Josef Quack

Zur Leitkultur unserer Politiker




Die Kultur vererbt sich nicht, sie wird errungen.

A. Malraux

Wir hoffen, das, was die Nation von anderen Nationen immer unterschied und unterscheiden wird, auch wenn ephemere Gegensätze verschwunden sind, unsere schöne Sprache, werde nicht dürr und gemein werden, sondern ihren Adel erneuern; und mit ihr alles, was im Wort zum Ausdruck findet. Geschähe es nicht, was würde alle wiedergewonnene Großmacht und Scheinmacht uns denn helfen?

G. Mann

In der aktuellen Debatte über die richtige Flüchtlingspolitik machten einige Politiker den Vorschlag, daß die Asylsuchenden und die Ausländer, die deutsche Staatsbürger werden wollen, auf unsere Leitkultur verpflichtet werden sollten. Gemeint ist, daß sie unsere Sprache lernen, unsere kulturellen Vorstellungen und Normen übernehmen und dementsprechend sich verhalten sollten. Sie sollten sich kulturell integrieren.
Da stellt sich aber sofort die Frage, wer denn bestimmt und entscheidet, was unter unserer Leitkultur konkret zu verstehen ist. Wer definiert Inhalt und Umfang des Begriffs der Leitkultur, die hier gilt oder gelten soll? Denn „Leitkultur“ ist kein deskriptiver, sondern ein normativer Begriff, der einen Geltungsanspruch enthält. Sollen etwa unsere regierenden Politiker festlegen, woraus die Leitkultur zu bestehen hat? Ich halte dies für einen absurden Gedanken, weil ihnen, wie sie durch ihre Leistungen auf kulturellem Gebiet in jüngster Zeit hinlänglich bewiesen haben, in kulturellen Dingen die nötige Kompetenz fehlt.
Wie sieht denn die Bilanz der kulturellen Leistungen aus, die unsere Politiker, die Schul- und Hochschulreformer, die Kultus- und Wissenschaftsminister zu verantworten haben?
♦ An erster Stelle ist der staatliche Eingriff in die Rechtschreibung zu nennen, die verkorkste Rechtschreibe-Reform. Sie hat dazu geführt, daß die im Deutschen ohnehin große Unsicherheit beim Schreiben, keineswegs nur in der Schule, durch die angebliche Vereinfachung der Schrift noch gewachsen und die Einheitlichkeit der Orthographie in der Buchproduktion verloren gegangen ist.
Diese Pseudoreform geht auf das Konto einiger Kultusminister und einiger Regierungsbeamten: „Die Neue Rechtschreibung wurde zu einer Affäre, weil sich kulturpolitischer und ministerialbürokratischer Eigensinn gegenüber der sprachlichen Vernunft, bei Kulturvölkern ein unantastbares Gut, durchgesetzt haben. Ein Sieg der Banausie über Bildung und Kultur.“ (J.Q., Die Affäre der Neuen Rechtschreibung.).
♦ An zweiter Stelle ist eine Affäre des Bundestages zu nennen, wo die Mehrheit der Abgeordneten dem Vertreter einer gegnerischen Partei den Zugang zum Amt des Vizepräsidenten deshalb verwehrten, weil er den Islam kritisiert hatte und derart gegen die Norm der Religionsfreiheit verstoßen habe. Diese Begründung war natürlich nur ein Vorwand für ein billiges taktisches Manöver der Parteipolitik — was an sich skandalös genug ist. Schlimmer ist jedoch, daß diese Volksvertreter mit ihrer Begründung hinter eine der wichtigsten Errungenschaften der europäischen Aufklärung zurückgefallen sind, indem sie einem Abgeordneten das Recht auf Religionskritik absprachen. Das Recht auf Religionskritik im Namen der Vernunft ist jedoch ein wesentlicher Bestandteil einer freien Gesellschaftsordnung, eines der bedeutendsten Ideale für ein wahrhaft menschliches Zusammenleben, ein Gedanke, der für das Denken der Aufklärung seit Xenokrates bis zu Voltaire, Kant, Lessing und Feuerbach zentral ist.
Was die Idee der religiösen Toleranz angeht, die mit dem Recht auf Religionskritik untrennbar verbunden ist, so hielt sich übrigens Lessing — siehe seinen „Nathan“ — im Hinblick auf den Islam an eine rein geistige, spirituelle Vorstellung dieses Glaubens, die jede primitiv sinnliche Auslegung des Paradieses ausschloß. Wie man weiß, ist es aber gerade das naive, fundamentalistisch gedeutete Versprechen des Paradieses, das die islamistischen Selbstmordattentäter zu ihrer Tat verleitet. Jemand das Recht auf Kritik einer solchen Religionsauffassung abzusprechen, wie es die Majorität unserer Abgeordneten getan haben, ist wiederum absurd, und man wird diesen Politikvertretern gewiß nicht das Recht einräumen können, über unsere Leitkultur zu entscheiden.
♦ Drittens muß man an einen unlängst ergangenen hessischen Schulerlaß erinnern, der den Schülern vorschreibt, abweichendes Sexualverhalten nicht nur zu tolerieren, sondern auch zu akzeptieren — eine Zumutung, die dem elementarsten Gebot der Ethik eklatant widerspricht. Etwas akzeptieren heißt es billigen und gut finden — dies aber kann man keinem denkenden Menschen befehlen und zumuten. Man kann ihn allenfalls auffordern, Verhaltensweisen, Einstellungen und Ideologien, die er für falsch hält, zu dulden; man kann ihn aber nicht auffordern, etwas anzuerkennen und zu akzeptieren, was seinem Gewissen widerspricht. Im Lichte ethischer Grundsätze betrachtet, ist dieser schulbürokratische Eingriff in die Gewissensfreiheit der Schüler und Eltern ein unerhörter Skandal. Fast noch ärgerlicher ist jedoch, daß daraufhin kein öffentlicher Aufschrei erfolgt ist.
Wie dem auch sei, Schulpolitiker, die dieses Geistes Kind sind, dürften doch am wenigsten qualifiziert sein, über eine Leitkultur zu bestimmen.
♦ Viertens wären die ständigen Reformen des Gymnasiums und der höheren Schule zu nennen, angebliche Verbesserungen, die diese Schulform nahezu ganz ruiniert haben, wie man an den Früchten, sprich: dem Einser-Abitur, erkennen kann. Das Einser-Abitur, angesichts der Unvollkommenheit der menschlichen Natur an sich ein Ding der Unmöglichkeit, ist kein seltener Ausnahmefall mehr, sondern zu einer Massenerscheinung geworden. Damit aber hat das Abitur jede Aussagekraft für das Wissen des Schülers verloren.
Und dazu hat wesentlich die Praxis beigetragen, daß man ein Nebenfach, in dem man nicht glänzend ist, abwählen kann, um die Gesamtnote zu verbessern. Wenn ich richtig unterrichtet bin, wird heute vor allem das schwierige Fach Physik abgewählt. So kann man mit guten Gründen annehmen, daß die meisten Einser-Abiturienten heute nicht in der Lage sind, das moderne wissenschaftliche Weltbild zu verstehen. Wozu soll dann noch die gymnasiale Bildung gut sein? Kulturpolitiker aber, die eine Schule fördern, die die Absolventen nicht befähigt, die wissenschaftlich-technische Kultur zu verstehen, sind gewiß nicht dazu ausersehen, die ideale Leitkultur zu bestimmen.
♦ Fünftens muß man die unselige Ideologie der Bildungspolitik nennen, die mit dem Namen Bologna verbunden ist, und das Ziel verfolgt, die Mehrheit der Schüler zum Abitur zu führen. Zu diesem Behufe hat man, wie angedeutet, die schulischen oder wissenschaftlichen Anforderungen auf ein Minimum heruntergeschraubt, und, worauf es hier ankommt, das zweite Bildungssystem, das System der Berufsschulen, der Ausbildung von Technikern, Monteuren und Handwerkern, unverantwortlich vernachlässigt. Diese Ideologen haben in ihrer Selbstherrlichkeit, die gegen jede Kritik immun ist, einfach ignoriert, daß es verschiedene Talente und Begabungen gibt und nicht jeder Mensch zum Universitätsstudium geeignet ist, daß es dagegen viele praktisch veranlagte Menschen gibt, die hier ihr Bestes leisten und ihre Anlagen verwirklichen können.
Muß man denn groß erklären, daß einen Baum pflanzen, eine Mauer hochziehen, einen Kran montieren, Stilmöbel herstellen, Stereo-Anlangen einrichten für viele befriedigender ist als juristische Schreiben aufsetzen oder ökonomische Statistiken erstellen, und gibt es denn etwas Schlechteres als schlechte Lehrer und schlechte Ärzte, die für ihren Beruf nicht geeignet und dazu nicht berufen sind?
Außerdem haben jene reformwütigen Ideologen übersehen, daß die Stärke der deutschen Industrie unter anderem auch dem dualen Bildungssystem hierzulande zu verdanken und die Bevorzugung des gymnasialen Zweigs, der Ausbildung der Minderheit, durch nichts gerechtfertigt ist.
♦ Um einen sechsten Punkt zu nennen: Als Laie kann man nur den Kopf darüber schütteln, daß die Hochschulen den Titel des Diplom-Ingenieurs, einst das Siegel für höchste technische Qualität, zugunsten des amerikanisierten Grades eines Master of Engineering aufgegeben haben.
Hier wie in der Umbenennung der humanistischen Grade in englische Ausdrücke und in der Praxis, Vorlesungen auf englisch zu halten, zeigt sich der modische Trend der unreflektierten Amerikanisierung, dem die Hochschulpolitiker und -lehrer geradezu sklavisch folgen. Was die Vorlesungs- oder Wissenschaftssprache angeht, so haben sie die elementare sprachtheoretische Erkenntnis übersehen, daß man etwas nur dann richtig verstanden hat, wenn man es in seine Muttersprache übersetzen kann. Dies gilt natürlich erst recht für schwierige Sachverhalte, die gerade für die Naturwissenschaften bezeichnend sind. Nichts beweist die intellektuelle Unersetzlichkeit der Muttersprache anschaulicher als die Tatsache, daß es so versierten und so grundverschiedenen Philosophen wie Ludwig Wittgenstein, Hans Jonas und Theodor Adorno trotz jahrzehntelanger Übung nicht gegeben war, im Englischen so kreativ zu denken wie im Deutschen. D.h. die Muttersprache ist das Medium schöpferischen, innovativen Denkens.
In Parenthese sei hinzugefügt, daß die sichere Beherrschung der eigenen Sprache keineswegs davon abhängt, ob einer eine höhere Schule oder gar die Universität besucht hat. Mindestens ebenso wichtig wie der Deutschunterricht oder, was die Grammatik angeht, der Lateinunterricht ist die natürliche Veranlagung und vor allem die Redepraxis, die Sprachkultur der Eltern, die prägenden Vorbilder für das Sprechen. Ich habe einen einzigen Menschen getroffen, der praktisch alle Zweifelsfälle des Deutschen mit intuitiver Sicherheit richtig löste — er hatte nur Grundschuldbildung und stammte aus einer schlesischen Familie, was vielleicht ein weiterer Faktur in dieser Hinsicht ist.
Im übrigen gilt wohl allgemein, was Voltaire über die Sprachbegabung und die Sprachbeherrschung sagt: "Mehrere Sprachen mittelmäßig lernen ist die Frucht der Arbeit einiger Jahre; die eigene rein und beredt sprechen ist die Arbeit des ganzen Lebens".
Und was die humanistische Bildung angeht, so haben die jetztzeitlichen Universitätsreformer übersehen, daß die bedeutendsten deutschen Vertreter der modernen Physik, Planck, Heisenberg, Schrödinger, C.F. Weizsäcker, hervorragend gebildet waren, und Einstein ein klares, kraftvolles, originelles Deutsch sprach und schrieb. Dagegen dürfte ein deutscher Dozent, der ein miserables Deutsch schreibt, wohl kaum ein gutes Englisch sprechen. Für Heisenberg ist etwa charakteristisch, daß er bei einem Urlaub auf Helgoland über die Quantentheorie nachdachte und nebenher Gedichte aus dem "Westöstlichen Divan" auswendiglernte.
Wenn man die ununterbrochene Serie der Fehlentwicklungen der deutschen Schul- und Hochschulreformen sieht, wird man unweigerlich an das von Einstein gerne zitierte Sprichwort erinnert: Der Teufel scheißt auf den größten Haufen. — Nun denn, jene Reformer dürften kaum die geeigneten Köpfe sein, um Begriff und Umfang der Leitkultur zu bestimmen.
♦ Siebtens und letztens: Über die Anhänger des Multikulturalismus braucht hier wohl kein Wort gesagt zu werden, da es evident ist, daß sie sicher die letzten sind, die berufen wären, über unsere einheimische Kultur zu befinden. Ein Multikulturalismus wäre im übrigen nur glaubhaft, wenn seine Vertreter die eigene Kultur sich angeeignet hätten, sie auch achten und pflegen würden. Gerade dies ist aber bei den multikulturellen Parteileuten nicht der Fall. Wie aber soll ein Mensch, der seine eigene Sprache schludrig spricht und auf die Tradition seiner Kultur nichts gibt, glaubhaft machen können, daß er fähig sei, Wert und Bedeutung anderer Kulturen zu verstehen?
Um die genannten Bedenken auf den Punkt zu bringen. Niemand wird behaupten können, die Mehrheit unserer Politiker seien begnadete Redner. Eher trifft es zu, daß sie im Durchschnitt Champions des Klischees und der hohlen Phrasen sind, und wenn sie eine Leitkultur mit Geltungsanspruch fordern, stellt sich der Verdacht ein, daß dies auch nur eine Phrase ist. Also sind sie wohl kaum die richtigen Leute, um zu bestimmen, wie unsere Kultur auszusehen hat.
Was zu beweisen war.

J.Q. — 14. Aug. 2018

© J.Quack


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