Josef Quack

Traurige Tropen der Kolonialzeit
"Der Mondstich"




Simenon unternahm 1932 eine Reise quer durch Afrika und zwar von Ost nach West, ausgehend von Ägypten und dem Sudan am Äquator entlang bis zum Kongo, Libreville in Gabun und dem Atlantik. Das journalistische Ergebnis der Reise war eine große Reportage in einer Pariser Wochenzeitung, ein Bericht, von dem sein Biograph, Pierre Assouline, allerdings meint, daß seine antikolonialistische Tendenz nicht ganz zweifelsfrei sei (Simenon 1992, 261). Ein literarisches Ergebnis dieser Reise war Le coup de Lune (1933; Paris 1985). Hätte Assouline diesen Roman, den er aus hier nicht interessierenden Gründen in seiner Biographie mehrfach erwähnt, wirklich gelesen, dann hätte er darin die unerbittlichste Kritik des Rassismus und Kolonialismus finden können, eine Kritik, die sich auf die Achtung der Menschenwürde der Afrikaner gründet.

Traurige Tropen hieß ein 1955 in Paris erschienenes, bald berühmt gewordenes Buch des belgischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Das Buch ist ein Bericht über kurze Feldforschungen bei Ureinwohnern in Brasilien, der Entwurf einer strukturalistisch verfahrenden Ethnologie, ein kritischer Blick auf die Segnungen, die die moderne Zivilisation den Eingeborenen angeblich bringt, und eine scharfe Kritik des Kolonialismus. Treffender als mit den Worten dieses Titels könnte man auch die Grundstimmung von Simenons Roman nicht bezeichnen.

Simenons Verurteilung der Kolonialherrschaft besteht aber darin, daß er in seinem Roman einen Justizskandal sondergleichen schildert, dessen Opfer ein unschuldiger Schwarzer ist. Ein Einheimischer in Gabun wird aufgrund eines falschen, manipulierten Beweises wegen eines Mordes angeklagt, den eine Weiße begangen hat. Die Gerichtsverhandlung ist eine Farce, die Rechte des Angeklagten und die Aussagen der Zeugen werden entweder einfach ignoriert oder absichtlich mißverstanden.

Der Titel, Le coup de lune, ist eine Analogiebildung zu „coup de soleil“, Sonnenstich, und kann demnach auf deutsch nur „Mondstich“ heißen, nicht „Tropenkoller“, wie der Titel der deutschen Ausgabe lautet. Le coup de lune geht auf einen Scherz zurück. Als nämlich ein junger Leutnant auf dem nach Frankreich zurückkehrenden Schiff nach Sonnenuntergang mit dem Tropenhelm auf dem Kopf erscheint, fragt ein Hauptmann ironisch: „Angst vor einem Mondstich?“ (S.179).

Joseph Timar, 23 Jahre alt, Sohn einer angesehenen Familie aus La Rochelle, kommt als begeisterter Kolonist oder Siedler in Libreville an und ist nach wenigen Monaten und einigen traurigen Erlebnissen gezwungen, Afrika enttäuscht wieder zu verlassen. Man hat ihm in der französischen Zentrale einer Gesellschaft einen Posten in der Nähe von Libreville versprochen. Als er dort ankommt, weist der Direktor, der nicht informiert ist, ihn rundweg ab. Timar freundet sich mit Adele, 35 Jahre alt, der Frau des Hoteliers Renaud, an. Renaud stirbt bald darauf nach einem Fest, in dessen Verlauf Thomas, ein schwarzer Hoteldiener, erschossen wird. Man befragt auch Timar in dieser Sache, so lernt er den Kommissar, den Staatsanwalt und den Gouverneur kennen. Ihnen steht der Kreis der Holzfäller gegenüber, die sich regelmäßig im Café des Hotels treffen.

Adele schlägt Timar vor, zusammen vom Staat eine Holzkonzession zu erwerben, mit ihr als Geldgeberin. Dank des Einflusses von Timars Onkel erhalten sie in kurzer Zeit die Bewilligung, ein Waldstück abzuholzen. Sie fahren mit einem Fischerboot an den Ort im tiefen Busch, wo ein Vorarbeiter schon die nötigen schwarzen Arbeiter angeheuert hat. Auf der Bootsfahrt erkrankt Timar schwer an Dengue-Fieber. Da er Adele im Verdacht hat, Thomas erschossen zu haben, drängt er sie, die Wahrheit zu sagen. Sie gesteht den Mord und zugleich das von ihr ersinnte und durch Bestechung verwirklichte Arrangement, daß ein Afrikaner als Mörder verdächtigt wird. Als sie nachts ohne Timars Wissen, aufbricht, um mit ihrem Fischerboot nach Libreville zu fahren, mietet er einen Einbaum mit zwölf schwarzen Ruderern, um ebenfalls in die Stadt zu gelangen. Er kommt rechtzeitig zur Gerichtsverhandlung und erklärt öffentlich, daß Adele den Mord begangen habe. Die verantwortlichen Kolonisten wollen ihn für geistesgestört erklären und legen ihm dringend nahe, das Land zu verlassen.

Zu dieser Intrige der weißen Siedler wäre weiter nichts zu sagen, als daß Adele den schwarzen Angestellten deshalb erschossen hat, weil er sie erpressen und bei ihrem eifersüchtigen Mann denunzieren wollte. Dabei erweist sich die Tat als überflüssig, da ihr Mann am nächsten Tag an einer Gallenkrankheit plötzlich stirbt. Was die falsche Anschuldigung betrifft, so wäre dieses Arrangement nicht möglich gewesen ohne die Hilfe eines Schwarzen, der von Adele bestochen, die Tatwaffe, ihr Revolver, einem Mann unterschob, mit dem er verkracht war. Die Verschwörung ist aber auch nur deshalb möglich gewesen, weil die Kolonialbehörde dabei mitmachte.

Das immer wiederholte und gegenüber Timar beschwörend gebrauchte Codewort dieser Intrige ist „arrangieren“: „Alles ist arrangiert (abgesprochen, angeordnet, eingerichtet)! Von dem Augenblick an, wo man einen Schuldigen hat, ist der Fall geregelt.“ (S.125) Die Absprache wirkt aber nur dann, wenn alle betroffenen Weißen sich daran halten.

Denn die kleine Gesellschaft der Weißen, sowohl der Zirkel der Beamten als auch die Clique der Holzfäller, besteht aus Menschen, für die der Rassismus eine naturgegebene Haltung ist. Sie kennen die Tricks, wie man Neger verprügelt, ohne daß Spuren davon zurückbleiben. Timar ist dabei, als sie sich eines Nachts mit schwarzen Frauen amüsieren, um diese dann allein im Busch zurückzulassen. Sie haben, von den Eingeborenen unwidersprochen, das Recht, sich auf deren Markt zu bedienen, ohne zu bezahlen. Vor Gericht werden die Afrikaner weder als gleichwertige Rechtssubjekte betrachtet noch als solche behandelt.

Für die Lage Timars ist nun bezeichnend, daß er, obwohl er überzeugter Kolonist ist, als Fremder zwischen den beiden Gruppen der Weißen steht. Dies erleichtert seinen späteren Gesinnungswandel, der mehr ist als eine entschlossene Parteinahme für einen Schwarzen. Zunächst aber heißt es: „Es war nicht nur die Angst vor der Entfernung, die ihn erdrückte: es war die vor der Nutzlosigkeit. Nutzlosigkeit, hier zu sein! Nutzlosigkeit, gegen die Sonne zu kämpfen, die durch alle Poren drang! Nutzlosigkeit dieses Chinins, das ihm Übelkeit erregte und das er jeden Abend schlucken mußte! Nutzlosigkeit zu leben und zu sterben, um auf diesem falschen Friedhof durch vier halbnackte Neger begraben zu werden!“ (S.56f.). Er wird von den Eingeborenen nicht als Kolonist betrachtet, weil er sich nicht wirklich wie ein Kolonist verhält (S.149).

Dieses dürre Referat wäre aber unvollständig, wenn ich nicht noch mehr über das mörderische Klima Äquatorialafrikas sagen würde, das alles Geschehen, alle Handlung, alles Wollen und Lassen der Menschen durchdrängt und beherrscht. Es ist eine extrem feuchte und extrem große Hitze, vor der es kein Ausweichen gibt. Der Schilderung dieses Klimas ist praktisch jeder zweite Satz des Romans gewidmet. Simenon hat besonders auf die gefürchteten Wärmestrahlen aufmerksam gemacht, denen man weder im Schatten noch im Haus entgehen kann, und er hat Timors Fieberleiden intensiv beschrieben, eine Infektionskrankheit, deren Erreger auf die lebensfeindlichen Wetterbedingen des Kontinents angewiesen ist.

Der Höhepunkt der Geschichte ist jedoch Timars Geistes- und Gesinnungswandel von einem sich seiner Stellung bewußten, bevorrechteten Weißen zu einem Menschen, der der Empathie mit den Schwarzen fähig ist. Die Darstellung dieser existentiellen Konversion, der Überwindung der Kluft zwischen den Rassen, ist ein Kabinettstück der psychologischen Menschenbeschreibung, ein unvergeßliches Kapitel im ganzen Werk Simenons.

Jener Wandel vollzieht sich auf der erwähnten mehrtägigen Flußfahrt im Einbaum mit zwölf schwarzen Ruderern. Timar überrascht sich dabei, daß er sie mit einer „herzlichen Neugier“ zu beobachten beginnt: „Er betrachtete sie als Menschen, indem er versuchte, ihr Leben als Menschen zu begreifen, und dies schien ihm sehr einfach, vielleicht dank des Urwaldes, des Einbaums, des Stromes, der sie trug, wie er, seit Jahrhunderten, die gleichen Einbäume zum Meer führte.“ Timar aber empfindet diese Situation keineswegs als pittoresk, sondern als natürlich, beruhigend: „Im Grunde hatten alle diese Schwarzen das Aussehen von ein wenig naiven, guten Jungen, die durchdringende Schreie ausstießen, wenn der Einbaum an einem Dorf oder einer einfachen Hütte vorbeifuhr.“ (S.133)

Das Ergebnis dieses Geisteswandels und Gefühlsumschwungs ist jedoch eigener Art und alles andere als euphorisch, was wiederum von der tiefen Menschenkenntnis des Realisten Simenon zeugt: „Eine große Beruhigung, das war es wirklich, was er empfand, aber es war eine traurige Beruhigung, er wußte nicht, warum. Es war in ihm eine Zärtlichkeit zurückgeblieben, ohne genauen Gegenstand, und es schien ihm, daß er ganz nahe davor war, diese Erde Afrikas zu verstehen, die bisher in ihm nur eine ungesunde Überschwenglichkeit hervorgerufen hatte.“ (S.134)

Dieses Verständnis des Landes hat aber zur Folge, daß er sich vor Gericht mit dem fälschlich Angeklagten völlig identifizieren kann: „Timar verschmolz (s‘incorpora) mit dem armen Neger, dem halbnackten Typ, der in dieser Menge um sich schlug, von ihr eingekreist, umstellt, überwältigt.“ (S.170)

Über die seelische Physiognomie Timars sollte man noch wissen, daß sein Verhältnis zu Adele alles andere als einfach ist. Er ist ihr mit einer sinnlichen Leidenschaft zugetan, die an Besessenheit grenzt, und gleichzeitig kann er ihr nicht ganz trauen, weil er an ihrem Blick merkt, daß sie ihm gegenüber im Grunde reserviert ist (S.58). Es ist ein richtender Blick, dessen Sinn durchaus der Bedeutung des Feindlichen nahekommt, die Jean-Paul Sartre in Das Sein und das Nichts analysiert und Simenon in einem späteren Roman, Die Hand, eingehend beschrieben hat.

So hat Simenon hier wiederum Gelegenheit, das merkwürdige psychische Phänomen von Gefühlen zu beschreiben, die nicht nur gemischt sind, sondern sich direkt widersprechen. Timar über Adele: „Er war wütend und er hatte auch Mitleid, er hatte in sich widersprüchliche Gefühle, die zu entwirren er unfähig war. Zum Beispiel gab ihm die Vorstellung, daß sie die Nacht mit einem anderen verbracht hatte, zugleich den Wunsch ein, sie auszutilgen und sie zärtlich in seine Arme zu drücken, ihrer beider Geschick beweinend.“ (S. 165) Auch dies ein Ausdruck der Traurigkeit.

Unnötig zu betonen, daß diese Intensität der Leidenschaft auch auf das Konto des extremen Klimas des Landes geht. Mit der gleichen Deutlichkeit wird die Aussage des Romans wiedergegeben, so daß an seinem Antirassismus und Antikolonialismus kein Zweifel sein kann. Sie besteht in der einfachen, aber weitreichenden, elementaren Wahrheit, daß die Schwarzen Menschen sind wie die Weißen.

Übrigens darf man bei diesem Roman, der 1933 veröffentlicht wurde, auch ruhig daran denken, daß im gleichen Jahr jenseits des Rheins ein Regime an die Macht gekommen ist, dessen Ideologie reinster, kämpferischer Rassismus war.

J.Q. — 16. Aug. 2021

© J.Quack


Zum Anfang