Josef Quack

Mythos Fernsehen




Vor kurzem konnte man in einer Zeitung lesen: "John F. Kennedy gewann 1960 das erste Fernsehduell, weil er, im Gegensatz zu Richard Nixon, rasiert, konzentriert und gebräunt war und sich an das Publikum wandte." (FAZ 15.12.12)
Mit dieser Beschreibung wird mehr unterstellt, als sich beweisen läst. Sie ist reine Selbstreklame des Fernsehens und die PR-Leute, deren Beruf eine Beleidigung der Menschenwürde ist, tischen diese Fabel auf, um sich als unentbehrlich darzustellen. Die sogenannten Medienwissenschaftler reden von diesem Ereignis immer dann, wenn sie beweisen wollen, daß das Fernsehen ein würdiges Objekt der Theorie ist.
Was ist im Herbst 1960 vor den amerikanischen Wahlen wirklich passiert? Der damalige Vizepräsident Richard Nixon und sein demokratischer Herausforderer John F. Kennedy bestritten vier Debatten im Fernsehen, das damals noch schwarz-weiß sendete. Bei der ersten Debatte machte Nixon infolge einer Knieverletzung einen etwas matten Eindruck, selbstverständlich war er rasiert, man sah aber, daß er einen starken Bartwuchs hatte, und sein Make-up war so unzureichend, daß es Schweißstreifen erkennen ließ.
Über dieses kosmetische Mißgeschick hat dann Kennedy gelegentlich gespottet, und alle, die bis heute diese Sache als Beleg für die politische Wirkung des Fernsehens als visuelles Medium anführen, wiederholen nur die Witzelei Kennedys, die dieser natürlich nicht ernstnahm und die in den folgenden Auseinandersetzungen der beiden Kontrahenten auch keine Rolle mehr spielte. Außerdem vergessen die Verfechter dieser Theorie der reinen Performance, daß die Fernsehsendung kein Stummfilm war und die Stimme des Kandidaten mindestens so wichtig ist wie sein Aussehen. In diesem Punkt aber war Nixon seinem Gegenspieler eindeutig überlegen. Gegen Nixons sonoren Baß kam Kennedys dünnes Organ einfach nicht an. Für die Radiohörer war Nixon der eindeutige Sieger des Schlagabtauschs. Für die seriösen politischen Kommentatoren spielten diese Äußerlichkeiten aber überhaupt keine Rolle. Sie waren von den Aussagen der beiden Redner gleichermaßen enttäuscht. Ein Komiker meinte damals: "Keiner der Kandidaten wird gewinnen."
Heute gilt ein dunkler Drei-Tage-Bart als Zeichen lässiger Virilität. War dies damals ganz anders? Hatten im Film der vierziger und fünfziger Jahre nur die Schurken einen Bartschatten? Gab es in der Epoche der Nylon-Hemden nicht auch imponierende Heldengestalten, gespielt von John Wayne & Co, die unrasiert auftraten?
Im nachhinein ist klar: Nixons eigentlicher Fehler bestand darin, daß er sich überhaupt auf diese Fernsehdebatten einließ. Er hat damit Kennedy, der bis dato keine politische Leistung vorzuweisen hatte, als ebenbürtigen politischen Gegner anerkannt.
Nur wer mythengläubig, wer dem Mythos Fernsehen und dem Mythos Kennedy erlegen ist, kann die alte Mär von der subkutanen Wirkung der Fernsehduelle heute noch ernstnehmen. Daß die Selbstdarstellung der Kandidaten im Fernsehen die Wahl entscheidend beeinflußt hätte, ist schlicht Unsinn.
Das Ergebnis fiel so knapp aus wie bei keiner amerikanischen Wahl zuvor. Kennedy erhielt von rund 69 Millionen Stimmen nur gut einhunderttausend Stimmen mehr als Nixon, Kennedy siegte mit 49,7 Prozent gegen 49,6 Prozent – der Komiker hatte also recht. Kennedy erhielt nicht mal die Hälfte der Wählerstimmen und es gibt keine rationale Methode, mit deren Hilfe sich feststellen ließe, daß der hauchdünne Vorsprung auf die Wirkung der ersten Fernsehdebatte zurückgegangen wäre. Dabei ist noch nicht mal berücksichtigt, daß es in einigen Bezirken wahrscheinlich Wahlfälschungen zugunsten Kennedys gegeben hat. Die Republikaner haben das Ergebnis aber schließlich nicht angefochten, weil sie selbst wohl auch nicht ganz astrein waren.
Wenn es einen Faktor gegeben hat, der Kennedys Wahl entscheidend beeinflußt hat, dann waren es die Stimmen der Schwarzen, die mehrheitlich für ihn votierten und die er dann mit seiner opportunistischen Unentschlossenheit in Sachen Bürgerrechte tief enttäuschte.

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Bei keinem anderen Politiker des 20. Jahrhunderts war die Diskrepanz zwischen medial inszeniertem Schein und wahrem Sein, zwischen künstlichem Image und nüchterner Realität, zwischen glamouröser Publizität und politischer Substanz so groß wie bei John F. Kennedy, und kein Politiker der neueren Zeit wurde so gründlich demaskiert wie dieser Millionärssohn, dessen politische Karriere allein auf dem Geld und dem poltisch-gesellschaftlichen Einfluß seines Vaters beruhte. Ohne diese Stützen hätte er keine einzige seiner Wahlen gewonnen, nicht die zum Repräsentantenhaus, nicht die zum Senat, erst recht nicht die Vorwahlen zur Präsidentschaft und kaum die zur Präsidentschaft selbst. Ohne die diskrete Hilfe seines Vaters hätte er auch sicher nicht den Pulitzerpreis für ein Buch bekommen, das er selbst nicht geschrieben hatte, Profiles in Courage (dt. Zivilcourage). Selbst ein loyaler Biograph wie Robert Dallek muß, in gewundenen Worten, einräumen: "Die Tonbänder mit den Diktaten zeigen, daß Kennedys Anteil an der Abfassung des Buches größer war, als manche Kritiker annahmen, gleichwohl kleiner als das, was mit dem Begriff ‚Autor’ normalerweise umschrieben wird." (John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben. 2003.)
Daß seine politische Einstellung wesentlich opportunistisch, d.h. auf die Reaktion der Wähler ausgerichtet war, kommt in einem frühen Statement (1951) in unüberbietbarer Naivität zum Ausdruck: "Ich glaube, das ist das Schwierige in der Politik; man verliert automatisch Anhänger, sobald man zu einem Thema Stellung bezieht." Bei ihm wird man niemals den Verdacht los, daß es ihm in erster Linie immer darauf ankam, eine gute Figur zu machen, und erst in zweiter Linie darauf, eine bestimmte Politik zu machen — durchaus in Einklang mit dem Zynismus seines Vaters, der erklärte: „Wir werden Jack [d.i. J.F. Kennedy] wie Seifenpulver verkaufen.“
Wenn seine gesundheitlichen Probleme in vollem Umfang bekannt gewesen wären, wäre er nicht Präsident geworden, und wenn sein Frauenkonsum — im Vergleich zu Kennedy war Clinton ein Muster der Enthaltsamkeit — herausgekommen wäre, wenn das Publikum erfahren hätte, daß er sich eine Mätresse mit einem Mafiaboß teilte, hätte er eine zweite Amtszeit kaum überstanden. Dieser Ansicht ist der kritische Biograph Thomas C. Reeves (John F. Kennedy, Die Entzauberung eines Mythos. 1995.) und er steht mit seiner Meinung nicht allein.
Selbst Kennedy wohlgesinnte Geschichtsschreiber, die es immer noch gibt, können nicht bestreiten, daß er kein bedeutender Präsident war, wenn man einen großen Staatsmann wie F.D. Roosevelt zum Vergleich heranzieht. Sein Nachfolger L.B. Johnson hat innenpolitisch mehr geleistet als er, Nixon und Reagan waren außenpolitisch erfolgreicher als er. Kennedy hat das Desaster der mißglückten Invasion der Exilkubaner in der Schweinebucht zu verantworten. Richtig ist, daß man anerkennen muß, daß er die Kubakrise gemeistert und ein Teststoppabkommen mit Chruschtschow für Atomwaffen ausgehandelt hat. Richtig ist aber auch, daß es ohne die törichte Politik der USA, auch Kennedys, gegenüber Castro wahrscheinlich gar nicht zu einer Kubakrise gekommen wäre. Auch kann man kaum bestreiten, daß Kennedys politisches Taktieren in Vietnam, der massive Einsatz von sogenannten Militärberatern und sein Beitrag zum Sturz des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem, alles andere als geschickt war. Man wird kaum behaupten können, Kennedy habe die Weichen für die Entwicklung Südostasiens in die richtige Richtung gestellt.
Seine Ermordung aber und der Skandal, daß das Attentat bis heute nicht zweifelsfrei aufgeklärt wurde, haben ihn zum Märtyrer gemacht und das Image des strahlenden politischen Helden endgültig festgeschrieben, so daß bis heute kein Hollywood-Film es wagen kann, seine wahre, wenig erbauliche Gestalt offen zu zeigen. Wenn je für einen Politiker, dann gilt für ihn die Maxime aus einem Film von John Ford: "Wenn die Wahrheit über die Legende herauskommt, drucken wir trotzdem die Legende."

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Wer heute immer noch die Wirkungsmacht des Fernsehens mit jener Anekdote aus der Kennedy-Wahl beweisen will, kennt nicht nur die historischen Fakten nicht, er unterschätzt auch die Intelligenz der Fernsehzuschauer. Die Fernsehzuschauer, auch die amerikanischen Fernsehzuschauer, mögen zwar dumm sein, so dumm sind sie aber wiederum auch nicht, daß sie ihre politische Wahl von der makellosen Schminke eines Politikers abhängig machten. Sie mögen den politischen Glamour durchaus unterhaltsam finden, selbst als Analphabeten wissen sie aber ganz gut, daß er mehr oder weniger Schwindel ist.
Daß die amerikanischen Fernsehkonsumenten selbstbewußter und verständiger sind als die deutschen, steht außer Frage. Kein Amerikaner ist so servil, daß er sich ein öffentlich-rechtliches Mediensystem wie in Germany gefallen ließe (cf. J.Q. Der öffentlich-rechtliche Unfug). In deutschen Landen ahmt man die albernsten Trivialitäten der amerikanischen Lebensart äffisch nach — man übernimmt aber nicht die unverächtlichen Ideale der amerikanischen Kultur, das unerschütterliche Freiheitsbewußtsein des Einzelnen und die Abneigung, sich die Art und die Kosten seines Medienkonsums von der Obrigkeit vorschreiben zu lassen. Der Deutsche war, ist und bleibt der geborene Untertan.
Der Einfluß des Fernsehens auf die reale Politik sieht denn doch ein wenig anders aus, als die Lobredner des TV-Mediums glauben machen. Der Kanzler, der am längsten in der Bundesrepublik amtierte, hat seine Wahlen gegen die Meinungsmacht des Fernsehens gewonnen. Andererseits erleben die TV-Prominenten, die als Dauergäste der Talkshows auf ihre durch die Mattscheibe gewonnene Publizität vertrauen, gewöhnlich ein blaues Wunder, wenn sie sich in die Niederungen der Politik wagen.
Die tatsächliche Wirkung des Fernsehens wurde schon früh von den Beobachtern des Mediums erkannt. "Je schlechter das Fernsehen ist, desto besser", schrieb Raymond Chandler in den fünfziger Jahren: "Wie ich höre, sitzen eine Menge Leute vor dem Bildschirm, die's lange schon drangegeben haben, Radio zu hören. Vielleicht geht genügend vielen dieser Leute nach einer Weile auf, daß sie da in Wirklichkeit nur sich selber anstarren." Und Th.W. Adorno, der als Ideologiekritiker das Medium höchst mißtrauisch betrachtete, kam zu dem nüchternen Schluß: "Die Frage, was die Kulturindustrie den Menschen antue, ist wahrscheinlich allzu naiv. Die leere Zeit wird mit Leerem ausgefüllt, nicht einmal falsches Bewußtsein produziert, nur bereits vorhandenes mit Anstrengung so gelassen, wie es ist."
Diese Ansicht hat H.M. Enzensberger dann auf den Punkt gebracht, indem er feststellte, das Fernsehen sei ein "Nullmedium".

J.Q. — 10. Jan. 2013

©J.Quack


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