Josef Quack

Von der Albernheit zeitgenössischer Predigten





Verba sapientium audiuntur in silentio plus quam clamor principis inter stultos.
Melior est sapientia, quam arma bellica: et qui in uno peccavit, multa bona perdet.
 
Der Weisen Worte, in Stille vernommen, sind besser denn der Herren Schreien unter den Narren.
Weisheit ist besser denn Harnisch; aber ein einziger Bube verderbt viel Gutes.

Pred 9,17-18

Nichtssagende, faselhafte Predigten sind ein unerschöpfliches Thema und zweifellos eine der Hauptursachen, warum sich immer mehr Menschen von ihrer Religion abwenden — trotz des öffentlichen Kultes um den jetzigen Papst, eines Kultes, der nüchtern betrachtet, doch wohl nur ein Medienereignis ist und nicht ein Beleg für die Vitalität des Christentums. Törichte Predigten, erst Recht die rhetorischen Selbstinszenierungen klerikaler Redner, waren und sind bis heute ein schlagender Beweis für die These von dem selbstverschuldeten Niedergang der Kirche.
Man braucht nur den „Brief über die Kirche“ (1946) von Ida Friederike Görres nachzulesen, der fast alle Mißstände dieser Institution anprangert, die auch heute noch oder wieder virulent sind (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S. 133f.). Theodor Haecker beklagt sich über das „Geschwätz vieler christlicher Pfarrer, die nicht wissen, um was es sich (sc. bei christlichen Kernthesen) handelt“. Heinrich Böll teilt in seinen Romanen manche Beobachtung über das jämmerliche Auftreten der Amtsfiguren mit. Einer seiner Romanhelden erklärt, „er könne nicht in die Kirche gehen, weil die Gesichter und die Predigten der meisten Priester unerträglich seien“. Ein gewisser Joseph Ratzinger, der später in das höchste Amt seiner Institution aufstieg, kritisierte vor zwanzig Jahren die „abenteuerlichen Spielereien“, die eine Folge der mißglücken Liturgiereform sind, und die Tatsache, daß Priester derart zu „Showmastern“ werden konnten.

Bestimmungen des Konzils

Dabei sind die Vorgaben des Konzils so klar wie nur möglich. In der Konstitution über die Liturgie heißt es unmißverständlich: „Das Recht, die heilige Liturgie zu ordnen, steht einzig der Autorität der Kirche zu.“ Und weiter: „Deshalb darf durchaus niemand sonst, auch wenn er Priester wäre, nach eigenem Gutdünken in der Liturgie etwas hinzufügen, wegnehmen oder ändern.“ (Nr. 22) Schließlich liest man: „Der Dienst der Predigt soll getreulich und recht erfüllt werden. Schöpfen soll sie vor allem aus dem Quell der Heiligen Schrift und der Liturgie“ (Nr. 35).
Die Praxis der vermeintlich fortschrittlichen Kirchenleute, die sich sonst so gern auf das Konzil und seinen Geist berufen, sieht freilich anders aus. Mancher Pfarrer führt sich auf, als ob er ein kleiner Papst wäre, der die Messe gestalten könne, wie er will.

Beispiel eins

So geschehen im November letzten Jahres an Christkönig hier zu Orts in der neuromanischen Frauenfriedenskirche, einem der wenigen modernen Sakralbauten, die eine sakrale Würde ausstrahlen. Was mußte man da erleben? Die trübe Mischung eines verstümmelten Gottesdienstes mit der trivialen Ansprache einer Frau über Entwicklungshilfe und Umweltschutz, dazu noch nichtssagende Dias. Eine klägliche Laienveranstaltung.
Die beste Lösung wäre gewesen, wenn der Vortrag über Bolivien entweder vor oder nach der Messe angesetzt worden wäre. Übrigens stand der naive Vortrag in schärfstem Gegensatz zu einem Interview des bolivianischen Präsidenten vom gleichen Tag, der sich gerade in Berlin aufhielt und mit der westlichen Entwicklungs- und Handelspolitik hart ins Gericht ging.

Beispiel zwei

Einige Wochen später konnte man am gleichen Ort und bei gleicher Gelegenheit wieder einen klerikalen Willkürakt erleben, als der Pfarrer statt einer Predigt über die biblischen Lesungen einen Lichtbildervortrag über Plastiken Barlachs hielt, weder künstlerisch noch theologisch eine Glanzleistung. Da der gute Mann sich aber nicht um eine genaue Artikulation bemühte, wurde kaum die Hälfte seiner Rede verstanden, so daß er keinen größeren Schaden anrichten konnte.

Beispiel drei

Drittes Beispiel in einer anderen Vorortkirche. Die Lesungen vom Tage handelten von Joshua, der in einer Schlacht solange siegte, wie Moses die Hände zum Gebet erhoben hatte, und von dem ungerechten Richter und der Witwe, die hartnäckig ihr Recht sucht. Sicher heikle, extrem erklärungsbedürftige Themen, besonders die militaristische Episode aus dem Alten Testament, die nach einem erläuternden Kommentar förmlich schreit, nämlich nach der Erklärung, daß die heilsgeschichtliche Situation dieses Ereignisses und Exempels sich wesentlich von der heilsgeschichtlichen Situation der Kirche unterscheidet, um einen Gedanken Karl Rahners aufzunehmen, und diese Differenz hätte unbedingt betont und expliziert werden müssen.
Was aber machte der indische Prediger? In seiner Rede vertrat er die vage pantheistische Meinung, wir seien ein Teil der Natur und ein Teil Gottes, und dann hielt er tatsächlich eine Art primitiver Yogaübung ab, die nicht das geringste mit christlicher Meditation zu tun hatte. Statt solche Späße zu inszenieren, hätte der Geistliche lieber Deutschstunden nehmen und seine Aussprache verbessern sollen.

Beispiel vier

An Weihnachen vor ein oder zwei Jahren verbreitete sich ein Kanzelredner über den Vers aus dem Evangelium: „Das Wort ist Fleisch geworden“. Der Geistliche brachte es fertig, eine Viertelstunde lang zu psychologisieren und zu moralisieren, mit dem Satz sei gemeint, daß man seinen Worten auch Taten folgen lassen sollte — er verlor keine einzige Silbe über die mit dem Vers eigentlich gemeinte Lehre der Menschwerdung, das erste Dogma des Christentums und das größte Geheimnis dieser Religion.
Die Predigt war ein Triumph der gegenwärtigen Mode des Psychojargons, der die öffentliche Rede weithin beherrscht. Die Ansprache gehört in jene banal verweltlichte Sorte der Predigten, die ehedem an Weihnachten wegen der Geburt in einem Stall von den Vorzügen der Stallfütterung sprachen.

Beispiel fünf

Ein Prediger, ein aktuelles Thema aufnehmend, kommt auf die Probleme der von unseren Regierenden unbedacht ausgelösten Flüchtlingswelle zu sprechen, begeht dabei aber den Fauxpas, daß er ein scheinbar schlüssiges Argument politisch-korrekter Politiker und Leitartikler übernimmt. Er meint, es spreche zugunsten dieser Ausländer, daß sie im Durchschnitt nicht krimineller seien als die Deutschen.
Dabei hat er den schon im Argument implizierten Einwand nicht bedacht, der da lautet: Wir haben genug eigene Verbrecher, wir brauchen nicht noch ausländische Kriminelle.

Beispiel sechs

Von allen unsinnigen religiösen Veranstaltungen der Jetztzeit, über die zu schreiben man den Platz eines Romans für sich haben müßte, sind die Drei-Minuten-Ansprachen im Radio oder das Wort zum Sonntag im Fernsehen die unsinnigsten christlichen Veranstaltungen, mit Recht seit Jahrzehnten verhöhnt und verspottet, Ansprachen, die den Hörer regelmäßig mit besinnlichen Banalitäten belästigen, die meist auch noch in den erwähnten Psychojargon verpackt sind.
Diese Ansprachen sind aus mindestens zwei Gründen ohne Sinn und Zweck: wegen der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit und wegen des angesprochenen Publikums. Denn in drei Minuten läßt sich auch beim besten Willen kaum etwas Relevantes, sondern eben nur Gemeinplätziges sagen, und zweitens tun diese christlichen Redner so, als wendeten sie sich an ein homogenes christliches und an christlichen Themen interessiertes Publikum, während die allermeisten Hörer religiös indifferente Mitglieder einer säkularen Gesellschaft sind und in der Regel durch einen religiösen Analphabetismus gekennzeichnet sind, wie Franz Kamphaus richtig beobachtet hat (cf. J.Q., Rezension). Und überzeugten Christen mit derartigen Banalitäten zu kommen, ist nichts anderes als eine Beleidigung ihrer Intelligenz.

Fazit

Warum machen die Kanzelreden der erwähnten Art den Eindruck, daß diese Sprecher im Grunde nichts, geschweige denn etwas wesentlich Christliches, zu sagen haben? Als Antwort ließen sich viele Gründe anführen; ich will nur die offensichtlichsten nennen.
 ♦  Allgemein gesagt, scheinen diese Prediger vergessen zu haben, daß sie nicht ihre Privatmeinung oder ihre selbsteigenen Marotten verkünden sollen, sondern den Glauben der Kirche. D. h. sie nehmen die Texte der biblischen Lesungen nicht ernst.
 ♦  Sie vermitteln nicht den Eindruck, als seien sie theologisch gebildet, zeigen sie doch kein Interesse für den überwältigenden Gedankenreichtum der christlichen Tradition; auch kann man nicht behaupten, daß sie die seriösen Werke unserer Zeit gelesen und studiert hätten, z. B. die Jesus-Monographie von Ratzinger.
 ♦  Sie gehen einer Auseinandersetzung mit den intellektuellen Kritikern des Christentums ängstlich und konsequent aus dem Weg, während die Vertreter des Christentums in seinen Anfängen und selbst noch und erst recht in seiner Blütezeit ihre Religion immer gegen die Kritiker und Gegner verteidigt haben (cf. J.Q., Über eine Streitschrift gegen das Christentum). Sie haben die Herausforderung der Andersdenkenden, die es immer gegeben hat, angenommen und darauf zu antworten versucht. Die Kanzelredner unserer Tage aber ignorieren sowohl die säkularen Kritiker des Christentums wie auch die militanten Gegner von anderen Religionen, wie etwa die des Islam (cf. J.Q., Thomas von Aquin über den Islam).
 ♦  Der wichtigste Grund aber, warum die meisten Ansprachen klerikalen Ursprungs so nichtig und leer erscheinen, ist der Umstand, daß diese Sprecher die existentiellen Probleme unserer Zeit selbstherrlich ignorieren, wenn sie sie denn überhaupt erkannt haben. Unsere Probleme unterscheiden sich aber nicht wesentlich von den menschlichen Problemen aller Zeiten. Die Ignoranz, die Blindheit und das Nichtwissen, dieser Redner hat wahrhaftig viele Aspekte.
 ♦  Man mag gegen meine Beobachtungen einwenden, daß es selbst heute doch auch überzeugende, von christlichem Geist erfüllte Predigten theologisch gebildeter Geistlicher gebe. Dazu wäre zu sagen, daß es solche Beispiele einer authentischen Verkündigung durchaus geben mag; doch sind sie eher die Ausnahme als die Regel. Außerdem erwarte ich ja keineswegs, daß ein Prediger auch ein glänzender Rhetor sein müsse — er sollte nur von dem, was er verkündet, auch selbst überzeugt sein. Schließlich gilt auch hier der moralische Grundsatz: Mißstände werden nicht dadurch weniger schlimm, daß man feststellt, es gebe auch Fälle eines untadeligen Verhaltens.
So ergibt sich die kuriose Tatsache, daß diese durch Albernheit gekennzeichneten Predigten, um ein Wort Walter Benjamins aufzunehmen, uns ratlos zurücklassen wie Geisterrede.

J.Q. — 18. Okt. 2016

©J.Quack


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