Josef Quack

Über den Stumpfsinn pseudochristlicher Gebräuche

  



Sémel in ánno lícet insaníre.
Einmal im Jahr darf man verrückt spielen.

Seneca

Aut turpitúdo, aut stultilóquium, aut scurrílitas, quae ad rem non pértinet: sed mágis gratiárum áctio.
Weder Gemeinheit, noch dummes Geschwätz oder Possenreißerei – all das gehört sich nicht, sondern vielmehr Danksagung.

Paulus an die Epheser (Kap. 5,4)

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, sei betont, daß ich mich im folgenden nur auf Aktivitäten katholischer Christen, so weit ich sie kenne, beziehe, nicht auf das Tun und Lassen evangelischer Christen, die ihre eigenen Probleme haben (cf. J.Q., Zu Lausters "Kulturgeschichte des Christentums").
Zu meinem Thema: Es ist überaus bezeichnend und es spricht für die Realitätstreue, den Wirklichkeitsinn des Werkes, daß der bedeutendste christliche Roman des 20. Jahrhunderts, das Tagebuch eines Landpfarrers von Georges Bernanos, mit der Feststellung des Geistlichen beginnt, daß seine Pfarrei im Alltag „vom Stumpfsinn (l’ennui) geradezu aufgefressen“ werde (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S. 19f.). Eine erstaunlich nüchterne Beschreibung der eigenen Situation, eine Einschätzung, die keineswegs historisch geworden ist, sondern sich geradezu anbietet, wenn man gewisse Aspekte im Alltag der heutigen christlichen Verhältnisse beschreiben will.
Und natürlich erinnert der derbe, aber die Gemeindeverfassung doch wohl richtig beschreibende Ausdruck unweigerlich an das berühmte Kapitel eines berühmten Romans, des Zauberbergs, das von dem „Großen Stumpfsinn“ handelt, nämlich von den nichtigen Beschäftigungen der müßigen Bewohner eines Sanatoriums vor dem Ersten Weltkrieg. Stärker als unter ihrer Krankheit leiden sie unter der lähmenden, alles geistige Interesse erstickenden Langeweile ihres Daseins und sie gehen deshalb allerlei nutzlosen, gänzlich sinnlosen Hobbys nach. Dieser Stumpfsinn erreicht übrigens ein solches Ausmaß, daß ihm erst der „Donnerschlag“ des Krieges ein Ende machen kann.
An die nichtigen, jeden vernünftigen Sinnes baren Beschäftigungen, die in jenem Kapitel vorgeführt werden, erinnern nun tatsächlich einige Phänomene, die für das christliche Gemeindeleben in unseren Breiten typisch zu sein scheinen. Man kann da zum Beispiel eine gewisse Vereinsmeierei beobachten, die mit der eigentlichen christlichen Aufgabe wenig zu tun hat, sondern vor allem der Pflege der Geselligkeit dienen soll, eine wahrhaft biedermeierliche Ansicht.
Es gibt da Gruppen, die Waren aus der Dritten Welt verkaufen, wo dergleichen Gegenstände des fairen Handels doch längst in den Supermärkten zu haben sind. Daß diese Dinge, die per Schiff oder Flugzeug über Ozeane und Kontinente herangeschafft werden müssen, eine schlechte Ökobilanz aufweisen, scheint die guten Leute nicht zu kümmern. Auch scheinen sie keine Gedanken daran zu verschwenden, welchen Sinn und Zweck denn eine Entwicklungspolitik haben kann, die solche Aktionen erfordert. Es wären grundsätzliche politische Überlegungen, die man hier aber vergeblich sucht, so daß man wohl annehmen muß, daß diese Aktionen hauptsächlich der eigenen Unterhaltung dienen.
Dann werden nach Gottesdiensten gelegentlich Imbisse — Brunch genannt —, Frühschoppen oder Kaffeekränzchen angesetzt, mehr oder weniger geschlossene Gesellschaften, Insider-Treffen und Plauderstündchen, deren christliche Intention sich einem auch nach angestrengtem Nachdenken nicht erschließen will. Man fühlt sich vielmehr eher an die sektiererische und spalterische Unsitte wohlhabender Mitglieder in der Gemeinde von Korinth erinnert, die seinerzeit Paulus hart und sehr grundsätzlich kritisiert hat (1 Kor 11,20ff.).
Des weiteren werden in Pfarreien Fasnachtssitzungen veranstaltet. Aber haben solche Lustbarkeiten nicht längst die Merkmale ihres christlichen Ursprungs im Mittelalter abgestreift? Abgesehen davon, pflegen solche Scherze gewöhnlich auch nicht besonders witzig und geistreich zu sein. Mit anderen Worten, sie sind genau das, was im Titel dieser Glosse ausgesagt wird.
Kurios sind dann die Gymnastik-Übungen, die man den Alten angedeihen läßt, als ob es dafür keine besser ausgerüsteten und besser betreuten Sportvereine gäbe. Von einer nennenswerten geistlichen Betreuung dieser Gruppen hört und liest man dagegen nichts, es sei denn, man nehme die üblichen Meßfeiern dafür, die ja doch überwiegend von alten Leuten besucht werden. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, daß jene Turnväter ein athletisches Christentum einführen wollen.
Noch seltsamer in einer Gemeinde ist die Veranstaltung, die sich „Theologischer Salon“ nennt, das falscheste und verräterischste Wort, das man sich für dieses Treffen ausdenken konnte. Die Theologie als schöngeistige Tändelei, als Gegenstand unverbindlicher Konversation, als apartes Thema in lockerer Plauder-Runde? Für jeden, der auch nur einen Hauch vom Wesen des Christentums versteht, ist dies ein Widerspruch in sich, eine Trivialisierung und Ad-absurdum-Führung des Glaubens, wie man sie sich peinlicher und alberner kaum vorstellen kann. Dazu kann ich nur wiederholen, was ich andernorts geschrieben habe: Wenn die Religion in der Talkshow angekommen ist, ist sie an ihrem Ende angekommen.
Freilich paßt jene modische Auffassung der Religion recht gut zu einer mit der Liturgiereform nach dem Konzil aufgekommenen Konvention: zu den auf Belanglosigkeiten gestimmten, laienhaften Fürbitten, über die schon Graham Greene gespottet hat und die meist zu den am schwersten erträglichen Augenblicken der Feier gehören. Die Feier hört übrigens wegen dieser kindischen Übung gewöhnlich auf, feierlich zu sein.
Diese Phänomene verweisen letztlich auf ein grundsätzliches Übel der auf ihre Muttersprache verpflichteten deutschen Amtskirche, das Ungenügen in der Beherrschung der deutschen Sprache und in der Kunst der mündlichen und schriftlichen Rede. Der kläglichste Beweis dafür ist die Einheitsübersetzung der Bibel, die seit vier Jahrzehnten in Kirche und Schule in Gebrauch ist und von der niemand Geringerer als Joseph Ratzinger, alias Benedikt XVI., nachgewiesen hat, daß sie für eine seriöse Bibellektüre ungeeignet ist. Ich kann nur nachdrücklich das frühere Urteil bestätigen, daß die unselige Einheitsübersetzung der größte Fehler sei, den die Amtskirche hierzulande in den letzten Jahrzehnten gemacht hat (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S. 93ff. u. 133).
Ratzinger hat als Kardinal — und später als Papst bei einem Deutschland-Besuch — auf zwei andere heikle Punkte hingewiesen, die auch das Gesagte betreffen. Er hat „eine ständige kirchliche Selbstbeschäftigung“ in einem weltweiten Umfeld von Nichtchristen moniert und die Mißlichkeit zur Sprache gebracht, daß die Kirche viele Institutionen unterhalte, die mit ihrer eigentlichen Aufgabe nichts zu tun haben. Man hat es ihm nicht gedankt, besonders der deutsche Verbandskatholizismus hat es ihm übelgenommen — kein Wunder, Ratzinger hat nämlich genau dessen Schwachpunkte benannt, die nur zu evident sind. Denn wozu ist denn etwa das Zentralkomitee der deutschen Katholiken gut? Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, eine „Prominentenplage“, ohne jede erkennbare gesellschaftliche Relevanz.
Das Programm der Rhabanus-Maurus-Akademie in Frankfurt, im Haus am Dom, eine kulturelle Einrichtung des Limburger Bistums, verdiente eine genauere Besprechung. Soweit ich kürzlich sehen konnte, scheint kaum die Hälfte der angebotenen Vorträge, Kurse und Tagungen einen spezifisch christlichen Charakter zu haben, es sind vielmehr allgemeine kulturelle oder künstlerische Veranstaltungen, und nebenbei bemerkt, fanden weder die christlichen noch die profanen Angebote eine nennenswerte Resonanz in der Öffentlichkeit. Dieser symptomatische und generalisierbare Umstand aber, der nahezu totale kulturelle Bedeutungsverlust des Christentums in unseren säkularen Gesellschaften, müßte ganz oben auf der Tagesordnung solcher Akademien stehen, wenn die Leiter und Verantwortlichen ein Gespür für das hätten, was nottut.
Ein typischer Fall von Selbstbeschäftigung oder kirchlicher Egozentrik ist schließlich die neue Organisation der Pfarreien, die in den letzten Jahren die noch aktiven Katholiken hauptsächlich beschäftigt und ihre Aufmerksamkeit größtenteils absorbiert hat. Wen sonst aber kümmert es, wie ihre Gemeinde eingerichtet und verwaltet wird?
Einmal im Jahr darf man verrückt sein, sagt der stoische Philosoph. Was die kirchlichen Vereinsleute aber das ganze Jahr über aufführen, ist mehr, als ein Stoiker ertragen kann. Sie treiben „Nebendinge“, wie Professor Unrat sagen würde, d.h. sie bieten läppische Aktivitäten an, die mit dem Sinn und Zweck ihrer Institution nichts zu tun haben. Wenn es dann aber einmal bei großen Anlässen drangvoll zugeht, kommt die ungeschliffene, unhöfliche, gemeine Ellbogengesellschaft zum Vorschein. Wozu also die christliche Fassade?

J.Q. —  8. Feb. 2017

©J.Quack


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