Josef Quack

Politische Bildung nach Art Thomas Manns




Ist es klug, sinnvoll oder opportun, in einer literaturfernen, literaturfeindlichen Zeit wie der unseren ein kritisches Wort über einen bedeutenden Schriftsteller zu sagen? Sollte man nicht vielmehr froh und dankbar sein, daß ein Autor dieses Ranges gelegentlich überhaupt noch in unseren Zeitungen genannt wird, in Blättern, die sonst nur von Autoren zu berichten wissen, deren Ruhm kaum eine Saison überdauert? Ist mit dem Namen Thomas Manns nicht wenigstens die Erinnerung an eine Epoche verbunden, die über eine blühende Literatur gebot, über Größen wie Franz Kafka, Robert Musil, Alfred Döblin, Heinrich Mann, Bert Brecht, Gottfried Benn, Joseph Roth nicht zu vergessen, der von den Genannten das reinste Deutsch schrieb? Und ruft ein Journalist, der Thomas Mann nennt, uns nicht jene überaus fruchtbare Zeit der Literatur ins Gedächtnis? Läßt diese Erinnerung nicht auf geradezu brutale Weise spüren, daß die Literatur unserer Tage mangels künstlerischer Masse, d.h. Qualität, demgegenüber einfach nicht in Betracht kommt?

Literaturszene

Daß ein Songschreiber den Literatur-Nobelpreis bekommt, ist der beste Beweis dafür, daß es all over the world keine Literatur mehr gibt, sondern allenfalls die Vorherrschaft der amerikanischen Pop-Kultur und Kulturindustrie.
Daß die Jetztzeit auch hierzulande keine Schriftsteller von Format aufzuweisen hat, ist zu offensichtlich, als daß man es noch im einzelnen begründen und belegen müßte. Wir haben zwar einen auf Hochtouren laufenden Literaturbetrieb mit allem, was dazu gehört: Neuerscheinungen am laufenden Band, zahllose Preisverleihungen in allen Kategorien an Verdiente und Unverdiente, prominente No-Names in allen Spielarten der Produktion und Rezension, aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Literatur und keine Literaturkritik, die den Namen verdient. Der Leerlauf des Betriebs läßt sich nur dadurch erklären, daß keine kompetente Kritik da ist, die ihn stören und als solchen entlarven könnte (cf. J.Q., Wozu Poetik-Vorlesungen?).

Wirkungsgeschichte Thomas Manns

Und an diesem Punkt möchte ich auf ein merkwürdiges, kaum beachtetes und bis heute nicht aufgeklärtes und in seinen Folgen verstandenes Phänomen hinweisen, das mit der Rezeption von Thomas Mann in der Nachkriegszeit zusammenhängt.
(1) Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, daß Kafka unnachahmlich ist und daß alle Schriftsteller, die ihn dennoch nachzuahmen versuchten, als Romanciers zum Scheitern verurteilt waren. Kafkas Literatur ist „die Darstellung der authentischen Erfahrung“ (R. Hartung) und nur der könnte ihm nachschreiben, der eine analoge Erfahrung gemacht hätte (cf. J.Q., Über das authentische Selbstbild S.147).
Der einzige Romancier der klassischen Moderne, der, als epischer Erzähler, Wege eröffnete, denen spätere Schriftsteller folgen konnten, war Döblin. Von ihm haben denn auch Bert Brecht, Wolfgang Koeppen, Arno Schmidt und Günter Grass lernen können, ohne epigonal zu werden. Döblin war, wie Schmidt sagte, der „Kirchenvater der neuen deutschen Literatur“ (cf. J.Q., Diskurs der Redlichkeit S. 273f.).
Alle Romanschreiber jedoch, die die Prosakunst Thomas Manns imitiert haben, waren von vornherein mit dem Stigma der Bedeutungslosigkeit geschlagen, was insofern nicht ganz unplausibel ist, als er selbst sich in der ihm eigenen stolzen Bescheidenheit als Endpunkt einer literarischen Tradition betrachtet hat.
(2) Zu dieser Sterilität, was die poetische Nachfolge und Erbschaft angeht, steht nun in schärfsten Kontrast die ungeheure Masse der Sekundärliteratur, die seinem Werk bis auf den heutigen Tag gewidmet wurde. Man hat oft darauf hingewiesen, daß diese Germanisten nur mehr oder weniger gelehrt wiederholten, was der Meister selbst oft und bis zum Überdruß mit einfacheren Worten gesagt hat; sie „plagiierten“ nur sein Werk, wie Martin Gregor-Dellin mit Recht eingewandt hat — um dann selbst in seinem Nachwort zu Manns autobiographischen Schriften den Meister auf seine Weise zu plagiieren.
Er rühmt die autobiographische Interpretation seines Werkes, was aber auf nichts anderes hinausläuft als auf eine Entscheidung für die Quellenforschung unseligen Angedenkens, eine längst überholte Methode des literarischen Positivismus des 19. Jahrhunderts, über die schon Gottfried Keller (1819-1890) gespottet und von der Rudolf Borchardt sarkastisch gemeint hat: „Zu der ‚Motiv’-Forschung und ‚Quellen’-Sucherei, wie sie gemeinhin betrieben wird, wäre es besser Affen abzurichten, die wenigstens durch die selbstgefällige Seichtigkeit des Lehrers um das Recht auf Ausbildung geistiger Fähigkeiten nicht betrogen werden können.“ — Aktuellstes Beispiel für diese Methode sind die Lobhudeleien auf jenen Songschreiber, in dessen trivialen Texten man ein paar hochliterarische Anspielungen nachweisen zu können glaubt.
(3) Das dritte merkwürdige Phänomen, das man in der Rezeption Thomas Manns beobachten kann und das ebenfalls scharf von der Nullität seiner literarischen Nachahmer absticht, ist die wunderliche Tatsache, daß er zum literarischen Vorbild für die maßgeblichen Literaturkritiker nach dem Krieg fast bis zum Ende des Jahrhunderts werden konnte.
Friedrich Sieburg, feinsinniger Opportunist im III. Reich; Günter Blöcker, linientreuer Filmzensor in jenen Jahren; Reich-Ranicki, ein Verfolgter des NS-Regimes; Walter Jens, als idealistischer Demokrat den politischen Irrtum seiner Jugend korrigierend (cf. J.Q., Zur Diskussion über Walter Jens); Joachim Kaiser, politisch unbelastet und wenig interessiert — so verschieden sie alle in politischer Hinsicht und in ihrer persönlichen Erfahrung auch sind, sie waren doch in ihrer Verehrung Thomas Manns vereint. Daß etwa, um nur ein krasses Beispiel zu nennen, Kaiser den nahezu unlesbaren, manieristischen Springenden Brunnen von Martin Walser mit den Buddenbrooks rühmend verglichen hat, war ein unverzeihliches Fehlurteil.
Als Geschmackskritiker verfügten sie über keine theoretische Grundlage, und da sie keine reflektierte Poetik und Erzähltheorie kannten, waren sie nicht in der Lage, ihre Geschmacksurteile zu begründen. Ihre Auffassung von dichterischer Prosa und Erzählung war durch ein Vorbild geprägt, das mit den besten Werken des deutschen Nachkriegs wenig zu tun hatte. Daraus erklärt sich der vielfache Konflikt zwischen den Literaturproduzenten und den sogenannten Großkritikern, der oft beschrieben worden ist. Es war eine Inkohärenz der literarischen Konzepte, der poetologischen Grundauffassung.

Politische Bildung Th. Manns

Soviel zur Literaturszene heute und soviel zum literarischen Erbe Thomas Manns. Nun möchte ich auf ein politisches Statement Thomas Manns hinweisen, das für seine politische Bildung und Gesinnung typisch ist und sie in nuce enthält. Es handelt sich um einen Satz aus dem Vortrag „Meine Zeit“ vom April 1950, ein authentisches Zeugnis seiner Selbsteinschätzung. Es heißt da: „Ich möchte keinen Zweifel lassen an meiner Ehrerbietung vor dem meiner Zeit angehörigen historischen Ereignis der Russischen Revolution.“ Es ist charakteristisch für die Schreibweise Manns, daß er zwischen der Februarrevolution 1917 und der Oktoberrevolution nicht unterscheidet; aus dem Kontext geht aber hervor, daß er die bolschewistische Revolution meint, und er behauptet, zunächst hätten die westlichen Demokratien mit der Revolution sympathisiert, die dann leider autokratisch geworden sei.
Es ist ein Satz, der wie wenige andere die politische Ahnungslosigkeit und Uninformiertheit, das fundamentale Unverständnis in politischen Dingen, die politische Blauäugigkeit Manns dokumentiert. Er — wie auch viele westliche Intellektuelle der Linken — hatte von den politischen und sozialen Zuständen im Rußland der Jahrhundertwende nicht die geringste Ahnung. Darauf hat Vladimir Nabokov später immer wieder hingewiesen. Er schreibt in Erinnerung, sprich: „Unter den Zaren hatte ein freiheitsliebender Russe trotz ihrer letztlich unzulänglichen und grausamen Herrschaft unvergleichlich mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken, als unter Lenin, und es war unvergleichlich weniger riskant für ihn. Seit den Reformen der sechziger Jahre ist das Land im Besitz einer Gesetzgebung gewesen (auch wenn es sich nicht immer daran hielt), auf die jede westliche Demokratie hätte stolz sein können …“.
Jenem Fehlurteil Manns entspricht, daß er schließlich für ein sowjetisch-amerikanisches Kondominium in der Weltherrschaft plädiert, wie es im Zweiten Weltkrieg bestanden hatte. Natürlich hat er, wohlmeinend wie er ist, dabei einen „humanistischen Kommunismus“ im Auge, zu dem sich der real existierende Kommunismus doch bitteschön umwandeln möge — und dies ein Jahr nach der sowjetischen Blockade West-Berlins (1948/49), auf die die Amerikaner mit der Luftbrücke antworteten. Drei Monate nach dieser Rede, im Juli 1950, machte der Korea-Krieg allen politischen Illusionen dieser Art ein Ende. — Übrigens wäre "humaner" Kommunismus der bessere Ausdruck. Dies ist ein kleiner Beleg dafür, daß Thomas Mann nur bedingt zu dem sprachlich-stilistischen Vorbild taugt, als welches er oft angesehen wird.
Ungenauigkeit, Zweideutigkeit, unbegründete Ambiguität des Ausdrucks ist freilich ein spezifisches Merkmal der Essays von Thomas Mann. Er behauptet, die Geschichte vollziehe sich „in Übergängen, nicht sprungweise“, ohne zu erkennen, daß diese Auffassung nicht gut mit der von ihm beredeten Revolution zusammenpaßt, die nun mal eine tiefe, gewalttätige Zäsur war. Daß er mit dem Geschichtsbegriff niemals vernünftig zu Rande kam, zeigt dann auch die Bemerkung, die Geschichte mache aus Legenden Tatsachen — hier hypostasiert er die Geschichte zu einem menschenähnlichen Akteur, während es in dem angenommen Fall doch konkrete Kirchenpolitiker waren, die ihre Herrschaft mit Legenden legitimierten (cf. J.Q., Geschichtserfahrung im Exil).
Recht merkwürdig ist auch sein Verständnis von Religion und Christentum. Er meint, seine Auffassung, daß er das Leben als eine Schuld empfinde, die nach einer Gutmachung verlange, sei ein genuin christlicher Gedanke, obwohl hier doch eher ein Echo der Schopenhauer-Lektüre und im Grunde eine buddhistische Assoziation vorliegen dürfte. Anschließend verbreitet er sich über Glaube und Religion, wo er, genau genommen, nur eine politische Ideologie mit quasireligiösen Zügen anvisiert. Kurzum, ich vermute, daß Mann niemals richtig verstanden hat, was mit christlicher Religiosität eigentlich gemeint ist. Er hat es allenfalls zum Verständnis eines Kulturchristentums gebracht, das nur zu gut seinem Bildungsbegriff entspricht, worüber gleich mehr (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert S.118).
Er verschmäht es auch nicht, das Klischee von der russischen Seele zu verwenden, das übrigens in der neueren Geistesgeschichte bis heute unter dem Namen „Mentalität“ munter weiterlebt.
Schließlich — womit der Kern der geistigen Physiognomie dieses Autors bezeichnet ist — wäre der von ihm so sehr geliebte und oft gebrauchte Bildungsbegriff zu nennen, spricht er doch von nichts emphatischer als von seiner Bildung als Bürger. Als begeisterter Nietzsche-Leser weiß er durchaus, daß der Bildungsbegriff für Nietzsche eine pejorative Bedeutung hat, als Gegenbegriff zum aktiven, unreflektierten Vollzug des Lebens; doch realisiert er nicht, daß ein Großteil seiner essayistischen oder feuilletonistischen Einlassungen in seinen Aufsätzen und Romanen nichts anderes ist als angelesenes, kompiliertes, museales Bildungsgut.
So viel zur politischen Bildung eines Schriftstellers, der zum Idol namhafter Kritiker und einer Unzahl von Germanisten werden konnte.
Ich hoffe, es ist klar geworden, daß meine Einwände den Denkversuchen Manns, nicht jedoch seiner Erzählweise und seiner oft karikaturistischen Personendarstellung gelten, die er durchaus treffend mit dem Hinweis auf den äffischen Urgrund der, d.h. wohl seiner Kunst gerechtfertigt hat. Ich halte den Tod in Venedig für sein bestes Werk und ich lese es immer wieder gerne. Dagegen kann ich mit dem Josephs-Vierteiler wenig anfangen; die einzig passende Antwort darauf scheint mir Friedrich Torbergs Parodie "Die Einschläferung Noahs" zu sein.

J.Q. — 7. Dez. 2016

© J.Quack


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