.242f.). Daneben finden sich immer wieder jene präzisen Kleinstbeobachtungen, die die Pranke des Löwen verraten. Etwa der folgende Satz in einer Straßenszene: „Männer in hellblau, einen Sack über der Schulter, lieferten Eisblöcke“ (S. 239, eine kulturhistorische Rarität festhaltend, aus der Zeit, als es noch keine chemisch betriebenen Kühlschränke gab.
9. In Simenons Sprachschatz kommt ein Wort vor, das inhaltsschwerer ist als alle anderen Worte: le vide (die Leere), eine Metapher für die jeweils konkret erfahrene Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Darauf wird, metaphorisch andeutend, verwiesen, wenn bei der Trauung von der „Leere der Kirche“ die Rede ist (S. 142), und Gilles nennt die absolute gesellschaftliche und menschliche Isolation, die Octave umgibt, wie selbstverständlich „Leere“, die existentielle Situation des Mannes beschreibend (S.314). Bei der entscheidenden Begegnung mit Colette am Ende der Geschichte fürchtet er, für seine Absicht nicht das rechte Wort zu finden, so daß sich beide „inmitten einer erschreckenden Leere“ befinden würden (S. 357).
10. Im Januar 1948 notierte André Gide, nachdem er einen frühen Roman Simenons gelesen hatte, in einer Bemerkung, die Tadel und Lob merkwürdig in sich vereint: „Die Sujets von Simenon sind häufig von hohem psychologischen und ethischen Interesse; doch ungenügend herausgestellt, als ob er selbst über ihre Wichtigkeit nicht klar wäre; oder als ob er erwartete, zwischen den Zeilen verstanden zu werden“. Eine kluge Beobachtung, eines der besten Urteile, die je über Simenon abgegeben wurde.
Gide hat zweierlei bemerkt, was die damaligen Rezensenten und wohl auch die meisten heutigen Interpreten nicht gesehen haben: erstens, daß diese Romane häufig moralische Geschichten erzählen (cf. J.Q., Über Simenons traurige Geschichten, S.36ff.), und zweitens, daß Simenon in seinem Frühwerk — denn Gide urteilt über das Frühwerk des Autors — seine Themen und Ideen eher verhalten, scheinbar flüchtig, mit Absicht wie nebenbei, behandelt. Dagegen sind die späteren Romane dadurch charakterisiert, daß ihre Themen durchweg mit größter, oft schmerzender Intensität behandelt und herausgestellt werden. Nur ein Literaturkenner vom Format Gides konnte jene Beobachtung machen, das Beispiel einer divinatorischen Kritik.
11. Zum Schluß will ich auf ein paar Weiterungen aufmerksam machen. Die Bedeutung, die dem Reisenden von Allerheiligen im Œuvre Simenons zukommt, erkennt man daran, daß alle Ideen des Romans in späteren Werken wieder auftauchen, überdacht und neu gestaltet werden. Das Fluchtmotiv, das er auch schon in L‘homme qui regardait passer les trains (1938) behandelt hatte, findet in La fuite de Monsieur Monde (1944) seine exemplarische Darstellung (l.c. 89ff.). Die gesellschaftliche Kritik der Provinz-Bourgeoisie wird in Au bout du rouleau (1946) in eine Höhe der Verachtung getrieben, die man nur als metaphysische Revolte bezeichnen kann (l.c. 132ff.). Das traurige Leben eines kleinen Zauberkünstlers hat Simenon in Antoine et Julie (1952) beschrieben, um zu zeigen, daß die existentiellen Sorgen des Mannes genau so ernstzunehmen sind wie die Reflexionen der Intellektuellen (l.c. 141ff.), und das Motiv der belastenden Dokumente als Instrument der Machtausübung findet man in Le président (1957) wieder, einem der Gipfelwerke Simenons (l.c. 113ff.).

J.Q.   —   17. Dez. 2019

©J.Quack


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