Josef Quack

Jenseits des gesellschaftlichen Engagements
Über Simenons Roman Die Glocken von Bicêtre




Simenon erreicht hier eine Aufrichtigkeit, wie sie noch keinem Schriftsteller vor ihm in diesem grellen, beinahe unerträglichen Licht gelungen ist.

F. Mauriac

Es dürfte um 1970 gewesen sein, als Paul Stöcklein, angesehener Goethe-Forscher und Eichendorff-Experte, uns zwei Einsichten mit unüberschaubaren Folgen mitteilte, eine literaturtheoretische und eine literaturkritische Einsicht. Er machte uns darauf aufmerksam, daß der Erzählstil eines Textes sich von dem Sprachstil des Textes fundamental unterscheidet, obwohl die Sprache hier das Medium des Erzählens ist. Dieses Argument war übrigens gegen die damals weithin in der Germanistik akzeptierte Literaturtheorie Emil Staigers gerichtet, der lehrte, man habe zum Beispiel den Sinn einer Novelle erfaßt, wenn man ihre Diktion bestimmt habe. Diesem Wissensstand entsprach auch das Niveau der Literaturkritik, hatten die tonangebenden Kritiker jener Jahre doch kaum eine Ahnung von Erzähltheorie — womit natürlich nicht gesagt sein soll, daß die heutigen Rezensenten davon mehr verstünden.
Die zweite Einsicht betraf Georges Simenon, der zu dieser Zeit in den deutschen Sprachregionen immer noch als bloß unterhaltsamer Krimiautor, d.h. als minderer Schriftsteller eingestuft wurde. Stöcklein aber schärfte uns ein, daß die Glocken von Bicêtre (1962) ein ernstzunehmender, bedeutender, außerordentlicher Roman seien. Seit damals war klar, daß jeder, der abfällig oder herablassend über Simenon sprach, damit nur bewies, daß er nichts von Literatur, vom modernen Roman versteht — höflicher kann man es nicht ausdrücken. Wir werden sehen, daß die beiden genannten Themen in den Glocken von Bicêtre eine entscheidende Rolle spielen, besteht dieser Text doch auf weite Strecken formal aus stummem Monolog, der eines der kennzeichnenden Merkmale des modernen Romans ist.

Der kranke Mensch

Simenon hat den Roman den Ärzten und Schwestern gewidmet, die sich bemühen, „das verwirrendste Wesen“ zu verstehen und zu unterstützen: „den kranken Menschen“ (l’être le plus déconcertant: l’homme malade), und der Protagonist seiner Geschichte ist insofern besonders verwirrend, als er sich ganz anders verhält als die gewöhnlichen Patienten, jedenfalls nicht so, wie es seine Ärzte und die Krankenschwestern von ihm erwarten. Er gilt in ihren Augen als „nicht sehr kooperativer Patient“ (S.105).
René Maugras, 54 Jahre alt, mächtiger Zeitungsverleger und angesehenes Mitglied der Pariser Gesellschaft, Freund bedeutender Zeitgenossen, vielen beruflichen und sozialen Verpflichtungen unterworfen, wacht eines Tages in einem Krankenhaus aus der Bewußtlosigkeit auf, halbseitig gelähmt und unfähig zu sprechen. Er liegt nicht in irgendeinem Krankenhaus, sondern in Bicêtre, dem renommierten Hospital für Alte und Geisteskranke, in einer psychiatrischen Klinik, in einem der zwei Privatzimmer des Chefarztes.
Simenon bietet nun seine ganze Kunst auf, um den Ort des Kranken, seine nächste Umgebung so genau wie möglich zu beschreiben. Da es sich bei Bicêtre um eine bekannte Institution handelt, legt er größten Wert auf Realitätstreue. Vor der Niederschrift des Romans hat er sogar das Haus besichtigt, um zu sehen, was man von dem Privatzimmer aus wahrnehmen kann und vor allem, ob man hier die Glocken einer Kapelle oder Kirche hören kann.
Zudem hat er fachmännischen Rat über die Symptome und den Verlauf der einseitigen Lähmung, der zeitweiligen Sprachlosigkeit, die Chancen der Gesundung eingeholt. So kann man sicher sein, daß die Schilderung des Ortes, der medizinischen Umstände, der täglichen Routine der Krankenpflege, auch stimmt, und in der Tat haben gerade die Ärzte, die das Buch lasen, den Autor wegen seiner Sachkenntnis bewundert, obwohl im Roman die ärztliche Sicht des Patienten, den sie als Mensch und Objekt ihrer Behandlung zugleich betrachten, hart getadelt wird.
Wenn nun der Roman weiter nichts als den Vorzug der medizinischen Faktentreue und der genauen Ortsbeschreibung hätte, hätten wir es lediglich mit einem Reportageroman im Stil einer typischen, sich immer so nennenden Neuen Sachlichkeit zu tun. Für Simenon ist die Genauigkeit der äußeren Fakten aber kein Selbstzweck, sondern die notwendige Bedingung dafür, daß die Darstellung des außergewöhnlichen inneren Erlebens seines Helden glaubwürdig erscheint. Gerade weil Maugras’ Einstellung zu seinem Kranksein so radikal von dem Verhalten der anderen Patienten in dieser Situation abweicht, muß der äußere Rahmen der Situation so wirklichkeitsgetreu wie nur möglich sein, als Bestätigung der existentiellen Einstellung. Maugras, halbseitig gelähmt und sprachlos, ist nämlich über seinen Zustand nicht schockiert, verbittert oder verzweifelt, sondern damit durchaus zufrieden.
Seine Lage, die durch den Schlaganfall plötzlich und gegen seinen Willen verursacht wurde, ist ein radikaler Bruch mit seinem bisherigen Leben, ein Bruch mit der Normalität, vergleichbar der Flucht aus dem Alltag, die Simenon in manchem Roman dargestellt hat (cf. J.Q., Über einige Romane Simenons). Das Besondere der Lage von Maugras besteht darin, daß er diese Zäsur nicht selbst vollzogen hat, sie aber dennoch akzeptiert. Er willigt nicht nur in diese unabänderliche Situation ein, sondern begrüßt sie sogar als eine Chance der rücksichtslosen Selbstbesinnung.
Denn dies ist das eigentliche Thema des Romans: die redliche, von keinen Rücksichten behinderte Selbstbesinnung eines Menschen, der nach dem Sinn seines Lebens, der eigentlichen Bedeutung seiner Erfolge und Leistungen, dem wirklich zählenden Wert der Lebensweise seiner Bekannten fragt (cf. J.Q., Über das authentische Selbstbild), und der Hauptgedanke des Romans besagt, daß die schonungslose Revision und Überprüfung seines Lebens einem Menschen nur möglich ist in einem Zustand der totalen Freiheit von jedem gesellschaftlichen Engagement. Die aufrichtige Selbstprüfung gelingt nur in einem Zustand des völligen Desengagements, der Loslösung von allem gesellschaftlichen Interesse und allem Ehrgeiz.
Ich brauche wohl nicht zu betonen, daß auch die auftretenden Figuren den Eindruck lebendiger Menschen, individueller, unverwechselbarer Personen machen: Maugras’ Freund, der ihn behandelnde Pierre Besson d’Argoult, eine medizinische Kapazität und ein renommierter Literat, Audoire, der Chefarzt der Klinik, dann der Internist vom Dienst für die tägliche Untersuchung, die Tagesschwester Blanche, die Nachtschwester Josefa, außerdem die Besucher, Lina, seine jetzige Frau, seine behinderte Tochter aus erster Ehe, der Staranwalt, der den Kranken aufsucht, um die Unterstützung seiner Zeitungen für einen Rechtsfall zu gewinnen, und schließlich die Menschen aus Maugras’ Vergangenheit, die in seiner Erinnerung auftauchen. Sie alle haben das Gewicht wirklicher Menschen, ja, sie kommen einem lebensvoller und wirklichkeitsgetreuer vor als die Figuren anderer Romane Simenons — vielleicht deshalb, weil sie in einer Geschichte des radikalsten existentiellen Ernstes auftreten.
Freilich kann dieser Umstand allein die erstaunliche Lebendigkeit der Figuren nicht ganz erklären, erzählen doch viele der übrigen Romane Simenons überaus ernste, tragische Geschichten. Letztlich ist es eine Frage des künstlerischen Gelingens, ob eine Figur sich als lebensfähig erweist. Es kommt ein Moment des Glücks ins Spiel, das sich dem absichtsvollen Können entzieht und unerklärlich bleibt.

Das Erwachen

Die erste Empfindung, die Maugras bei seinem Erwachen aus dem „Loch“ der Bewußtlosigkeit hat, ist der Eindruck „klingender Ringe“, der Töne naher Kirchenglocken. Dies ist sein erster Kontakt mit dem „äußeren Universum“, womit, wie wir es von Simenon kennen, der Protagonist im kosmischen Maßstab situiert ist (S. 11). Nach und nach erweitert sich Maugras’ Erlebnishorizont, er nimmt das Zimmer wahr, sieht und hört seinen Freund Besson d’ Argoult, spürt den Geruch seiner Zigarette, erkennt den Zustand seines halbseitig gelähmten Körpers, sein Unvermögen zu sprechen. Dieser Prozeß des langsamen Erwachens, der Fühlungnahme und Orientierung in der nächsten Umgebung, die Beschränkung der Sicht auf das Zimmer mit der halboffenen Tür und dem meist regenverhangenen Fenster wird in einer Weise dargestellt, die tatsächlich einzigartig ist, und dies ist um so erstaunlicher, als es sich, trotz der wahrlich extremen Situation dieses Kranken, im Grunde ja doch auch um ein alltägliches Phänomen handelt, das Rätsel, wie wir Tag für Tag aus bewußtlosem Schlaf aufwachen und uns unserer Lage und unserer selbst bewußt werden.
Für Maugras bedeutet das Erwachen eine unverhoffte Rückkehr zum Leben, wenngleich es eine ganz unerwartete Art des Lebens, eine äußerst reduzierte Form des Daseins ist und seine Fähigkeit, mit den Menschen zu kommunizieren, beträchtlich eingeschränkt ist. Das Erwachen wird als Geschenk einer Existenz, einer neuen oder neuartigen Existenz erlebt, zweifellos ein großartiger Gedanke, der großartig dargestellt ist.
Im Fortgang der Geschichte zeigt sich nun, daß die Darstellung des Geschehens und das Erleben des Protagonisten um so intensiver sind, je enger und begrenzter der Erlebnishorizont des Kranken ist. Je mehr sich sein Zustand verbessert und sein Leben sich normalisiert, um so weniger intensiv vollzieht sich sein Erleben. Dem entspricht, daß Maugras von allen Augenblicken des Tages die halbe Stunde nach dem Erwachen und vor dem Beginn der Krankenhausroutine am liebsten hat, weil er da ungestört für sich sein und seinen Gedanken nachhängen kann.
Daß er viele Tage nicht sprechen, sich mit den Schwestern und Ärzten nicht verständigen kann, empfindet er meist nicht als Behinderung, sondern als eine willkommene Isolation, die seine Reflexionen über seine Existenz nur begünstigt. Als er dann aber unverhofft die Sprache wiederfindet und es heißt: „je parle“ (ich spreche), erlebt er einen Augenblick reinen Glücks (S. 130). Ein Höhepunkt des Romans, der Gipfel und Scheitelpunkt des intellektuellen Erwachens, übrigens fast genau in der Mitte des Romantextes. In dieser Szene erreichen die Romanfiguren eine seelisch-leibliche Präsenz, die man nicht für möglich gehalten hätte. Ein Moment unvergeßlichen Lesevergnügens.

Der stumme Monolog

Ein auktorialer Erzähler erzählt die Geschichte der Erkrankung und Heilung Maugras’ aus dessen Perspektive. Der Erzähler beschreibt die Überlegungen, Gefühle und Erinnerungen des Patienten; so besteht der Text zu einem Gutteil aus innerem Monolog, beschrieben in der dritten Person Singular.
Damit ist angedeutet, daß dieser Monolog nichts mit der Technik des Bewußtseinstromes zu tun hat, der wortgetreuen Wiedergabe spontan aufkommender, unzusammenhängender, meist alogischer gedanklicher Assoziationen. Wie Karl Popper oft zu Recht kritisiert hat, ist diese Schreibweise einer wissenschaftlich längst überholten Assoziationspsychologie nachgebildet: sie hat mit unserem gewöhnlichen Denkprozeß kaum etwas zu tun. Bekannt wurde diese Technik vor allem durch den Schlußmonolog in Joyces Ulysses. Es ist aber bezeichnend, daß kein anderer der großen Romanciers der klassischen Moderne diese Schreibweise angewandt und übernommen hat, weder Kafka, noch Proust, Döblin oder Musil. Vladimir Nabokov bezeichnet diese Art Prosa verächtlich als „typographischen Brei“, und Autoren, die wie etwa Hermann Broch im Tod des Vergil jenen Stil nachahmten, haben sich als unlesbare Epigonen erwiesen (cf. J.Q., Geschichtsroman und Geschichtskritik, S.384). Sartre hat bemerkt, daß diese Technik in gewissem Sinn eine rhetorische Figur geworden sei, was wohl heißen soll, daß jeweils genauestens überlegt sein muß, wann diese Schreibkonvention angebracht ist (Sartre 1990, 112). Ich würde sagen: in den seltensten Fällen.
Mit dieser rhetorischen Konvention aber hat der aus handgreiflichen Gründen stumm bleibende Monolog in den Glocken von Bicêtre nichts zu tun. Die Erinnerungen Maugras’ haben wie die meisten Erinnerungen die Form von Erzählungen, es sind geordnete Beschreibungen von geordneten Ereignis- und Handlungsfolgen; gewiß wäre es übertrieben, von genau aufeinander abgestimmten Gedankenreihen ohne Abschweifungen zu sprechen. Doch bei aller Variationsbreite des Überlegens kann man doch beobachten, daß Maugras sich auf ein paar durchaus überschaubare Gedanken, Themen oder Personen konzentriert und wiederholt auf die gleichen Gedanken zurückkommt. Er ruminiert gern — ganz ähnlich wie Maigret (cf. J.Q., Maigret oder Die Last der Verantwortung, S. 35f.)
Bemerkenswert ist noch ein weiteres Moment dieses Monologs, das ihn als spezifisch auszeichnet: Maugras reflektiert über die Art und Weise seines stummen Nachdenkens. Er ist sich bewußt, daß seine Erinnerungen an bildhafte Eindrücke gebunden sind und daß er gelegentlich von Idee zu Idee springt (S.82).
Im folgenden Zitat wird in der dritten Person beschrieben, wie Maugras sich sein inneres Gespräch wünscht und vorstellt: „So also möchte er denken, bedächtig, ohne belauert zu werden, ohne daß man sich beeilt, ihn aus seinem inneren Monolog herauszureißen. Es handelt sich nicht um eine Gewissensprüfung. Er versucht auch nicht, eine Bilanz zu ziehen. Gelegentlich gleicht dies einem Bilderbuch, das er aufs Geradewohl durchblättert, unbekümmert um die zeitliche Ordnung.“ (S.47)
Wie man sieht, verteidigt er die fundamentalste Freiheit des Denkens. Er wünscht, selbst zu denken, er wehrt sich dagegen, daß andere für ihn denken, wie in diesem Fall die Ärzte, die natürlich bei Krankheiten sogar verpflichtet sind, für den Patienten zu denken. Jedoch sind auch ihnen darin Grenzen gesetzt, und Maugras meint, daß sie diese Grenzen manchmal überschreiten.
Seine Erinnerung ist betont visueller Art, deren er sich, wie erwähnt, genau bewußt ist, und er meint: „Die Bilder folgen nicht notwendig der Reihe seiner Gedanken (idées), und es sind, wenn man dies sagen kann, die Bilder, die recht haben“ (S. 141).
Der innere Monolog hat für Maugras den Vorrang vor allem anderen, und so kommt es, daß der vordem überaus geschäftige, stets über alle Neuigkeiten informierte Zeitungsverleger sich nun strikt weigert, die Aktualität überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, er verzichtet auf Radio, Telefon, Zeitung.

Auf dem Grund der Wahrheit

Nachdem Maugras sich durch seine Sinne über seine körperliche Lage orientiert hat, beginnt er, auf sein bisheriges Leben zurückzublicken, und er kommt sogleich zu einer desillusionierenden Erkenntnis, die von nun an alle Überlegungen seines Monologs bestimmt: „Er ist überrascht, diese Existenz geführt zu haben, ihr eine Bedeutung beigemessen, ein Spiel gespielt zu haben, das ihm knabenhaft vorkommt“ (S. 28). Er erinnert sich, daß er schon einmal einen Augenblick ähnlicher existentieller Klarheit erlebt hat, in seiner Jugend in Fécamp, wo er zum ersten Mal die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt. Es war ein Moment der Erfahrung der existentiellen Nichtigkeit: „Eine Welt ohne Bedeutung umgab ihn, von der ihm schien, daß er daran nicht mehr teilhat“ (S. 40). Und die Frage aller Fragen lautet: „A quoi bon vivre?“ (Wozu ist es gut zu leben?) Und wiederum: „Leben wozu? Für die Zeitung, für die beiden Wochenblätter, die dem schlechtesten Geschmack des Publikums schmeicheln, für die Stelle beim Radio, dessen Aufsichtsrat er vorsaß?“ (S.50ff.)
Die gleiche Frage ist impliziert, wenn er die Betriebsamkeit seiner prominenten Bekannten als „Flucht“ bezeichnet (S.86).
So wie Maugras genau weiß, daß sein Monolog von bildhafter Art ist, so genau bestimmt er die damit verbundene Eigenart der existentiellen Erkundung seines Lebens: „Il a envie de mettre son existence au point“ (Er hat das Verlangen, seine Existenz genau zu justieren oder zu regulieren) — was weder eine Beichte noch eine Gewissenserforschung sein soll (S. 86). Er benutzt für den Rückblick (révision) auf sein Leben vielmehr eine optische Metapher – „mise au point“ (scharfe Einstellung des Bildes oder des Blickes) (S. 133). Mit anderen Worten, es geht ihm in erster Linie um die radikale und schonungslose Selbsterkenntnis, um die Erkenntnis, was für ein Mensch er ist: „Seit fünf Tagen, seit er mit der Quasi-Gewißheit hier lag, nicht mehr aufzustehen, bemühte er sich darum, sich zu verstehen, endlich eine Meinung über sich selbst zu gewinnen“ (S. 121).
Um zu diesem Ziel zu gelangen, nimmt er keine Rücksichten, erklärt er doch: „Er möchte eine absolute Wahrheit erreichen, eine vollkommene Aufrichtigkeit“ (S. 160). Er möchte „der Wahrheit auf den Grund gehen“, oder „das Ende, das Ziel der Wahrheit“ erreichen (le bout de la vérité) (S.87). — Wie im Motto zitiert, hat Mauriac als erster Leser bestätigt, daß Simenon in dem Roman dieses Ziel einer rücksichtslosen Aufrichtigkeit in der Frage nach der existentiellen Bedeutung eines Menschenlebens durchaus erreicht.
Aufschlußreich ist die folgende Selbstbeschreibung, in der er erklärt, daß er seinen Bekannten nicht feindlich gegenüberstehe, sondern indifferent, genauer gesagt: "Er sieht sie anders, als sie sich sehen. Er hat nicht mehr dieselben Probleme wie sie. Il les a dépassés." (S.68) Das heißt, er hat sie und ihre Probleme überholt, hinter sich gelassen oder, um einen Lieblingsbegriff Sartres zu verwenden, er hat ihre Probleme transzendiert.
Zum dem Ertrag der Überprüfung oder Durchsicht, der Maugras sein Leben unterwirft, wären noch drei Bemerkungen zu machen. Am wichtigsten ist, daß sein Urteil über sein Leben nicht ganz und gar vernichtend ausfällt; vielmehr erinnert er sich an zwei Erlebnisse vollkommenen Glücks: „Zwei Mal in seinem Leben hat er sich im Einklang mit der Natur gefühlt. Zwei Mal ist er fast mit ihr verschmolzen. Er war davon durchtränkt. Er nahm daran teil. / Beide Male hat er Angst gehabt!“ (S. 185)
Diese Erlebnisse sind intensivste Erfahrungen des Lebens, und die Erinnerung daran ist gleichsam die Bestätigung seiner jetzigen Erfahrung: daß er lebt. Die Geschichte seiner Erkrankung und Heilung ist als eine Art „Hymne an das Leben“ gedacht. So nannte Simenon seinen optimistischsten Roman Le petit saint, mit dem gleichen Recht hätte er auch die Glocken von Bicêtre so nennen können (Intime Memoiren S.711).
Zweitens ergibt sich, daß Maugras in seiner distanzierten Position die menschlichen Schwächen seiner Bekannten doch auch nachsichtig beurteilt: „seit er die Welt von einem Bett in Bicêtre aus sieht“ (S. 110). Er will in existentieller Hinsicht die Wahrheit über seine Bekannten herausfinden, was folgerichtig auf eine Kritik ihrer Lebensweise hinausläuft. Doch merkt man, daß er sie in erster Linie verstehen will, so daß er am Ende bei Gelegenheit sogar beschwichtigend sagen kann: "Er sucht nicht mehr den Sinn der Dinge. Er registriert sie." (S. 191) Er will damit andeuten, daß er nicht mehr urteilen möchte, und darin gleicht er wiederum Maigret (cf. J.Q., Maigret oder Die Last der Verantwortung).
Drittens ist bezeichnend, daß Simenons Held und unabweisbarer Infragesteller sich bei seinem Unterfangen an die Behauptung des Pfarrers erinnert fühlt: „Alles zählt. Nichts geht verloren“ (S. 86). Was heißen soll, daß jede menschliche Handlung, alles Tun und Lassen eine moralische Bedeutung hat und in religiöser Hinsicht einen bleibenden Wert besitzt. Außerdem heißt es einmal von dem Protagonisten, daß ihm vom Katechismus her eine gewisse Sehnsucht nach Reinheit geblieben sei (S. 85), und wir erfahren, daß er sich von dem Glauben seiner Jugend ohne Krise abgewandt habe. Der moralische und existentielle Ernst der Romanfigur läßt sich als ein säkularisiertes christlich-religiöses Ideal verstehen.
Wir haben es mit einem Roman aus nachchristlicher Zeit zu tun, der christliche Ideale in säkularisierter Form bewahrt hat. Dabei ist bezeichnend, daß der Held der Geschichte es nicht für nötig hält, seine obersten Ideale, die absolute Wahrheit und totale Aufrichtigkeit in existentiellen Fragen, zu begründen — d.h. für ihn versteht es sich von selbst, daß diese Ideale, Werte oder Tugenden für uns verpflichtend sind.
So beschreibt der Roman in dieser Hinsicht die allgemeine Situation einer säkularen Gesellschaft in nachchristlicher Zeit, die bestimmte Werte vom Christentum übernommen hat, aus eigenem aber nicht in der Lage ist, den verpflichtenden Charakter ihrer Ethik zu begründen (cf. J.Q., Grenzen einer säkularen Ethik).

Zum Schluß

Die Geschichte der Hauptperson ist eine Geschichte des totalen Desengagements, ein Roman, in dem über die Bedeutung des Engagements reflektiert wird. Deshalb wäre es falsch, von einem eskapistischen Roman zu sprechen. Die entschiedene Distanz zur Welt der gewöhnlichen Aktivität ist die notwendige Voraussetzung dafür, um nach dem Sinn und den letzten Gründen des gesellschaftlichen Engagements, dem Sinn und dem Grund der vita activa oder des praktischen Lebens fragen zu können. Das heißt nichts anderes, als daß Simenon anschaulichst dargelegt hat, daß die Akteure der Gesellschaft ihr Engagement an sich begründen können müßten. Sie haben die Beweislast für ihre Existenzweise, nicht der Mensch, der die Welt von einem Krankenhausbett aus betrachtet. Simenon hat durchaus recht, wenn er meint, daß das gesellschaftliche Engagement einer Begründung bedarf, wenngleich der außergewöhnliche Held seines Romans sich an ethischen oder existentiellen Idealen orientiert, die er selbst nicht begründet.
Außerdem dürfte klar geworden sein, daß die distanzierte, desilluisionierte Einstellung des Romanhelden nicht mit der existentiellen Resignation im Sinne Schopenhauers gleichzusetzen ist. Die beiden Haltungen sind nur in dem Punkt anlog, daß Maugras wie Schopenhauer die prinzipielle Frage nach dem Sinn des Lebens stellt und den größten Teil der menschlichen Aktivität für eitles Tun erkennt; doch verurteilt er keineswegs pauschal die „elende Beschaffenheit des Menschengeschlechts“ und erst recht entscheidet er sich keineswegs für die Verneinung des Willens zum Leben, vielmehr läuft sein innerer, sein innerster Monolog letztlich auf ein starkes Votum für das Leben hinaus.
Wenn man sich den Sinn des Romans, wie ich ihn in diesen Andeutungen beschrieben habe, vor Augen hält, dann erscheint es läppisch und geradezu absurd, daß einige Rezensenten das Buch für einen Schlüsselroman hielten und nach den realen Vorbildern für die Romanfiguren in der Pariser Gesellschaft gesucht haben (Assouline 1996, 725) – was aber nur belegt, daß das Pariser Feuilleton zu Zeiten auch nicht intelligenter war als das Feuilleton diesseits des Rheins. Freilich hat dann François Mauriac den eigentlichen Sinn des Romans, der metaphysischer Art ist, die Nichtigkeit des Gewöhnlichen betrifft und seine christliche Herkunft nicht verleugnet, klar erkannt und um so nachdrücklicher herausgestellt (in: Schmölders 1978, 98f.).

Literatur

Simenon, Georges: Les anneaux de Bicêtre (1962). Paris 1993.
—, Intime Memoiren. Dt. H.J. Hartstein. Zürich 1982.

Assouline, Pierre: Simenon. Paris 1996.
Quack, Josef: Die Grenzen des Menschlichen. Über Georges Simenon u. a.
—, Geschichtsroman und Geschichtskritik.
—, Wenn das Denken feiert.
Sartre, Jean-Paul: Was ist Literatur? Dt. T. König. Reinbek 1990
Schmölders, Claudia u. a. (Hg.): Über Simenon. Zürich 1978.
Simenon auf der Couch. Fünf Ärzte verhören den Autor. Zürich 1985.

J.Q. — 4. Feb. 2017

© J.Quack


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