Josef Quack

Ein abenteuerliches Herz
"Die Beerdigung von Monsieur Bouvet"




Wenn ein Mensch dahin ist, nimmt er ein Geheimnis mit sich: wie es ihm, gerade ihm – im geistigen Sinn zu leben möglich gewesen ist.

H.v. Hofmannsthal

Es ist bei Simenons mehr als hundert Titel umfassenden seriösen Romanwerk nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten. Wer jedoch L‘enterrement de Monsieur Bouvet (1950, Paris 1997) gelesen hat, wird es niemals vergessen. Es ist einer der spannendsten, intellektuell rätselhaftesten, atmosphärisch dichtesten Romane Simenons, eine Erzählung, die das Flair von Paris am lebendigsten wiedergibt, und es ist, wenn der Superlativ in seinem Werk sinnvoll wäre, einer seiner menschlichsten Romane. Er handelt von einem Tod, der nicht tragisch ist, und einem Toten, dessen Bild den Zeitungslesern keine Furcht eingibt (S.130).

Ich bedaure es sehr, daß ich diesen Roman nicht gekannt habe, als ich Simenons traurige Geschichten besprach. Das Buch bringt nämlich in bestimmter Hinsicht ein Fazit signifikanter Themen des Autors: ein abenteuerliches Leben, das mit der Flucht in die Anonymität endet, ein mit unverhohlener Sympathie gezeichnetes Milieu der kleinen Leute, eine kuriose Geschichte der Ermittlungen, dies alles eingetaucht in einen strahlenden August im Herzen von Paris, nahe der Seine, in Sichtweite von Notre-Dame.

Ein Mann, der regelmäßig die Bouquinisten an der Seine besucht, fällt plötzlich vor einer Bücherkiste tot um, bedeckt mit den volkstümlichen Bildern, die er betrachtet hat. Man weiß von ihm nur, daß er René Bouvet heißt, 76 Jahre alt ist und in einem nahegelegenen Haus wohnt. So beginnt die Geschichte, die in einer Reihe der erstaunlichsten Ermittlungen die Frage zu beantworten sucht, wer dieser Mann war.

Zufällig ist ein amerikanischer Student mit einer Kamera an Ort und Stelle, er photographiert den Toten und verkauft das Photo an eine Zeitung, die es in der Abendausgabe auf der Titelseite bringt. Nach am selben Tag erscheint bei der Polizei eine Mary Marsh, die behauptet, die Frau des Toten gewesen zu sein, der mit wirklichem Namen Samuel Marsh geheißen habe und sehr reich gewesen sei. Er habe im Kongo eine Goldmine besessen. Am nächsten Tag erreicht ein Telegramm aus Belgien von Joris Costermans den Polizeidirektor, worin es heißt, Marsh sei nicht der richtige Name des Toten. Costermans kommt nach Paris und erzählt, daß er Marsh 1920 getroffen habe, der damals 47 Jahre alt war und im Kongo eine Goldmine erschlossen habe, wie „ein schwarzer König“ (un roi nègre) lebte, er wollte im Busch leben, „de s‘encanaquer“, d.h. um die Lebensart der Kanaken zu übernehmen (S.82). Er war der alleinige Besitzer der Mine und der Haupteigentümer einer Aktiengesellschaft, deren Vorsitzender Costermans ist. Heute war er ein Mann, dem über hundert Millionen belgische Francs gehören. Er ist nach 1932 verschwunden und lebte seit 1936 in dem Haus am Quai de Tournelle.

Im nächsten Akt der Recherche gelingt es Beaupère, einem gewissenhaften, bescheidenen Inspektor, dank seiner guten Milieukenntnisse durch einen glücklichen Zufall, die Schwester Bouvets ausfindig zu machen. Es stellt sich heraus, daß dessen richtiger Name Gaston Lamblot ist. Er ist der Sohn eines Textilienfabrikanten und hat die Familie 1897 im Streit mit seinem strengen Vater verlassen.

Die folgende Station seines Lebens wird von Inspektor Lucas rekonstruiert und zwar in einem Verhör während eines Sommergewitters, das er mit Mademoiselle Blanche behutsam führt, einer ehemaligen Dirne, nun eine alte, ängstliche, beleibte Frau mit schwachem Geist und geschwollenen Beinen, die mit einem Strauß Veilchen vor dem Haus Bouvets erschienen war. Es stellt sich heraus, daß Lamblot mit ihr liiert war, mit den Anarchisten jener Jahre verkehrte und nach der Ermordung eines Rivalen nach Belgien geflüchtet und später nach England gegangen sei.

Im letzten Akt der Ermittlung kommt endlich auch heraus, wie Lamblot zu seinem frühen Reichtum gekommen ist. Er war „der best bezahlte Spion des Krieges 1914-18“ (S.179), wo er in seiner Eigenschaft als Kammerdiener des deutschen Botschafters für die Engländer in Madrid tätig war.

Ein wechselhaftes, abenteuerliches Leben eines Mannes, der viele Rollen spielte. Seine Schwester spricht davon, daß sie „mehrere aufeinanderfolgende Persönlichkeiten“ Gastons gekannt habe (S.120), ein ungewohnt abstrakter oder fachspezifischer Gedanke in Simenons Œuvre, der sonst jeden wissenschaftlichen Begriff vermeidet. Mme Lair meint damit, daß man zu einer gewissen Zeit sich für einen bestimmten Typ des Menschseins entscheidet und Gaston sich zunächst für den Typ des peniblen Mannes, dann für den ungepflegten Anarchisten entschieden habe.

Für „Persönlichkeit“ könnte man auch qualitative Identität sagen, womit die Art Mensch bezeichnet wird, die man sein möchte. Sie ist von der numerischen Identität sorgfältig zu unterscheiden, welcher Begriff besagt, wer ein Mensch ist, und diese numerische Identität wird letztlich durch seine Stellung in Raum und Zeit, durch seine Biographie beschrieben. Sie läßt sich aus logischen Gründen nicht ändern, während man sehr wohl wählen kann, was für ein Mensch man sein möchte, d.h. man kann sich für eine bestimmte qualitative Identität entscheiden (cf. Ernst Tugendhat, Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung 1979).

Seine Schwester erwähnt auch das sonderbare Lächeln Gastons, das für ihn charakteristisch war und sich bis zuletzt erhalten hat. Der tote Bouvet hatte nämlich keine facies hyppocratica (Totengesicht), sondern ein Lächeln auf den Lippen (S.24). Es verweist darauf, daß er, wie Lucas meint, „sein Leben damit verbracht habe, sich über die Welt lustig zu machen“ (S.137).

Als Motiv für sein plötzliches Weggehen von einem Quartier oder einer Stadt wird einmal eine „Regung der Revolte, der Müdigkeit oder des Überdrusses“ angegeben (S.164). Man erfährt von seiner Freundschaft mit einem Clochard und seinem Wunsch, ein ähnliches Leben zu führen, und daß er nicht ohne Grund Mieter bei Madame Jeanne, der Concierge, geworden ist. Von ihr heißt es, daß sie in dem alten weißen Haus nur brave Leute zu haben versuche, „kleine Leute, die ihr bestes geben, um in Frieden beieinander zu leben und die sich nicht zu sehr verabscheuten“ (S.93). Bouvet wurde mit Bedacht ihr Mieter: „Hat er es nicht gewählt, wie er freiwillig seine Art zu leben gewählt hat – und beinahe auch seine Art zu sterben?“ (S.124)

Als Schlußwort über sein Verhalten können die folgenden Sätze gelten, die sich auf seine gemiedenen Verwandten und seinen bevorzugten Umgang mit der Concierge, Mlle Blanche und dem Clochard beziehen, nicht zu vergessen den kleinen Jungen der Nachbarwohnung, der sich weigert, vor der Beerdigung Bouvets in die Ferien zu fahren, weil Bouvet sein Freund gewesen sei: „Er hatte sie verlassen, die einen nach den anderen. Er ist weggegangen. Er hat sein Leben damit verbracht wegzugehen, und das war nun sein letztes Wegfahren, das sich nicht ohne Mühe organisieren ließ, das man ihm beinahe verdorben (rater) hätte.“ (S.189).

Der langen Rede kurzer Sinn aber ist, daß das Geheimnis der vielen Fluchten in Bouvets Vita nicht aufgeklärt wird. Das Rätsel seiner Persönlichkeit wird nicht gelöst. Dies entspricht durchaus der klassischen philosophischen Erkenntnis: Individuum est ineffabile (Das Individuum ist unaussprechlich, d.h. im Grunde nicht erkennbar).

Die Flucht aus der Alltäglichkeit ist ein ureigenes Thema Simenons, das er in verschiedenen Romanen behandelt hat. In einigen Geschichten handelt es sich um eine Flucht vor einer drohenden Gefahr, einer Verhaftung zum Beispiel; in anderen Geschichten geht es um eine freiwillige Flucht aus dem gewohnten Lebensrahmen in ein anonymes Dasein, eine Abreise ins Unbekannte und Ungewohnte aus Gründen, die nicht leicht zu verstehen sind (cf. Simenons traurige Geschichten, S. 84ff.). In der Geschichte Bouvets oder Lamblots haben wir es mit einer erzwungenen Flucht und mehreren freiwilligen Fluchten zu tun, deren Motive unerklärt bleiben. Ein Interpret meinte, das innerste Motiv für dieses Verhalten sei der Wunsch: „Jemand in den eigenen Augen zu sein, während man niemand in den Augen des anderen ist“ (P. Assouline, Simenon 1992, 817). Wie man sieht, wäre dies nur eine Variante des Märchengedankens: „Wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heißt“. Es ist aber offensichtlich, daß damit gewiß nicht das Verhalten Lamblots, sein mehrfacher Namenswechsel, seine verschiedenen Tätigkeiten und Abenteuer, erklärt und aufgeklärt wären, erst recht nicht die bescheidene Existenz seiner letzten Jahre, von denen die Concierge behauptet, er sei sehr glücklich gewesen (S. 49).

Noch ein Wort zum Titel. Er deutet an, daß die Beerdigung des Mannes tatsächlich auch ein Problem ist, vor allem für Madame Jeanne, die Concierge, die der Meinung ist, die Beerdigung sei ihre Sache, nicht die Sache der Polizei, die den Toten in ihr Labor überführt, auch nicht die Sache seiner Frau, seiner Tochter oder seiner Schwester. Sie fürchtet, daß man ihr den Toten klaut (chiper) (S.45).

Was die Erzählweise des Romans angeht, so ist dafür dreierlei charakteristisch. Erstens, der Roman handelt von der Aufklärung der Identität eines Unbekannten. Der Text besteht aus zwei Geschichten, der Geschichte der Ermittlung und der rekonstruierten Biographie Lamblots.

Zweitens, die Geschichte der Gegenwart aber hat, im Unterschied zu den Maigrets, keine Hauptfigur. Es ist ein vielpersoniger Roman. Eine wichtige Rolle spielen Madame Jeanne, Inspektor Lucas, der bekannte Mitarbeiter Maigrets, Inspektor Beaupère, der fleißige, bescheidene Ermittler, dem der Durchbruch der Recherche gelingt, indem er die Schwester Lamblots entdeckt, und den man keineswegs mit dem wehleidigen Inspektor „Pechvogel“ aus den Maigrets verwechseln darf; auch Mademoiselle Blanche und der Clochard namens Professor spielen eine wichtige Rolle – aber keine dieser Personen steht im Mittelpunkt der Gegenwartshandlung.

Dem entspricht dann drittens, daß viele Kapitel aus mehreren Szenen- und Perspektivenwechseln bestehen, ausgeführt im Stil der filmischen Montage, wobei der Wechsel oft in Form eines scharfen Schnittes vollzogen wird.

Bemerkenswert sind dabei auch längere szenische Einstellungen, so besonders das Verhör, das Lucas während eines Gewitters mit Mlle Blanche behutsam und taktvoll durchführt, um ihren schwachen Geist zur Erinnerung an ihre Erlebnisse mit Lamblot anzuregen. Durchaus beachtlich ist auch das mühsame, teils einsilbige Verhör, das Beaupère mit dem Clochard führt, dessen Gehirn durch das Trinken fast ausgelöscht ist.

Simenon schrieb den Roman im Februar 1950 im kalifornischen Carmel by the sea, der Nachbarstadt von Monterey, wo J.L. Stevenson seinerzeit weilte, bevor er in die Südsee aufbrach (Simenon, Intime Memoiren 1982, 370). Vielleicht hat diese Erinnerung Simenon zu dem abenteuerlichen Thema angeregt, zu einem Roman, der sich wie ein Resümee aller abenteuerlichen Geschichten liest, die er je erzählt hat, mit einem Helden, der letztlich unbekannt bleibt.

J.Q.   —   26. Mai 2021

©J.Quack


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