Josef Quack

Dalai Lama, ratlos





Unverständlich sind uns die Jungen,
Wird von den Alten beständig gesungen.
Meinerseits möchte ich’s damit halten:
Unverständlich sind mir die Alten.

Th. Fontane

Der Fernsehjournalist Franz Alt berichtet davon, daß der Dalai Lama im Januar nach den schrecklichen islamistischen Anschlägen auf ein französiches Satireblatt gesagt habe:

Ich denke an manchen Tagen, daß es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen. (Frankfurter Neue Presse 6.7.2015)

Als spontane Äußerung nach der Meldung jenes mörderischen Attentats mag der Ausspruch über den unfriedlichen Charakter der Religionen noch hingehen, nicht aber als die wohlüberlegte Meinung eines weithin bekannten „Religionsführers“, wie die Zeitung ihn nennt. Denn die Behauptung ist alles andere als ein Zeugnis überlegener Weisheit. Die Aussage verallgemeinert unzulässig einen Aspekt der Sache, und das darin angedeutete Projekt einer Ethik, die von allen Religionen unabhängig sein soll, ist ein frommer Wunsch, ein gutgemeintes Phantasma, das sich bei einer rationalen Überprüfung in ein Bündel schwer zu beantwortender Fragen auflöst.
Jener Anschlag in Paris ging auf das Konto von einigen Islamisten. Von dieser extremistischen Untat auf den militanten Wesenskern aller Religionen zu schließen ist eine unbegründete Verallgemeinerung, die nur verrät, daß der Sprecher es mit dem Denken nicht so genau zu nehmen scheint. Außerdem hat der Sprecher, der es aus eigener Erfahrung wahrlich besser wissen müßte, in seiner Stellungnahme ganz vergessen, daß es in unserer Zeit einige säkulare Ideologien gibt oder gegeben hat, die weitaus mehr Menschenopfer gefordert haben als die militantesten Religionen: der Nationalsozialismus, die kommunistische Staatsdoktrin, diverse Nationalismen und Stammesegoismen. Wie will er die Anhänger dieser Ideologien davon überzeugen, daß sie ein humanes Normensystem brauchten, an dem sie sich orientieren müßten?
Der schwerste Fehler jener Behauptung aber besteht darin, daß das eigentliche Problem einer säkularen Ethik von dem Religionsvertreter offenbar überhaupt nicht erkannt wurde, obwohl namhafte Philosophen die Sache gründlich durchdacht und weithin geklärt haben. Schaut man sich die ethischen Reflexionen eines Arthur Schopenhauer, eines Jean-Paul Sartre, Ernst Tugendhat oder Jürgen Habermas aber genauer an, dann muß man als nüchternes Ergebnis festhalten: Es mag durchaus möglich sein, daß eine rationale, säkulare Philosophie erklären kann, was man unter Gerechtigkeit oder dem Ideal eines guten Lebens zu verstehen hat. Ich glaube aber nicht, daß sie zeigen kann, daß wir verpflichtet sind, diese schönen Dinge in die Praxis umzusetzen. D.h. sie kann nicht nachweisen, daß moralische Normen einen verpflichtenden Charakter haben (cf. hierzu und zu dem folgenden Resümee: J.Q., Grenzen einer säkularen Ethik).
Schopenhauer hat mit guten Argumenten zweierlei überzeugend nachgewiesen: Eine Ethik, die einen unbedingt verpflichtenden Charakter hat, läßt sich nur theistisch begründen – im Rahmen monotheistischer Glaubensvorstellungen. Zweitens, ein ethisches Normensystem wird nur dann einigermaßen überzeugen, wenn es eine metaphysische Grundlage aufweist. Wenn man wie Schopenhauer für eine Ethik des Mitleids plädiert, kann man nicht umhin, diese Ethik metaphysisch zu begründen. Wie man weiß, bestand Schopenhauers Lebenswerk darin, eine ethisch tragfähige Metaphysik zu schaffen.
Schopenhauers Überlegungen zusammenfassend hat dann Nietzsche noch einmal mit aller wünschenswerten Klarheit am Beispiel des Christentums erklärt, daß man nicht einfach eine Religion aufgeben kann, um danach eine rein säkulare Moral der Menschlichkeit zurückzubehalten:

Wenn man den christlichen Glauben aufgibt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen Moral unter den Füßen weg.
Das Christentum ist ein System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott, heraus, so zerbricht man damit das Ganze: man hat nichts Notwendiges mehr zwischen den Fingern.
Die christliche Moral ist ein Befehl; ihr Ursprung ist transzendent; sie ist jenseits aller Kritik, alles Rechts auf Kritik; sie hat nur Wahrheit, falls Gott die Wahrheit ist – sie steht und fällt mit dem Glauben an Gott.

Jürgen Habermas hat in seiner Diskurstheorie der Ethik jenen Versuch durchgeführt, den Nietzsche hier für unmöglich hält. Habermas war nach Kant der einzige Philosoph, der es ernsthaft unternommen hat, den verpflichtenden Modus moralischer Normen in einer säkularen Sprache rational zu begründen. Er wollte die Qualität der unbedingten Verpflichtung der moralischen Regeln in Analogie zur christlichen Moral erklären, ohne auf transzendente Argumente zurückzugreifen. Dieses argumentative Kunststück ist ihm aber nicht gelungen.
Dagegen hat Ernst Tugendhat klar die Grenzen erkannt, auf die man bei dem Unterfangen stößt, moralische Normen auf einer säkularen Grundlage aufzustellen, wenn man die Begründungen der traditionellen religiös-autoritativen Moralkonzepte ablehnt. Man könnte dieses Konzept eine Ethik der freiwilligen Selbstverpflichtung nennen. Er hat allen Grund, die moralische Situation heute als eine Lage zu beschreiben, die durch „Desorientierung“ gekennzeichnet ist. Er hält einen Appell an religiöse Instanzen heute aber für unglaubwürdig und wirkungslos.
Insgesamt fällt sein Fazit, was die praktische Durchsetzung moralischen Verhaltens angeht, außerordentlich nüchtern und bescheiden aus: „Das einzige, wodurch sich vermeiden läßt, daß sich Verbrechen immer wieder ereignen, ist, daß möglichst viele Menschen an die Menschenrechte glauben bzw. sich moralisch verstehen“.
Diese nüchterne Bescheidenheit, die den Philosophen auszeichnet, vermißt man bei den sendungsbewußten Freunden der aufrechten Gesinnung und des schlichten Denkens, die so etwas wie eine religiös abstinente oder neutrale Ethik für die ganze Welt schaffen wollen. Mir scheint das Ganze die Ausgeburt einer enormen Naivität zu sein, ein Projekt, das nichts weiter bewirkt, als daß es seinen Schöpfern, die allesamt nicht zufällig routinierte Medienfiguren sind, ein seelisches Wohlgefühl beschert. Nur routinierte Medienleute können der Illusion erliegen, sie könnten einem Publikum, in diesem Fall der gesamten Menschheit, irgendwelche Verhaltensweisen vorschreiben.
„Ethik ist wichtiger als Religion“, behauptet der angesehene asiatische Religionsführer zum Erstaunen nicht nur seiner Anhänger in einer weiteren Erklärung: „Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt. Aber Ethik ist uns angeboren.“ Wiederum vermißt man eine einigermaßen überzeugende Begründung für die Aussage, daß uns bestimmte moralische Normen angeboren seien, womit wohl vor allem die Gebote des Mitleids gemeint sind.
Hier kann man wiederum nur auf Schopenhauer verweisen. Er war Menschenkenner genug, um zu wissen, daß Mitleid eine seltene Mitgift des Menschen ist, daß die meisten Menschen vielmehr egoistisch veranlagt sind und daß es überdies auch durchaus boshafte Menschen gibt oder Menschen, die überhaupt keinen moralischen Sinn haben, völlig amoralische Menschen. Soviel zu der menschenfreundlichen Illusion, daß uns eine Ethik angeboren sei.
Vor kurzem hörte ich zufällig, wie ein christlicher Prediger deutscher Zunge, auch er ein intellektuelles Fliegengewicht, auf jene These zu sprechen kam, die die Religionen in die Schranken wies und eine nebulöse Ethik auf den Schild hob. Der Mann ging mit einem kleinen Scherz über die Sache hinweg — er war ihr anscheinend geistig nicht gewachsen. Woraus man schließen kann, daß diese Wortführer der Religion sich durchaus ebenbürtig sind.

J.Q. — 25. Juli 2015

© J.Quack


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