Josef Quack

Zum politischen Tagebuch Klaus Harpprechts


Im Kanzleramt. Tagebuch der Jahre mit Willy Brandt. Januar 1973 – Mai 1974.
Reinbek 2001.



Nur stets zu sprechen, ohne was zu sagen,
das war von je der Redner größte Gabe.

A. v. Platen

Ich kenne die Arbeiten und Tätigkeiten Harpprechts (1927-2016) zu wenig, um auf den kürzlich verstorbenen Publizisten einen Nachruf schreiben zu können. Als Journalist oder Korrespondent des Fernsehens hat er sich niemals ein ausgeprägtes Profil schaffen können, wie dies Peter Scholl-Latour (1924-2014) so glänzend gelungen ist. Das macht: Harpprecht war seiner Begabung nach eher ein aufs Schönschreiben festgelegter Feuilletonist als ein politischer Reporter oder sachkundiger Analytiker.
Scholl-Latour, der in Paris Politikwissenschaften studiert hatte und neben der deutschen auch die französische Staatsbürgerschaft besaß, konnte sich bei seinen Reportagen und Kommentaren auf seine gründliche historische Bildung, auf längere persönliche Erfahrungen in Vietnam und der arabisch-islamischen Welt stützen, während Harpprecht nur sein Faible für Amerika, genauer seine Kenntnis des publizistisch-politischen Milieus an der Ostküste des Landes von New York bis Washington, vorweisen konnte. Tatsächlich gehörte er zu jenen schwer erträglichen deutschen Amerika-Schwärmern der Nachkriegszeit, die das Land ihrer Sehnsucht in Funk und Fernsehen über die Maßen schamlos verklärten und verherrlichten.
Obwohl er in Südfrankreich ein Ferienhaus besaß, wird man ihn kaum als ausgewiesenen Kenner der französischen Politik bezeichnen können. Überdies fehlte ihm, wie er in seinem Tagebuch selbst zugibt, recht eigentlich der historische Sinn und somit seinen Arbeiten die Tiefendimension, ohne die eine politische Betrachtung durchweg oberflächlich bleibt. Dagegen hatte er eine Schwäche für psychologische Analysen und Charakterisierungen der Personen, mit denen er es zu tun hatte, und diese fatale Vorliebe für eine durchaus laienhafte Psychologisierung aller Begegnungen und der zweifellos damit verbundene Mangel an wirklichen, sachlich relevanten politischen Einsichten sind die hervorstechenden Merkmale seines Tagebuchs.

Form des Journals

Das Tagebuch über seine Monate als Redenschreiber Brandts im Kanzleramt bestätigt die bekannte Wahrheit, daß man nicht gleichzeitig Akteur und Beobachter, handelnder Politiker und Chronist sein kann. Die Aufzeichnungen gehen auf Diktate zurück, die der Autor meist nach einem arbeitsreichen Tage nachts, oft am Rande der Erschöpfung, aufs Tonband diktierte. Manches hatte er auch erst im Rückblick am Wochenende festgehalten. Harpprecht hat diese Aufzeichnungen im Herbst 1999 für die Veröffentlichung nur ein wenig ergänzt oder gekürzt. Er hat, was man nach der langen Zeit, die zwischen Aufzeichnung und Veröffentlichung lag, verstehen kann, darauf verzichtet, die Notizen sprachlich zu überarbeiten und ihnen eine literarische Form zu geben, wie es etwa der Methode Ernst Jüngers entsprochen hätte (cf. J.Q., Über das authentische Selbstbild, S. 64f.). Selbst wenn er diese Absicht gehabt hätte, hätte er sie nach einem Vierteljahrhundert kaum noch befriedigend durchführen können. Die Folge dieses Entschlusses ist aber, daß dieses Tagebuch durchweg keinen literarischen, sondern nur einen in Grenzen beachtlichen informatorischen Wert besitzt.
Die Notizen enthalten oder verzeichnen manche Torheit allgemein-menschlicher oder spezifisch deutscher Art, die heute nicht weniger virulent ist als vor vier Dekaden. Auch schildern sie den wenig empfehlenswerten Ausflug eines Intellektuellen in das Zentrum der politischen Macht, der dafür kaum die nötige Kompetenz besitzt.

Stichworte

Es ist wohl nicht nötig, einzelne stilistische Ausrutscher und grammatische Fehlkonstruktionen anzuführen, um zu belegen, daß das Journal ein kaum durchgeformtes Nebenprodukt einer ebenso angestrengten wie ehrgeizigen Politikberatung ist und keinen literarischen Rang beanspruchen kann. Wichtiger ist der Sachgehalt der Aufzeichnungen.
Sie halten fest, daß der zu unverbindlicher Erbaulichkeit neigende Formulierungshelfer zuerst mit dem Amerikanismus „Compassion“ (Barmherzigkeit, Mitleid) aufgefallen ist, den er in einige Reden Brandts eingefügt hatte. Der Stichwortgeber und persönliche Reklamechef des Kanzlers wußte wohl kaum, daß das Wort auf das lateinische „compassio“ zurückgeht, das wiederum ein echter christlicher Neologismus aus der Zeit der Kirchenväter ist (cf. Henri de Lubac, Credo. Dt. 1975, 217). Sonst hätte er sich wohl kaum über die katholische Soziallehre lustig gemacht. Überhaupt ist das offen zur Schau gestellte Ressentiment gegen den Katholizismus ein abstoßend unsympathischer Zug dieses evangelischen Pfarrerssohnes, den es in die publizistische Öffentlichkeit verschlagen hat. Das Vorurteil ist ein untrügliches Zeichen für das kleingeistige Format dieses Schreibers, das, wie ich vermute, wohl alle seine Hervorbringungen geprägt hat.
Ein zweites Schlagwort, das er Brandt zu weiterem Gebrauch empfahl, war die „Qualität des Lebens“. Das Wort sollte nach der Absicht des Redenschreibers eine deutsche Umschreibung für „pursuit of happiness“ (Streben nach Glück) sein, ein bekanntes, überaus hochherziges und menschenfreundliches Ideal der amerikanischen Verfassung. Davon ist in der blasseren deutschen Wendung jedoch wenig zu spüren.

Authentisches

Insgesamt muß man wohl drei Punkte vermerken, die den informativen Gehalt dieser Blätter ausmachen. Sie enthalten einen authentischen Bericht vom Juni 1973 über den Staatsbesuch Brandts in Israel, wo Brandt auf der Bergfestung Massada fast mit einem Hubschrauber abgestürzt wäre. Harpprecht war ebenfalls in dem Hubschrauber, hatte die Gefahr aber sofort erkannt und sich mit den anderen Passagieren rechtzeitig retten können, während Brandt sich nicht regte und nur durch einen glücklichen Zufall mit dem Schrecken davonkam.
Nicht weniger authentisch sind, zweitens, die Notizen über die Schiebungen bei dem von Zwangsgebühren lebenden öffentlich-rechtliche Rundfunk-System, das die politischen Parteien vollständig beherrschen. Die Schamlosigkeit, mit der die Parteien die höheren Anstaltsposten unter sich verteilen, ist einfach widerlich. Dies scheint auch Brandt, der von Beruf ursprünglich ja Journalist gewesen war, als äußerst peinlich empfunden zu haben, meinte er doch, "er mißtraue jeder Medienpolitik, auch der in der eigenen Partei — die beste sei, keine zu haben". An jenem System hat sich selbst nach der Etablierung des privaten Fernsehens und Radios bis heute nichts geändert (cf. J.Q., Der öffentlich-rechtliche Unfug).
Drittens ist das Journal insofern aufschlußreich, als es über viele Seiten hinweg minutiös schildert, wie schlecht das Kanzleramt in der zweiten Amtszeit Brandts organisiert war und wie wenig effektiv es verwaltet und gemanagt wurde. Erstaunlich ist, daß sowohl Brandt als auch sein engster Weggenosse Egon Bahr dieses institutionelle Übel klar erkannt hatten. Doch hat Brandt viel zu lange gezögert, das Übel zu beseitigen – was schließlich einer der gewichtigen Gründe war, die dann im Mai 1974 zu seinem Rücktritt geführt haben.

Politisches

Daß sein Redenschreiber und Büchsenspanner im Grunde wenig von dem politischen Geschäft verstand, zeigt sich hier eklatant in seinen spöttischen, wenig Einsicht verratenden Bemerkungen über Henry Kissinger, der nun wirklich ein politischer Profi war und dieses Handwerk so souverän wie wenige andere Akteure des Jahrhunderts beherrschte (cf. J.Q., Zu Kissingers China-Buch).
Ich will hier nicht die Fehlurteile und Widersprüche in Harpprechts politischen Bemerkungen aufzählen und analysieren. Er meint etwa, in der Europapolitik müsse die politische Union als erstes angestrebt werden — wovon wir heute noch so weit entfernt sind wie in den siebziger Jahren. Brandt sah die Dinge natürlich richtiger als sein unkundiger Manuskript-Verfasser. Brandt wußte, daß es zuerst darauf ankäme, sich über eine gemeinsame Wirtschaftspolitik zu verständigen. Auch findet sich hier von ihm das inzwischen wieder aktuell gewordene Wort, daß „die Gemeinschaft zur Not auch ohne England leben könne“.
Übrigens versucht Harpprecht in seinem Journal den Nachweis zu führen, daß sein Chef nicht nur ein Experte in der Außenpolitik ist, sondern sich auch in der Innen- und Finanzpolitik gut auskennt — dies bringt er natürlich vor allem deshalb vor, um Helmut Schmidts üble Nachrede in diesem Punkt zu widerlegen.

Zeitgeist, psychologisch

Merkwürdig ist schließlich das psychologische Faible des Diaristen, der es nicht lassen kann, alle Leute, die ihm über den Weg laufen, seelenkundlich und charakterlich zu etikettieren, statt die Aufgabe und Funktion dieser Menschen sachlich mitzuteilen. Seine Einstellung ist gewiß auch durch den damals herrschenden Zeitgeist begründet, der zutiefst durch die Hochschätzung der Psychologie und der Psychoanalyse geprägt war. Man übertreibt wenig, wenn man sagt, daß viele Psychoanalytiker damals an unheilbarem Größenwahn litten. So kann man hier die Forderung eines amerikanischen Seelendoktors lesen, der allen Ernstes der Meinung war, die Präsidentschaftsbewerber müßten vor der Wahl ein psychologisches Attest für ihre Eignung vorweisen — was Harpprecht zustimmend und wohlwollend erwähnt.
Als später jedoch auch deutsche Tiefenpsychologen öffentlich Psychogramme von aktiven deutschen Politikern zeichnen, wendet der Autor sich gegen dieses anmaßende Unterfangen. Allerdings hat er wohl vergessen, daß er sich desselben Fehlers schuldig gemacht hatte — mit einem amateurhaft lächerlichen Psychogramm Herbert Wehners. Wenn man schon diesen umstrittenen Politiker kritisieren will, dann muß man politische, ideologische, historische und moralische Argumente vorbringen, nicht jedoch die Scheinargumente einer Pseudowissenschaft.

Nationalismus, negativ

Wie begrenzt die Bildung dieses feinsinnigen Schreibers war, zeigt sich vor allem auch darin, daß er für den Passus in einer Rede Brandts verantwortlich war, in dem es heißt, „daß sich die Frage der Schuld [der Deutschen] nicht mit der Ablösung der Generationen erledige, sondern nachwirke als geschichtliche Macht“.
Eine originelle, nämlich recht nebulöse historistische Variante der These von der Kollektivschuld, die der schöngeistige Sprößling eines Predigers in Analoge zur bekannten Lehre der Erbsünde umdeutet, ein sprechender Ausdruck eines negativen Nationalismus, ein zeitgemäßer Beleg für politische Korrektheit und ein Beweis, daß dieser Autor von den obersten Grundsätzen der Ethik in christlichen und aufgeklärten Zeiten nichts wußte. Dies bedeutet, daß er nicht wußte, daß Moral nur im Singular existiert, wie Alfred Döblin treffend sagte (cf. J.Q., Diskurs der Redlichkeit, S. 191f.). Dieser Einwand ist natürlich nur dann angebracht, wenn man die Äußerung des Schreibers und die Rede des Politikers überhaupt ernst nimmt und nicht als übliches Klischee und gewohnte Phrase ad usum Delphini abtut.

Zwei Anekdoten

Schließlich will ich nicht im einzelnen nachweisen, daß zu den Gaben des Protokollanten auch nicht das Talent des Erzählers gehört, es ist zu offensichtlich. Erwähnenswert sind aus den wortreichen Aufzeichnungen des eitlen Kopfes nur zwei Anekdoten.
Die erste zeigt das erstaunliche Faktum, daß Leonid Breschnew durchaus der Selbstironie fähig war, was besagt, daß er die ökonomischen Mißstände seines Beritts recht gut kannte. Er erzählt von einer Versammlung auf dem Lande, wo er angekündigt hatte, „daß es künftig zweimal in der Woche Fleisch geben werde, daß die Frauen sich zweimal im Jahr Tuch kaufen könnten, um ein Kleid zu schneidern, daß man zwei Paar Schuhe kaufen könne. Da habe sich ein Mütterchen zu Wort gemeldet und den örtlichen Parteisekretär gefragt, ob sie eine Frage stellen könne. Er habe das weitergegeben. Der Gast aus Moskau: Ja, natürlich. Das Mütterchen: Wollen Sie, Genosse aus Moskau, damit sagen, daß alles wieder so wird wie beim Zaren?“
Die andere Geschichte hat Brandt erzählt. Sie handelt von dem Redenschreiber Ernst Thälmanns, des Chefs der deutschen Kommunisten in der Zwischenkriegszeit. Dieser Schreiber habe „Thälmann bei passender Gelegenheit Sinnsprüche von nicht existierenden chinesischen Philosophen ins Manuskript gesetzt“. — Diesen Brauch kann man allen politischen Redeschreibern für die Unterhaltung und Erheiterung des Publikums nur wärmsten zur Nachahmung empfehlen.

J.Q. — 1. Okt. 2016

© J.Quack


Zum Anfang