Josef Quack

»Sprung«, begriffsgeschichtlich — das Wörterbuch der philosophischen Begriffe ergänzend




Im Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1998), dessen Fehler ich schon an anderer Stelle notiert habe (cf. J.Q., Fehler), heißt es vage und ungenau:
"Sprung (lat. saltus), Ausdruck für die Art des Zugangs zur religiösen Wahrheit, sofern sie sich allem diskursiven und dialektischen Denken zu entziehen scheint (↑ salto mortale)".
Ich will diese ebenso kümmerliche wie fragwürdige Definition nicht weiter kommentieren und nicht untersuchen, ob die religiöse Wahrheit sich dem rationalen Denken nur scheinbar oder tatsächlich entzieht, sondern den philosophischen Ausdruck begriffsgeschichtlich beschreiben und erklären:
Sprung ist erstens die von G.E. Lessing geprägte Übersetzung des griechischen "μεταβασις" (metábasis) in dem logischen Fachausdruck "μεταβασις εις αλλο γενος" (metábasis eis állo génos: Übergang in eine andere Gattung). Der Ausdruck bezeichnet einen logischen Fehlschluß, den unerlaubten Übergang von einer Gattung zu einer anderen Gattung. Konkret meint Lessing den unzulässigen Übergang von einer Klasse historischer Wahrheiten des Christentums zu einer Klasse metaphysischer Wahrheiten des Christentums: „Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten nie werden“. (Über den Beweis des Geistes und der Kraft, 1777).
Zweitens hat S. Kierkegaard Lessings Aufsatz unübertroffen scharfsinnig, kongenial, besprochen und seine These mit den Worten paraphrasiert, „daß der Übergang, wodurch man auf eine historische Nachricht eine ewige Seligkeit bauen will, ein Sprung ist“, und den Sprung als einen ethischen Begriff, „die Kategorie der Entscheidung“, positiv umgedeutet. Für ihn ist der Sprung „die Entscheidung κατ' εξοχην“. Kierkegaard meint hier die logisch nicht zu begründende Entscheidung für das Paradoxe des Christentums, die Zustimmung zum Absurden des Christentums (Unwissenschaftliche Nachschrift zu den philosophischen Brosamen, 1846). Der rationale Kern von Kierkegaards These besteht darin, daß man sich in jedem Fall für den religiösen Glauben entscheiden muß: man kann nur glauben, wenn man glauben will (cf. J. Pieper, Über den Glauben, 1962).
Drittens versteht auch Martin Heidegger unter Sprung eine Kategorie der Entscheidung, genauer: die Entscheidung für das Seinsdenken im Sinne eines neuen, des „anderen“ Anfangs, das der Geschichte der traditionellen Metaphysik entgegengesetzt ist. Die bisherige Metaphysik habe das Sein als das allgemeinste und leerste Sein des Seienden aufgefaßt, während das neue Denken, das von ihm ins Auge gefaßte seinsgeschichtliche Denken, die Wahrheit des Seins an sich bedenken solle. Mit „Sprung“ ist gemeint, daß es keinen unmittelbaren, keinen berechenbaren Übergang zwischen den beiden Denkweisen gibt (Beiträge zur Philosophie, 1935/38 geschrieben, 1989 veröffentlicht). Die Schrift ist Heideggers zweites Hauptwerk, ein Werk der esoterischen, hermetischen Philosophie, während Sein und Zeit, sein erstes Hauptwerk, zwar überaus subtil und originell, aber doch im Prinzip verständlich ist. Zum Spätwerk schreibt Karl Löwith: "In der Tat wird niemand behaupten können, er habe wissentlich verstanden, was das Sein, dieses Geheimnis, ist, von welchem Heidegger redet." (Heidegger. Denker in dürftiger Zeit. 1960)
P.S. In der achtbändigen Lessing-Ausgabe des Hanser-Verlages (1979) wird die folgenreiche philosophische Wirkungsgeschichte der Begriffsprägung Lessings mit keinem Wort erwähnt, ein Zeugnis dafür, daß der geistige Horizont einiger Germanisten ein wenig eng ist. Überdies wird nicht im Text, aber im Kommentar Oígenes immer falsch als Orígines geschrieben.

J.Q. — 2. März 2019

© J. Quack


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