Josef Quack

Ein falsches Leben
"Das Haus am Kanal"




"Den Dank, Dame, begehr' ich nicht!"

Fr. Schiller, Der Handschuh

La maison du canal (1933, Paris 1972) ist einer der ersten seriösen Romane Simenons, aber auch einer seiner ersten schwarzen Romane, die dann in Der Schnee war schmutzig (1948) ihren magistralen Höhepunkt fanden, einer Studie über die skrupellose Bosheit eines Menschen im Zwielicht dubioser politischer Verhältnisse (cf. J.Q., Simenons traurige Geschichten, S.25ff.). Im Haus am Kanal geht es um eine Handlung, die diesen Grad der Schlechtigkeit nicht ganz erreicht, aber immer noch schändlich genug ist. Simenon hat in seinen Romanen mehrfach ein verfehltes Leben beschrieben, Menschenleben, die durch fremde Einwirkung oder einen Schicksalsschlag ruiniert wurden ( J.Q., l.c. 9ff.). Im vorliegenden Fall schildert er ein falsches Leben, ein menschliches Dasein, das durch die eigene, schwere moralische Schuld der Person verdorben ist und in einer Katastrophe endet.

Warum aber soll man solche düsteren Romane lesen, die einen eher betrüben als erfreuen? Dies ist genau die Frage, die Friedrich Schiller in seinem Aufsatz über unser Vergnügen an tragischen Gegenständen behandelt hat. Ich habe diesen Gedanken aufgegriffen und die Frage diskutiert, wie es möglich ist, daß uns Simenons traurige Geschichten gefallen (l.c. 174ff.). Einer der Gründe ist, daß er unsere Menschenkenntnis doch beträchtlich, oft auf das erstaunlichste erweitert. Im Haus am Kanal treten ein paar durchaus beachtliche Exemplare der menschlichen Spezies auf, auch hat der Roman einige unverächtliche literarische Vorzüge, die ihn lesenswert machen. Er ist zweifellos ein frühes Meisterwerk Simenons, ein Buch, dem man die Achtung kaum versagen kann.

Der Roman schildert ein psychisches Drama inmitten einer Landschaft, die alles gesellschaftliche und familiäre Leben prägt und beherrscht. Wenn in den meisten literarischen Erzählwerken die Landschaft, das natürliche und gesellschaftliche Milieu den Hintergrund bildet, vor dem sich die Handlung der Personen abspielt, so kommt hier der Landschaft eine der Vordergrundhandlung ebenbürtige Rolle zu. Dabei ist Simenon durchaus kein Ideologe der Milieutheorie, der meint, daß das Verhalten der Menschen durch ihr soziales Umfeld bestimmt würde. Er läßt seinen Personen durchaus die Freiheit des Handelns, doch scheint er in diesem Roman, ähnlich wie Emile Zola, andeuten zu wollen, daß das Verhalten der Menschen durch ihre vererbte Anlage stark bedingt sei.

La maison du canal ist aber auch der erste Roman Simenons, in dem er das Innenleben einer Person, ihre Gedanken, Gefühle, Träume, Wünsche und Befürchtungen, in extenso darstellt.

Erzähltheoretisch haben wir es in diesem Roman mit einer subtilen Verbindung einer psychologischen Analyse und einer epischen Erzählung zu tun, mit der Kombination einer Darstellung aus der Innenperspektive einer Person und einer Schilderung handfester Ereignisse.

Die 16jährige Arzttochter Edmée (Edmunde) fährt nach dem Tode ihres Vaters auf Anraten ihres Vormundes an einem trüben Dezembertag von Brüssel nach dem Dörfchen Neroeteren bei der Kleinstadt Hasselt zu ihrem Onkel, der in der Nähe einen Hof besitzt, „die Bewässerungen“ genannt. Als sie hier ankommt, erfährt sie, daß ihr Onkel gerade gestorben ist. Sie lernt ihre Tante kennen, eine stille Frau, die nur flämisch spricht, den Cousin Fred, 21 Jahre alt und nun das Haupt der Familie, Jeff, 19 Jahre alt, mit Wasserkopf und überlangen Armen, ein kräftiger, geschickter, immer tätiger Handwerker, der auch jede Woche das Brot backt, dann ihre Cousine Mia, 17 Jahre alt, die den Haushalt besorgt und die Gäste ihres Cafés bedient, schließlich drei jüngere Mädchen, die noch zur Schule gehen. Bei der Beerdigung lernt Edmunde auch Onkel Louis kennen, den Bruder ihrer Tante und Vormund der jüngeren Geschwister, einen in Dorf und Stadt angesehenen Geschäftsmann.

Das Landleben in den von Bewässerungsgräben durchzogenen und von Pappelreihen abgegrenzten Wiesen, die von einem höher gelegenen Kanal beherrscht werden, wird keineswegs als Idylle beschrieben. Ein winterliches Vergnügen, der Eislauf der Dorfjugend auf den gefrorenen überschwemmten Wiesen, gleicht zwar holländischen und flämischen Genrebildern, doch endet es in einem Mißklang und einer familiären Krise. Zudem ereignet sich ein Schiffsunglück auf dem Kanal, das für Wochen alle Aufmerksamkeit und Tätigkeit der Männer und Frauen auf sich zieht. Und nicht zuletzt endet das Landleben dieser Familie, wie so viele verschuldete Bauernhöfe, mit einer unabwendbaren Pleite.

Edmunde freundet sich mit Jeff an, trifft sich mit ihm gerne bei einem Feuer in einem Schuppen, wo er Eichhörnchen abhäutet und in der Asche geschmorte Kartoffel ißt. Sie überwindet ihren Abscheu und beteiligt sich an dem unsauberen Imbiß. Vor allem aber fordert sie Jeff auf, für sie gefährliche Taten zu begehen. So stiehlt er die Edelsteine eines Kelches in der Kirche und klettert nachts auf den Glockenturm, um die Platin-Spitze des Blitzableiters abzumontieren, Taten, die er kühn und wortlos erledigt. Sie versteigt sich sogar zu der Ansicht: „Ich möchte einen Mann, der fähig ist zu töten, aber wirklich zu töten, der seinen Kopf riskierte“ (S.49). Von Fred und dessen fleischigen Lippen fühlt sie sich dagegen abgestoßen. Sie wehrt zweimal seine Verführungsversuche mit Angst und Schrecken ab. Bei dem zweiten Versuch in einem Tannenwäldchen werden sie von einem Dorfjungen überrascht. Fred schleudert ihn im Zorn zu Boden, der Junge fällt mit dem Kopf auf einen Baumstumpf und stirbt. Fred und Edmunde verheimlichen den Unglücksfall und begraben mit Jeffs Hilfe den Jungen in dem Grund eines Wassergrabens.

Darauf erkrankt Edmunde zwar nicht schwer, aber ohne Wochen lang wieder recht auf die Beine zu kommen. Schließlich fährt Onkel Louis sie zu einem Arzt in Hasselt, der eine leichte Lungenentzündung feststellt. Zur gleichen Zeit findet Louis heraus, daß Fred die Abrechnungen des Hauses fälschte, indem er große Summe für sein Vergnügen abzweigte. Es kommt zum Streit zwischen Fred und Louis, Fred aber setzt seinen Kopf durch. Er will den Hof verkaufen und fragt Edmunde, ob sie ihn heiraten will. Sie willigt ein.

Diese Ereignisse werden in den ersten elf Kapiteln des Romans aus der Perspektive Edmundes erzählt. Das zwölfte Kapitel wird vom Standpunkt des Kommissars, des Untersuchungsrichters und des Staatsanwaltes in Antwerpen erzählt, wo Fred eine Stellung gefunden hat. Man schreibt den Oktober des nächsten Jahres nach den erzählten Ereignissen. Edmunde wurde von Jeff vergewaltigt und erdrosselt. Er hat bei ihr das von ihm gezimmerte Schmuckkästen mit den gestohlenen Edelsteinen und einen Fetzen der roten gestrickten Baskenmütze des getöteten Dorfjungen zurückgelassen.

Auf die Frage des Kommissars, warum er seine Schwägerin getötet habe, „antwortete Jeff mit einer plötzlichen Bissigkeit: Was hätten Sie denn gemacht?“ Der anschließende Schlußsatz lautet: „Er sprang in der folgenden Nacht aus einem Fenster des Gefängniskrankenhauses, im dritten Stock gelegen, dann hatte er noch sechs Tage um zu sterben.“ (S.190) Es gibt wenige Romane Simenons, die trauriger und verzweifelter enden.

Zur Kunst der epischen Erzählung, die für Simenon, dem Genie der realistischen Vergegenwärtigung, sozusagen selbstverständlich ist, brauche ich nur ein paar Beispiele als Belege anzuführen. So etwa, daß die Umstände des Schiffsunglücks, das Sinken des Schleppkahns, der die beiden Treidelpferde mit sich gerissen hat, die Bergung des Bootes und die Ausbesserung des Kanals, in zwei Kapiteln anschaulich beschrieben werden.

Auch findet sich eine Parallele zur klassischen Regel der epischen Darstellung. Lessing hat bekanntlich auf die Kunst Homers hingewiesen: er hat den Schild des Achilles nicht statisch beschrieben, sondern seine Verfertigung in allen Einzelheiten vor Augen geführt. Er hat keinen reglosen Zustand beschrieben, sondern einen zeitlichen Vorgang Phase für Phase geschildert. So schildert Simenon hier genauestens, wie Jeff die Eichhörnchen abhäutet oder die Spitze des Blitzableiters erhitzt und das flüssige Metall in die Initialen Edmundes gießt, die akkurat in das Holzkästchen eingestemmt sind.

Die Hauptfigur des Romans, Edmunde, ist der Mittelpunkt in einem Triptychon von Frauentypen. Mia ist eine unkomplizierte Seele mit bescheidenen Wünschen, mit etwas unregelmäßigen Zügen und einer derben Figur, den Haushalt mit Kochen, Nähen, Bügeln, Aufräumen immer fleißig besorgend.

Die Tante verkörpert den Typus der dienenden Frau in Reinform, sie ordnet sich dem jungen Fred, dem Familienhaupt, ebenso gehorsam unter, wie sie es ihrem Mann getan hat. „Die Tante schien immer ein Unglück zu erwarten und machte sich so demütig wie möglich, ein fahles Lächeln versuchend, um das Schicksal zu entwaffnen.“ (S.33) Angesichts einer Serie kleiner Unfälle heißt es: „Die Tante sagte nichts, wurde aber noch matter, noch unscheinbarer, wie wenn sie dem bösen Geschick weniger Handhabe bieten wollte.“ (S.133)

In Parenthese sei hier die seltsame, aber durchaus glaubhafte psychologische Beobachtung über die Frau des Schiffers mitgeteilt: „Stundenlang beklagte sie sich bis zu dem Punkt, daß sie das Aussehen hatte, ihr Unglück zu genießen“ (S.70).

Edmunde aber ist eine launische, kapriziöse, eigensinnige junge Frau mit dem modischen Geschmack des Großstadtbewohners; sie weigert sich, sich an der Hausarbeit zu beteiligen, gibt vielmehr vor, für sich aus den Büchern Medizin zu studieren und, was ebenso bezeichnend wie merkwürdig ist, sie lernt kein Flämisch, aus einem inneren Widerstand heraus, sich dem ländlichen Milieu anzupassen, das sie verachtet. „Edmunde hatte kein Verlangen nach einem Geliebten. Sie waren alle lächerlich. Sie gab vor allem nicht zu, daß ein Mann eines Tages das Recht habe, sie zu beherrschen.“ (S.138)

Obwohl auf weite Strecken ihre inneren Erlebnissen, ihre Ängste und Wünsche, en détail beschrieben werden, bleibt doch ungesagt, warum sie nach anfänglicher heftiger Abwehr schließlich doch einwilligt, Fred zu heiraten. Es wird der Zeitpunkt der Entscheidung angedeutet, nämlich als sie sagt, daß sie an Neujahr nicht Onkel Louis besuchen werde: „Sie hatte das Bewußtsein, einen Akt von beachtlicher Bedeutung zu vollziehen“ (S.167), weil sie sich mit dieser Absage nämlich für Fred entschieden hat. Doch erfahren wir dafür keinen Grund. Die Antwort wird nicht in Worten ausgesprochen, sondern durch das Verhalten gezeigt. Edmunde entscheidet sich für Fred, als dieser sich in dem Streit mit Onkel Louis als standfest und überlegen erweist. Die indirekte Erklärung dieses Gesinnungswandels ist fraglos ein subtiles Kunststück psychologischer Menschendarstellung.

Das gleiche gilt erst recht von der Bemerkung über Edmondes Verhalten vor dem Verführungsversuch, als Fred in ihr Zimmer kommt und fragt, ob es besser gehe: „Sie konnte nicht antworten. Sie sah ihn sich nähern; sie versteifte sich, um ihre Furcht nicht zu zeigen und dennoch hätte sie nicht wo anders sein gewollt.“ (S.90) Dieses Verhalten, eine Mischung von Furcht und einem unklaren Gegengefühl, hat Jean-Paul Sartre „la mauvaise foi“, nämlich Unwahrhaftigkeit sich selbst gegenüber, genannt und ihm ein tiefschürfendes, höchst aufschlußreiches, immer lesenswertes Kapitel in Das Sein und das Nichts gewidmet. Simenon stellt das Phänomen in einer kurzen Szene seines Romans mit höchster Eindringlichkeit dar. Übrigens ein weiterer Beleg, daß sein Werk der Epoche des Existentialismus angehört.

Vor allem aber ist Edmunde hochsensibel, aber auf andere Art als die Tante, die jeden Kummer nur mit Tränen zu beantworten weiß. Edmunde empfindet die Krankheit, die sie nach dem Tode des Jungen befällt, als Sühne für diese Untat. Dies ist der Grund, warum sie nicht gesund werden will. Die rote Baskenmütze des Buben hat sie sozusagen immer vor Augen. Mit diesem optischen Signal, einer mahnenden Erinnerung, schließt ein Kapitel: „Sie sah die beiden Vettern wieder unbeweglich in der Nacht, die Füße im Matsch, während das Wasser ablief, und dann schien es ihr, daß alles dieses Wasser des Kanals, das von Verzweigung zu Verzweigung, von Schieber zu Schieber, in winzigen leuchtenden Fäden in den Wiesen absterben wird, vergiftet war, denn dieses Wasser lief, klar und rauschend, über den kleinen Jungen mit der roten Baskenmütze, der aus Angst so sehr gelacht hatte.“ (S.127) Eine der anrührendsten Passagen in Simenons Œuvre.

Mit diesem düster mahnenden Leitmotiv schließt auch das elfte Kapitel, in dem Edmonde den Heiratsantrag Freds annimmt. Es ist das letzte Kapitel vor ihrer Ermordung: „Draußen, überall festes Weiß, wie der Mond funkelndes Weiß, nur mit den schwarzen Zügen der Pappeln und irgendwo unter dem Eis, der rote Fleck der Baskenmütze eines Kindes“ (S.178).

In der Tat geht es hier um zwei Verbrechen, zwei schwere moralische Fehler, einmal um die ungewollte Tötung des Jungen, dann um die Verheimlichung des Totschlags, insgesamt um ein Kapitalverbrechen, das nach dem Gesetz ungesühnt bleibt, und in dieser Hinsicht gleicht es dem späteren Roman mit dem programmatischen Titel: Crime impuni (Unbestraftes Verbrechen) (J.Q., l.c. 46ff.).

Doch könnte man auch Jeffs Handlung als Strafe für die Tötung des Jungen auffassen und seinen qualvollen Selbstmord als Sühne für jene Bestrafung aus eigener Machtvollkommenheit. Die Überlegung ist freilich nicht ganz schlüssig, weil Jeffs Tat doch wohl in erster Linie die Rache dafür ist, daß Edmunde Fred geheiratet hat. Was Edmunde als eine Art Kameradschaft verstanden hat, ihre Komplizenschaft mit Jeff, hat dieser als erotische Zuneigung aufgefaßt, ein Mißverständnis mit tödlichen Folgen.

In diesem Sinne ist auch Das Haus am Kanal ein Kapitel in Simenons literarischem Diskurs über das existentielle Problem aller Probleme, ob es möglich ist, einen Menschen wirklich zu verstehen.

J.Q. — 25. Juli 2021

© J.Quack


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