Josef Quack

Über das "Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit 2017" von Dr. Georg Bätzing




Es ist ein Gebot der Stunde, Religion wieder ernst zu nehmen, viel ernster als diejenigen es tun, die durch den Ernst der Lage verschreckt das Mantra des ‚Dialogs der Kulturen und Religionen’ herunterbeten. Als ob der so leicht zu führen wäre in einer Gesellschaft, in der religiöser Analphabetismus mehr und mehr zur Normalität und fast schon zur Norm wird.

F. Kamphaus

Nach dem unrühmlichen Abgang des letzten Limburger Bischofs war man natürlich gespannt, wer nun das Amt übernehmen würde. Es ist Georg Bätzing. Ich habe eine Predigt von ihm gehört und seinen ersten Hirtenbrief gelesen und auf dieser Grundlage einen gemischten Eindruck von ihm gewonnen. Er scheint ein sympathischer Mann, aber ein schlechter Musikant zu sein, um ein Wort von E.T.A. Hoffmann abzuwandeln. Das soll heißen, daß er offensichtlich kein begnadeter Kanzelredner ist, aber auch kein geschickter theologischer Lehrer. Ob einer die Gabe der Predigt hat oder nicht hat, ist eine Frage der geistigen Anlage, die man als natürliche Gegebenheit nur hinnehmen kann. Anders steht es mit der Lehre, der Vermittlung von Wissen und Kenntnissen — die Methode des richtigen Lehrens kann man sich aneignen und regelrecht üben, so daß man es darin sogar bis zu einer gewissen Meisterschaft bringen kann, vorausgesetzt freilich, man hat selber verstanden, was man anderen mitteilen will.
In dieser Hinsicht enttäuscht nun der Hirtenbrief. Es ist nur zu offensichtlich, daß der Autor, obwohl Doktor der Theologie, dieses Talent nur in begrenztem Maße besitzt, was um so bedauerlicher ist, als eine Gesellschaft von religiösen Analphabeten nichts nötiger hätte als intelligente Lehrer der Religion.
Bei dem Schreiben fällt dreierlei auf: es ist zu einem guten Teil ein Beleg für jenes Verhalten, das Joseph Ratzinger als Kardinal und Papst öfter kritisiert hat, ein typisches Beispiel für „kirchliche Selbstbeschäftigung“, für die egozentrische Beschäftigung der Kirche mit mehr oder weniger wichtigen Interna, Verbandsangelegenheiten und dergleichen (cf. J.Q., Über den Stumpfsinn pseudochristlicher Bräuche). Zweitens ist der Text in jenem erbaulichen Insiderjargon verfaßt, an dem man den notorischen Berufschristen erkennt, und drittens fällt ein gewisser theoretischer Mangel auf, der mit der genannten Redeweise engstens zusammenhängt. Der Autor unterläßt es, die Kernbegriffe des Christentums auch nur in Ansätzen zu erläutern, und er versäumt es, den von ihm geforderten Gesinnungswandel, den er Perspektivwechsel und Mentalitätswandel nennt, zu begründen, geschweige denn überzeugend zu begründen.
Der Hirtenbrief beschäftigt sich größtenteils mit der neuen Organisation der Pfarreien, mit dritt- und viertrangigen Verwaltungsmaßnahmen, die keinen Menschen jenseits des kirchlichen Beritts interessieren. Gewiß hat Bätzing recht, wenn er von den Betroffenen ein gewisses Umdenken fordert. Es gibt nämlich tatsächlich immer noch Pfarrer, die sich belästigt fühlen, wenn sie von Leuten anderer Gemeinden angesprochen werden. Ich fürchte aber, daß sie sich auch nicht gerne von den eigenen Leuten ansprechen lassen. Was jedoch, wie Bätzing behauptet, an der Form der Pfarreien Afrikas oder Lateinamerikas vorbildlich und nachahmenswert sein soll, bleibt völlig schleierhaft.
Egal, was oder wovon diese Kirchenleute reden, sie sprechen in einem erbaulichen Insiderjargon, den sonst kein Mensch verwendet. So erkennt man zum Beispiel einen professionellen Christen, ob lutherisch oder katholisch, daran, daß er gerne Substantive ohne den Artikel verwendet: „Kirche ist …“, „Schule ist …“, „Glaube ist …“. Erbaulich ist dieser Jargon insofern, als er banale Dinge durch eine umständliche oder preziöse Ausdrucksweise aufwertet und die gespreizte Formulierung liebt. Dazu nur zwei Zitate.
Bätzing meint, wir sollten „fragen, wie wir Menschen mit der Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus in Berührung bringen“. Diese ebenso umständliche wie nichtssagende, halbabstrakte Wendung kommt zweimal im Text vor. Außerdem wird der Satz durch die redundante Formulierung „Botschaft des Evangeliums“ — denn Evangelium heißt ja gute oder frohe Botschaft — in einem pseudofeierlichen Ton aufgebläht.
Dann heißt es, daß „wir nun nach neuen Formen und Zugängen zu den Menschen suchen“. Der Satz ist grammatisch unklar, weil er nahezulegen scheint, daß wir nach neuen Formen „zu den Menschen“ suchten, obwohl dieses Attribut nur auf die Zugänge bezogen werden kann. Vor allem aber fällt in diesem wie in dem vorherigen Satz die pathetische Redeweise von den „Menschen“ auf, als seien diese Leute unbekannte Wesen und als seien die Berufschristen keine Menschen. Man fragt sich natürlich, wer mit diesen Menschen konkret gemeint sein kann: der Mensch von heute, die Mitglieder unserer säkularen Gesellschaft, die Mitchristen, die Nichtchristen, Ungläubige, Indifferente oder wer? Wie auch immer, dieser Sprachgebrauch verrät wie nichts sonst die Weltfremdheit dieser Kirchenvertreter in einem erschreckenden Maß. Übrigens ist die „Österliche Bußzeit“ — statt der schlichten „Fastenzeit“ — ein typischer Ausdruck des gestelzten amtskirchlichen Soziolekts.
Der Autor des Hirtenbriefes hat es versäumt, die Kernbegriffe seiner Lehre zu erklären. Sein Motto lautet: „Im Glauben wachsen“, doch verliert Bätzing kein Wort darüber, was glauben im christlichen Sinn bedeutet. Er setzt, wiederum in der Haltung dessen, der zu Gleichgesinnten spricht, schlicht voraus, was dringend der Erläuterung bedarf. Karl Rahner hat einmal das Problem umschrieben, das hier verständlich gemacht werden müßte, indem er von der „Radikalität und absoluten Inkommensurabilität des Glaubens“ sprach. Damit ist gemeint, daß der Begriff des christlichen Glaubens mit dem Begriff des umgangssprachlichen Glaubens völlig unvereinbar ist (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, 111ff.). Bätzing hätte zumindest diese entscheidende Differenz besprechen und seinen Lesern verständlich machen müssen. Statt die Dinge bei ihrem Namen zu nennen, beläßt er es bei vagen Andeutungen.
Das gilt besonders von der zentralen Idee dieses Schreibens, der Idee der Kirche, welches Wort der Autor bezeichnenderweise wiederum meist ohne Artikel verwendet, oft aber auch in einem Sinn, der alles andere als klar ist. So heißt es etwa: „da wächst auch Kirche“ oder „daß unter den Bedingungen unserer Zeit ‚Kirche vor Ort’ wächst“, womit wahrscheinlich nichts anderes gemeint ist, als daß die Aktivität der Gemeinde als eine Art Leben der Kirche begriffen werden kann.
Wie man besonders schön in Henri de Lubacs Buch über das Credo nachlesen kann, ist die Kirche ein spezifisch christliches Phänomen, das es vor dem Christentum sonst nirgends gegeben hat, und ihr Wesen ist höchst vielschichtig und schwierig zu verstehen. Der Verfasser des Hirtenbriefes aber verschmäht es, seinen Lesern auch nur die einfachste Definition von ihr zu geben, obwohl er das Wort auf fast jeder Seite mehrmals verwendet.
Die fragwürdige Kernthese Bätzings besagt, daß wir andere Fragen als die üblichen stellen müßten: „Nicht mehr: wer oder was ist die Kirche, sondern: Wozu und für wen sind wir heute da? Nicht mehr: Was hat die Kirche mir zu bieten, sondern: Was kann ich zum Wohle aller einbringen? Nicht mehr: Wer kümmert sich und wer übernimmt Verantwortung, sondern: Wo sind die Gaben, die Gottes belebender Geist uns schenkt?“
Dazu wäre im einzelnen anzumerken, daß die Alternative dieser Sätze eine rhetorische Figur nachahmt, die John F. Kennedy in seiner Antrittsrede verwendet hat: Fragt nicht, was der Staat für euch tun soll; fragt vielmehr, was ihr für den Staat tun könnt. Zweitens ist jene These elliptisch und dadurch wird verdeckt, daß sie nicht ganz logisch ist oder einen Denkfehler enthält; denn um fragen zu können, wozu wir heute da sind, muß man wissen, wer oder was die Kirche ist, da vorausgesetzt wird, daß wir die Kirche oder Mitglieder der Kirche sind. Gemeint ist hier also: wozu die Kirche da ist oder wozu sind wir als Kirche da. Drittens bedeutet die Frage, wozu wir da sind, doch nichts anderes als die Frage, wofür wir verantwortlich sein sollen — was dem folgenden Gedanken aber eklatant widerspricht. Viertens kommt im Text auch eine Phrase des heute so beliebten Psychojargons vor, nämlich „sich einbringen“, was nebenbei gesagt sich vor allem in der geschäftigen Vereinsmeierei vieler Gemeindemitglieder zeigt.
Manche Pfarrer bringen sich ein, indem sie am Fasnachtssonntag statt einer Predigt eine Büttenrede halten. Sie merken nicht, daß sie sich damit selbst überflüssig machen; denn für Büttenreden braucht man keine Pfarrer.
Und um nicht noch mehr Schwachpunke der nicht ganz kohärenten Gedankenfolge des Hirtenbriefes aufzuzeigen, sei nur noch bemerkt, daß man in der Tradition von spezifischen Gaben des heiligen Geistes sprach — darauf wird in dem Text diskret angespielt, ohne daß man aber erfährt, worum es dabei im einzelnen geht. Übrigens verstand man darunter die folgenden sieben Gaben: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Diese Stichworte wären natürlich genauer zu kommentieren, doch will ich sie wenigstens genannt haben (cf. Summa theologiae I-II, qu. 68).
Aber genug der Einwände zu einem Text, der augenscheinlich nicht ganz durchdacht ist, der zwar Neuartiges sagen will, jedoch nicht verständlich machen kann, was er damit eigentlich meint — ganz gewiß keine überzeugende Werbung für eine gutgemeinte Sache. Ich wundere mich nur, daß Bätzing offenbar meinte, er könne die von ihm so sehr geschätzten Menschen mit einem solchen Text wirklich ansprechen.

J.Q. — 6. März 2017

© J.Quack


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