Josef Quack

Geschlossene Gesellschaft
"Die Leute von gegenüber"




In diesem Roman, Les gens d‘enface (1933, Paris 1977), führt Simenon seine überraschten Leser nach Batum, der Hauptstadt von Adscharien, an der Ostküste des Schwarzen Meeres gelegen, an die Türkei und Georgien angrenzend, eine Region, die nach dem Ersten Weltkrieg von der Sowjetunion beherrscht wurde und eben diese Herrschaft und ihr Gesellschaftssystem sind das Ziel der Kritik, die Simenon hier übt. Er hat diese Kritik in eine pikante Kriminalgeschichte gekleidet, was seinem Widerspruch eine Schärfe gibt, die der reinen Ideologiekritik nicht eigen ist.

Simenons Held, im Guten wie im Bösen, ist in allen seinen Romanen der einzelne Mensch. Die Mentalität, der Charakter, das moralisches Verhalten des Einzelnen sind die Themen, denen die ungeteilte Aufmerksamkeit des Romanciers gilt, und es versteht sich von selbst, daß er niemals Verhältnisse gutheißen kann, in denen die Gesellschaft den unbedingten Primat hat und der Einzelne ihren Ansprüchen und Geboten streng untergeordnet ist. Dieser Art aber sind die Verhältnisse in Batum unter kommunistischer Herrschaft, ein Ort öffentlich verwalteten Elends, ohne das bunte, geschäftige Straßenleben, das sonst für orientalische Städte typisch ist.

Nun war es ein kluger Einfall, daß Simenon als Protagonist dieser Geschichte nicht einen Westeuropäer gewählt hat, sondern eine Person des Nachbarlandes, den türkischen Konsul, den Vertreter eines Staates, der selbst einmal über Adscharien geherrscht hat. Viele Bewohner des Landes sind türkischer Abstammung und suchen Rat und Hilfe bei dem Konsul. Der Konsul aber erlebt das an der Grenze zur Türkei gelegene Batum als die totale Fremde, als Unrechtsregime und Überwachungsstaat der übelsten Sorte.

André Gide notierte über den Roman: „Die Leute von gegenüber (wiedergelesen in Algier, September 1944). Ausgezeichnete und sehr genaue Zeichnung der russischen Atmosphäre. Der Konsul von Persien in Baku, überlistet, ausgespäht, von allen Seiten überwacht, endet damit, daß er flieht.“ (Pierre Assouline, Simenon 1992, 604f.) Von dem Irrtum abgesehen, daß es sich um den türkischen Konsul und um Batum handelt, hat Gide auf die Stärke des Romans aufmerksam gemacht: die Schilderung des erdrückenden politisch-gesellschaftlichen Klimas in dem abgelegenen Land.

Der türkische Konsul Adil-Bey besucht am Tag seiner Ankunft in Batum, begleitet von seinem Stellvertreter aus Tiflis, das italienische Konsulat, wo er auch den persischen Konsul trifft, die drei einzigen ausländischen Gesandten in der Stadt. Sein Stellvertreter verläßt mit dem persischen Gesandten das Haus, ohne Adil über die Amtsgeschäfte informiert zu haben. Als der italienische Kollege über die moderne Türkei spottet, verläßt Adil schwer beleidigt die Gesellschaft. Man versteht, daß er sich in seinem Nationalstolz verletzt fühlt. Er hat als Soldat für die neue türkische Republik gekämpft und kennt Mustafa Kemal Pascha, genannt Atatürk, Vater der Türken, persönlich, den Präsidenten des neuen laizistischen Staates, der die muslimische Geistlichkeit entmachtet und die moderne Zivilisation eingeführt hat. Adil wurde europäisch erzogen, er spricht Französisch und Deutsch.

Er irrt durch die Straßen. In seiner Amtswohnung findet er die Fenster ohne Vorhänge, so daß er immer den Blicken der Leute am Fenster gegenüber ausgesetzt ist. Später erfährt er, daß der Mann, Koline, der Chef der maritimen GPU, d.h. der Hafenpolizei, ist. Am nächsten Morgen erscheint die Sekretärin des Konsulats zum Dienst, Sonja, 20 Jahre alt, die Schwester Kolines. Da er ohne Personal ist, muß er seine Räume selbst putzen. Als nach Wochen eine Aufwartefrau erscheint, hat er den Eindruck, daß sie ihn auch wie Sonja hauptsächlich überwachen muß, sie spricht nicht mit ihm und bringt nach ihrem Belieben Verwandte mit in das Haus.

Die Ausländerbehörde, an die er sich mit Sonja als Dolmetscherin wendet, behandelt alle seine Gesuche dilatorisch oder direkt abweisend, sich auf Anweisungen aus Moskau berufend. Als ein türkischer Staatsbürger, der ihm in seinem Büro vertraulich berichtet hatte, daß er Leute über die Grenze führt, am Tag danach erschossen wird, erhält er von seinem diplomatischen Kollegen und von John, einem amerikanischen Journalisten, den Rat, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Er vermutet, daß Sonja, die Zeugin jenes Gesprächs, den Mann denunziert hat. Er spricht ohne Erfolg bei der Behörde vor, als ein anderer türkischer Staatsbürger verhaftet wird und seine Frau völlig mittellos zurückläßt.

Er nimmt mit Sonja intime Beziehungen auf, fühlt sich jedoch von Tag zu Tag unwohler, bis er davon überzeugt ist, vergiftet zu werden. Er verdächtigt Sonja, stellt sie zur Rede, bis sie ihm bekennt, daß sie seinen Vorgänger vergiftet habe und ihm das Gleiche drohe. Er gesteht ihr trotz allem seine Zuneigung und überredet sie, mit ihm nach Istanbul auszureisen. Am nächsten Morgen erscheint sie nicht zum Dienst. Als er bei der Behörde deshalb vorstellig wird, weist man ihn ab. Bei der Ausreisekontrolle auf dem Schiff bemerkt er, daß Koline ein schwarzes Trauerband trägt, was bedeutet, daß Sonja erschossen wurde.

Bei der Abfahrt des Schiffes ging er „in seine Kabine, drehte den Lichtschalter um und betrachtete mechanisch das Bullauge, wie um sich zu versichern, daß es gegenüber kein Fenster mehr gibt“ (S.181).

So kurz dieser Bericht über Adil Beys Erlebnisse in Batum ist, er beschreibt doch deutlich genug den Status der Isolation und Überwachung, in der Adil sich befindet, und den unausweichlichen Druck, der auf der Gesellschaft und besonders auf allen Fremden lastet. Der erste Besuch in der Ausländebehörde wird mit Worten geschildert, die die sozusagen amtliche Verachtung der Menschen unmißverständlich zum Ausdruck bringen: „Adil-Bey und Sonja schlängelten sich durch Dutzende Menschen hindurch, die entlang der Treppe lagerten, durchquerten Räume, so voll von Menschheit, daß dies eine anonyme Masse bildete und, am Ende eines Flurs, drückten sie eine Tür auf.“ (S.37)

Adil Beys Erfahrung mit der allmächtigen Behörde erreicht kafkaeske Dimensionen, aber mit dem feinen Unterschied, daß Kafkas Romanfiguren einer namenlosen, unfaßbaren Instanz ausgeliefert sind, während Adil es mit einer wohlbekannten Herrschaftsorganisation zu tun hat. Doch verhält sich nicht nur die Behörde abweisend, sondern auch die Menge des öffentlichen Raumes. Bei einem offiziellen Umzug, dessen Anlaß und Ziel er nicht kennt, wird er „buchstäblich wie ein fremdes Objekt von einer Straße in die andere geworfen“ (S.93).

Sein primärer und ständig bestätigter Eindruck ist der der gesellschaftlichen Isolation, einer Einsamkeit, die schließlich total wird. Es beginnt in seiner Wohnung, wo er „eine beängstigende Empfindung von Leere (de vide)“ hat: „Doch war nicht nicht nur sein Zimmer leer, sondern auch die Stadt, wo es nur den kleinen warmen und erleuchteten Punkt der Bar gab“, nämlich den einzigen Ort der Geselligkeit für Fremde (S.67). Weiter heißt es: „Man bringt seine Einsamkeit überall hin mit, selbst wenn man zu den Leuten ging“, zu Kollegen oder der Ausländerbehörde (S. 105).

Auch die Reglosigkeit des Meeres wird für Adil zum Symbol für die gesellschaftliche Erstarrung oder die absolute Verlassenheit: „Was das Meer angeht, so hatte es nicht das Aussehen, das Meer zu sein, noch überhaupt etwas. Es war ein Grau ohne Grund, eine Leere, die einen feuchten Hauch ausatmete. Es gab nicht mal Wellen am Ufer, kein Plätschern im Becken. Es war flach wie ein Tümpel, mit Milliarden kleiner Kreise, die die Regentropfen zeichneten, Milliarden von Milliarden, bis zum Horizont, bis zur Türkei, vielleicht noch viel weiter?“ (S.128) Damit wird angedeutet, daß die Leere schließlich das ganze Universum durchdringen könnte, ein kosmischer Gestus, den Simenon mit Joseph Conrad teilt.

Adil bekennt gegenüber Sonja: „Ich hatte das Aussehen, allein in der Leere herumzuirren“ (S.145). Nach dem Verschwinden Sonjas, bei seiner Abreise, als er keinen Träger für sein Gepäck findet und es allein auf einem Schubkarren zum Hafen bringen muß, heißt es: „Es war um ihn ein Vorurteil der Leere und des Schweigens“, d.h. die Leute wichen vor ihm zurück und schwiegen. „Was konnte er tun, mit seinem Gepäck am Rande des Bürgersteigs? Man umgab ihn mit Leere, man kreist ihn ein, man wollte ihn in der Leere ersticken!“ (S.173f.) Das ist der letzte Eindruck, den Adil von dem Gesellschaftssystem Batums mitnimmt.

Wie man weiß, ist „le vide“, die Leere, bei Simenon eine Metapher für die existentielle Sinnlosigkeit; man findet das Wort, emphatisch gebraucht, fast in jedem seiner Romane, und zwar sagt er das Wort jedes Mal so, als wäre es neu. Das Phänomen, ein abgenutztes Wort so zu verwenden, daß es wieder den Glanz und die Sinnfülle des ersten Gebrauchs erhält, hat Karl Kraus „das Geheimnis der Geburt des alten Wortes“ genannt. Es ist höchste Sprachkunst (cf. J.Q., Rückschritte der Poesie, S.73.).

Was nun die Gesellschafts- und Systemkritik angeht, so muß man wissen, daß Simenon sich in den ideologischen Auseinandersetzungen jener Zeit, der frühen dreißiger Jahren, die von der unbewältigten Weltwirtschaftskrise geprägt waren, gut auskannte. Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus kontra Demokratie und liberaler Rechtsstaat, freie Wirtschaft versus Planwirtschaft, russische Revolution versus permanente Weltrevolution — das waren die politisch-ideologischen Streitpunkte jener Jahre, die Simenon durchaus vertraut waren. Er war Hitler begegnet und hatte ein exklusives Interview mit Leo Trotzki geführt, der damals in der Nähe von Istanbul lebte. Ich vermute, daß Simenon bei dieser Gelegenheit auch mit den Verhältnissen in Batum vertraut wurde, wenn er die Stadt nicht sogar selbst besucht hat.

Merkwürdig ist aber nun, daß Simenon trotz seines politisch-ideologischen Wissens diese Kenntnisse in dem Roman nicht explizit zur Sprache bringt. Das Wort „kommunistisch“ kommt in dem Text nicht ein einziges Mal vor. Adil verwendet in seinem leidenschaftlichen Diskussionen mit Sonja keine ideologischen Phrasen, sondern handfeste Argumente, Beobachtungen hungernder Bettler, von Arbeitern, die drei Rubel am Tag verdienen, von vielen Arbeitslosen.

So begründet diese Argumente auch sein mögen, Adil stößt damit bei Sonja immer auf Widerspruch, der oft genug auch gut begründet zu sein scheint. Über die Bettler sagt sie, daß alle, die arbeiten, etwas haben, um sich zu ernähren, und es gebe Arbeit für jedermann (S.44). Ihr kaum zu bestreitender Einwand auf Adils Hinweis auf die Hungernden in der Stadt aber lautet: „Gibt es keine Armen, bei Euch? Gibt es nicht Millionen von Arbeitslosen in Amerika, in Deutschland und anderswo?“ (S.75)

Man erinnere sich, daß man sich in den Jahren 1932/33 befindet und die Arbeitslosigkeit in Deutschland erst vier, fünf Jahre später überwunden wurde, in Amerika endgültig erst durch die Kriegswirtschaft 1942/43. Damit ist gesagt, daß man bei dem Elend, das damals in kapitalistischen Ländern herrschte, nur schwache, wenig überzeugende ökonomische Gründe gegen die Mängelerscheinungen der kommunistischen Praxis vorbringen konnte.

Adil aber kann auf unbestreitbare Tatsachen hinweisen, daß es zum Beispiel in der Stadt drei Wochen lang keine Kartoffeln gab (S.112), und auf den Einwand, daß es auch anderswo Hunger gebe, würde er Sonja „Photographien der Bazars von Stanbul zeigen, mit Tausenden von Ständen, die sich unter dem Gewicht von Lebensmitteln bogen. Hatte sie jemals ganze Lämmer gesehen, die sich auf offener Straße um Bratspieße drehten? Für einige Piaster konnte man davon einen Teller voll kaufen!“ (S.118) Eine Schilderung, die nicht zu bestreiten, ein kritisches Argument, das kaum zu widerlegen ist.

Schließlich sei noch erwähnt, daß in dem Roman als Mordmotiv beleidigter Stolz, die Rache für menschliche Erniedrigung, verletzende Demütigung angegeben wird, ein seltenes, oft verkanntes oder übersehenes Motiv, das Simenon gelegentlich besprochen hat (cf. Die Zeit von Anais).

Les gens d‘enface aber sind einer der wenigen Romane Simenons, in denen er das politische Thema, wenn auch nicht in ideologischer Form, sondern im Hinblick auf die Verhältnisse des Alltags, direkt behandelt. Sie sind derart, daß ein freier Mensch sie nur fliehen kann. Gewiß eine krasse Erfahrung, doch hat Simenon gefunden, daß die politische Sphäre meistens eine trübe Sache ist. Als Maigret einmal eine politische Affäre untersuchen muß (Maigret bei dem Minister), kommt es fast zum Streik seiner engsten Mitarbeiter, die damit nichts zu tun haben wollen (cf. J.Q., Simenons traurige Geschichten, S.121f.).

J.Q. — 1. Aug. 2021

© J.Quack


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