Josef Quack

Schmähgedicht oder Haßpredigt — es ist all eins




Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung.

G. Büchner

Bespucken ist keine Kunst, sondern eine Unart.

J.Q.

Ich kenne nur eine Strophe des berüchtigten Schmähgedichts auf den türkischen Präsidenten, das kürzlich vom ZDF gesendet wurde und das so viel berechtigte Empörung hervorgerufen hat. Was ich von dem Gedicht gelesen habe, reicht völlig, um feststellen zu können, daß es sich dabei um einen extrem geschmacklosen, abstoßenden, den Adressaten schwer beleidigenden Text handelt; ein billiges Machwerk, das offensichtlich die niedrigen Instinkte der Zuhörer anspricht und mit ihren Ressentiments rechnet; Kunst allenfalls im Sinne von Kunsthonig, nicht jedoch im Sinne einer literarischen Satire; das Abfallprodukt einer mißratenen, von allen guten Geistern verlassenen Subkultur.
Daß mit dem Schmähgedicht etwas nicht stimmen kann, erkennt man übrigens auch daran, daß es in der politischen Diskussion, die darüber entstanden ist, soweit ich weiß, nirgends, in keiner Zeitung und in keiner Radiosendung, wörtlich zitiert oder auch nur sinngemäß paraphrasiert wurde.
Wie sage ich es meinem Kinde? Das fragliche Gedicht ist auf einen Politiker gemünzt, es ist erklärtermaßen politische Literatur, die wiederum per definitionem nicht reine Kunst, sondern eine Kunst mit einer politischen Aussage ist. Das Pamphlet mit dem Hinweis, es sei reine Kunst, rechtfertigen zu wollen, ist also einfach absurd. Das intellektuelle Niveau der öffentlichen Diskussion hat bei uns einen Tiefstand erreicht, der kaum noch unterboten werden kann.
In der Tat, kein Kunstvorbehalt kann es rechtfertigen, in einem als politische Dichtung deklarierten, überaus kümmerlichen und widerlichen Text einen Menschen in dieser Weise zu beleidigen. Denn die Kunstfreiheit ist keineswegs unbeschränkt, ihre Grenzen werden durch moralische und rechtliche Normen gesetzt, die auch die Kunst nicht verletzten darf. Das gleiche gilt für die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit im allgemeinen und selbstverständlich auch für die Religionsfreiheit.
Mit Recht hat man in der Vergangenheit immer die sogenannten Haßprediger scharf kritisiert, die im Namen des Islam zu Unduldsamkeit oder gewaltsamen Distanz gegenüber Andersgläubigen und in ihrem Sinne Ungläubigen aufriefen. Wodurch aber unterscheidet sich denn jenes Pamphlet tendenziell und in dem feindseligen Appell von einer Haßpredigt der erwähnten Art? Beide Produkte, die religiöse Hetze und die pseudoliterarische Verunglimpfung, sind Hervorbringungen von Autoren, die insofern geistesverwandt sind, als sie sich über die Normen einer zivilisierten Moral erheben zu können glauben.
In der ganzen Diskussion hat man nämlich erstaunlicherweise völlig vergessen, daß keine zivilisierte Gesellschaft ohne eine wirksame Zensur auskommt, die gravierende Verstöße gegen die in der Gesellschaft anerkannten ethischen Gesetze verbietet. Was dies für den diskutierten Fall bedeutet, ersieht man daraus, daß alle Politiker und Meinungsführer einen Autor gnadenlos verdammt hätten, der ein Pamphlet antisemitischen Inhalts oder ein Schmähgedicht auf den israelischen Regierungschef geschrieben hätte — man hätte den Autor sofort mit Recht strengstens verurteilt. Warum aber gestehen die Sympathisanten des Autors, die sonst nicht oft und laut genug von den universalen Menschenrechten reden können, dem türkischen Präsidenten nicht das gleiche Recht zu? Aus rein politischen Gründen! Sie stellen also politische Interessen über die Gebote einer Moral, die in unserer Gesellschaft angeblich per legem die Würde jedes Menschen schützen soll.
Die politischen Verteidiger des Schmähgedichts agieren in diesem Streit ganz ungeniert rein parteiisch — womit sie allerdings nur ihre geistige Blöße zeigen: sie haben von der so emphatisch angerufenen Freiheitsmoral, die hierzulande herrschen sollte, im Grunde nichts verstanden, zumal sie mit dem Autor auch darin übereinstimmen, daß sie als das Grundprinzip der Politik schlicht und einfach den Freund-Feind-Gegensatz betrachten.
Überflüssig zu sagen, daß es genug objektive Gründe gibt, die von dem Adressaten des Gedichts zu verantwortenden Mißstände in seinem Land zu kritisieren; ihn unflätig beschimpfen ist wohl die denkbar dümmste Methode der politischen Auseinandersetzung. Sie liegt aber im gegenwärtigen Trend, sich lieber mit politischen Personen als mit objektiven Gegebenheiten zu beschäftigen.
Als ob das Maß des Unerträglichen nicht schon voll genug wäre, steckt in dem Skandal jenes Pamphlets noch ein weiterer Skandal, der à la longue wohl das größere Übel ist. Mit einer Dreistigkeit, die an Unverschämtheit grenzt, behaupten nämlich einige unserer Politiker, hierzulande herrsche Medienfreiheit, was gerade in diesem Fall augenscheinlich nicht zutrifft. Das poetische Schundprodukt wurde nämlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen veröffentlicht, das, dem Himmel sei’s geklagt, bekanntlich durch Zwangsgebühren finanziert wird.
Medienfreiheit und Zwangsgebühren fürs Fernsehen sind aber sich gegenseitig ausschließende, logisch und begrifflich unvereinbare Konzepte. Der Konsument des öffentlich-rechtlichen Anstaltssystems hat nämlich nicht die Freiheit, dieses Medium abzubestellen, wenn ihm dessen Angebote nicht zusagen — er ist in seinem Recht, das publizistische Medium wählen zu dürfen, das er will, massiv eingeschränkt. Er muß die Gebühren neuerdings selbst dann zahlen, wenn er überhaupt kein Empfangsgerät für die Sendungen besitzt! Ein von einem ehemaligen Verfassungsrichter ausgeheckter und von den politischen Parteien gern gebilligter Witz, dem sich nur ein Volk von unverbesserlichen Untertangen fügen kann (cf. J.Q., Der öffentlich-rechtliche Unfug).
Überdies kann man fragen, wer denn die öffentlich-rechtlichen Anstalten im Zweifels- und Konfliktfalle de facto kontrolliert, wenn den Konsumenten dieses ihr ureigenes Recht verwehrt ist? Doch wohl die zuständigen Politiker, wie man kürzlich vor der Landstagswahl wiederum gesehen hat, als die etablierten, sich demokratisch nennenden Politiker letztlich bestimmten, wer von den Kandidaten der angetretenen Parteien an der Fernsehrunde vor der Wahl teilnehmen durfte. Und Figuren dieser Spezies reden heute von Medienfreiheit! Vorüber ihr Schafe, vorüber!

J.Q. — 14. April 2016

© J.Quack


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