Josef Quack

Rezension

Alfred Döblin, Meine Adresse ist: Saargemünd

Spurensuche in einer Grenzregion.
Zusammengetragen und kommentiert von Ralp Schock.
Merzig: Gollenstein Verlag 2010.



Ich habe die Wut der Gerechten erregt: was kann ein armer Schächer ohne Plattfüße mehr.

Linke Poot

Der Band dokumentiert und erläutert die Beziehungen, die Döblin zur lothringisch-saarländischen Grenzregion unterhielt. Döblin weilte als Militärarzt von 1914 bis 1917 in Saargemünd und von 1917 bis 1918 in Hagenau. Diese Jahre werden vor allem durch Briefauszüge aus dieser Zeit belegt, die schon veröffentlicht waren. Aufgenommen werden auch zwei bekannte Erzählungen, die in der Bliesgegend spielen: Das Gespenst vom Ritthof und Das verwerfliche Schwein. Größtenteils unveröffentlicht sind dagegen die Briefe, die Döblin zwischen 1946 und 1953 an Anton Betzner schrieb. Betzner war von April 1946 bis zum Sommer 1949 als Redakteur der Zeitschrift Das Goldene Tor engster Mitarbeiter Döblins. Döblin kannte Betzner seit 1926/7, als er dessen ersten Roman Antäus bei einem Wettbewerb ausgezeichnet hatte.
Die Briefe an Betzner bilden das dokumentarische Kernstück des Bandes. Döblin zeigt warmes Interesse für die familiären Angelegenheiten des Schriftstellerkollegen und als erfahrener Romancier übte er eine wohlwollende, ermutigende handwerkliche Kritik an Betzners neuem Roman Der vielgeliebte Sohn. Hier wird deutlich, was in der Döblin-Forschung viel zu selten beachtet wird: Döblins vorurteilsfreie Förderung junger Schriftsteller. Dies geht besonders aus den Briefen an Arno Schmidt hervor, die seit kurzem vorliegen: Arno Schmidt, Briefwechsel mit Kollegen. Hg. Gregor Strick. Bargfeld 2007. Schmidts radikale Weltanschauung hinderte Döblin nicht im geringsten, sich für den begabten jungen Autor einzusetzen, während etwa Heinrich Böll einige Probleme mit Schmidts dezidiertem Atheismus hatte. Döblins Briefe an Schmidt sind ausführlicher und literarisch gehaltvoller als die Briefe an Betzner, aus dem einfachen Grunde, weil Döblin mit Schmidt nur brieflich verkehrte, während er mit Betzner jahrelang täglich zusammen war.
Betzner setzte sich seinerseits für Döblins Werk ein, er vermittelte 1952 die Bekanntschaft mit dem Minerva-Verlag, dem Döblin die Publikation des Hamlet-Romans anbot. Und Betzner lud Döblin 1952 ein, bei einer Kulturwoche in Saarbrücken über Europa zu sprechen. Man kann es nur begrüßen, daß der Herausgeber diese Rede, die in dem Band Kritik der Zeit (1992) erschienen ist, wieder vorlegt. Sie zeigt nämlich exemplarisch die Einstellung des späten Döblin. Er beginnt die Ansprache mit einem Bibelzitat, um daran seine politischen und kulturellen Überlegungen zu Europa zu knüpfen. Nirgends wird so deutlich wie hier, daß er die religiöse Erneuerung als Grundlage und Paradigma der politischen Erneuerung betrachtet. Im Stil vermeidet er aber jeden pastoral-erbaulichen Ton, er spricht nüchtern, sachlich, ohne pathetischen Überschwang, frei von der damals üblichen Europa-Phraseologie.
Schade ist es dagegen, daß der Herausgeber von den Arbeiten Betzners über Döblin nur einen Auszug aus dessen Manuskript Freundschaft mit Alfred Döblin abdruckt, ohne das Weitere wenigstens im Resümee mitzuteilen. Das gleiche gilt von Betzners Manuskript Für Alfred Döblin zum 10. August 1953, von dem der Herausgeber eben nur den Titel nennt. Dieser Aufsatz und andere Beiträge über Döblin, die hier erwähnt werden, wären aber für jeden wichtig, der die Rezeptionsgeschichte Döblins nach dem Krieg beurteilen will. Entgegen der allgemeinen Annahme und dem Eindruck des Autors blieb sein Werk keineswegs ohne jede Resonanz.
Symptomatisch für das freundschaftliche Verhältnis der beiden Autoren und bezeichnend für die äußerste Isolation, in der sich Döblin nach seinem Umzug nach Paris befand, sind die ergreifenden Zeilen vom September 1953, in denen er sich für einen Brief bedankt, den er überhaupt nicht bekommen hat: "Lieber Betzner, obwohl ich von Ihnen keinen Glückwunsch zu meinem 75. erhalten habe, danke ich Ihnen aufs Schönste, denn ich bin überzeugt, Ihr Brief ist mit vielen andern während des Poststreiks hier verloren gegangen." Das Schreiben endet mit der flehentlichen Bitte des vereinsamten Autors, dessen Lebenselement der streitbare Dialog war, die Verbindung aufrechtzuerhalten. Es ist der letzte hier abgedruckte Brief Döblins an Betzner. Während des selbstgewählten zweiten Exils Döblins in Paris war Döblin wegen seiner Krankheit noch einsamer als während des erzwungenen Exils in Kalifornien.
Nicht zuletzt bringt der Band eine Selbstanzeige Döblins, die, soweit ich sehe, in der Werkausgabe nicht enthalten ist. In der Notiz vom 7. Juli 1952 spricht Döblin von dem ausgebliebenen Echo auf November 1918, von dem relativen Erfolg des Unsterblichen Menschen und dem noch nicht publizierten zweiten Religionsgespräch. Es fällt auf, der er den Hamlet-Roman, der damals ebenfalls noch nicht publiziert war, nicht erwähnt.

Absatz

Dem schmucken Band mit photographischen Ansichten von Personen und Lokalitäten, mit großzügigem Seitenlayout fehlt leider eine essentielle Zugabe, das Register, das die Sammlung erst vollständig erschlossen hätte. Und zu verbessern wären ein paar Kleinigkeiten in den Erläuterungen.
Die erwähnte Selbstanzeige Döblins soll in der Zeitschrift Weltstimmen vom 7. Juli 1952 erschienen sein, Döblin spricht von dieser Zeitschriftennummer aber schon in einem Brief vom 2. Juli 1952, ohne daß diese chronologische Diskrepanz erklärt würde. Einstein hatte die allgemeine Relativitätstheorie nicht 1916 entwickelt (S.59), sondern schon 1915. Von der Pilgerin Aetheria ist nicht nur ein Auszug vorabgedruckt worden (S. 158), sondern mehrere Teile wurden publiziert. Es wird zwar erwähnt, daß November 1918 zwischen 1948 und 1950 in einer unvollständigen Fassung herauskam, nicht jedoch erklärt, daß gerade der Band mit der im Elsaß spielenden Handlung von der französischen Zensur unterdrückt wurde.
Das Commissariat général à l'Information, für das Döblin 1939/140 arbeitete, war nicht "eine Gegenpropaganda-Abteilung des frz. Heeres" (S.186), sondern, wie es später richtig heißt, eine Abteilung des Informationsministeriums (S.247). Erna Döblin war nicht "ehemalige Ärztin" (S.211), sie hatte nur Medizin studiert und war zeitweise Medizinalpraktikantin. "Ihering" schreibt sich richtig ‚Jhering' (S. 252). Und bei Döblin kann man nicht von einer "Entlassung aus dem Militär" sprechen (S.277), wie es seinerzeit fälschlicherweise oft geschah. Denn genau genommen war Döblin "seit 1945 als Chef des literarischen Bureaus zugeteilt der Direktion für kulturelle Angelegenheiten bei der französischen Militärregierung" (A. Döblin, Briefe II, 2001, S.429).
Wenn Schock untersucht, welches Echo Döblins Bekanntschaft mit Elsaß-Lothringen in seinem Werk gefunden hat, verfährt er äußerst kursorisch, besonders was den Wallenstein-Roman angeht. Die Babylonische Wandrung verzeichnet er überhaupt nicht, was um so bedauerlicher ist, als sich darin eine erschütternde Schilderung der Verfolgung der Straßburger Juden im Spätmittelalter findet. Berge Meere und Giganten und Manas erwähnend, spricht er von einer "stetig wachsenden Leserschaft" (S.246), was schlicht unzutreffend ist; Manas wurde in Wirklichkeit kaum beachtet.

Absatz

Leider bleibt auch festzustellen, daß dem Herausgeber, der sich als literarischer Spurensucher bewährt, nicht die Gabe verliehen wurde, literarische Texte zu interpretieren. Er wird den beiden abgedruckten Erzählungen in der Deutung nicht annähernd gerecht. Offensichtlich ist er mit der Poetik des Phantastischen oder Märchenhaften nahezu unvertraut, sonst könnte er im Hinblick auf Das verwerfliche Schwein nicht von "Verwechslung und Fehlleistung" sprechen, wo es doch um einen gewollt zweideutigen Wortwitz handelt. Auch tötet der Teufel den zweiten Protagonisten nicht "ebenfalls", weil der andere Protagonist gar nicht vom Teufel getötet wurde (S.223).
Schwerer wiegt, daß er eines der gedankenlosesten Klischees der Literaturgeschichtsschreibung gedankenlos nachspricht. Er schreibt: "Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde von Döblin weder in Briefen noch in Aufzeichnungen kommentiert" und zitiert zustimmend das Urteil: "Die Schlüsselsituation der Epoche gerinnt für Döblin zur Leerstelle." (S.205)
Dazu wäre erstens zu sagen, daß sich aus den fraglichen Wochen keine Briefe und Auszeichnungen von Döblin erhalten haben. Es liegt also eine Lücke in der biographischen Dokumentation vor, was etwas ganz anderes ist als eine Leerstelle in seinem kritischen Zeitbewußtsein. — Zweitens kann man von einer Leerstelle in gegebenen Sinn nur dann sprechen, wenn man berechtigterweise erwarten kann, daß ein Zeitereignis zur Kenntnis genommen wird, z. B. bei einer Chronik, einer Zeitung, einem politischen Tagebuch. Abgesehen davon, daß wir über diese Monate von Döblin keine schriftlichen Zeugnisse haben, lag für ihn auch kein Anlaß vor, sich öffentlich zu äußern; anders bei seinem Aufsatz über Reims, wo es um den Streit zwischen Kultur und Zivilisation ging. — Drittens bedeutet die Nicht-Erwähnung eines Ereignisses in persönlichen Aufzeichnungen keineswegs, daß das Ereignis für den Betreffenden keine Rolle gespielt hat. Selbst der gewissenhafte Tagebuchschreiber Thomas Mann hat manches, was ihm wichtig war, in seinem Journal nicht erwähnt. Und Albert Einstein nahm in seinem Reisetagebuch keine Notiz von der Nachricht, daß ihm der Nobelpreis zugesprochen wurde, obwohl ihm die Auszeichnung aus vielerlei Gründen hochwillkommen war. Ähnlich die vielzitierte lakonische Eintragung Kafkas über den Ausbruch des Krieges, aus der man keineswegs, wie es eine Kohorte von Germanisten getan hat, folgern kann, daß ihn das Ereignis nicht berührt habe.
Eine glatte Fehldeutung liegt vor, wenn Schock sich bei Döblins ungemein kreativem Schreibverfahren, das Döblin selbst als "unwillkürlich" bezeichnet, an die écriture automatique der Surrealisten erinnert fühlt. Der Interpret vergleicht zwei Schreibverfahren, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Das Ergebnis von Döblins "unwillkürlichem" Schreiben, d. h. einer spontan erfolgenden Niederschrift der ihn bedrängenden Vorstellungen seiner Einbildungskraft, waren Geschichten mit zwingender erzählerischer Logik und großartig gesehenen Figuren, ein riesiges Erzählmaterial, das potentiell zu Gliederung und Ordnung tendierte und zu großen Epen redigiert werden konnte. Das Ergebnis der écriture automatique waren günstigsten Falls traumartige Assoziationen, wobei es fraglich bleibt, wie automatisch sie überhaupt erfolgten, dürftige Skizzen, die als Vergleichsobjekte für Döblins Romane überhaupt nicht in Betracht kommen.
Außerdem sei bemerkt, daß auch ein kritischer Einwand Schocks gegen K. Edschmid keineswegs überzeugt. Edschmid hat in der Form einer Metapher tadelnd auf den literarischen Gattungscharakter der Erzählung Das Gespenst vom Ritthof hingewiesen. Das Sprachbild ist aber keineswegs diffus (S.222), wie Schock meint, sondern anschaulich und durchaus treffend. Ein Urteil, das einen Text als diffus bezeichnet, ist selbst nicht diffus, so wenig wie ein Satz, der einen Text als geheimnisvoll bezeichnet, selbst geheimnisvoll ist.
Schließlich sitzt der Herausgeber einem weit verbreiteten Klischee der Interpretation auf, wenn er behauptet, angesichts von Döblins Alltag sei es "kein Wunder, daß dabei vor allem Bilder von Leid, Gewalt, Schrecken, Wahnsinn, Verstümmelung und Tod evoziert wurden" (S.226). Dieser Befund ist nur für einen Teil von Döblins epischem Werk richtig; selbst in dem großen Kriegsroman Wallenstein, der in den letzten Kriegsjahren entstanden ist und zweifellos durch die Kriegsereignisse inspiriert wurde, kommen nicht nur Schreckensszenen vor, sondern lange Passagen unkriegerischer Beschreibungen unkriegerischen Lebens (J.Q. Geschichtsroman und Geschichtskritik). Döblins Genie als Romancier bestand gerade darin, daß er nicht nur dramatische Aktionen wirkungsvoll schildern konnte, sondern auch Vorgänge und Zustände, die, äußerlich betrachtet, nicht aufregend waren. Döblin war kein Dramatiker, sondern Epiker.

J.Q. — 7. Jan. 2010

©J.Quack


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