Josef Quack

Tip für Simenon-Leser:
"Ein Leben wie neu"




Aus dem unerschöpflichen Fundus Simenons fiel mir zufällig wieder ein Roman in die Hände, den ich noch nicht kannte: Une vie comme neuve (1951), auf deutsch wörtlich: Ein Leben wie neu. Simenon hat diese Formulierung natürlich bewußt gewählt, weil sie genau das Kernthema des Romans zum Ausdruck bringt. Er hat sich bei dem Titel etwas gedacht und ihn so formuliert, daß sich auch der Leser etwas dabei denken kann.
Was aber die deutsche Ausgabe betrifft, so kann ich nur abraten, sich nach ihr umzusehen. Der deutsche Titel verrät nämlich die Lösung des Rätsels, das in dieser Geschichte behandelt wird. Es ist nicht die einzige deutsche Ausgabe, die mit dem willkürlich gewählten Titel den Leser um die Spannung und das Lesevergnügen betrügt. Man ersieht daraus, wie schäbig und respektlos der Diogenes-Verlag mit einem großen Romancier der modernen Literatur umgeht.
Nun zur Sache selbst. Ein Leben wie neu ist in gewisser Weise eine Vorstudie zu den Romanen Die Komplizen (1955) und Die Glocken von Bicêtre (1963), zwei der größten Meisterwerke Simenons. In den Komplizen geht es um einen schweren Unfall, den ein Fahrer aus sträflicher Unachtsamkeit verursacht. Die tragische Geschichte wird aus der Perspektive des schuldigen Fahrers erzählt (cf. J.Q., Über Simenons traurige Geschichten S.42ff.). In Ein Leben wie neu wird erzählt, wie ein Passant von einem Auto angefahren und schwer verletzt wird. Die Geschichte wird aus der Perspektive des Opfers geschildert.
In den Glocken von Bicêtre wird das allmähliche Erwachen eines Mannes beschrieben, der sich nach einem Schlaganfall in der Klinik wiederfindet. Der Prozeß dieser Bewußtwerdung wird in allen Etappen und Einzelheiten minutiös beschrieben, das unerhörte, beglückende Erlebnis eines wahrhaft neuen Lebens, eine distanzierte, völlig neue Sicht auf Welt und Menschen (l.c. 144ff.). In Ein Leben wie neu erfahren wir, wie das Opfer des Autounfalls im Krankenhaus erwacht und sich bewußt wird, was mit ihm geschehen ist und wie seine Gesundungschancen stehen.
Die beiden Themen werden in diesem Roman aber nur am Rande behandelt, wir haben es mit einer Vorstudie zu tun, die die moralischen Aspekte des plötzlichen Unfalls und das existentielle Erlebnis des Erwachens aus der Bewußtlosigkeit nur berührt, sie aber keineswegs in ihrer Bedeutung vollkommen erfaßt. Diese Aufgabe haben erst die beiden späteren Romane glanzvoll ausgeführt. Man muß aber sagen, daß Simenon dies ohne jene Vorstudie wohl kaum hätte zustandebringen können, und man erkennt, warum er in seinem Werk manche Motive immer wieder aufgreift und ihnen neue Nuancen abzugewinnen versucht, bis er endlich den vollkommenen Ausdruck des Motivs gefunden hat.
Wer also die Komplizen und die Glocken von Bicêtre kennt, wird diese Vorstudie mit den Augen des Kenners erzähltechnisch beurteilen und ihre formale Qualität, als unausgeschöpftes Potential unerwarteter Erkenntnisse, zu schätzen wissen.
Im Zentrum des vorliegenden Romans stehen zwei andere Fragen, das Problem eines Christen, der mit einem nur krankhaft zu nennenden Sündenbewußtsein geschlagen ist - eher ein Fall für den Psychologen als für den Beichtvater -, und die Frage, ob es dem traurigen Helden dieser Geschichte gelingt, nach seinem Unfall wirklich ein neues Leben zu beginnen. Auf dieses Frage bezieht sich der sinnvoll gewählte, zum Nachdenken anregende Titel.
Zur konkreten Handlung des Romans will ich nur wenig sagen, um dem Leser nicht die Spannung zu stehlen. Der merkwürdige Held dieser Geschichte ist Maurice Dudon, 39 Jahre alt. Er lebt als Junggeselle in einem alten Haus gegenüber einem Zuggleis in einem schäbigen Viertel, ein Mann, von dem es heißt, daß er niemals lache. Er ist Buchhalter bei Félicien Mallard, Inhaber einer Pastetenfirma, bei Mallard angesehen und als Ratgeber geschätzt, den er nichtsdestoweniger regelmäßig um ein paar tausend Francs betrügt. Abergläubisch, wie er ist, wird er ausgerechnet an einem Freitag, dem 13., beim Überqueren der Straße angefahren und schwer verletzt.
Doch hat er Glück im Unglück. Denn der Fahrer, der den Unfall verursacht hat, ist Philippe Lacroix-Gibet, Mitinhaber einer berühmten Weingroßhandlung und politisch einflußreicher Stadtverordneter. Um einen Skandal zu vermeiden, läßt Lacroix-Gibet den Schwerverletzten in eine teure Privatklinik in Passy bringen, wo Dudon von der Krankenschwester Anne-Marie gepflegt wird. Lacroix-Gibet erwartet nämlich von Dudon eine günstige Aussage über den Unfall. Dudon erfüllt dem prominenten Mann den unausgesprochenen Wunsch. Er wird mit Schmerzensgeld und nach seiner Genesung mit einem gutbezahlten Posten in der Weingroßhandlung belohnt.
Während des Heilungsprozesses, der Genesung von einem Schädelbruch und zahlreichen Prellungen, wird er mit Anne-Marie vertraut, er nimmt eine intime Beziehung zu ihr auf und, als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, heiratet er sie. Er verläßt seine schäbige Mönchswohnung und zieht mit seiner Frau in ein heiteres Appartement. Wie im Krankenhaus widmet sie sich allein ihm.
Damit beginnt für Dudon das neue Leben, von dem im Titel die Rede ist. Merkwürdig erscheint, daß der abergläubische, schicksalsgläubige und schicksalsergebene Dudon, der immer auf eine Katastrophe gefaßt war, ausgerechnet die Katastrophe als Grund betrachtet, ein neues Leben zu beginnen, das heißt, zunächst seine Stellung bei Mallard aufzugeben. "Für was ist eine Katastrophe denn gut, wenn es dafür wäre, wie vorher wiederzubeginnen?", fragt er sich und ist überzeugt, daß er nun einer anderen Welt angehört als Mallard.
Zu beachten ist hier, daß nicht der Erzähler, sondern die Romanperson schicksalsgläubig ist. Das heißt aber nichts anderes, als daß wir es nicht mit einem Schicksalsroman im gewöhnlichen Sinne haben. Ich betone diese Differenz deshalb, weil man Simenons Geschichten gerne, aber vorschnell und unbegründet, als Schicksalsromane tituliert.
Die entscheidende Frage und das eher verschwiegene als ausgesprochene Kernthema des Romans ist aber, ob ein Mensch ein neues Leben, das diesen Namen verdient, nur beginnen kann, wenn er bereit und fähig ist, auch seinen Charakter zu ändern. Das ist das Thema der bedeutendsten Romane Simenons, er hat es in Der Schnee war schmutzig und Der Präsident sinnfällig und überaus eindringlich dargestellt. Hier ergibt sich die Frage aus dem Verhalten Dudons, das man nur verstehen kann, wenn man auf diesen Gedanken kommt – erzähltechnisch ein subtiler Zug, etwas indirekt zu verstehen zu geben statt es geradeheraus auszusprechen.
Ein weiterer Aspekt des Erzählens, den man ebenfalls nur bewundern kann, besteht in der objektiven, sachlichen Darstellung der christlichen, von der Idee der sexuellen Sündhaftigkeit beherrschten Mentalität Dudons. Simenon beschreibt im Stil eines neutralen Beobachters diesen Charakterzug des Protagonisten und die traditionelle Beichtpraxis völlig distanziert und absolut urteilsfrei, ohne den geringsten Ansatz einer freigeistigen Kritik, spöttischen Parodie oder Satire. Das heißt aber nichts anderes, als daß er seine Romanperson ernstnimmt und als Menschen respektiert. Übrigens wird das humane Verhalten des Beichtvaters fair und durchaus authentisch beschrieben.
Soweit ich sehe, ist Dudon in der vielbändigen Romanwelt Simenons die einzige Hauptperson, die überzeugter und praktizierender Katholik ist. Sonst beschreibt Simenon meistens eine säkulare, religiös indifferente Gesellschaft, die zwar auf einer christlichen Tradition beruht, nun aber völlig weltlich eingestellt ist und kaum noch ein Sündenbewußtsein kennt, so wie Anne-Marie, die ungetauft ist und die treffende Bemerkung äußert: "Es sind die Traurigen, die nur an Sünde denken".
Doch ist die Beichte als Metapher, in völlig säkularisierter Gestalt, eine rhetorische Figur, die in Simenons Werk häufig wiederkehrt. Gelegentlich wird der verständnisvolle Maigret mit einem alten Beichtvater verglichen, der in seinem Stuhl eingeschlafen ist.
Wenn ich diesen Roman vorher gekannt hätte, hätte ich ihn ganz gewiß auch in „Simenons traurigen Geschichten“ besprochen.

J.Q. — 4. Sept. 2019

© J.Quack


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