Josef Quack

Max Ludwig Nansen ist nicht Emil Nolde,
die Deutschstunde kein Schlüsselroman.




Ein Mensch, der ein Buch aufmerksam liest, ist ein seltenes Wesen.

K. Popper

Die jüngste Debatte über die Frage, ob das Porträt der Künstlerfigur in der Deutschstunde von Siegfried Lenz ein Porträt Emil Noldes sei, das dessen NS-Vergangenheit ungebührlich verharmlose, hat inzwischen ein Niveau erreicht, das tiefer und elender kaum sein könnte. So konnte man im Spiegel, einem zuverlässigen Kompendium zeitgenössischer Torheiten, einschließlich der eigenen, kürzlich in einem Bericht über Nolde lesen: „Nach seinem Tod 1956 griffen andere zum Weichzeichner. Der Schriftsteller Siegfried Lenz verklärte ihn 1968 in seiner Deutschstunde als Charakterstarken. Sein Maler hieß Nansen, aber jeder wußte, daß Nolde gemeint war (der übrigens als Emil Hansen zur Welt gekommen war, im Dorf Nolde.) Der Roman wurde zu dem Aufarbeitungsbuch, auf das sich alle verständigen konnten, das tatsächlich im Deutschunterricht gelesen wurde. Das Buch wurde überhöht.“ (Nr. 16/2019)
Das Zitat verrät eindeutig, daß die Autorin die Deutschstunde selbst nicht gelesen hat, sondern sich aufs Hörensagen verläßt. Nun soll es schon öfter vorgekommen sein, daß Journalisten über Bücher schreiben, die sie nicht gelesen haben. Ein redaktionelles Ideal ist dies aber gewiß nicht, und gerade der Spiegel hätte nach der Affäre mit den getürkten Reportagen allen Grund, die einfachsten Standards der Publizistik einzuhalten.
Vor allem aber ist offensichtlich, daß es bei der Artikel-Schreiberin ein wenig an literarischer Bildung hapert, nimmt sie doch, um ihr politisch-moralisches Urteil zu begründen, schlichtweg an, daß ein Roman eine historische Biographie sei. Von einer Logik der Dichtung scheint sie nie etwas gehört zu haben.
Daß übrigens die Kanzlerin widerspruchslos dem Diktat der politischen Korrektheit gefolgt ist und zwei Bilder von Nolde abhängen ließ, war bei dieser bildungsfernen Frau nicht anders zu erwarten. Sie ist nur ein Mitläufer des Zeitgeistes. Im übrigen ist die Kaste der Politiker bestimmt nicht die Instanz, die über Wert oder Unwert von Kunst zu richten hätte.

Der Maler im Roman

Zu der Künstlerfigur des Romans von Lenz wäre dreierlei zu sagen: erstens, Nansen ist nicht Nolde; zweitens, Nansen ist nicht die Hauptperson des Romans und drittens, Nansen wird nicht verklärt oder idealisiert.
♦ Der Maler der Deutschstunde heißt Max Ludwig Nansen. Die Vornamen verweisen auf Max Beckmann und Ludwig Kirchner, der Familienname verweist auf Emil Nolde — drei expressionistische Maler, deren Werke im Dritten Reich als entartet galten. Von den vielen Gemälden, die im Roman erwähnt oder beschrieben werden, spielen zwei Bilder oder Bildserien eindeutig auf Werke von Nolde an. Die „unsichtbaren Bilder“ im Roman erinnern an die „Ungemalten Bilder“ Noldes, und der Interpret Winfried Freund hat herausgefunden, daß das Bild des Romans „Der Mann im roten Mantel“ eine unübersehbare Ähnlichkeit mit Noldes Bild „Trio“ aufweist — freilich sind auch die Differenzen und Abweichungen nicht zu übersehen. Vor allem aber stehen die Bilder des Romans in einem völlig anderen Sinnzusammenhang als die realen Gemälde Noldes. Das Gemälde mit dem „Mann im roten Mantel“ ist zum Beispiel deshalb bedeutsam, weil es sich auf den Bruder des Erzählers und dessen tragisches Schicksal in der Romanwelt bezieht.
Man schämt sich fast, ein paar logische Trivialitäten auszusprechen, aber angesichts der abwegigen, primitiven Auffassung vieler Leser, jene Redakteurin eingeschlossen, die die Deutschstunde für einen Schlüsselroman über Emil Nolde halten, muß ausdrücklich gesagt werden, daß die Deutschstunde kein Porträt Emil Noldes enthält, daß die drei Expressionisten, auf die der Name der fiktiven, synthetischen Künstlerfigur hindeutet, vielmehr anzeigen, daß Nansen ein typischer Vertreter der damals verfemten Kunstrichtung ist. Ähnlichkeit oder Analogie bedeutet nicht Identität oder Gleichheit. Ähnlichkeit setzt vielmehr voraus, daß es zwei verschiedene Subjekte gibt, auf die sich dieses Prädikat bezieht.
Vor allem aber, der Maler Max Ludwig Nansen handelt in der Romanwelt, einem Raum der Dichtung, der in Teilen mit der geographischen und zeitgeschichtlichen Welt übereinstimmt, in anderen Teilen absichtlich fiktiv ist, und nur in ihr und durch sie erhält der Künstler als Person seine spezifische Bedeutung. D. h. um den Roman zu verstehen, muß man nicht wissen, daß „Nansen“ unter anderem auch auf Nolde anspielt; man muß nur erkennen, daß es sich um einen expressionistischen Maler im Zweiten Weltkrieg handelt. Es hat schon seinen guten Grund, daß die Künstlerfigur im Roman meistens lapidar als „der Maler“ bezeichnet und nicht mit seinem Eigennamen genannt wird.
Was aber den Familiennamen angeht, warum hat Lenz gerade diesen Namen gewählt, der doch auch an Fridtjof Nansen erinnert, Arktis-Erforscher und Träger des Friedensnobelpreises, Initiator des nach ihm benannten Passes für Staatenlose, in der Zwischenkriegszeit weltberühmt, weitaus bekannter als Nolde? Diese Frage hat keiner der mir bekannten Interpreten gestellt, geschweige denn beantwortet.
♦ Zweitens ist völlig klar, daß der Maler nicht die Hauptperson des Romans ist. Er kommt in manchen Kapiteln überhaupt nicht vor und spielt in vielen Szenen nicht die geringste Rolle. Die Hauptperson ist der Ich-Erzähler Siggi Jepsen, Jahrgang 1933, der zur Zeit der Niederschrift seiner Erinnerungen zwanzig, einundzwanzig Jahre alt ist und auf einer Elbe-Insel in einer Anstalt für Schwererziehbare einsitzt. Seine Erinnerungen, die mit dem April 1943 beginnen, haben unter anderem auch den Zweck, daß er sich über sein Leben klar werden will. Dabei stellt er die Frage, wen er sich zum Vorbild nehmen könnte, und es ist überaus bezeichnend, daß er es ausdrücklich ablehnt, den Maler zum Vorbild zu nehmen und ihm nachzueifern. Damit ist auch die Interpretation widerlegt, daß der Maler für Siggi so etwas wie eine Vaterfigur sei, ein Ersatz für den wenig geliebten, bisweilen sogar verhaßten Vater.
♦ Drittens ist evident, daß der Maler der Deutschstunde keineswegs verklärt oder idealisiert wird. Wir erfahren, daß er Kriegsfreiwilliger war und die Pazifisten verachtete, daß er einer Völkischen Bewegung beigetreten, wegen deren homosexueller Prägung aber unter Protest wieder ausgetreten sei, daß er „die Ereignisse des Jahres 1933 zunächst begrüßte“. Und: „Unter dem Eindruck der Beschlagnahme von mehr als achthundert seiner Bilder, die von deutschen Museen erworben waren, trat Max Ludwig Nansen aus der NSDAP aus, in die er nur zwei Jahre später als Adolf Hitler eingetreten war.“ Also ein früher, völkisch gesinnter Nationalsozialist, der sich wegen der Kunstpolitik vom NS-Regime distanziert, wobei offenbleibt, inwiefern er auch seine weltanschauliche Gesinnung geändert hat.
Entscheidend ist in dieser Hinsicht, daß er die Freiheit der Kunst gegen jedwede amtliche Bevormundung verteidigt, zweifellos ein achtenswertes, bewundernswertes Ideal, das den Maler selbst aber keineswegs zur Idealfigur erhöht. Zugleich ist nämlich auch von seiner „maßlosen Selbsteinschätzung“ die Rede, von seinem „medialen Naturverhältnis“, und er wird wahrheitsgetreu ein „Verächter der Städte“ genannt. Verschwiegen wird auch nicht die spöttische Kritik, die nach dem Krieg die jungen Künstler an Nansen üben, die ihn den „kosmischen Dekorateur“ nennen, einen Typ, den sie „für ein Unglück“ halten: „heimatbewußt, nicht wahr, seherisch und politisch“.
Wenn man hypothetisch mit der Spiegel-Redakteurin mal annehmen würde, Nansen sei tatsächlich Nolde, dann könnte man angesichts dieser Beurteilungen des Romans gewiß nicht sagen, dieser Maler werde durch Weichzeichner verklärt. Also hat die Autorin des Artikels die Deutschstunde nicht gelesen. Was sie über die Rezeption des Romans sagt, ist ebenso vage wie läppisch, daß es sich nicht lohnt, es zu widerlegen. Wie kann sie von einem Buch, das sie nicht gelesen hat, behaupten, es sei überhöht worden? Nach meiner Meinung ist der Roman vielmehr oft unterschätzt worden.

Scholion

Ich werde das aspektreiche, durchaus hintersinnige Werk, das keineswegs eine einfache pädagogische Aussage enthält, hier nicht eingehend kommentieren, obwohl dazu manches zu sagen wäre, Lobendes, Einschränkendes und Kritisches, sondern nur ein paar Anmerkungen machen.
Zunächst muß man dem Autor eine Konzession einräumen. Man muß ihm die dichterische Freiheit lassen, einen Ich-Erzähler gewählt zu haben, von dem zwar klar ist, wie er zu dieser Funktion kommt, nicht aber, warum er sie derart professionell ausüben kann. Erklärt wird nicht, wie er als einfacher Junge vom Land ein Meister des Erzählens werden konnte, offenbar eine Naturbegabung ohne literarische Bildung. Gelegentlich trifft man zwar auf Passagen im Jugendjargon, insgesamt aber haben wir Bericht und Beschreibung eines gewieften literarischen Könners vor uns.
Diese Frage stellt sich schon bei der Exposition des Erinnerungsteils, im zweiten Kapitel über das Malverbot. Hier beschreibt der Erzähler einen stürmischen Nordwestwind, wie er für die Nordseeküste an der dänischen Grenze charakteristisch ist, und seine Beschreibung dient dazu, die Landschaftsmalerei des Malers zu rechtfertigen: „Wir konnten Max Ludwig Nansen nicht widersprechen, der Zinnadern platzen ließ, der wütendes Lila nahm und kaltes Weiß, wenn er den Nordwest sichtbar machen wollte“. Wie aber sieht die sprachliche Fassung dieser Naturerscheinung aus? Es ist nicht nur von anschaulichsten Dingen die Rede, sondern auch davon, daß die Windlandschaft „voll unfaßbarer Bedeutung“ sei, und von "prophetischen" Bäumen, von "phantasierenden" Gräben. Also ein Gemisch von sinnlicher Beschreibung und phrasenhafter, leerer Sinngebung — de facto keine Rechtfertigung der expressionistischen Landschaftsdarstellung, sondern ein Nachweis ihrer Grenzen. Die Passage erinnert übrigens an gewisse Kunstrezensionen.
Selbstverständlich haben die Landschaftsbeschreibungen des Romans denn auch mit der großflächig zerfließenden, farbsymbolischen, gefühlsbetonten Manier der Expressionisten nichts zu tun; sie sind vielmehr kleinteilig genau, nuancenreich detailliert, die Bewegungen des Windes als Taten markierend und natürlich auch die Bewohner des Landstrichs, Menschen, Schafe, Kühe, Möven, die Fische der See, die Strandtiere des Watts und der Deichgegend nicht vergessend. Siegfried Lenz ist fraglos ein großartiger Landschaftsdichter und zwar ein präzis betrachtender und beschreibender Realist, wie er im Buche steht; mit expressionistischer Prosa, die eine Prosa der Hyperbel und des moralischen Pathos ist, hat dieser Roman über einen expressionistischen Maler erst recht nichts zu tun. Der expressionistische Maler erfindet eine Landschaft, wie Nansen für sich reklamiert, der Schriftsteller beschreibt eine Landschaft der sichtbaren, wirklichen Natur.
Das Kapitel über das Malverbot führt auch den Vater des Erzählers ein, einen kleinen Dorfpolizisten, den Siggi spöttisch distanzierend gewöhnlich mit der Amtsbezeichnung den „Polizeiposten Rugbüll“ nennt und nicht Jens Ole Jepsen. Hier aber berichtet er, wie sein Vater lange zögert, bevor er aufbricht, um Nansen das Malverbot zu überbringen, und diese verzögernde Reflexion wäre nicht zu vergessen, wenn man sein Verhalten als Repräsentant der Amtspflicht beurteilen möchte. Den Lesern, die jene Zeit als eine Epoche auffassen, die von der NS-Ideologie total beherrscht und durchdrungen war, muß aber auffallen, daß Jepsen seine Pflichtauffassung keineswegs ideologisch begründet, er handelt vielmehr wie ein autoritärer Charakter, der nach der Legitimation des Befehls überhaupt nicht fragt.
Man hat seine Pflichtausübung gelegentlich als Zwangsneurose gedeutet, was seine politische Verantwortung für sein Verhalten natürlich erheblich einschränken würde. Wenn diese Diagnose zuträfe, müßte man die pflichtbewußten Deutschen des Dritten Reiches als ein Volk von Geistesgestörten bezeichnen. Ich will diese Möglichkeit nicht von vornherein ganz ausschließen, meine aber doch, daß eine solche Erklärung ein wenig zu simpel wäre.
Damit ist das Thema der psychologischen Darstellung der Romanpersonen berührt, das ein wahrhaft verzwicktes Thema ist, das ich nicht weiter diskutieren möchte. Mit Ausnahme des jungen Psychologen, der über ihn seine Diplomarbeit schreibt, stellt Siggi alle akademischen Psychologen verächtlich als Figuren dar, die nicht das Geringste von den Menschen verstehen, die sie zu begutachten wagen. Was aber soll man dazu sagen, daß sowohl Siggi Jepsen als auch sein Vater Personen sind, die einen seelischen Knacks haben? Siggi rettet im Krieg einige Bilder des Malers vor der Beschlagnahme, um nach dem Krieg ein kleptomanischer Kunstdieb mit halluzinatorischen Anwandlungen zu werden. Sein Vater, gewiß stur und uneinsichtig handelnd, ist dennoch kein simples Wesen, was sich schon daraus ergibt, daß er angeblich die parapsychische Gabe des Zweiten Gesichts besitzt. Wie dies alles näher dargestellt wird und psychologisch recht zu verstehen wäre, will ich nicht weiter untersuchen.
Dagegen möchte ich hervorheben, daß die einzige Person von Bedeutung im Roman, die tatsächlich nationalsozialistisch gesinnt ist, ausgerechnet die Mutter ist. Sie rügt, daß die von Nansen gemalten Figuren kein deutsches Gesicht hätten, und noch nach dem Krieg hält sie geistig behinderte Kinder für „unwerte Geschöpfe“. Die Frau ist von einer extremen Gefühlskälte, und man wundert sich, daß ihre Tochter und ihre beiden Söhne normale Menschen mit einem fühlenden Herzen geworden sind. Ein weiteres psychologisches Rätsel, das der Roman dem Leser zum Nachdenken aufgibt. Daß Lenz die historische Tatsache festgehalten hat, daß es das Phänomen der fanatisch überzeugten deutschen NS-Frau gegeben hat, ist wohl der überraschendste Aspekt der Geschichtsdeutung im Roman.
Schließlich, man hat Lenz einen Heimatschriftsteller genannt, durchaus zu Recht, er hat Blick und Sinn für die Landschaft Norddeutschlands, die er in unvergeßlicher Darstellung abgebildet hat, und er versteht das ländliche Leben aus Erfahrung, während zum Beispiel der andere große literarische Landschafter seiner Generation, Arno Schmidt, als geborener Stadtbewohner, das ländliche Dasein aus ästhetischer Distanz anschaut und es sich metaphorisch umgeformt oder verfremdet zu Gemüte führt.
Man hat Lenz manchmal auch vorgeworfen, er neige zur Idylle — völlig zu Unrecht, da er auch darin ein nüchterner Realist ist, wie man in der Deutschstunde zur Genüge nachprüfen kann. Die behagliche Schilderung eines Herings-Essens, übrigens an Theodor Storm erinnernd, mag idyllisch klingen, die Notschlachtung einer schwerverletzten Kuh ist es gewiß nicht. — Was aber der Maler mit all dem zu tun hat, mag der Leser im Roman selbst nachschauen.

J.Q. —  18. Mai 2019

©J. Quack


Zum  Anfang