Josef Quack

Über eine biographische Plauderei


Friedrich Rothe: Karl Kraus. Die Biographie. München 2003.



Nein, Die Biographie über Kraus ist das Buch von F.Rothe nicht, sondern allenfalls eine biographische Plauderei, die dem Ungeist des Talk-Show-Zeitalters größere Konzessionen macht, als es ein Verfasser dürfte, der vorgibt, von der Kulturkritik des verbiographierten Objektes etwas gelernt zu haben.
Die stilistischen Mängel und die grammatischen Schnitzer, die sich der Autor in seiner Darstellung erlaubt, sind eine Zumutung und eine wahre Plage. Ein Autor muß ja gewiß nicht die intellektuelle Einstellung seines Gegenstandes übernehmen, und ein Autor, der über Kraus arbeitet, braucht nicht dessen Sprachauffassung zu teilen, doch sollte eine Schriftstellerbiographie doch in einem korrekten Deutsch geschrieben sein und ein Buch über Kraus sollte doch wenigstens ein Minium an Sprachsensibilität aufweisen. Wer in seinem Sinne Sprachkritik üben wollte, fände hier ein reiches Betätigungsfeld.
Ein Konzept kann man in dem Buch beim besten Willen nicht finden. Denn seinen schlichten Biographismus kann man ja kaum ein Konzept nennen. Schlimmer noch: Gelegentlich trifft man auf die kümmerlichsten, nichts erklärenden psychoanalytischen Versatzstücke; man kann ihnen nur mit dem Verdikt begegnen, das Adorno bei ähnlichen Anlässen die "Banausie kunstsinniger Ärzte" nannte. Der Autor ist oft genug in Gefahr, den Kunstbetrieb mit der Kunst, den Literaturbetrieb mit der Literatur zu verwechseln.
Sachliche Irrtümer, Lücken und Fehlgriffe finden sich so viele, daß an der Kennerschaft des Verfassers begründete Zweifel auftauchen. Und die Forschungsliteratur scheint er nur in Auszügen zu kennen. Einmal schreibt er einen Artikel der Fackel, der wahrscheinlich nicht von Kraus stammt, Kraus zu. Was der Verfasser über den Heine-Essay und dessen Rezeption sagt, ist teils lückenhaft, teils widersprüchlich. Man kann einräumen, daß Rothe die Mär von Kraus' Antisemitismus, die bis heute von gelehrten und ungelehrten Ignoranten nachgesprochen wird, als Mär bezeichnet; doch ist ihm die triftige Analyse, die Kraus dem Vorwurf widmet, entgangen, desgleichen die genaue Begründung, warum Kraus darauf verzichtet hat, die Dritte Walpurgisnacht zu veröffentlichen. Der Ausspruch: "Die Ratten betreten das sinkende Schiff", stammt nicht, wie hier behauptet wird, von Kraus, sondern von Alfred Polgar.
Für die Behauptung, in Wien sei 1915 das Gerücht entstanden, Kraus sei im Auftrag der Regierung in einer Friedensmission nach Italien unterwegs, bringt Rothe keinen Beleg. Tatsächlich stammt die Behauptung aus der Kraus-Biographie von P.Schick; sie wurde in späteren Auflagen aber kommentarlos gestrichen — was Rothe wohl veranlaßte, von einem 'Gerücht' zu sprechen. Er weiß aber nicht, daß ein Biograph selbst Gerüchte urkundlich belegen sollte, wenn er ernst genommen werden will. Dagegen ist die Behauptung, Benjamins Kraus-Essay sei "als Gründungsmanifest der Kritischen Theorie anzusehen", nicht mehr als ein geistreich sein wollendes Aperçu. Lassen wir den Mann, dem der Sinn für die geistige Dimension so oft abgeht, ruhig einmal geistreich sein.
Als Alibi für die derzeit modische "biographische Topfguckerei" (Nietzsche) gilt gewöhnlich die Versicherung, man könne aus der Lebensbeschreibung eines Dichters manches in dem Werk erklären. Das mag in einzelnen Fällen sogar stimmen. Hier aber erfährt man nichts, was das Verständnis des Werkes fördern könnte, und die Lektüre dieser Biographie ist alles andere als ein Vergnügen. Daß Kraus gelebt, gegessen und geschlafen, geliebt und gehaßt, geschrieben und vorgelesen hat, wußten wir schon früher. Unerschlossen ist aber noch manche Seite seines literarischen Werkes, das seit Jahrzehnten jedermann zugänglich, nicht im geringsten esoterisch und dennoch in vielem unerkannt geblieben ist.

J.Q.   —   1.Sept. 2003

©J.Quack


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