Josef Quack

Moralische Geschichten von Simenon




Ich bin überzeugt, daß jeder Mensch, – wenn es ihm gelänge, sich vollständig aufzuschreiben – erregend und staunenswürdig und auch unersetzlich wäre.

E. Canetti

Die Zeugen
Maigret vor den Geschworenen
Die Komplizen
Unbestraftes Verbrechen
Die anderen
Literatur

Da ich die folgenden Bücher gründlich besprechen möchte, kann ich nicht umhin, auch den Ausgang der jeweiligen Geschichte zu erwähnen. Deshalb möchte ich voraussetzen, daß die Leser dieses Artikels die fünf Romane, von denen nun die Rede ist, schon kennen. Alle fünf Romane halten einige Überraschungen bereit, und ich möchte den Lesern das Vergnügen der Spannung nicht nehmen.
Nun zur Sache. Man hat die harten Romane Simenons, die Non-Maigrets , gewöhnlich als psychologische Romane oder als Schicksalsromane bezeichnet und damit in gewisser Hinsicht auch als unzulänglich abgestempelt. Doch werden diese oberflächlichen Kennzeichnungen der tiefsten Intention der Romane nicht gerecht. Denn der zentralste aller Zentralbegriffe im Werk Simenons, in den Maigrets wie in den Non-Maigrets, ist der Begriff und das Ideal des Verstehens menschlichen Verhaltens. Gewiß hat das Verstehen anderer Menschen eine psychologische Komponente; man sollte aber genauer sagen, daß Verstehen ein mentaler oder geistiger Prozeß ist, der darauf gerichtet ist, andere Personen in ihrem Wesen und ihrem Wert zu erkennen — was offensichtlich einen moralischen Impuls oder ein moralisches Interesse impliziert. Verstehen dieser Art setzt eine grundsätzliche humane Einstellung, eine Offenheit und Sympathie für andere Menschen voraus, eine moralische Vorleistung im Umgang mit anderen, die allerdings dann auch oft enttäuscht wird.
Wie dem auch sei, auf diese moralische Komponente des Verstehens aber kommt es Simenon und seinen literarischen Geschöpfen letztlich immer an. Man braucht nur an das humane Ideal Maigrets zu erinnern, dem immer daran gelegen ist, die Kriminellen, deren Schuld nachzuweisen sein Beruf ist, am Ende nicht zu verurteilen (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, 51ff.).
Zweitens möchte ich noch ein anderes Problem, ebenfalls eine Zentralfrage fast aller Romane Simenons, ein wenig erläutern, die Frage der Schuld. Denn der Schuldbegriff wird in der Umgangssprache — und in deren Gefolge auch in der Literatur — häufig unklar und verwirrend gebraucht. Man vermengt gerne einige Aspekte des Schuldbegriffs, die grundverschiedener Natur sind. Um aus dieser Begriffsverwirrung herauszukommen, sollte man sorgfältig unterscheiden:
(a) zwischen dem moralischen Tatbestand der Schuld im eigentlichen Sinne, dem Verstoß gegen eine moralische Norm;
(b) zwischen dem Schuldbewußtsein, dem Wissen, daß man eine moralische Norm verletzt hat;
und (c) zwischen dem Schuldgefühl, der Einstellung, daß es einem leid tut, die Norm verletzt zu haben.
Denn ich kann wissen und anerkennen, daß ich moralisch gefehlt habe, ohne daß es mir leid tut, und ich kann Schuldgefühle verspüren, ohne daß eine Schuld, ein moralisches Vergehen, meinerseits tatsächlich vorliegt.
Bei einem Verstoß gegen rechtliche Normen liegen die Dinge wiederum anders, weil eine rechtliche Norm nicht immer auch moralisch geboten sein muß. D.h. es gibt sehr viele staatliche Gesetze, die moralisch neutral sind — wer sie übertritt, macht sich im moralischen Sinne nicht schuldig. Simenon — und entgegen dem Anschein auch dem im Namen des Staates handelnden Kommissar Maigret — kommt es in seinem Werk oder seinem Verhalten aber im Grunde nur auf die Fragen, Probleme und Weiterungen einer moralischen Schuld an. Im folgenden bespreche ich fünf Romane, in denen letztlich moralische Dinge verhandelt werden.

Les témoins (1954)

Der Roman Die Zeugen beginnt mit einem unscheinbaren Ereignis, das für den Protagonisten der Geschichte, Xavier Lhomond, Präsident eines Schwurgerichts, unerwartete Folgen hat; es zwingt ihn, sich um seine Reputation zu sorgen und in seinem inneren Forum über seine moralische Integrität nachzudenken; diese Selbstbesinnung führt zu Selbstzweifeln, die wiederum bewirken, daß er den anstehenden Prozeß mit äußerster Behutsamkeit leitet, um ein voreiliges und ungerechtes Urteil zu vermeiden. Bei der Abstimmung der Geschworenen enthält er sich der Stimme, d.h. er verzichtet darauf, zu urteilen, wie es auch der bevorzugten Neigung Maigrets entspricht. Eine erstaunlich schlüssige, in jedem Belang stimmige Romankonzeption, ein Handlungsaufbau, wie er zwingender und folgerichtiger nicht sein könnte. Man kann nur staunen, wie es Simenon gelingt, der Darstellung des Menschen immer neue Aspekte abzugewinnen.
Lhomond muß eines späten Abends für seine kranke, seit fünf Jahren bettlägrige Frau ein Medikament besorgen. Da der Apotheker auf das Läuten nicht reagiert, geht er in ein nahegelegenes Nachtlokal, um zu telephonieren. Als er die Bar verläßt, stößt er mit einem seiner Beisitzer zusammen, was beide so überrascht, daß sie grußlos weitergehen. Der Richter gerät dadurch aber bei seinen Kollegen in den Verdacht, in zwielichtigen Lokalen zu verkehren, und derart einmal irritiert, bezieht er einige zufällig aufgeschnappte abfällige Bemerkungen seiner Kollegen ohne weiteres auf sich selbst, und er beginnt, sein Verhalten daraufhin zu überprüfen, ob es Verdachtsmomente enthalten könnte, die ihn in ein schlechtes Licht rücken und selbst zum Angeklagten eines Prozesses machen könnten. An erster Stelle faßt er die Möglichkeit ins Auge, daß er im Falle des Todes oder des Selbstmordes seiner Frau verdächtigt werden könnte, ihr eine Überdosis ihrer Medizin gegeben zu haben. Des weiteren bedenkt er seine diskreten Beziehungen zu anderen Frauen.
Der moralischen Atmosphäre des verunsicherten, an sich selbst zweifelnden Richters entspricht die angegriffene Gesundheit des Mannes, der in fiebrigem Zustand einen schwierigen Prozeß führen und beaufsichtigen muß; dabei wird auch sein Verhältnis zur gewöhnlichen Realität, die fundamentale Wahrnehmung der in umgebenden Dinge und Ereignisse erschüttert. Er meint, zwischen ihm und der Realität hänge ein Schleier (S. 40). Dieser höchst verstörende Geisteszustand eines Mannes, der die schwerste Verantwortung trägt, kommt in einer exzeptionellen Schilderung einer durchwachten Nacht großartig zum Ausdruck, in deren Verlauf Traum und Wirklichkeit eigenartig verschwimmen.
In dem Prozeß ist ein gewisser Dieudonné Lambert angeklagt, seine Frau ermordet zu haben. Der Angeklagte ist ein einfacher Handwerker, seine Frau und seine Bekannten gehören der gleichen wenig reputierlichen gesellschaftlichen Schicht an und sie leben in einem schäbigen Viertel. So steht der Autor vor der Aufgabe, zwei soziale Milieus zu schildern: das Milieu des gehobenen Bürgertums und der höheren Gerichtsbeamten samt dem damit verbundenen Rechtswesen und das Milieu der kleinen Leute auf der untersten Stufe oder am Rande der Gesellschaft und ihre beengten, ärmlichen, vielleicht auch zwielichtigen Lebensverhältnisse. Ich muß nicht betonen, daß Simenon sich als profunder Kenner beider gesellschaftlichen Bezirke erweist. Für das Verhalten Mariettes, der Frau Lamberts, die zu mehreren Männern Beziehungen unterhält, glaubt der Richter das wahre Motiv gefunden zu haben: „Sie hatte sich vorgesetzt, mit allen Männern zu schlafen. Um sich in ihren eigenen Augen Bedeutung zu verleihen. Und sie mußte sich sagen, daß sie sie einen nach dem anderen kopflos machte.“ (S.113)
Bemerkenswert ist, daß die Darstellung aus der Sicht des Präsidenten den Verdacht erweckt, als sitze in bestimmter Hinsicht das respektable Bürgertum zu Gericht über die kleinen Leute am anderen Ende der Gesellschaft. Auf diesen Verdacht stützt sich der Verteidiger, wenn er argumentiert, daß ein Verbrechen, wie es Lambert zur Last gelegt wird, auch von ehrbaren Bürgern begangen werden könne. Dieses Argument, für das der Anwalt auf einige Skandale ehrenwerter Persönlichkeiten verweisen kann, und der Hinweis des Richters auf die Lücken in der Beweislage überzeugen letztlich die Geschworenen.
Nicht weniger glänzend ist das Plädoyer des Staatsanwaltes, die Rede eines liberalen Geistes, ein rhetorisches Kabinettstück in der besten Tradition der französischen Redekunst und ein weiterer Beleg, daß der Autor, der immerhin mehr als siebzig Detektivromane geschrieben hat, mit der Materie vertraut ist. Für den aufgeklärten, auf seine Weise durchaus human denkenden Rechtsvertreter führt das moderne Strafrecht nur noch aus Gründen des Herkommens diesen Namen; in Wirklichkeit geht es nicht mehr darum einen Menschen, der eines Verbrechens überführt ist, zu bestrafen oder das Opfer zu rächen, sondern nur noch darum, die Gesellschaft vor Schäden durch Verbrecher zu schützen. Auch hält er das Verbrechen Lamberts „nicht für ein unerwartetes, beiläufiges Ereignis, in gewisser Hinsicht zufällig, sondern für das quasi schicksalhafte Endergebnis eines gewissen Standes der Dinge“, für die Wirkung sozialer Ursachen (S. 170).
Staatsanwalt und Verteidiger äußern Gedanken, die zum Teil mit der liberalen Überzeugung des Autors im Hinblick auf die Anlage zum Verbrechen und die Bestrafung übereinstimmen. Dies gilt vor allem aber für den leider nur erwähnten, nicht aber im einzelnen ausgeführten Essay, den der Richter über die „Entwicklung des Begriffs der Schuldhaftigkeit“ (culpabilité) und die Rolle der Psychiatrie bei der Feststellung der Schuldfähigkeit schreiben möchte (S. 78). Simenon hat sich mit Leidenschaft über das Thema geäußert und es auch in den Maigrets der Spätzeit öfter behandelt (Simenon 1977, 89f.).
Im Hinblick auf das rechtliche Verhalten und die moralische Einstellung des Richters gewinnt der Titel dadurch, daß Lhomond mit sich selbst ins Gericht geht, eine doppelte Bedeutung. Gemeint sind zunächst natürlich die Zeugen in dem laufenden Gerichtsverfahren, dann aber auch die Bekannten des Richters, die über seine, gewiß nicht in allem untadelige Lebensführung Aussagen machen könnten, und diese Selbsterkenntnis bewirkt die entscheidende Wende in Lhomonds Verhalten: „Hat er sich nicht nach und nach mit dem Angeklagten identifiziert? Nicht mit Lambert, um im eigentlichen Sinne zu sprechen. Die Persönlichkeit, das Leben von diesem, was er getan oder nicht getan hat, zählten nicht in seinen Augen. Zum ersten Mal in seiner Laufbahn hat er sich in Gedanken an die Stelle gesetzt, die der Angeklagte einnahm.“ (S. 166). Die Folge dieser moralischen Entscheidung zeigt sich dann, wie gesagt, darin, daß er sich des Urteils enthält.
Was nun seine eigene Existenz und sein Menschenbild angeht, so kommt er zu der resignativen Erkenntnis, daß es „das Geschick des Menschen sei, dem Leben auszuweichen, um sich in ein persönliches, beruhigendes Universum einzuschließen“, das unzugänglich sei (S. 77). Seine Zweifel über sich und über die Schuld des Angeklagten, seine gesundheitlich und moralisch erschütterte Stellung gegenüber der Wirklichkeit führen ihn zu dem beunruhigenden „Bewußtsein von der Unmöglichkeit für ein menschliches Wesen, einen anderen zu verstehen“ (S. 97). In diesem Punkt kommt der nachdenkliche Mann also zu einem anderen Ergebnis als der Kommissar Maigret, der sich darum bemüht, jedermann zu verstehen, und davon überzeugt ist, selbst das ungewöhnlichste Verbrechen verstehen zu können.
Der schlagende Beweis für Lhomonds Ansicht von der prinzipiellen Unmöglichkeit, andere zu verstehen, ist seine Ehe, eine rechte Vernunftehe und eine Mesalliance im reinsten Sinn des Wortes. Am Ende muß Lhomond einsehen, daß er all die Jahre über nicht genau wußte, was es mit der Krankheit seiner Frau auf sich hat, und daß er sich über sie im Grunde immer nur getäuscht hat.
Zuletzt möchte ich noch der Ordnung halber erwähnen, was sich eigentlich bei diesem Romancier von selbst versteht, daß der Reiz und die Intensität dieser Geschichte sich dem Umstand verdanken, daß die Ereignisse und Personen ausnahmslos und konsequent aus der Perspektive des betroffenen Richters geschildert werden. Übrigens hat Simenon sich hier den sprachlichen Scherz erlaubt, viele Personennamen mit L beginnen zu lassen: Lhomond, Laurence (seine Frau), Leopoldine (die Köchin), Lucienne Girard (eine Handschuhmacherin), Lambert (der Angeklagte), Lazare (ein Mediziner), Larminat (der Anwalt).

Maigret aux assises (1959)

In Maigret vor den Geschworenen hat Simenon das Thema jenes Romans wieder aufgegriffen und die Zweifel Maigrets beschrieben, ob es überhaupt möglich ist, im Laufe eines abstrakten Gerichtsverfahrens, eines Prozesses mit Zusammenfassungen und knappen Beurteilungen, die Wahrheit über einen Menschen herauszufinden.
Dem steht dann in einer brillanten Konstruktion des Geschehens die Tatsache gegenüber, daß Maigret, der es aus Prinzip ablehnt, über einen Menschen zu urteilen, hier, angesichts eines schändlichen Verbrechens, wie man einräumen muß, den Richter aus eigener Machtvollkommenheit spielt und selbst über Leben und Tod eines Verbrechers entscheidet. Ganz gewiß einer der spektakulärsten Fälle in der Laufbahn des Kommissars, der im verdienten Ruf steht, human und menschenfreundlich zu sein. Er kennt aber auch die Grenzen seiner Menschenfreundlichkeit, wenn dieses ethische Ideal oder diese ethische Norm durch einen brutalen Mord in bösester Absicht verletzt wird. Ich habe den Roman ausführlich besprochen (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, 44ff.).
Wie man sieht, vertritt Maigret keineswegs die Meinung seines Schöpfers, daß die Frage der Schuld von Straftätern von Psychiatern geprüft und beantwortet werden sollte, was zur Folge hätte, daß die meisten Übeltäter von der Verantwortung freigesprochen würden (Simenon 1977, 89f.).

Les complices (1955).

Dieser Roman beginnt mit einem Paukenschlag, der Schilderung einer Katastrophe, während Simenon es sonst gewöhnlich vorzieht, behutsam an die Dinge heranzugehen und die Vorgeschichte der dramatischen Ereignisse ausführlich zu berichten. Hier aber schildert er am Anfang den schrecklichen Unfall eines Busses, der 48 Kinder aus dem Urlaub nach dem Norden Frankreichs befördert, aus der Sicht des Fahrers eines Personenautos, der schuld an diesem überdimensionalen Unglück ist, mit den folgenden Worten: „Es war brutal, augenblicklich. Und dennoch blieb er ohne Erstaunen und Empörung, wie wenn er es seit langem erwartet hätte. Von einer Sekunde zur anderen, von dem Moment an, wo die Hupe hinter ihm zu heulen begann, wußte er, daß die Katastrophe unabwendbar und daß es sein Fehler war.“ Und einige Absätze weiter wird dieser Gedanke erläutert: „Seltsamerweise nahm er in diesem Augenblick alles hin, die Katastrophe und seine Schuldhaftigkeit, er wußte, daß sein Leben entzweigeschnitten würde, daß es vielleicht enden würde …“ (S.5f.).
Dann folgt die realistische Beschreibung des Unfalls, die Panik des flüchtenden Fahrers. Die detaillierte, anschauliche, sowohl genaue wie übersichtliche und nachvollziehbare Schilderung eines äußeren Ereignisses ist eine der schwierigsten Aufgaben eines Erzählers und nur wenige haben sie mit Bravour gelöst. Simenon gehört zu diesen wenigen Meistern der Ereignisschilderung und diese Passage ist ein Beleg für sein Können, dem es hier aber im wesentlichen um die geistige und moralische Dimension des Geschehens und seiner Folgen geht.
Der Fahrer jenes Autos heißt Joseph Lambert, er ist ein Bauunternehmer mit einigen Dutzend Angestellten in einer Kleinstadt an einem bekannten Kanal in der Mitte Frankreichs, seine Beifahrerin war seine Sekretärin Edmonde, mit der er eine intime Beziehung unterhält, und dieser Faktor war der Grund, warum er beim Fahren abgelenkt war und jenen Unfall verursacht hatte. Es versteht sich von selbst, daß Simenon den Hintergrund der Geschichte, das Baugeschäft mit seinen diversen Sparten und Arbeitsstellen in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung, mit einer beachtlichen Kennerschaft skizziert, und nicht weniger überzeugend sind die Porträts der beteiligten Personen, des Bruders von Lambert, der die Planungsabteilung führt, und seiner Frau aus dem feineren Bürgertum, die zu dem derb energischen und sich rücksichtslos gebenden Bauunternehmer nicht recht passen will, der die Hauptperson und der Mittelpunkt der Geschichte ist.
So ist denn der Roman im wesentlichen eine Charakterstudie eines selbstherrlichen Mannes, der plötzlich und unerwartet in einer Situation gerät, wo er sich auf das schwerste schuldig macht. Dieses von ihm selbst verursachte Ereignis konfrontiert ihn mit drei Fragen, und von der Antwort auf diese Fragen hängt der Fortgang der Handlung ab und damit auch die Spannung der Erzählung: Erstens, wie kann er glaubwürdig vertuschen, daß er schuld an dem Unglück ist? Zweitens, wird seine Sekretärin schweigen oder ihn und sich selbst anzeigen? Und drittens, wie lange kann er die Last dieser übergroßen Schuld tragen?
Dies aber ist die innerste Absicht des Romans, darzustellen, ob und wie lange ein Mensch eine Schuld dieser Größe ertragen kann. Was den eingangs diskutierten Begriff der Schuld angeht, so ergeben sich hier keine Probleme. Es besteht kein Zweifel, daß Lambert durch sein fahrlässiges Verhalten den Unfall des Busses verursacht hat, obwohl er den Unfall nicht direkt beabsichtigt hat. Doch hat er durch seine Unachtsamkeit eventuelle Folgen in Kauf genommen. Hauptsächlich ist er aber deshalb schuldig, weil er geflohen ist und nicht versucht hat, zu retten, was zu retten war, z.B. die Türen des Busses zu öffnen, die Fenster einzuschlagen, damit die Kinder aus dem brennenden Bus hätten entkommen können. Wie zitiert, hat Lambert durchaus ein Schuldbewußtsein wegen seines Verhaltens vor und nach dem Unfall, und außerdem verspürt er auch ein Gefühl der Schuld, was sich durchaus nicht von selbst versteht.
Simenon läßt nicht nur keinen Zweifel in der Frage der Schuld, in seinen Augen das schwerste Vergehen, da es sich um die Tötung von Kindern handelt, die in seinem Werk der Prototyp des Schändlichsten und Bösesten ist, das er sich vorstellen kann. Er schildert in allen Kapiteln des Romans die Prozedur der Ermittlung der Tat, die Bergung und Identifizierung der Toten, die Veranstaltungen der Trauer, die Teilnahme der großen Masse der Stadtbewohner und inmitten der in Trauer, Empörung und Wut versunkenen Stadt den in sich verschlossenen, trotzigen Bauunternehmer, der versucht, unentdeckt aus der Sache herauszukommen.
Diese Andeutungen genügen, um erkennen zu lassen, daß diese Geschichte in die Rubrik der schwarzen Romane Simenons gehört, an die Seite des düstersten Romans seines Œuvres, Der Schnee war schmutzig (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, 69ff.). Die Komplizen erzählen eine Geschichte ohne Hoffnung, ohne einen Schimmer des Trostes, eine Geschichte der schwersten Schuld und der existentiellen Ausweglosigkeit, eines Überdrusses zu leben, der um so hoffnungsloser wirkt, als es sich um den Lebensüberdruß eines der vitalsten Menschen handelt, den Simenon je beschrieben hat. Bedrückender und bedrängender läßt sich eine moralische Atmosphäre nicht vorstellen.
Doch hat diese Geschichte noch eine andere Seite, die an sich durchaus menschlich ist, doch die düstere Atmosphäre nicht aufhellen kann, weil sie aufs engste mit der Schuldfrage verquickt ist. Sie wird im Titel des Romans angedeutet, der nicht nur zwei Täter einer Straftat bezeichnet, sondern die mentale Verbundenheit zweier Menschen. „Komplize“ ist ein Fremdwort, für das es im Deutschen kein entsprechendes Wort gibt. Mittäter oder Helfershelfer, die Synonyme des Duden, bezeichnen nur eine äußerliche Bedeutung, nicht jedoch den wesentlichen Sinn des Begriffs, der das geistig-moralische Phänomen eines Einverständnisses ausdrückt, das mehrere Menschen hinsichtlich einer anrüchigen Sache, eines unsauberen Geschäftes, einer kriminellen Handlung verbindet.
Von dieser Art ist das erotische Verhältnis zwischen Lambert und seiner Sekretärin, einer der Faktoren, die den Unfall verursachten. Über die Art ihrer Beziehung heißt es: „Weil sie nicht ineinander verliebt waren, haben sie sich niemals wie Verliebte benommen, es gab nichtsdestoweniger zwischen ihnen eine Intimität von einer Art, die an die Komplizenschaft grenzte.“ (S. 81). So versteht man auch, warum Lambert nach dem Unfall keine Verbindung mit Edmonde sucht, um die Sache zu besprechen: „Es war vielmehr eine stumme Komplizenschaft“ (S. 88). Lambert möchte dagegen noch einmal das höchste Vergnügen dieser Beziehung, eine Art erotische Ekstase, erleben. Es ist aber einer der feinsten Züge dieser Erzählung, daß Lamberts Vorwegnahme der Begegnung in der Phantasie, der erotische Tagtraum, befriedigender ausfällt als die reale Begegnung, die ihn enttäuscht. Übrigens war sein Wunsch auch dadurch begründet, daß er sich selbst beweisen wollte, daß in dem Vergnügen, das sie sich gegenseitig verschafften, nichts Schmutziges und Schuldhaftes sei (S. 153).
Im Grunde aber kann nichts den unglückseligen Helden dieser Geschichte, der der ganzen Welt die Stirn bietet, ein grober Kerl, wie er im Buche steht, von seiner Angst vor Entdeckung und von seinem schlechten Gewissen befreien. Am Abend des Unglücks, nach Stunden in schäbigen Lokalen heißt es von ihm: „Er hatte von allem die Schnauze voll, von seiner Frau, seinem Bruder Marcel, den Mädchen mit Goldzähnen und den Bridgespielern, der Stadt […] Er hatte von sich selbst die Schnauze voll, er hatte es satt, ein Mensch zu sein.“ (S. 50). Er ist sich seines moralisch veränderten Lebens klar bewußt geworden: „Seit er aufgestanden war, ging er, benahm er sich, sprach er, betrachtete er die Leute nach Art eines Schuldigen.“ Genauer heißt es, daß er „den bitteren Nachgeschmack eines schlechten Gewissens“ hat, ganz so, wie er es einst von einem Vikar gehört hatte (S. 58).
Dies ist eine subtile Anspielung darauf, daß die moralische Bildung oder das moralische Urteil in unserer Kultur christlich geprägt ist, und damit ist natürlich die heikle Frage verbunden, wie die ethischen Probleme in einer säkularen Gesellschaft zu verstehen und zu begründen sind, wenn die christlichen Werte keine Geltung mehr haben. Simenon hat verschiedentlich diese ungeklärte Schwierigkeit des Moralverständnisses berührt, was ja heißt, daß er ihre existentielle Bedeutung immerhin erkannt hat. Dem kann man hinzufügen, daß dieses Problem auch in der zeitgenössischen Philosophie ungelöst ist, ja kaum als solches geklärt ist (cf. J.Q., Die Grenzen einer säkularen Ethik , S.86f.).
Lambert aber wird niemals die Sekunden des Unfalls vergessen, die „seine ganze Existenz“ verdunkelten (S. 94). Die banalen Beschäftigungen des Alltags vor Augen, fragt er sich, was er denn verlieren würde, wenn er sich eine Kugel durch den Kopf jagte, und was ihn daran hindern könnte (S. 135). Nach zwei weiteren Tagen gesteht er sich, „daß er anfing, wahrhaftig Schiß zu haben“, und daß er keine Lust hat, ein neues Leben zu beginnen (S. 141).
Zum Schluß möchte ich nur bemerken, daß Lambert vier Tage lang die Last und den Druck seiner Schuld erträgt. Diese trostlose, beklemmende Geschichte, die die Geschichte eines Menschen ist, der durch eine sekundenlange Unachtsamkeit die größte Schuld auf sich lädt, obwohl er an sich kein Verbrecher ist, wird vom ersten bis zum letzten Satz aus der Perspektive dieses Mannes erzählt, der auf seine Art sich treu geblieben ist und wenigstens in dieser Hinsicht unsere Achtung verdient.

Crime impuni (1953)

Unbestraftes Verbrechen ist ein fesselnder Roman, den man nicht aus der Hand legen möchte, bevor man nicht den Ausgang der Geschichte kennt, und dies liegt vor allem an der konzeptionellen Linienführung, die einfacher und klarer nicht sein könnte. In dem Roman steht nämlich der Königsgedanke Simenons, das Hauptmotiv der Maigrets, zur Debatte: das Menschenrecht, gehört und verstanden zu werden, und weil ihm dieses Recht verweigert wird, tötet der Held des Romans seinen Kontrahenten.
Das Geschehen spielt sich an zwei Orten und zu zwei verschiedenen Zeiten ab, und die Handlung wird im wesentlichen von zwei Personen bestritten. Sie besteht aus einem geistigen Kräftemessen zwischen zwei Charakteren, und weil der eine Partner den Dialog verweigert, so daß der andere niemals den Frieden mit sich selbst findet, muß er sterben (S. 188).
Der erste Teil des Romans heißt: „Le coin d’Elie“ (Die Ecke Elies). Gemeint ist der Platz, den Elie Waskow, hochbegabter jüdischer Student aus Wilna, in der Pension von Madame Lange in Lüttich gefunden hat, ein Platz am Küchentisch nahe dem warmen Ofen, wo er an seiner Doktorthese arbeitet, weil sein Zimmer im Zwischengeschoß eiskalt ist. Nach seiner alles andere als behüteten Kindheit ist dieser Platz für Elie der Inbegriff von Friede und Sicherheit (S. 41), und er wünscht, sein ganzes Leben in diesem beruhigenden Ambiente mit der Pensionswirtin und der kränkelnden Tochter zu verbringen. Derzeit erlaubt ihm das Stipendium einer jüdischen Organisation, hier zu studieren und am Rande des Existenzminimums zu leben. Er war immer arm und ist es geblieben, wie sein Speiseplan es ausweist: „Er hatte seine Ausgaben ein für allemal festgelegt: morgens, ein Gläschen Joghurt, ein Brötchen und eine Tasse Tee; mittags, ein Ei, Brot und Margarine; abends, Brot und ein Ei“ (S. 19).
Diese Sicherheit wird nun gestört, als Michel Zograffi, ein rumänischer Student des Bergbaus, der Sohn eines reichen Tabakhändlers, auftaucht. Michel bemüht sich um die Freundschaft Elies, der dies jedoch ablehnt mit dem ganzen Stolz des Armen, der sich seine Unabhängigkeit und Souveränität bewahren will und von sich hochmütig behauptet, er brauche niemand (S. 44). Als Michel mit der Tochter des Hauses ein Verhältnis anfängt, sieht Elie seinen Platz ernsthaft bedroht und er beschließt, Michel zu bestrafen. Er schießt auf ihn und beraubt ihn, bringt es aber nicht über sich, ihn zu töten. Diese Ereignisse spielten sich 1925/26 ab.
Der zweite Teil des Romans beginnt 26 Jahre später in einer Kleinstadt in Arizona, die vom Bergbau lebt, und heißt: „Der Eigentümer von Carlson-City“, der, wie sich bald herausstellt, niemand anderes ist als Michel Zograffi, der die Verletzung mit einem künstlichen Kiefer und beschädigtem Kehlkopf überlebt hat. Der Zufall und die Regiekunst des Autors wollen es, daß Elie Waskow Rezeptionist in dem Hotel der Stadt ist, das nun ebenfalls Michel gehört. Elie möchte sich vor Michel rechtfertigen, doch dieser ignoriert ihn und verweigert jedes Gespräch.
Soweit die Nacherzählung der in sich schlüssigen und ohne weiteres verständlichen Handlung, zu der ich nur drei Bemerkungen machen will. Zunächst zum Motiv Elies, der sich durch die nonchalante, exhibitionistische Schamlosigkeit, die Michel in seinem Verhalten zeigt, zutiefst verletzt fühlt: „Man hatte seinen Bau geplündert. Ihm, der nichts hatte, hat man etwas gestohlen. Es gab für ihn kein mögliches Leben mehr in diesem Haus. […] Dieses Verbrechen konnte nicht unbestraft bleiben.“ Und zwar nur wegen seiner selbst. „Er brauchte keinen Haß, nur das Gefühl der Gerechtigkeit. Wenn er nicht eingreifen würde, würde Michel fortfahren glücklich zu sein, die Welt hätte keinen Sinn mehr, eine Existenz wie die Elies würde eine Art Ungeheuerlichkeit (monstruosité) werden.“ (S. 95) Und weiter heißt es in der Selbstrechtfertigung Elie gleichsam als letzte Entscheidung: „Er mußte sich selbst retten. Es war unerläßlich, daß es eine Gerechtigkeit gab.“ (S. 97)
Der verletzte Stolz als das ausschlaggebende Motiv, einen Mord zu begehen, dürfte einer der wichtigsten Einsichten Simenons in die Psychologie des Verbrechens sein. Man begegnet ihm in mehreren Werken des Autors. Nach dem parallelen Aufbau dieses Romans nimmt Elie im zweiten Teil seine Selbstrechtfertigung wieder auf und wieder geht es ihm darum, seinen Platz zu verteidigen, denn „er braucht seine Ecke“ (S. 164). Er erkennt, daß dies der Grund für alles war, was er getan hat.
Die zweite Bemerkung betrifft die naheliegende Frage, warum Elie sein vielversprechendes Studium ganz aufgegeben und sich mit dem Beruf eines Rezeptionisten und kleinen Buchhalters zufrieden gegeben hat. Die Antwort ist darin zu suchen, daß er sein Verbrechen büßen wollte, zunächst drei Jahre lang, gewissermaßen untergetaucht, als Hilfsarbeiter im Hamburger Hafen, erbärmlich unter der Kälte leidend, dann in New York, Chikago und Carlson-City in der Hotel-Halle, dem Gegenstück zu der Pension in Lüttich, nun aber in einem warmen Land und in der Lage, jederzeit essen zu können, was er möchte. Der Gedanke, daß man ihn wieder aus „seiner Ecke“ vertreiben könnte, versetzt ihn in Panik: „Man hatte nicht das Recht, das von ihm zu verlangen. Er hatte seinen Platz so teuer bezahlt, wie es einem Menschen zu bezahlen möglich war.“ (S. 158)
Die dritte Bemerkung betrifft den Stoff, aus dem diese Romandichtung entstanden ist. Sie bietet ein Musterbeispiel dafür, wie das persönlich Erlebte literarisch adäquat verarbeitet und transformiert werden sollte. Bei der Schilderung der Pension in Lüttich stützt Simenon sich auf seine Erinnerungen an sein Elternhaus vor 1914, als seine Mutter an osteuropäische Studenten Zimmer vermietete und Simenon höchst neugierig den Gesprächen dieser exotischen Gäste lauschte (Assouline 1996, 37). Die Beschreibung dieses Ambientes im Roman erreicht eine sinnliche Intensität von fast schmerzhafter Dichte.
Im amerikanischen Teil greift Simenon auf die Beobachtungen zurück, die er in Arizona von Land und Leuten, vor allem von den Geschäftsusancen, den aufgegebenen Minen und den verlassenen Städten gemacht hat. Wenn das Ideal der Literatur darin besteht, die Darstellung authentischer Erfahrung zu sein, haben wir es bei Crime impuni mit authentischer Literatur zu tun (cf. J.Q., Über das authentische Selbstbild , 145ff.).
Dieser Eindruck wird nicht zuletzt auch durch den kosmischen Ausblick verstärkt, der sich auch in diesem Roman findet. In der Nacht vor der abschließenden Tat heißt es aus der Sicht Elies im Hinblick auf Michel: „Der andere schlief, ganz oben, mit dem Gesang der Grillen, der durch die offenen Fenster zu ihm drang, und in zehntausend Jahren würden die gleichen Sterne am Himmel funkeln. Man hatte ihn einst gelehrt, ihre Geschwindigkeit zu berechnen. Nichts bleibt stehen. Die Welt scheint unbeweglich zu sein und, in einer schwindelerregenden Bewegung, entfernt sie sich Gott weiß wohin, mit winzigen Wesen wie Elie, die sich an die kleinsten Unebenheiten klammern.“ Die Überlegung schließt mit dem Hinweis auf die Macht der Natur über den Menschen: „Er schlief, den Mund offen, weil ein Mensch immer damit endet, daß er einschläft.“ (S. 187)
Wer La vieille (Die Alte) gelesen hat, weiß, daß dort das gleiche Thema behandelt wurde: der Wunsch eines Menschen, „eine Ecke“ für sich zu haben (cf. J.Q., Das traurigste Buch).

Les autres (1961)

Eine moralische Geschichte im Gewand einer Familiengeschichte, die in einer größeren Provinzstadt im nördlichen Frankreich spielt — so könnte man das Genre dieses Romans, Die anderen, beschreiben. Es fällt auf, daß der Roman ganz undramatisch ist, obwohl die Geschichte mit einem Selbstmord beginnt; doch wird die Familie durch dieses Unglück keineswegs betrübt oder seelisch erschüttert, vielmehr empfindet sie diesen Tod als ein Rätsel, das ihnen ganz unbegreiflich ist. Dies ist einer der Gründe, warum über dem Geschehen eine eigentümliche intellektuelle Spannung liegt, auch bestehen die Ereignisse eher aus „Gewissensdramen“ als aus handgreiflichen Aktionen (S. 154). Die zweite moralische Frage, die auf eine Antwort wartet, ist eine Frage der Treue und Gerechtigkeit, die Frage, ob der Tote sein Versprechen eingehalten hat, sein Vermögen seinen Neffen zu hinterlassen. Das dritte Problem betrifft das christliche Gebot, den anderen zu vergeben. Hier handelt es sich darum, ob ein Denunziant aus der Besatzungszeit erwarten kann, daß ihm verziehen wird.
In dieser Hinsicht fühlt man sich übrigens an den Präsidenten erinnert, der es erst nach einem Jahrzehnt über sich bringt, einem früheren Mitarbeiter seine Indiskretion zu vergeben; freilich erfolgt diese Nachsicht aus stoischer Gesinnung, während hier das Verhalten der betroffenen Person christlich motiviert und nur auf diesem Hintergrund erklärbar ist (cf. J.Q., Politiker, literarisch betrachtet).
Es ist nicht ganz leicht, die Verwandtschaftsgrade und internen Beziehungen dieser Familie zu durchschauen; man muß sie aber kennen, wenn man Sinn und Zusammenhang der Ereignisse verstehen will. Deshalb will ich wenigstens die gröbsten Züge der Verwandtschaft nachzeichnen. Der Stammvater der Familie ist Jules Huet; er hatte drei Söhne und eine Tochter: Antoine, der 1888 geboren wurde und mit 72 Jahren vor Allerheiligen stirbt, also 1960; Fabien, Clément und Juliette. Fabien und Clément sind früh gestorben, Juliette ist die Witwe eines Spediteurs, dessen Geschäft sie nun energisch und erfolgreich weiterführt. Clément hatte zwei Söhne: Blaise, von Beruf Zeichenlehrer, der Erzähler der Geschichte, und Lucien, ein Zeitungsredakteur; Fabien hatte einen Sohn, Édouard, und eine Tochter, Monique.
Édouard ist das schwarze Schaf der Familie, eine verkrachte Existenz, eine Art Hochstapler, der im Krieg seinen Cousin Lucien, ein Mitglied der Résistance, bei der Gestapo angezeigt hatte, worauf Lucien nach Buchenwald kam; er hat die Haft nur mit knapper Not überlebt. Édouard ist nun, total verarmt und gesundheitlich geschwächt, zurückgekommen, und hofft, daß ihn die Familie wieder aufnimmt. Seine Frau Marie ist dazu nur zu gerne bereit.
Als Jules Huet 1919 starb, stellte sich heraus, daß sein Hotelbetrieb bankrott war, und so ergab es sich, daß Antoine als einziger der drei Söhne eine teure Ausbildung erhalten hatte. Er war Anwalt geworden, später einer der einflußreichsten Persönlichkeiten der Stadt, der sowohl seinen Brüdern als auch Blaise und Lucien zu ihrer beruflichen Stellung verholfen hatte. Weil er derart bevorzugt worden war, versprach Antoine, sein Vermögen den Söhnen seiner Brüder zu vermachen, die in ihrer Ausbildung benachteiligt worden waren. Und um das Ergebnis vorwegzunehmen, sei gleich angefügt, daß er sein Versprechen auch gehalten hat, sehr zum Ärger derer, die leer ausgingen.
Soweit der Überblick über die familiären Verhältnisse der Huets. Nun ein paar Worte zu dem nachdenklich stimmenden Umstand, daß in diesem Roman zwei Grundsätze Simenons rein zum Ausdruck kommen. Der erste Grundsatz hängt mit der Erzählweise und Erzählintention zusammen. Die Geschichte wird in Form eines Tagebuchs von Blaise erzählt, einem schriftstellerischen Laien. Er hatte den Roman seiner Familie geschrieben, doch wurde das Manuskript von den Verlagen und einem prominenten Autor abgelehnt, weil es keine Literatur im eigentlichen Sinne, sondern nur ein „menschliches Dokument“ sei (S.8). Wenn Simenon sich nun die Ironie leistet und als Erzähler einen Laien wählt, bekräftigt er seine Ansicht, daß für ihn ein Roman nur dann echte Literatur ist, wenn er ein menschliches Dokument ist.
Dies heißt mit anderen Worten, was die Erzählweise angeht, daß es für Simenon keinen uninteressanten Menschen gibt, und so ist der Erzähler bestrebt, jede Person, auch jede Nebenfigur, als unverwechselbare Gestalt und besonderen Charakter vorzustellen. Marie, eine gutmütige Frau, beschreibt er zum Beispiel mit den Sätzen: „Marie, die ich immer mit Marie Taboué ansprechen möchte, ihrem Mädchennamen, ist eine brave Person, die dem Leben gerade ins Gesicht schaut, einfach, ohne Prahlerei, und die das Geschick annimmt, was es auch sei, ohne sich dagegen zu sträuben.“ (S. 111)
Der zweite Grundsatz Simenons, die existentielle oder moralische Maxime seines Lebens, wird hier wörtlich angeführt, als man diskutiert, warum Antoine ausgerechnet Colette geheiratet hat, eine Frau, die dreißig Jahre jünger ist als er, eine zwar attraktive, aber psychisch labile Frau, die überdies unverhohlen nymphoman ist: „Er hat beschlossen, sie glücklich zu machen. Er hatte das Bedürfnis, irgend jemand glücklich zu machen, wenigstens eine Person“ (S.62). In seinen Memoiren erwähnt Simenon seine Maxime, die er schon mit neunzehn Jahren in einem Artikel zum Ausdruck gebracht hatte: „Wenn es jedem Menschen gelänge, nur einen anderen Menschen glücklich zu machen, dann würde die ganze Welt das Glück kennenlernen.“ (Simenon 1982, 435) Er zitiert dieses Motto, um seine Nachsicht gegenüber den Launen seiner kapriziösen Frau D. zu erklären. Ich brauche wohl nicht zu begründen, daß man aus dieser Parallele nicht folgern kann, die Frau Antoines sei in Charakter und Verhalten mit der Frau Simenons identisch.
Wenn man sich nun an jenes menschenfreundliche Motto Antoines erinnert, bleibt doppelt rätselhaft, warum er Selbstmord verübt hat, und diese Frage wird im Roman letztlich auch nicht glaubwürdig beantwortet. Lucien, ein „guter Christ“, der dafür sorgt, daß Antoine kirchlich beerdigt wird, weigert sich rundweg, das Verhalten Antoines überhaupt zu verstehen. Blaise behauptet zwar, verstanden zu haben, warum Antoine beschlossen hatte, „sich davon zu machen“ (S. 173). Er verweist auf die Langeweile in der Provinz und das Klima einer veräußerlichten Tradition, an deren Werte niemand mehr glaubt (S. 184). Doch ist dies alles andere als eine überzeugende Erklärung für Antoines Selbstmord. Aus der Distanz und der Perspektive des Beobachters betrachtet, heißt dies jedoch nur, daß es nach Simenons Ansicht letztlich keine schlüssige Erklärung dafür gibt, daß jemand sich selbst umbringt, und diesen Gedanken hat er in mehreren Romanen geäußert und kommentiert.
Bezeichnend ist weiterhin, daß Blaise, obwohl nicht praktizierend und nicht gläubig, sich auf das christliche Ideal der Nächstenliebe beruft, als er Lucien, den überzeugten Christen und hilfsbereiten Menschen, dazu bringen möchte, sich mit Édouard zu versöhnen. Wie erwartet, erfüllt Lucien denn auch diesen Wunsch (S.151), und ironischerweise ist er es, der wenig später sich von Édouard zu einem fragwürdigen Unternehmen überreden läßt (S. 187).
Diese Besprechung wäre nicht vollständig, wenn ich nicht die eindringliche Milieuschilderung des Romans erwähnen würde. Blaise beschreibt z. B. en passant, aber sachkundig, wie man Konfitüre einkocht – an solchen Kleinigkeiten erkennt man den Meister des Realismus, überdies natürlich auch an dem Selbstporträt des Erzählers, der sich seiner Mittelmäßigkeit bewußt und damit auch zufrieden ist. Dazu paßt durchaus, daß er als Jugendlicher unter der Monotonie des Lebens in der Provinz stark gelitten hat: „Ich kann sagen, daß ich meine Jugend, besonders die Sonntage, damit verbracht habe, meine Langeweile und meinen Ekel spazieren zu führen.“ Er ergänzt aber aufrichtig, daß er nicht die Energie aufbrachte, die Provinz zu verlassen: „Wie im Traum blieben meine Füße an den Boden festgenagelt und ich fühlte mich unfähig, weiterzugehen.“ (S. 91).
Daß man hier auch einiges über die Kulturgeschichte der französischen Provinz, etwa über die Gebräuche der Beerdingung und den Status einer Gesellschaft mit christlichen Wurzeln im Übergang zur säkularen Geistigkeit, erfährt, sei nur am Rande erwähnt. Für die geistige Situation ist das Vorgehen des Erzählers repräsentativ, der sich auf christliche Ideale beruft, wenn er eine moralische Norm begründen will. Er kennt keine andere Art der ethischen Begründung und diese intellektuelle Verlegenheit teilt er mit allen Mitgliedern einer säkularen Gesellschaft. Es ist, wie man sich erinnern wird, ein Leitmotiv im Werk Simenons, ein Gedanke, auf den ich wiederholt hingewiesen habe.

Literatur

Georges Simenon:
Les témoins (1954). Paris 1978.
Crime impuni (1953). Paris 1992.
Les complices (1955). Paris 1992.
Les autres (1959). Paris 1992.
Maigret aux assises (1959). Paris 1996.
Quand j’étais vieux (1970). Als ich alt war. Dt. L. Birk. Zürch 1977.
Intime Memoiren und Das Buch von Marie-Jo. Dt. H.J. Hartstein u.a. Zürich 1982.

Assouline, Pierre: Simenon. Paris 1996.
Quack, Josef: Die Grenzen des Menschlichen. Über Georges Simenon u. a. Würzburg 2000.
—, Grenzen einer säkularen Ethik.

J.Q. — 16. Mai 2017

©J.Quack


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