Josef Quack

Christmas-Potpourri




Kitsch ist das Böse im Reich der Kunst.

H. Broch

Das Motto besagt, daß der Kitsch im Bereich der Kunst die Stelle einnimmt, die das Böse im Normensystem der Ethik innehat. Es handelt sich hier um einen Vergleich, nicht um eine Identifizierung oder Gleichsetzung, weil ästhetische Normen nun mal keine ethische Normen sind. Kitsch ist das künstlerisch Verunstaltete, die sentimental verniedlichte Kunst, die kindische Deformation, die infantile Degeneration von Kunst, die Übersteigerung der Gefühlswerte zulasten des künstlerischen Geistes, die Reduzierung der künstlerischen Bedeutung auf das unterste Affektniveau, die Auflösung der künstlerischen Wirkung in bedeutungsleere Reize.
Die genuine Gattung des musikalischen Kitsches ist das Medley, das Potpourri, die Zusammenstellung musikalischer Prunkstücke, beliebter Arien, effektvoller Musikstücke, eine Art der musikalischen Rosinenpickerei, deren vollkommen kommerzialisiertes Produkt Titel der Art trägt: "Best of Mozart" u.ä. In ästhetischer Hinsicht leidet diese Geschäftsidee unter einem kapitalen Fehler, dem Irrtum, daß eine Sammlung künstlerischer Höhepunkte im Ergebnis die komprimierte Essenz der ausgewählten Musikstücke enthalte. Dabei wird übersehen, daß der Höhepunkt ein relativer Begriff ist. Was in einer Symphonie oder einer Oper den Höhepunkt bildet, kann man nur beurteilen und recht eigentlich erfahren, wenn man das ganze Werk hört. Ohne den Kontext der ganzen Symphonie oder der ganzen Oper läßt sich nun mal ein Glanzstück der Symphonie oder der Oper nicht als Höhepunkt erleben.
Die Mode der Schallplatten oder CDs mit dem „Besten aus Mozart“ oder dem „Besten aus Beethoven“ trägt allerdings der Schwäche vieler Zeitgenossen Rechnung, die überhaupt unfähig sind, Erfahrungen in künstlerischen Dingen zu machen. Es gibt tatsächlich Menschen in unserer Zeit, die nicht mal fähig sind, sich einen Unterhaltungsfilm ganz anzusehen, geschweige denn sich ein Musical, eine Sonate ganz anzuhören. Der Unfähigkeit der Kunstbanausen, sich zu sammeln und zu konzentrieren, entspricht die Gier nach Zerstreuung um jeden Preis.
An diese künstlerischen und religiösen Analphabeten wenden sich auch die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk so beliebten Veranstaltungen mit Christmas-Potpourris, Weihnachtskonzerte mit einem Sammelsurium beliebter Weihnachtsmelodien. Ein Lied nach dem anderen wird mit der ersten Strophe angespielt, kein Lied wird als ganzes geboten, eingedenk des Umstands, daß die banausischen Zuhörer unfähig sind, ein Lied ganz zu hören, geschweige denn den christlichen Gedanken des vertonten Gedichts zu erfassen. Der religiöse Gedanke der besungenen Weihnacht wird in eins mit der künstlerischen Gestalt in den billigsten Reiz, in eine vage Gefühligkeit aufgelöst. Auf dieser sentimentalen Schwundstufe geht dann auch der letzte Rest der Erinnerung an die religiöse Tradition verloren. Zurückbleibt eine wohlige, völlig bedeutungslose Stimmung. Und genau dies wird von den Moderatoren solcher Pseudokonzerte bis zum Erbrechen beschworen: die Weihnachtsstimmung, der Genuß des schönen Erlebnisses, unbeschwert von jedem Gedanken an die religiöse Idee, die einst dem Erlebnis von Weihnachten zugrundelag.
Kurzum, in einer total entchristlichten, säkularen Gesellschaft haben christliche Feste allenfalls noch Unterhaltungswert, eine geschäftliche Bedeutung als Steigerung des Konsums, und der Übergang von verkitschten Weihnachtsliedern zu den stumpfsinnigsten Fasnachtsschlagern erfolgt denn auch fast ohne merklichen Bruch.
Im Kontrast zu dieser sentimentalen Ausbeutung von Weihnachten muß man die Ehrlichkeit der Geschäfte der Frankfurter Zeil bewundern, die dieses Jahr auf jede weihnachtliche Dekoration ihrer umsatzstarken Einkaufsmeile verzichtet haben. Der Grund war zwar, daß sie sich nicht auf die Kostenverteilung einigen konnten – aber, wie dem auch sei, der Effekt des Verzichts auf die pseudoreligiöse Reklame ist bewundernswert und zu begrüßen, vorausgesetzt, man hat sich noch einen Sinn für solche Feste bewahrt. Der Verzicht auf Kitsch hat allemal einen Wert an sich in sich.
Den besten Kommentar zu dem Verhalten säkularisierter Zeitgenossen, religiöser Analphabeten gegenüber den Restbeständen christlicher Tradition in unserer Gesellschaft aber hat der amerikanische Publizist George Bailey gegeben (cf. J.Q., Wenn das Denken feiert, S. 88). Bailey bezeichnet sich selbst als Agnostiker und gibt offen zu, daß er und seinesgleichen von einem geistigen Erbe zehren, das sie nicht verdient haben: „Weihnachten besitzt, ungeachtet der eigenen Religionszugehörigkeit, unter allen Feiertagen die größte symbolische Kraft. Auf dieses Fest der Feste verzichten zu wollen, schien mir immer ein sinnloser Akt der Selbstaufgabe zu sein. Ich bin mir durchaus bewußt, daß in dieser Einstellung mehr als nur eine Spur Heuchelei enthalten ist. Es ist fraglos der religiöse Charakter des Weihnachtsfestes, der es zu dem macht, was es ist, und das paradoxerweise besonders für Nichtgläubige. Ich fand immer, daß die größten Nutznießer des Christentums die schnorrenden Nichtgläubigen sind – zumindest in dem groben Sinn, daß sie alle zivilisatorischen, kulturellen und ethischen Leistungen der jüdisch-christlichen Tradition ernten und im Gegenzug nichts geben als die Einhaltung des allgemeinen Verhaltungskodexes.“
Dem fügt er die wesentlichste Frage hinzu, die sich in dieser Hinsicht ergibt: „Warum soll man nicht eine bedeutende Kulturtradition beibehalten, wenn man nichts hat, was man an ihre Stelle setzen könnte?“ Dem möchte ich hinzufügen, daß eine banalisierte Tradition des Christentums, eine auf versüßte Stimmungsreize reduzierte Weihnachtsfeier eben auch nichts anderes ist als nichts, religiöser Nihilismus in Form von Stimmungskitsch.

J.Q. — 29. Dezember 2018

© J.Quack


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