Josef Quack

Christentum, zu einem Spottpreis — PUBLIK-FORUM




Eine große Rolle spielen heute die Christen, welche fast alles — nicht ausschließen, sondern einschließen. Sie haben die Großzügigkeit der Lauen. Sie bringen, was je christlich gefärbt war, auf einen Generalnenner, der von einer generalen Öde ist. Christentum wird so zum ärmlichsten Destillat.
Was ich von diesem verbreiteten Christentum halte? Höchst gelangweilt, gar nichts!

L. Marcuse

Ich persönlich bin gegen die modische Verdünnung von Fächern und Ideologien, so daß sie einander immer ähnlicher werden; wer den heutigen Katholizismus nicht mag, sollte austreten und Protestant oder Atheist werden, statt ihn durch alberne Reformen zu verderben.

P. Feyerabend

Eine Klarstellung vorweg: Daß man sich mit einer Zeitschrift beschäftigt, bedeutet gewöhnlich, daß man sie für wichtig hält. Das ist hier nicht der Fall. Publik-Forum ist nicht für sich bedeutend, sondern nur, weil es für eine bestimmte modische Art des real existierenden Christentums der Wohlstandsgesellschaft typisch zu sein scheint. Es steht für jene seltsame Spezies, die um jeden Preis mit dem Zeitgeist Schritt halten will, gleichgültig, was unterwegs mit dem Christentum geschieht. Religion wird mehr oder weniger als geistiger Komfort betrachtet.
In Amerika soll es eine Zeitschrift geben, die sich an Leser wendet, "denen noch nicht alles egal ist". Publik-Forum macht den Eindruck, als wende es sich an Namenschristen, für die im Christentum alles egal ist. Was als ökumenische Tendenz daherkommt, erinnert fatalerweise an eine Einstellung, die man bestenfalls synkretistisch nennen kann. Sie ist jener kuriosen Sekte im alten Indochina gar nicht so unähnlich, die unterschiedslos alle namhaften Geistesheroen zu ihren Heiligen zählte — auch Voltaire bekam eine Statue. Hier sind es Buddha, Freud und Darwin.
Publik-Forum nennt sich "Zeitung kritischer Christen". Nun, als Zeitungsprodukt ist es brav und solide aufgemacht (I.). Das Christentum dieser Christen aber scheint von der Furie des Verschwindens heimgesucht zu werden (II.), und was sich als Kritik vernehmen läßt, hat mit dem üblichen Begriff der Kritik, dessen Wesen Differenzierungsvermögen und argumentative Rationalität ist, herzlich wenig zu tun (III.).

I. Unaufdringliche Form

Die Zweiwochenschrift im Umfang von 88 Seiten (Nr. 9/2008) ist übersichtlich und klar gegliedert. Der redaktionelle Teil ist optisch deutlich vom Reklameteil abgesetzt. Zwar bringt das Blatt im Magazinformat auch die üblichen Kurzmeldungen, doch überwiegen die mehrspaltigen Artikel, die Raum dafür bieten, eine Sache gründlich anzugehen. Manche Betrachtung erstreckt sich über mehrere Seiten.
Die Zeitschrift setzt die digital verfügbaren Farben angenehm sparsam ein. Sie geht nicht mit der Spraydose über alle Seiten, sondern hat nur wenige Blatt im Hintergrund bunt eingefärbt. Bei den Abbildungen überwiegen die Personenporträts, meist lächelnde Gesichter, kein einziges Foto hat einen hämischen Stich oder eine karikaturistische Note. Des weiteren kann man eine Vorliebe für Sinnbilder erkennen, Regenbogen, eine Bank mit Schildern der Rassentrennung, eine Hochleistungskuh gegenüber einem mageren Rind, u. ä. Bild und Text befinden sich im Gleichgewicht, die Fotos illustrieren unaufdringlich und lenken nicht vom Text ab. Es wird klar: die Botschaft steckt hier im Schriftteil.

II. Ihr seid mir schöne Christen

Das Blatt versteht sich als Plattform für alle möglichen Richtungen und Meinungen christlicher Couleur. Ein Großteil der Artikel könnte aber in jeder beliebigen Zeitung stehen: sozialpolitische Beiträge, Ökologisches aller Art, Familienpolitik, Entwicklungshilfe, Globalisierung. Das alles mag bis zu einem bestimmten Grad informativ sein, originell und aufregend ist es nicht.
Was dem Blatt fehlt, ist evident: ein scharf umrissenes Profil, eine unverkennbare charakteristische Linie, ein eindeutiger überzeugender Standpunkt, nicht geistige Toleranz in jeder Hinsicht, nicht das Hinterherhecheln hinter jedem Spleen verrückter Angeber und Egomanen. Nur zwei Seiten sind als Kommentarteil hervorgehoben, und was sich als Stellungnahme ausgibt, ist schlichtweg skandalös. Man findet da eine zustimmende Erklärung zu dem abstrusen Vorschlag eines abstrusen Konzeptkünstlers, Sterbende in einem Museum öffentlich auszustellen. Der Kommentar folgt jener krampfartigen Weltoffenheit, die auch dem abwegigsten Modetrend etwas Positives abgewinnen kann. Daß der Vorschlag eine Verhöhnung der Menschenwürde bedeutet, kommt dem Leitartikler des angeblich christlichen Blattes nicht in den Sinn.
An anderer Stelle fehlt ein Kommentar der Zeitschrift, wo er nicht hätte fehlen dürfen — in einem sich neutral gebenden Bericht über einen homosexuellen Bischof der Episkopalkirche. Man hätte doch gerne gewußt, was die Zeitschrift selbst zu diesem Phänomen, der geschlechtlichen Disposition einer winzigen Minorität, meint, das von den großen Kirchen in der Tradition niemals mit der Disposition der Mehrheit gleichgesetzt wurde.
Wieder auf einem anderen Blatt wird beklagt, daß nach dem neuen Abhörgesetz die Imame nicht den gleichen Schutz genießen wie die christlichen Pfarrer. Daß die Imame abgehört werden können, nennt der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland eine "staatlich sanktionierte Diskriminierung". Dazu der Kommentar der Zeitschrift: Auch wer das nicht so sieht, kann in jedem Fall erkennen: Das Thema 'Religionen in Deutschland' ist brisanter denn je. Wo eine genauere Unterscheidung und eine klare Abgrenzung nötig gewesen wären, flüchtet die Autorin sich in eine windelweiche Floskel allgemeinster Art.
Höchst amüsant, weil höchst aufschlußreich, ist ein Artikel, in dem ein Zeitgenosse vorgestellt wird, der ehedem Pfarrer war und sich nun für den Klimaschutz mit einem Engagement widmet, das er früher für seine Denomination nicht hatte aufbringen können. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die ökologische Bewegung, die mit Recht eine Bewegung genannt wird: Nicht selten trifft man hier auf einen pseudoreligiösen Fanatismus, der die Anhänger blind und taub macht für ernsthafte wissenschaftliche Einwände, die gegen die propagierten Hypothesen in Sachen Klimawandel und Ökologie sprechen.
Natürlich macht die Zeitschrift auch die seichteste Mode der Esoterik mit, jenes wolkigen Gespinstes aus Psychokitsch und kläglichster Erbaulichkeit, aus dem Dutzende von Verlagen ihren Profit ziehen. Was hier als Spiritualität auftritt, ist nichts weiter als ein hohles Klischee, der Beleg einer Ahnungslosigkeit, die nicht weiß, wovon sie spricht. Die Ausnüchterung eines Alkoholikers soll etwas Spirituelles sein — eine hygienische Maßnahme wird erbaulich verbrämt und bekommt einen religiösen Charakter. Soweit war man auch schon mal, nämlich im Alten Bund.
Und dann wird uns als Buch des Monats die Schrift eines buddhistischen Autors zugemutet, der behauptet, daß Macht und Liebe durchaus zusammengehen könnten. Ein Narr auf eigene Kosten, den die Machiavellis dieser Welt nicht mal der Verachtung für wert befunden hätten. Es kommt hier jenes händchenhaltende Christentum zum Vorschein, gegen das schon Vierjährige mit Recht protestieren.
Und als wäre das nicht genug, tischt das Heft am Ende noch eine veritable Peinlichkeit auf. Eine hochbetagte Äbtissin, die sonst eine nüchterne und tatkräftige Frau zu sein scheint, plaudert über ihre mystischen Erlebnisse. Man weiß nicht, was man mehr verurteilen soll: die schamlose Indiskretion des Interviewers oder den seelischen Exhibitionismus der ehrwürdigen Mutter. Wenn das die Mentalität des frommen Vereins ist, braucht man sich nicht zu wundern, daß ihn nur noch die falschen Leute attraktiv finden.

III. Metakritik

Man sollte meinen, daß das, was sich kritisch nennt, die Mindeststandards der elementaren Logik und der rationalen Begründung beachtet. Daran aber lassen es gerade die Beiträger fehlen, die sich die anspruchsvollsten Themen vorgenommen haben.
— In einem Aufsatz, der dafür plädiert, die rechtliche und finanzielle Lage der alleinerziehenden Mütter zu verbessern, heißt es: Das Paar von Mann und Frau kann heute nicht mehr wirklich die Basis der Gesellschaft sein. Vielmehr müssen im Zentrum von Familienpolitik die Beziehungen zwischen Kindern und denen, die für diese Kinder hauptverantwortlich sorgen, stehen. Der erste Satz entspricht nicht den gesellschaftlichen Tatsachen, er gibt einen Wunsch der Autorin wieder. Die anschließende, mit ‚vielmehr' eingeleitete Folgerung ist syntaktisch und logisch fehlerhaft. Richtig wäre die Folgerung: ‚Vielmehr bilden die alleinerziehenden Mütter die Basis der Gesellschaft' — was aber wiederum empirisch falsch wäre.
— Extrem entlarvend ist ein Aufsatz, der sich dezidiert gegen die überkommene Theologie des Kreuzes ausspricht. Es ist ein kircheninterner Streit, den man den internen Streitern überlassen kann. Der Beobachter fragt sich bloß, was das für ein Christ ist, der ohne weiteres die raison d'être seines Bekenntnisses aufzugeben bereit ist. Wichtiger aber ist ein begrifflicher Gesichtspunkt. Es heißt da, die "Anthropologie der Urschuld" — ein bombastischer Ausdruck für die Lehre von der Erbsünde — sei "durch die Evolutionsforschung widerlegt". Offensichtlich hapert es mit dem Glaubensbegriff des Schreibers. Seine Gedanken zeugen von der naivsten Unreflektiertheit und einer philosophischen Ignoranz, die eine jahrhundertelange Diskussion über den Unterschied von Glauben und Wissen mißachtet. Ein religiöser Glauben, der sich von den falsifizierbaren Hypothesen und Vermutungen der wissenschaftlichen Forschung abhängig macht, ist eine geistige Fehlleistung, wie sie heute selbst bei einem intellektuellen Laien nicht mehr vorkommen dürfte.
— Nicht weniger dekuvrierend sind die Ausführungen Eugen Drewermanns, der meint, das schlimmste Übel und die ärgste Bösartigkeit der Menschengeschichte mit Hilfe einer Psychologie erklären zu können, die für die Kinderstube des begüterten Mittelstandes in Westeuropa entworfen wurde: Wir werden anfangen, die Welt zu sehen mit den Augen Gottes. Hier hört das Verständnis des gutwilligsten Lesers auf, er kann nur noch konstatieren, daß dieser Schriftgelehrte, der die Theologie durch eine Art Psychotherapie ersetzen möchte, selbst ein Fall der intellektuellen Therapie geworden ist — frei nach Karl Kraus: Die Psychoanalyse ist jene Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.
— Und zuletzt stellt die Zeitschrift auf drei langen Seiten in einer Besuchs- und Gesprächsreportage eine Autorin vor, mit den Worten: ihr Debütroman habe sie "in die erste Liga der Gegenwartsautoren" hineinkatapultiert. Nach den Zitaten und Paraphrasen zu urteilen, scheint es sich um ein harmloses Produkt der Schriftstellerei zu handeln. Erste Liga der Gegenwartsliteratur? Selbst wer weiß, daß derzeit mit der deutschen Literatur nicht viel los ist, muß doch erstaunt sein, daß ein solcher Tiefpunkt ihr Gipfel sein soll. Literaturkritik ist ein Fremdwort für die Literaturreporterin, und von wahrhafter Kritik ist in dieser Zeitung kritischer Christen wenig zu finden.

Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man's salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. (Mt 5,13)

J.Q. — 10. Juni 2008

©J.Quack


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