Josef Quack

Absturz — der SPIEGEL auf TV-Niveau




Zunächst das Positive aus drei zufällig herausgegriffenen Spiegel-Heften der letzten Monate. Die Titelgeschichte über deutsche Waffengeschäfte (Nr. 49/2012) erinnert an bessere Zeiten des Magazins. Wie man vom Spiegel erwarten darf, wird auch wiederum aus geheimen Sitzungen des Bundessicherheitsrats berichtet — besonders aufregend sind diese Enthüllungen aber nicht. Anstatt die Geräte groß ins Bild zu setzen, wären technische Angaben zu Leistung und Bewaffnung weitaus informativer gewesen.
Wohltuend sachlich ist ein Bericht über den Stand der Ermittlungen gegen Christian Wulff ausgefallen — das Ergebnis ist so dürftig, daß nicht feststeht, ob die Sache überhaupt vor Gericht kommt. Doch fehlt, was angesichts des juristischen Fazits naheläge, eine selbstkritische Überlegung darüber, daß es sich damals nicht eigentlich um eine Causa Wolff, sondern um eine Causa des Journalismus gehandelt hat, um einen kollektiven Wahn von Publizisten, die sich einbildeten, es gehe um ungesetzliche Machenschaften des Präsidenten, und dann selbst an ihre Einbildungen glaubten. Also ein typischer Fall von massenhafter Autosuggestion, ein Lehrstück über die Macht von Vorurteilen derer, die die öffentliche Meinung beeinflussen (cf. J.Q. Präsidentenschelte). Kein Wort auch über das Motiv oder die politischen Gründe für die medial inszenierte Hetze gegen Wulff.
Dann gibt es da noch einen Beitrag, der wohl aus Versehen statt im Papierkorb im Heft gelandet ist: ein Gespräch mit einer "Tatort"-Darstellerin. Der wesentliche Ertrag der Plauderei läßt sich in die wiederholt geäußerten Laute "hm, hm" zusammenfassen. Selten hat eine Schauspielerin so offen gezeigt, daß sie nichts zu sagen hat. Und wann war der "Tatort", das Symbol für den Tiefstand hiesigen Filmschaffens, jemals eine seriöse Nachricht wert? Die intellektuelle Bescheidenheit des Spiegel ist nicht mehr zu unterbieten.

Absatz

Die erste Nummer des Jahres überrascht uns mit der brandaktuellen Sensation "Das starke Geschlecht sucht seine neue Rolle", eine Titelgeschichte mit einem vulgärpsychologischen Beliebigkeitsthema, bei dem es völlig gleichgültig ist, in welcher Woche oder in welchem Jahr es coram publico abgehandelt wird. Man kennt das aber schon seit langem vom Spiegel, daß er immer dann weiche Themen präsentiert, wenn er nichts Wichtiges zu vermelden hat, und regt sich nicht mehr darüber auf.
Wirklich enttäuschend ist jedoch eine Sammelreportage von Christoph Reuter über Syrien. Der Text hat keine vernünftige Struktur, nicht mal die einfache Struktur eines Reiseberichts. Es ist eher eine verwirrte Darstellung als die erhellende Darstellung einer Verwirrung, um eine Formulierung von Brecht zu gebrauchen. Zudem behauptet der Autor, vor allem das zu berichten, was er und seine Begleiter selbst erlebt hätten. Im übernächsten Abschnitt ist dann die Rede von Videobildern im Internet über Syrien, um die zu sehen man ja nicht unbedingt nach Syrien reisen muß, und ein gut Teil des Artikels berichtet über Geschehnisse, die der Autor nur vom Hörensagen kennt.
Die einzige nützliche Information des Textes ist eine plausible, aber nicht bewiesene Vermutung: Vermutlich war die Existenz der al-Nusra-Gruppe ursprünglich nur eine Fiktion, die das Regime aus Gründen der Desinformation in die Welt gesetzt hatte. In der Folge haben sich aber tatsächlich Gruppen gebildet, die den Namen für sich in Anspruch nahmen und genau so islamistisch eingestellt waren, wie das Regime es behauptet hatte.

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Das fünfte Heft des Jahres bringt eine Titelgeschichte mit einer Überschrift, deren Stil man nur als politisch-moralischen Kitsch bezeichnen kann: "Hitlers Uhr, Deutschlands Geheimnis". Hier wird das falsche Pathos der Entrüstung auf einen völlig nichtigen Gegenstand bezogen. Die Uhr, von der die Rede ist, hatte weder im Dritten Reich noch hat sie heute irgendeine nationale Bedeutung. Die Blattmacher merken gar nicht, daß sie über NS-Devotionalien im bombastischen Stil der NS-Propaganda schreiben. Freilich hat der Name Hitlers im Titel eines Buches oder einer Zeitschrift immer noch einen hohen Reklamewert: Nach Hitlers willigen Vollstreckern nun also Hitlers Uhr! Trivialer geht’s wirklich nicht mehr.
In der gleichen Nummer werden wir dann darüber belehrt, daß im ausländischen Fernsehen nichts Geringeres als eine Revolution stattgefunden habe. Der vollmundige Artikel wurde, wie könnte es anders sein, von einem US-amerikanischen Reklamebericht über neuere Hervorbringungen des US-amerikanischen Fernsehens angeregt. Die Buben behaupten allen Ernstes, daß die US-amerikanische Wirklichkeit von den US-amerikanischen Unterhaltungsserien jüngsten Formats wirklichkeitsgetreu abgebildet werde. Sancta simplicitas! Der kapitalistische Realismus in den Künsten ist nicht weniger naiv, als es der sozialistische Realismus war.
Was das Autoren-Duo über die öden Folgen schreibt, die mit den acht Milliarden Euro Zwangsgebühren des öffentlicht-rechtlichen Fernsehens hierzulande hergestellt werden, ist zwar zutreffend, aber keineswegs neu. Allerdings scheint den Schreibern der Gedanke fernzuliegen, daß das öffentlich-rechtliche Mediensystem an sich ein Übel ist und abgeschafft werden sollte (cf. J.Q. Der öffentlich-rechtliche Unfug). Wahrscheinlich widerspräche eine grundsätzliche Einsicht dieser Art den Vorgaben der höheren Spiegel-Politik.
Diese Annahme wurde wenige Wochen später von der Nummer 13/2013 bestätigt, einem Heft, das als flankierende Maßnahme für den öffentlich-rechtlichen Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" gedacht war und als solche auch wahrgenommen wurde. Zu diesem sinnigen Einfall des Magazins kann man nur sagen, daß hier Redakteure, die sich als Avantgarde des Zeitgeistes verstehen, auf ein Rezept verfallen sind, das zur Zeit ihrer Großmütter oder Großväter einmal modern war.
Einem Ondit zufolge wurden von diesem Heft im freien Verkauf nur zweihunderttausend Exemplare abgesetzt. Das mag für eine Zeitung reichen, für den Spiegel ist es blamabel. Man begibt sich eben nicht ungestraft auf das Niveau des Nullmediums unserer Zeit. Einige Tage später wurden denn auch die beiden Chefredakteure entlassen.
Hat sich seither etwas geändert? Spiegel-Online besteht immer noch zur Hälfte aus einem Sammelsurium von Belanglosigkeiten. Wie gesagt, die geistige Anspruchslosigkeit des Magazins läßt sich kaum noch unterbieten.

J.Q. — 12. Mai 2013
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Politische Intelligenz


Diplomaten sind ja im allgemeinen keine sehr bedeutenden Menschen; in der Wissenschaft wird schwieriger gedacht, in der Kunst schöpferischer gehandelt als in der Politik.

G.Mann

Rudolf Augstein war bekanntlich der einzige Mensch in der vielköpfigen Mannschaft des "Spiegel", der so etwas wie politischen Instinkt oder politischen Verstand besaß. Er hat keinen Nachfolger gefunden. Was in den letzten Jahren in Form sogenannter Essays, die ja doch nichts anderes sind als hochgezwirbelte Leitartikel, an Grundsätzlichem über Politik in der Zeitschrift präsentiert wird, muß man eher unter "Kuriosa" als unter "Politik" einordnen.
So auch einen haarsträubenden Artikel, der vor einigen Wochen erschienen ist und dreist behauptet, "die Welt" erwarte von Deutschland ein stärkeres Engagement in internationalen Angelegenheiten ("Der Spiegel" 35/2013). Wie nicht anders zu erwarten, sucht man in dem Artikel vergebens nach belastbaren Belegen oder einer überzeugenden Begründung für diese angebliche Erwartung in jenem größten Großraum, den der Redakteur ohne Einschränkung als Welt bezeichnet. Der Gipfel der Ahnungslosigkeit ist jedoch erreicht, wenn der Schreiber in der von ihm gemeinten Hinsicht die Außenpolitik des unrühmlich verflossenen Schröder-Fischer-Regimes für mustergültig und nachahmenswert hinstellt.
Liegt hier nur Vergeßlichkeit und Verklärung oder liegt eine bewußte Fälschung der Tatsachen vor? Weiß der Mann nicht oder will er nicht wahrhaben, daß ein Großteil der außenpolitischen Schwierigkeiten, mit denen wir es derzeit zu tun haben, auf Fehler und Dummheiten jenes Regimes zurückgeht, das der Schreiber nicht genug loben kann? Welche deutsche Regierung hat denn der Aufnahme Griechenlands und Portugals in die Euro-Zone zugestimmt, obwohl auch der ökonomische Laie wissen konnte, daß diese Länder die erforderlichen Voraussetzungen nicht erfüllen? Und welche deutschen Politiker haben es zu verantworten, daß die Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien und Zypern Mitglied der Europäischen Union wurden, obwohl diese Staaten die rechtsstaatlichen Vorgaben und andere Bedingungen nicht erfüllten? Wer von den Berliner Politikern hat denn der Türkei die eitle Hoffnung lautstark ins Ohr geflüstert, sie könne trotz ihrer divergierenden Geschichte, ihrer unterschiedlichen Kultur und trotz ihrer eigenen, anders gearteten Machtpolitik, ebenfalls Mitglied des Brüsslers Klubs werden? Wahrlich eine Hypothek, die die gegenwärtigen europäischen Außenbeziehungen erheblich und ganz unnötig belastet.
Wie man hört, soll ein Professor der Zeitgeschichte ein gelehrtes Werk über die Außenpolitik der Bundesrepublik verfaßt und darin die auswärtige Politik des Schröder-Fischer-Regimes ebenfalls über den grünen Klee gelobt haben. Was ist das für eine Geschichtswissenschaft, die unfähig ist, die wesentlichen Aspekte politischen Handelns, nämlich die beabsichtigten Folgen und die unbeabsichtigten Nebenfolgen der politischen Entscheidungen, zu erkennen? Und was ist das für ein Journalismus, der blind ist für die offensichtlichsten Tatsachen der politischen Situation heute?

J.Q. — 27. Okt. 2013

©J.Quack


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