Josef Quack

Was ein Mensch vorstellt
"Das Rasthaus im Elsaß" von Simenon




Wer auf die Meinung der Menschen einen großen Wert legt, erzeigt ihnen zu viel Ehre.

A. Schopenhauer

Le relais d‘Alsace (1933, Paris 1977) ist ein hintergründiger Roman, dessen Sinn offen zu Tage liegt, aber doch nicht leicht in all seinen Dimensionen zu erfassen ist.

Le relais d‘Alsace ist einer der ersten ernstzunehmenden Romane Simenons, und mit den meisten dieser Romane teilt er die Eigenart, daß in ihnen die jeweilige Landschaft die Handlung auffallend stark prägt und beherrscht. Der Passagier der Polarys befährt die an Inseln und Fjorden reiche Nordseeküste Norwegens. Das Haus am Kanal (1933) liegt in der sumpfigen Wiesenlandschaft Belgiens. Le coup de Lune (Tropenkoller, 1933) ereignet sich auf einer Flußfahrt im Busch von Gabun. Die Leute von gegenüber (1933) sind sowjetische Sicherheitsbeamte in einer kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer. Bunter könnte die Wahl dieser Szenen in den ersten Romanen kaum sein, was ja nur heißt, daß die Szene jeweils ein signifikanter Bestandteil der Geschichte ist.

Le relais d‘ Alsace aber nennt sich ein Hotel, das in einem kleinen Luftkurort der Vogesen liegt, ehedem von Lungenkranken bevorzugt, vormals eine deutsch-französische Grenzstation, in der Nähe des Berges Hohneck, zwischen Munster und Gérardmer. Der Ort wird die Schlucht genannt. „Ein Ende der Nationalstraße. Drei Hotels, in einer malerischen Lage. Das Grand-Hôtel, die elegante Kundschaft und die große Bourgeoisie für sich reservierend. Das Hotel des Cols die Kleinbürger in den Ferien empfangend, und im Winter die Schifahrer der Umgebung. ‚Das Rasthaus im Elsaß‘ wandte sich nicht an die Fremden, nicht mal an die Touristen. Hier hielten vielmehr die Lastwagenfahrer, die von Munster nach Gérardmer fuhren, um ein Glas frischen Wein oder perlendes Bier zu trinken. Und hier fragten sonntags die Leute, die einen Ausflug in die Berge machten, nach einem Tisch und einem Getränk, packten ihr Essen aus, das sie singend verschlangen.“ (S. 19)

Das Haus wird von Frau Keller, der resoluten Eigentümerin und Kassiererin, geleitet und überwacht. Ihr Mann Nic, an Krücken gehend, bedient das Grammophon, trinkt mit den Lieferanten einen Schnaps und drangsaliert Gredel und Lena, die jungen Kellnerinnen. Seit fünf Monaten logiert Serge Morrow, 50 Jahre alt, Sohn einer russischen Mutter und eines englischen Vaters, jetzt aber Franzose, mehrere Sprache beherrschend, darunter auch den elsässischen Dialekt, in dem „Rasthaus“, eher ein jovialer Freund als ein Kunde des Hauses, jeden Tag seine Wanderungen in dem Bergland unternehmend, fast täglich ein nahes Waldhaus besuchend, das von Frau Meurice und ihrer, an schwacher Lunge leidenden Tochter bewohnt wird.

Später erfahren wir, daß Serge hierhergekommen ist, weil er das Haus und die Umgebung aus einer Kindheit kennt und sich jetzt in dem „Rasthaus“ und seinem einfachen Leben erholen will: „Und das Waldhaus, wo ich mehr als den Widerschein meiner Kindheit wiederfinde … Eine junge Frau, eine Mutter wie die meine einmal war … Ein kleines Mädchen ...“ (S. 177)

Die Geschichte — und damit der Ärger und die Belästigung Serges — beginnt damit, daß Frau Keller ihn darauf hinweist, daß er seit zwei Monaten seine Rechnung nicht bezahlt habe. Er verspricht, ihr am nächsten Tag das Geld zu geben. Er fährt nach Munster und kommt am Tag darauf zurück, um seine Rechnung zu begleichen. Zur gleichen Zeit aber wurde im Grand-Hotel einem holländischen Bankier, der hier zur Erholung weilt, sechzigtausend Franken gestohlen. Serge gerät in Verdacht, da die Herkunft seines Geldes unbekannt ist — er hat nämlich in Munster weder eine Bank aufgesucht hat noch einen Juwelier, um sein Armband zu verkaufen. Er kann aber den Verdacht, das Geld des Bankiers gestohlen zu haben, durch eine Demonstration an Ort und Stelle entkräften. Damit aber ist sein guter Ruf nicht wieder hergestellt. Denn da der Inspektor vermutet, Serge sei ein lange gesuchter, international tätiger Meisterdieb, Commodore genannt, läßt er den Kommissar Labbé vom Nachrichtendienst aus Paris kommen, der Serge befragt und offen überwacht — so fängt die eigentliche Misere Serges an.

Die entscheidende Frage der weiteren Geschichte lautet nun, wer Serge Morrow denn in Wirklichkeit ist. Das tiefer liegende Thema aber ist das öffentliche Ansehen eines Menschen, die Labilität und Gefährdung des Ansehens, deren Ursachen und kränkende Folgen, dies alles betrachtet in der begrenzten Öffentlichkeit des kleinen Ortes.

Die erste Frage werde ich hier natürlich nicht beantworten, um dem Leser nicht das Vergnügen der Spannung zu rauben. Es sei nur erwähnt, daß Serge im Schlußkapitel den Kommissar, sozusagen rein privat, d.h. das Bekenntnis öffentlich immer abstreitend, über sich und sein Verhalten in dieser Affäre informiert. Zu dem detektivischen Aspekt der Geschichte möchte ich nur sagen, daß Simenon mit einer erstaunlichen kriminellen Phantasie die Tricks beschreibt, mit denen der Commodore, der genannte und gesuchte Gentlemen-Dieb, reiche Leute um Millionen betrügt; wie er es fertigbringt, daß sie ihn nicht verklagen, und wie er es fertigbringt, den Anschein zu erwecken, an zwei Orten zugleich zu sein. Simenon zeigt hier mit leichter Hand, daß er im Ausdenken verbrecherischer Szenarien mindestens so erfindungsreich ist wie der Meister des Genres, Sir Arthur Conan Doyle, von minderen Köpfen wie Edgar Wallace ganz zu schweigen.

Die niemals ausssetzende Spannung des Romans aber verdankt sich der erzähltechnischen Pointe, daß Serge Morrow immer von außen, niemals aus der Innenperspektive geschildert wird. Der Roman ist das Porträt eines Gentlemans, von außen gesehen, eine Studie seines sichtbaren Verhaltens.

Als Leser sehen wir ihn zunächst immer als eine Figur der öffentlichen Meinung, wenn man das Gerede der Wirtsleute und ihrer Gäste so nennen darf, dann aber auch als eine Gestalt, wie der neutrale Erzähler sie sieht, und diese kleine Differenz der beiden Erzählperspektiven läßt die Figur plastisch erscheinen. Ein simpel erscheinender, tatsächlich aber subtiler Kunstgriff, der recht wirkungsvoll ist.

Frau Keller und ihresgleichen sprechen von der abgenutzten Kleidung des Mannes, ohne zu erkennen, daß sein Regenmantel von dem besten Herrenschneider Londons stammt und seine Schuhe ebenfalls Maßschuhe aus London sind. Als die junge Frau des holländischen Bankiers ihm ein kompromittierendes Angebot macht, heißt es aus der Sicht des objektiven Erzählers von Serge: „Wenn er eine Rolle spielte, spielte er sie mit absoluter Vollkommenheit. Vom Fuß bis zum Kopf war er der geschickte Gentleman, der sich über das wundert, was man ihm sagt, der zu verstehen sucht, der mit Einfachheit widerspricht.“ (S.44)

Bei einem anderen Gespräch mit der Frau, die er als Tänzerin in Budapest gekannt hat, heißt es: „Er rappelte sich wieder hoch. Sein Oberkörper richtete sich auf. Sein Gesicht wurde härter.“ Und abschließend: „Er war als ein geschlagener Hund gekommen. Er ging als Mensch weg, der den Kampf mit neuen Kräften aufnimmt.“ (S. 96)

Daß Simenon wie hier gerne Tiermetaphern gebraucht, um das Verhalten eines Menschen zu beschreiben, deutet darauf hin, daß er den Menschen grundsätzlich als ein animalisches Wesen betrachtet (cf. J.Q., Grenzen des Menschlichen, S.16f.). „Sich hochrappeln“ ist die dem Wörterbuch Langenscheidts entnommene Übersetzung der schönen Metapher: „reprendre du poil de la bête“, wörtlich: sich ein Tierfell zulegen, sich dickfellig geben.

Als Serge dem Kommissar eine Aktion zu seiner Entlastung aufdeckt, wird sein Porträt um entscheidende Züge vervollständigt: „M. Serge steckte eine Zigarette an. Die Flamme erhellte ein friedliches Gesicht, friedlicher selbst, als die Tage zuvor. Man las darin eine neue, ziemlich unerwartete Ungezwungenheit (désinvolture)“ (S.127). Dieses Wort, das soviel heißt wie "souverän über den Dingen stehen", "sich von den Dingen nicht beeindrucken lassen" oder "lässige Unerschütterlichkeit", wird hier übrigens keineswegs besonders betont, was jedoch seine Bedeutung nicht verkleinert. — Nebenbei bemerkt, Ernst Jünger übersetzt das Wort mit "Überlegenheit" und versteht darunter "die Unschuld der Macht". Er hat dem Wort, das eine heroisch gefärbte Weltanschauung ausdrückt, in Das abenteuerliche Herz (1938) einen erhellenden Artikel gewidmet.

Serges Ansehen wird durch zwei Faktoren gefährdet: daß er im Augenblick kein Geld hat und daß er eines Diebstahls verdächtigt wird. Der joviale Mann, der ehedem nicht als Gast, sondern als Teil des Hauses galt, der mit allen und allem vertraut war, gerät plötzlich ins gesellschaftliche Abseits und wird vom allgemeinen Gespräch ferngehalten. Ein Mann, der seine Rechnung nicht bezahlen kann, wird automatisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen — durchaus in dem Sinne von Karl Kraus, der einmal meinte: „Menschheit ist Kundschaft“. Das Zuwiderhandeln hat hier die kollektive Ächtung eines Menschen im kleinen Maßstab zur Folge. Im Schlußgespräch mit Kommissar Labbé, das ich nicht weiter referieren und ausdeuten will, bezieht Serge sich auf diese gesellschaftskritischen Zusammenhänge, um das Verhalten des Gentleman-Diebes zu erklären und, genau genommen, zu rechtfertigen.

Daß Serge aber grundlos jener gesellschaftlichen Ächtung im „Rasthaus“ und seiner Umgebung verfallen ist, macht er durch einen filmreifen Coup wieder wett. Er verschwindet für einige Tage mit der jungen Gredel und kommt in einem Luxusauto wieder, mit einem Chauffeur und mit Gredel in den teuren Kleidern einer eleganten Dame, und mietet die ganze erste Etage des Grand-Hotels, um den Leuten seinen wahren Status zu zeigen.

Am Schicksal der jungen Kellnerin zeigt Simenon übrigens ein weiteres Mal das traurige Schicksal der Dienstmädchen auf, ihr gesellschaftliches Elend und ihre Ausbeutung in der damaligen Zeit. Serge erklärt: „Eine arme Kleine, der ich zweihunderttausend Franken geben werde, morgen oder die nächste Woche, damit sie damit machen kann, was sie will.“ Dem folgt: „C‘était d‘une amertume infinie“ — Das war mit einer unendlichen Bitterkeit gesagt (S. 180). Was heißen soll, daß er durch diese großzügige Geste das allgemeine Schicksal von ihresgleichen nicht ändern kann. Einsilbiger läßt sich wohl die gesellschaftskritische Resignation nicht ausdrücken. Ein diskreter Moment der Untröstlichkeit in einer Szene der glänzenden Repräsentation (cf. J.Q., Simenons traurige Geschichten).

Übrigens fehlt in diesem Roman auch ein bezeichnendes Leitmotiv Simenons nicht, "le vide", die Leere. Doch ist das Wort hier rein atmosphärisch gemeint, ohne eine existentielle Nebenbedeutung. Das Wort beschreibt die Langeweile eines Regentages, eine erzwungene Pause der Untersuchung: "Dann noch eine große Leere, Stunden des Regens, des Graus, mit trüben Fensterscheiben und dem Lack der Tische, der sich mit Feuchtigkeit bedeckte." (S.162)

Ein spannender, nachdenklich stimmender Unterhaltungsroman, zu lesen, wenn man sich auf geistreiche Art entspannen will. Ein lakonischer Text knapper Andeutungen von weitreichender Bedeutung. Simenons einfache Worte haben ein Gewicht, das erkannt sein will.

©J.Quack — 12. Juli 2021


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