Josef Quack

Der letzte Genosse.
Zur Autobiographie von Eric Hobsbawm.




Multa, non multum.
Vieles, aber wenig von Belang.

A. Schopenhauer

Vor kurzem fiel mir zufällig Eric Hobsbawms Autobiographie in die Hände: Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert. (2002, dt. 2012) Ich kannte den renommierten englischen Sozialhistoriker (1917 — 2012) bisher nur vom Hörensagen und wollte prüfen, ob es richtig war, daß ich immer einen Bogen um seine Werke gemacht habe. So habe ich seine „Selberlebensbeschreibung“ (Jean Paul) gelesen, weil ich eine Antwort auf zwei Fragen erhalten wollte: Erstens, lohnt es sich überhaupt, seine Bücher zu lesen, und zweitens, warum war er ein Leben lang Kommunist im strengen Sinn des Wortes? Hobsbawm war nicht nur ein bekennender Marxist, wie es ehedem viele gab, sondern ein echter Genosse, seit 1936 Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens bis zu ihrer Auflösung nach der Wende 1990. War dies nur ein nicht ernstzunehmender Spleen, eine exzentrische, nonkonformistische Einstellung, auf die man bei Engländern immer gefaßt sein mußte, oder eine glaubhafte intellektuelle Einstellung, die Respekt verdiente und rational gerechtfertigt werden konnte?
Wir kennen alle die vielen linken Intellektuellen, die jahrzehntelang, besonders ostentativ aber nach der Studentenbewegung von 1968, sich als radikale Sozialisten und Antikapitalisten gaben, um sich nach der Wende über Nacht in überzeugte Antikommunisten und Befürworter der liberalen Marktwirtschaft zu verwandeln, Mitläufer des Zeitgeistes, die 1968 Springer bekämpften und post festum zu Springer überliefen. Da wäre es doch mal eine willkommene Abwechslung, einen überzeugten Kommunisten zu treffen, der nicht mit der politisch-weltanschaulichen Mode geht, sondern seine gesellschaftskritische Position überzeugend zu begründen weiß.
Nach der Lektüre der Autobiographie muß ich leider feststellen, daß die Antwort auf beide Fragen negativ oder unbefriedigend ausfällt.
Der Grund, warum ich die erste Frage leider verneinen muß, ist sehr einfach. Hobsbawms Lebensbeschreibung ist ganz gewiß keine Empfehlung, auch seine historischen Werke zu lesen, weil sich nur zu klar zeigt, daß er nun mal kein glänzender Stilist, ja nicht mal ein wissenschaftlicher Autor ist, der die Sprache nüchtern als passendes Instrument seiner Gedanken betrachtet und benutzt. Die Autobiographie Bertrand Russells zu lesen, ist ein intellektueller Hochgenuß, weil Russell einfach, klar und schnörkellos eine Erlebnisse und seine nicht unerheblichen, oft originellen philosophischen Einsichten zu beschreiben und darzustellen versteht. Hobsbawm erwähnt einen Kritiker, der seinen Prosastil „als übermäßig manieriert“ angesehen habe. Nun, diese Charakterisierung ist eine höfliche Untertreibung. Hobsbawm schreibt einen extrem verschachtelten Stil; kaum eine Periode, die nicht überladen wäre und die nicht dazu noch eine umständliche Parenthese enthielte. Ihn zu lesen, ist auf weite Strecken eine Qual und der geistige Ertrag der Lektüre ist trotz der Überfülle der mitgeteilten privaten, politischen, gesellschaftlichen, historischen Informationen oder gerade wegen dieser Überfülle am Ende doch enttäuschend gering.
Er leidet sichtlich an dem Erbübel durchschnittlicher Geschichtsforscher, die der Masse der großen und kleinen Fakten, die sie glauben aufzählen zu müssen, theoretisch nicht Herr werden können und, statt eine Verwirrung darzustellen, eine verworrene Darstellung geben. Er schildert ungezählte Begegnungen mit Fachkollegen, Politikern und Genossen, Autoren, Künstlern, mehr oder weniger wichtigen Zeitgenossen. Sie mögen ihm selbst etwas bedeutet haben, doch kann er nicht begründen, daß sie auch den Lesern etwas bedeuten sollten. Das Bild, das er als aktiver und begeisterter Teilnehmer vom internationalen Wissenschaftsbetrieb der Historiker und Soziologen mit den langweiligen Tagungen und Konferenzen überall auf der Welt zeichnet, hinterläßt den Eindruck eines gigantischen geistlosen Leerlaufs ohne irgendeinen praktischen, geschweige denn politischen Sinn.
Bei der Lektüre dieses Buches, das sich oft vergeblich bemüht, geistreich zu sein, mußte ich allzuoft an das Wort Golo Manns denken: „Es sind die mittelmäßigen, flauen, von bloßen Geschichtsbeamten verfaßten Werke, welche den Studierenden deprimieren, sodaß er dann sich selber und alles, was er tut, für unnütz hält.“
Wenig glaubhaft, eine rein feuilletonistische Floskel, ist die Behauptung Hobsbawms, "der wirklich aussagekräftige Indikator der Geschiche der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei nicht eine Ideoloige oder die Tatsache, daß Studenten neben dem Studium einem Job nachgingen, sondern der Vormarsch der Blue Jeans". Das Bonmot erinnert an die Denkweise Walter Benjamins, doch fehlt ihm jeder Versuch einer anthropologischen oder sonstwie gearteten rationalen Erklärung. Dagegen ist Hobsbawms Diagnose zutreffend, daß das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert "der politischen Leidenschaft" gewesen sei.
Wenn man von Hobsbawms vertracktem Prosastil spricht, so schließt dies selbstverständlich ein, daß er ganz gewiß kein begabter, erst recht kein fesselnder Erzähler ist. Dies aber hängt nicht notwendig, wie man meinen könnte, mit der von ihm gewählten Methode der strukturbeschreibenden Sozialgeschichte zusammen — wie gerade das hier von Rechts wegen zuständige Beispiel von Karl Marx zeigen kann, der nicht nur ein hochtalentierter Theoretiker, sondern auch ein guter Erzähler war. Die meisterhafte Schilderung der gesellschaftlichen Mißstände des Frühkapitalismus im Kapital ist aber unvergeßlich und bis heute unübertroffen, immer noch lesenswert, während seine ökonomischen Theorien und Schlußfolgerungen die Probe der nachfolgenden Entwicklung nicht bestanden haben.
Unser Autor rühmt sich, zu einer der letzten Generationen zu gehören, die noch eine humanistische Bildung erhalten haben. Sie lebten bewußt in einer großen kulturellen Tradition, hatten einen ausgeprägten historischen Sinn, sie waren sich des Zusammenhangs zwischen Gegenwart und Vergangenheit bewußt, der nach seiner wohl zutreffenden Beobachtung „heute nicht mehr existiert“. Dem muß man aber hinzufügen, daß diese Bildung im wesentlichen literarischer Art war, und selbst diese Form der Bildung war bei ihm nicht ohne sichtbare Schwächen und Lücken.
So bekennt er etwa, er wäre gut ohne Schiller ausgekommen. Ein seltsames, verräterisches Bekenntnis aus dem Mund eines Historikers über den klassischen Autor der Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande und der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, über den Dichter des bedeutendsten deutschen Geschichtsdramas, des Wallenstein!
Er scheint sich selbst in der englischen Literaturszene nicht gut auszukennen, meint er doch, Chesterton habe als Konvertit in einem kulturellen Getto gelebt — so als hätte G.B. Shaw niemals mit Chesterton die Klingen gekreuzt, als wäre Chesterton als Publizist und geistreicher Erzähler in England ohne Echo geblieben, als hätten niemals die Konvertiten Evelyn Waugh und Graham Greene, ein Bewunderer Chestertons, gelebt und allseits anerkannte und gerühmte Romane geschrieben (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, S.152ff., und Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S.23ff.).
Schließlich kann Hobsbawm sich das wahrlich unqualifizierte Urteil nicht verkneifen, daß die Bemerkung, Karl Kraus sei „ein eitler Schwätzer“ gewesen, „im Rückblick betrachtet, nicht völlig daneben“ sei — so als hätte Kraus nicht das bleibende Drama über den Ersten Weltkrieg geschrieben, als hätte er nicht als einsamer Kritiker einen erpresserischen Zeitungsverleger aus Wien verjagt (cf. J.Q., Zum Sprachverständnis von Karl Kraus). Hobsbawm erwähnt, daß er ehedem für Kraus begeistert war — freilich scheint er den innersten Impuls der Krausschen Satire und Polemik, den ethischen Impuls, überhaupt nicht bemerkt zu haben. Sein Fehlurteil ist gerade deshalb überaus aufschlußreich, weil es den blinden Fleck in seiner eigenen geistigen Physiognomie zeigt: seine partielle Blindheit für den Rang ethischer Fragen.
Dies wiederum hängt wohl auch damit zusammen, daß seine humanistische Bildung insofern ein wenig fragmentarisch war, als ihr Akzent auf literarischen Kenntnissen lag und die philosophische Bildung, also die genaue und intensive Lektüre Platons und Ciceros, offensichtlich nicht einschloß. Ja, man muß sagen, daß diese Bildung auch so bedeutende Werke wie die Antigone des Sophokles anscheinend nicht einschloß — die Tragödie über den Konflikt zwischen dem autoritären Gesetz des Staates und der Ethik der Menschlichkeit. Nicht ohne Grund hat Alfred Döblin die Diskussion über diese Tragödie zum geistigen Mittelpunkt von November 1918, seines Epos über die mißglückte deutsche Revolution gewählt (cf. J.Q., Geschichtsroman und Geschichtskritik, S.372ff., und Diskurs der Redlichkeit, S.176ff.).
Und hier kommen wir nun tatsächlich zum Kern des Problems, das sich in des Autors kommunistischer Einstellung verbirgt. Offensichtlich kein theoretischer Kopf, kein Freund systematischen, logisch konsequenten Denkens, hat er die Bedeutung ethischer Fragen entweder überhaupt nicht erkannt oder im Einzelfall gewaltig unterschätzt. Er hielt den Kommunismus für eine wissenschaftlich begründete Weltanschauung im Hinblick auf den Geschichtsverlauf und das zu erstrebende politisch-gesellschaftliche Ziel, und diesem Ziel hat er die ethischen Probleme, wenn er sie überhaupt als solche wahrnahm, prinzipiell untergeordnet (cf. J.Q., Wenn das Denken feiert, S.68).
Wenn Hobsbawm behauptet, er sei niemals den Gründen des Herzens, sondern immer den Gründen des Verstandes gefolgt, dann erliegt er gewiß einer Selbsttäuschung. Denn was ist das Bekenntnis zum Kommunismus und die lebenslange Treue zu dieser Ideologie anderes als eine emotionale, letztlich irrationale Entscheidung? Er war eingestandenermaßen bis 1956, dem Ungarn-Aufstand und dem 20. Parteitag der KPDSU, wo die Verbrechen des Stalinismus aufgedeckt wurden, ein linientreuer „Parteisoldat“, der alle Entschlüsse der Partei mitgetragen hat, auch die Entscheidung für den Hitler-Stalin-Pakt; danach sei er Sympathisant mit Neigungen zum Eurokommunismus gewesen. Er räumt ein, daß die Partei von ihren Mitgliedern die „totale Hingabe“ verlangt habe, und gibt zu, daß es sich dabei um die „Moral einer Sekte“ gehandelt habe. Man fragt sich, wie diese Einstellung mit dem Ideal der intellektuellen Redlichkeit zu vereinbaren ist, das in dem studentischen Debattierclub der „Apostel“ von Cambridge, dem Hobsbawm angehörte, angeblich hochgehalten wurde.
Er schreibt zu jenem Parteitag: „Ich kenne kein vergleichbares Ereignis in der Geschichte einer bedeutenden weltanschaulichen oder politischen Bewegung. Um es in wenigen einfachen Worten auszudrücken, die Oktoberrevolution schuf eine weltkommunistische Bewegung, der XX. Parteitag zerstörte sie.“ Ein krasses historisches Fehlurteil, das nur einem Parteigenossen unterlaufen kann; denn gewiß waren die Entstehung des Christentums, des Islams, die Reformation und die Aufklärung weitaus bedeutendere kulturgeschichtliche und kulturpolitische Zäsuren als jener Parteitag.
Das moralische Defizit der Ideologie, der der Autor sich verschrieben hatte, zeigt sich eklatant in dem folgenden Eingeständnis: „In dem totalen Krieg, in dem wir uns befanden, fragte man sich nicht, ob es eine Grenze für die Opfer geben müsse, die anderen oder uns selbst abverlangt wurden.“ Das Eingeständnis ist um so frappierender, als der Autor die gelegentlich vorkommende Unmenschlichkeit der kommunistischen Praxis keineswegs verleugnet und sich überdies bewußt ist, daß Recht und Unrecht nicht nach nationalen oder ethnischen Grenzen zu beurteilen seien. Hier zeigt sich wieder, daß die ethischen Normen und Ideale dem politischen oder, restriktiver gefaßt, dem parteipolitischen Interesse untergeordnet werden.
Andererseits kann man ihm durchaus zustimmen, wenn er meint, der Kapitalismus sei unfähig, die Bedingungen für ein gutes Leben der Menschheit hervorzubringen. Doch war es eine offen zutage liegende Illusion zu glauben, ausgerechnet der planwirtschaftlich agierende, die Freiheit des Individuums verachtende Kommunismus könne diese Bedingungen schaffen. Am Ende des Kapitels über den Kommunismus, das gewiß das interessanteste des Buches ist, zumal man merkt, daß es mit Herz und Seele geschrieben ist, fragt er, ob die Menschheit ohne die Ideale der Freiheit und Gerechtigkeit überhaupt leben könne. Wiederum kann man dieser Ansicht beipflichten, nicht jedoch der unterstellten Implikation, diese schönen Dinge seien von einem in seinem Wesenskern diktatorischen Kommunismus zu erwarten.
Zu des Autors Gunsten muß man aber festhalten, daß ihm durchaus bewußt war, daß der Sozialismus, vorausgesetzt, er sei tatsächlich einmal verwirklicht, nicht restlos alle menschlichen Probleme lösen könne. Diese weise Einsicht war gerade den strammen Parteiideologen atheistischer und antimetaphysischer Provenienz versagt, die stur glaubten, daß der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus alle sozialen, geistigen und existentiellen Probleme der Menschen lösen könne. Victor Klemperer hat in seinem Tagebuch ein abstoßend lebendiges Bild dieser ideologisch verblendeten Zeloten gezeichnet. Bei ihm kann man auch eine kritische Schilderung der Verhältnisse in der DDR finden, während Hobsbawm die kulturellen Errungenschaften dieses Staates doch ein wenig beschönigt.
Auf die Frage, die ihm immer wieder gestellt wurde, warum er all die Jahre in der Partei geblieben sei, beruft Hobsbawm sich letztlich auf seine politische Erfahrung als Mitteleuropäer in den dreißiger Jahre und verweist auf den damaligen Kampf der Partei gegen den Faschismus und das große Versprechen der Weltrevolution. Als nachgeborener Leser kann man sich über diese unhistorische Einstellung eines Historikers nur wundern, der den geschichtlichen Wandel offensichtlich zu ignorieren scheint. Denn natürlich ist die Situation von 1935 nicht die Situation von 1956 und den folgenden Jahren, und die politische Wahl, die damals, wenn man großzügig denkt, vielleicht noch zu vertreten war, ist für die spätere Zeit alles andere als naheliegend und überzeugend.
Schließlich wäre ein kleiner Irrtum zu berichtigen. Wittgenstein hat in Wien nicht ein Haus für sich selbst gebaut, sondern ein Haus für seine Schwester entworfen und dessen Ausführung überwacht.
Und endlich wäre noch ein Punkt zu erwähnen, der ausnahmsweise einmal für den Autor spricht. Als englischer Historiker kann er Dinge sagen, die ein deutscher Historiker nach Maßgabe der politischen Korrektheit nicht einmal im Traum denken darf. So ist Hobsbawm im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg der persönlichen Überzeugung, „daß das deutsche Europa, das nach einem Sieg des Kaisers entstanden wäre, möglicherweise eine bessere Lösung gewesen wäre als die Welt von Versailles“. Eine offene, bewußt provokative Frage und kein schlechter Abschluß dieses etwas mühseligen Rückblicks auf ein langes Leben im 20. Jahrhundert.

J.Q. — 6. April 2016

© J.Quack


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