Josef Quack

Simenons "erster" Roman

Der Passagier der "Polarys"



Im Jahr 1929 fand ein Ereignis statt, das das Schriftstellerleben Simenons radikal veränderte. Nachdem er mehrere Jahre nur Groschenromane verfaßt hatte, ersann er in diesem Jahr die Figur des Maigret: ein großer, breitschultriger Mann mit groben Gesichtszügen, „ein fleischiges Gesicht, wie mit kräftigen Daumenstrichen in festem Ton ausgeführt“ (Le pendu de Saint-Pholien, 1930, Paris 1974, S.14). Maigret ist von allen Menschenjägern der Literatur der menschlichste Menschenjäger. Er will die Verbrecher nicht nur dingfest machen, er will sie auch verstehen. Eine legendäre Figur der modernen Detektivgeschichte, der Held von über siebzig Romanen, die den soliden Grundstock von Simenons Reichtum bilden. Ich habe Maigrets Universum ausführlich beschrieben (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen , S.11ff.).

Zunächst hat Simenon sein eigenes Geschöpf nicht verstanden, er hat seine geniale Erfindung selbst unterschätzt, er nannte die Maigrets „Nebenwerke“, bis ihm aufging, daß er in diesen Romanen ernstere Themen behandeln konnte als in den echten Romanen, und dies deshalb, weil das Geschehen immer aus der Perspektive des humanen Kommissars betrachtet wird (Simenon, Als ich alt war, 1977, 171, 256).

Das zweite Datum, das eine Zäsur in Simenons Karriere angibt, war das Jahr 1932, in dem er den ersten echten oder „harten“ Roman schrieb. Romane dieser Art unterschied Simenon nicht nur von den Maigrets, sondern vor allem von seinen leichten, anspruchslosen Unterhaltungsromanen, mit denen er das Handwerk des Schreibens gelernt hatte.

Der erste seriöse Roman aber war Le passager du "Polarys“ (1932, Paris 1971). Simenon erklärte, mit diesen Romanen sich von der Kriminalgeschichte befreit zu haben (Simenon, Intime Memoiren 1982, 40) — was in dem vorliegenden Fall keineswegs in einem absoluten Sinne zu verstehen ist. Der Roman erzählt nämlich durchaus auch eine atemberaubende Kriminalgeschichte, sie ist aber nicht der Hauptgegenstand des Werkes, sondern wird von zwei gleichrangigen Elementen gewichtig ausbalanciert: einem farbigen Reisebericht und einem fesselnden Gesellschaftsroman, der rätselhaften Geschichte einer Kleingruppe von Seeleuten und Passagieren. Das Rätsel aber, das gelöst werden muß, besteht in der Frage, wer diese Menschen in Wirklichkeit sind. Es geht schlicht und einfach um ihre numerische Identität, die sich nur schwer aus ihrem Verhalten ableiten läßt, so daß sich auch ihre qualitative Identität, welche Art von Menschen sie sind, auf den ersten Blick nicht erkennen läßt.

Erzählt wird die Geschichte einer Menschengruppe, die mit einem norwegischen Dampfer von Hamburg aus die Küste Norwegens entlang bis zum Nordkap fährt. Das Schiff läuft mit Versorgungsgütern, von Stavanger bis Hammerfest, viele Häfen an und seine bunte Gesellschaft wird von einigen kriminellen Vorfällen beunruhigt.

Eigenartig, von jeder Gewohnheit Simenons abweichend, ist aber die Einleitung des Romans, ein kleiner Essay über den Zufall, und da diese Reflexionen eine Rarität in Simenons Werk sind, seien sie hier zitiert:

Der böse Blick. Es gibt eine Krankheit, die Boote befällt, auf allen Meeren des Globus, deren Ursachen dem großen unbekannten Reich gehören, das man den Zufall nennt.
Wenn seine Anfänge manchmal auch geringfügig sind, so können sie doch nicht dem Auge eine Seemanns entgehen. Plötzlich reißt ohne Grund ein Haltetau und trennt den Arm eines Mastwächters ab. Oder der Küchenjunge verletzt sich beim Kartoffelschälen den Daumen und am nächsten Morgen läßt ihn das Nagelgeschwür aufheulen.
Daß es sich wenigstens nicht um ein fehlgeschlagenes Manöver eines Kahns handelte, der sich unversehens auf den Vordersteven warf.
Das ist noch nicht der böse Blick. Der böse Blick kommt in Serie. Aber es ist selten, daß er nicht in der Nacht oder am Morgen folgt und man nicht ein neues Unglück feststellt.
Von nun an wendet sich das Übel zum Schlechteren und die Menschen können nur noch mit zusammengebissenen Zähnen die Schläge zählen. Das ist der Augenblick, den die Maschine, nachdem sie dreißig Jahre ohne Störung gelaufen ist, wählt, um sich wie eine Kaffemühle zu verlangsamen.
Entgegen den am besten bestätigten Aufzeichnungen, der Wettertabellen und jeder Erfahrung, werden sich die Winde, wenn‘s nötig ist, während zwanzig Tagen da halten, wo sie in dieser Jahreszeit niemals blasen sollten.
Und die erste angekommene Welle wird einen Menschen ins Meer tragen! Es wird die Ruhr geben, wenn nicht die Pest!
Noch glücklich, wenn man nicht auf einer Bank zerschellen wird, die man hundert Mal vorher gemieden hat, oder beim Eindringen in den Hafen die Mole rammen wird. (S. 5f.).

Wie man sieht, ist der kleine Essay ein dramatischer Ausblick auf die Stimmung, die die folgende Fahrt beherrschen wird, aber auch eine unverhohlene Anspielung auf den sprichwörtlichen Aberglauben der Seeleute, der hier sich als Vorahnung des Kommenden bewahrheitet.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht der norwegische Kapitän Petersen, der mit seinem Tausend-Tonnen-Dampfer neben allerlei Versorgungsgütern diesmal auch fünf Passagiere befördert, die ihm von Anfang an aus verschiedenen Gründen verdächtig vorkommen.

So zunächst auch der dritte Offizier, ein neunzehnjähriger Holländer, Cornelius Vriens, der frisch von den Seemannschule kommt, am ersten Tag seines Dienstes aber verkatert und verspätet auf dem Schiff erscheint; dann eine junge mondäne Deutsche, Katia Storm, die irgendwie mit Vriens liiert ist; der Heizer Peter Krull, der sich vorlauter und freier gibt, als es seinesgleichen zukommt; der kahlköpfige, wimpernlose, wortkarge Ingenieur Arnold Schuttberger, dessen dickglasige Brille sein Gesicht entstellt und der systematische Leibesübungen betreibt; ein Passagier namens Erickson, der nur von hinten gesehen worden ist. Und schließlich steigt in Cuxhaven noch ein Polizeirat namens Sternberg hinzu. Er wird am nächsten Tag ermordet.

Petersen entdeckt bei ihm einen Zeitungsbericht über ein Verbrechen, das wenige Tage vorher im Drogenmilieu der Bohème von Montmartre stattgefunden hat, und es stellt sich allmählich heraus, daß die Ermordung Sternbergs mit diesem Mordfall zusammenhängt. Dieser Serie der Verbrechen fügt sich dann noch ein schwerer Diebstahl hinzu, um die Atmosphäre der Reise einen weiteren Grad zu verdüstern.

Soweit in groben Zügen die Kriminalgeschichte des Romans, die von einen packenden Reisebericht, einem lebenswahren Seestück, begleitet wird, der Schilderung der gefährlichen Küstenfahrt an Norwegens Fjorden und Inseln vorbei, im frostigen Spätwinter, eine Fahrt, die immer von einem Lotsen überwacht wird. Das Schiff fährt in dichtem Nebel von Hamburg in die Nordsee, kommt in dichtem Nebel nachts in Stavanger an; noch nicht mit Funk ausgestattet, muß es jede Minute die Sirene hören lassen. Die Stunden auf der eisigen, stürmischen Brücke, die Wachhabenden frierend in oft zu dünnen Fellen und Mänteln, ein heftiger Schneesturm, der Ausfall der Strommaschinen. Die Schilderung verrät, daß Simenon sich im Seemannsfach auskennt, schließlich besitzt er ein Patent für die Binnenschiffahrt, und die realistische Wahrheit des Berichts geht darauf zurück, daß Simenon diese Route von Hamburg bis Lappland selbst zurückgelegt hat. Die Genauigkeit der Erzählung verdankt sich Simenons eigener Erfahrung.

Man hat öfter die in den Tropen spielenden frühen Abenteuerromane Simenons mit den Romanen Joseph Conrads verglichen. Simenon hat diesen am Stoff orientierten Vergleich immer, meines Erachtens zu recht, als unzutreffend zurückgewiesen. Der Seemanns-Roman der "Polarys" hat aber unbestreitbar eine starke Ähnlichkeit mit Conrads Seegeschichten. Hinzukommt ein weiterer Punkt der Analogie, den ich gleich besprechen werde.

Zunächst aber ein Wort zu dem Element des Gesellschaftsromans. Den Höhepunkt der Geselligkeit bildet die von Katia Storm inszenierte Feier ihres Geburtstags, ein Fest der künstlichen Heiterkeit, die kein Echo bei den anderen Teilnehmern findet (S.86). Simenon nutzt diese Gelegenheit, um eine Porträtstudie der jungen exzentrischen Frau zu verfassen, die eine 30 cm lange Zigarettenspitze aus Jade benutzt. Er erwähnt ihr kindliches Aussehen und den paradoxen Eindruck, den ihr Verhalten hervorruft: „eine perverse Unschuld“. Dem entspricht die Eigenart, daß bei ihr „selbst die Furcht wollüstig wurde, weil sie die Haut ihrer Schultern erzittern ließ“ (S. 80f.).

Aber Petersen muß die Erfahrung machen, daß der sinnliche Charme der Frau stärker ist als der moralische Vorbehalt, den er gegen sie empfindet, eine subtile psychologische Beobachtung, die darauf hindeutet, daß Simenon von nun an den Menschen in all seinen Dimensionen erforschen und beschreiben will, der entscheidende Schritt vom Groschenroman zum echten Roman.

Dann aber wäre ein Element des Textes hervorzuheben, das später das Markenzeichen des Romanciers Simenon werden sollte und jener Aspekt ist, in dem er Conrad am nächsten kommt: die eindringliche Schilderung der Atmosphäre und zwar sowohl der natürlichen Atmosphäre des Ortes, des Milieus, des Wetters als auch der moralischen Atmosphäre der Menschen, ihrer Laune, Stimmung, Befindlichkeit. Simenon ist sich der Bedeutung dieses Elements in diesem Roman selbst bewußt geworden, spricht er doch mehrfach explizit von Atmosphäre; und er erwähnt öfter ihren Doppelcharakter. Von Petersen heißt es: „Er war bleich und das Unbehagen, das er empfand, war sowohl physisch wie moralisch“ (S. 43), oder: „Er war schlaff, sowohl physisch als auch moralisch“ (S. 101). „Moralisch“ ist übrigens im weiten Sinne wie bei dem bekannten Ausdruck „die Moralisten“ zu verstehen: als „psychisch“ mit der Konnotation „ethisch“.

Was hier gemeint ist, wird in den folgenden Zeilen recht genau, impressionistisch beschrieben: „Der Tag floß in einer drückenden Atmosphäre dahin. Die Landschaft hätte allein genügt, um die Nervenschwäche entstehen zu lassen. Man folgte engen Durchfahrten, die sich eine nach der anderen einschachtelten wie die Stollen eines Maulwurfsloches. Und der Himmel war so tief, daß man den Eindruck eines Deckels hatte, der über den Köpfen luftdicht geschlossen war. / Weiße Berge. Graues oder schwarzes Wasser, je nach dem Widerschein. Manchmal sehr weit entfernt ein verlorenes Haus, auf Pfahlwerk gepflanzt, und ein kleines Boot aus Tanne am Anker in einer Bucht.“ (S.181)

Gleich zu Beginn des Romans, im Anschluß an das essayistische Vorwort über das drohende Unheil, wird Petersens vage Befürchtung mit Worten beschrieben, die ein Motiv enthalten, das in Simenons Welt- und Menschenbild eine zentrale Bedeutung erlangen sollte, „le vide“, „die Leere“: „Der Kapitän wäre unfähig gewesen zu sagen, warum die Atmosphäre ihm das beängstigende Gefühl der Leere verschaffte. Leer, der Himmel, der ohne Wolken war und dennoch von einem düsteren Grau. Leer, das Schiff, wo die Leute gingen und kamen ohne Ziel, ohne Schwung. Leer er selbst.“ (S.29)

Hier ist „leer“ ein anschauliches Adjektiv, das eine Lücke im Raum, einen gegenständlichen Mangel bezeichnet und unverkennbar auch eine gefühlshafte Färbung enthält. In den späteren Romanen wird das Wort zur stehenden Metapher, zur prägnanten Denkfigur für den radikalsten Mangel, den man sich vorstellen kann, die Verlorenheit im Universum, die Nichtigkeit des Lebens, die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz an sich (cf. J.Q., Simenons traurige Geschichten , S.17 u.ö.). Oft ist mit dieser Metapher eine kosmische Geste verbunden, eine weitere Analogie zu Conrads Denkstil.

Hier haben wir eine Vorstufe dieser existentiellen Überlegung vor uns. Der Held dieses „ersten“ Romans von Simenon, der Kapitän, der die sonderbaren Geschehnisse zwischen Montmartre und der „Polarys“ aufklären muß und einiges in gewisser Weise selbst zu verantworten hat, erlebt eine Situation, die ihm ohne jeden Sinn, nebelhaft, völlig undurchsichtig erscheint, und er ist es, der den Sinn der Ereignisse, auf dem Weg von Versuch und Irrtum, recht mühsam entdecken muß.

Ein prächtiges Seestück, verbunden mit einer intellektuellen Entdeckungsgeschichte, das ist die Eigenart dieses Romans und die Quelle seiner unbezweifelbaren Spannung.

J.Q. — 25. Juni 2021

© J.Quack


Zum Anfang