Josef Quack

Politiker, literarisch betrachtet
Der Präsident von Simenon




Der Dichter ist Herr über die Geschichte.

G.E. Lessing

Quand on voit le style naturel, on est tout étonné et ravi, car on s’attendait de voir un auteur, et on trouve un homme.
Wenn man den natürlichen Stil sieht, ist man ganz überrascht und erfreut, denn man erwartete, einen Schriftsteller zu sehen, und findet einen Menschen.

B. Pascal

Der Präsident
Maigret beim Minister
Das Treibhaus
Bericht über Bruno
Schlußbemerkung
Literatur

In den Briefen, die neueste Literatur betreffend (Nr. 105) erklärt Lessing die Aufgabe des Rezensenten und Interpreten: „Ich habe immer geglaubt, es sei die Pflicht des Criticus, sooft er ein Werk zu beurteilen vornimmt, sich nur auf dieses Werk allein einzuschränken; an keinen Verfasser dabei zu denken; sich unbekümmert zu lassen, ob der Verfasser noch andere Bücher, ob er noch schlechtere oder noch bessere geschrieben habe; uns nur aufrichtig zu sagen, was für einen Begriff man sich aus diesem gegenwärtigen allein mit Grund von ihm machen könne.“
Bei einem Autor, der mehr als zweihundert seriöse Romane geschrieben hat, fällt es schwer, Lessings Rat zu befolgen, denn hier ist man versucht, sofort auf andere Werke mit gleichen oder verwandten Themen hinzuweisen und sich in intertextuellen Beziehungen zu verlieren. Dennoch hat Lessing völlig recht und ich werde seinen Rat befolgen. Zunächst werde ich Le président (1957) eingehend besprechen, einen Roman, von dem manche Kenner mit einem gewissen Recht behaupten, es sei ein Schlüsselwerk Simenons, weil es sein abschließendes Urteil über die Politik enthalte. Danach werde ich Maigrets wichtigste Begegnung mit der Politik schildern, um schließlich die zwei bedeutendsten deutschen politischen Romane der Nachkriegszeit zum Vergleich heranzuziehen, um das Thema abzurunden: Das Treibhaus (1953) von Wolfgang Koeppen und den Bericht über Bruno (1962) von Joseph Breitbach.

Der Präsident

Le président (1957) ist einer jener Romane, in denen es Simenon gelungen ist, seine außerordentlichen Gaben als Erzähler nahezu vollkommen zu entfalten und auszuspielen. Ich habe verschiedentlich Simenons Genie der sinnlichen Vergegenwärtigung beschrieben, seine Kunst, Figuren und Szenen zu schildern, die auf Anhieb den Eindruck erwecken, daß sie lebenswahr und wirklich sind (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, 13ff.). Die von ihm geschilderten Romanfiguren haben eine überwältigende Präsenz, an der man keinen Augenblick zweifelt, und die physische Wirklichkeit der Szene, die Örtlichkeit mit allen Gegenständen und vor allem auch die spezifische Atmosphäre haben das lastende Gewicht realer Dinge.
Siegfried Kracauer hat eine Theorie des Films entwickelt, die auf der Grundlage beruht, daß im Film die physische Wirklichkeit gerettet wird — was heißen soll, daß sie, nämlich die Landschaft, die körperlichen Gegenstände, wozu auch die Personen gehören, Himmel und Erde, um ihrer selbst willen gezeigt und abgebildet werden. Dagegen wird in Literatur und Malerei die natürliche Realität immer einem Kontext der Bedeutung untergeordnet. Anders jedoch in Simenons Romanen, wo die natürliche Umwelt des Menschen immer auch um ihrer selbst willen dargestellt wird und gewöhnlich nicht als Träger einer übergeordneten symbolischen oder allegorischen Bedeutung. Die physische Welt samt ihren festen und flüchtigen Erscheinungen wird gewöhnlich als gleichwertiger Faktor, als autonomer Mitspieler der Situation behandelt.
In Le président ist es Simenon gelungen, die physische Atmosphäre und die moralische Atmosphäre des Romans in jedem Augenblick des Geschehens mit der gleichen Intensität darzustellen. Das gilt zunächst vor allem für den ehemaligen Politiker, dessen Altersbeschwerden und Gebrechlichkeit man immer vor Augen hat; erst recht ist man sich stets seiner mentalen Verfassung bewußt, denn das Geschehen wird, von wenigen Passagen abgesehen, aus seiner Perspektive von einem neutralen Erzähler geschildert. Das Wetter, die Räume des Hauses, die Helfer und Bewacher — in jedem Moment der Handlung weiß man, wie es darum steht.
Der Roman ist außerordentlich fesselnd in einem elementaren Sinn. Um dem Werk gerecht zu werden, kann ich nicht umhin, sowohl den Konflikt als auch die Lösung genau zu erörtern. Es sei dem Leser, der sich das Vergnügen der Spannung erhalten will, deshalb empfohlen, den Roman vor dieser Besprechung zu lesen.

Die Szene

Ort des Geschehens ist ein einstöckiges, karg eingerichtetes Landhaus, ein umgebauter Bauernhof, auf den Klippen der normannischen Küste, nahe Fécamp. Der Präsident, von dem wir nur den Vornamen Augustin erfahren, verdankt seinen Titel der Tatsache, daß er wiederholt Präsident des Ministerrates, also Ministerpräsident oder Premierminister, war. Er ist 82 Jahre alt, hat vor kurzem einen leichten Schlaganfall erlitten, der sein linkes Bein leicht behindert. Er wird von Gabrielle, der siebzigjährigen Köchin betreut, und der Krankenschwester Mme Blanche, einer Frau in mittleren Jahren; seine Sekretärin, in ähnlichem Alter, heißt Milleran. Außerdem wird er von Emile, dem Chauffeur und Kammerdiener bedient, zudem von der jungen Marie, die die gröberen Arbeiten verrichtet.
Er wird täglich von Dr. Gaffé aus Le Havre untersucht, der im Bedarfsfall Dr. Lalinde in Rouen konsultiert, während Professor Fumet aus Paris die oberste medizinische Aufsicht über den Präsidenten führt. Schließlich hält ständig ein Inspektor Wache vor dem Haus.
Das Personal und die Ärzte werden vom Staat bezahlt, denn der Präsident ist ein hochangesehener Staatsmann von internationalem Ruf, eine historische Persönlichkeit, die, wie er selbstironisch behauptet, wie ein historisches Denkmal gepflegt und beschützt wird. Einst war er ein mächtiger Politiker in Frankreich, der die jetzige Generation dieser Kaste weit überragt, und er ist weiter gefürchtet, weil er immer noch über eine gewisse Macht verfügt. Sie beruht auf seinem internen Wissen um politische Korruption und verschwiegene Skandale, auf Informationen, die er durch Dokumente belegen kann. Er selbst hat seinen bleibenden Einfluß bekräftigt, als er andeutete, daß er seinen offiziellen dreibändigen Memoiren einige Erinnerungen hinzufügen werde, die die ganze Wahrheit enthalten.
Die Zeit der Handlung ist Mittwoch und Donnerstag, der 3. und 4. November. Der erste Tag wird von einem heftigen Sturm beherrscht, der in der Nacht plötzlich aufhört. Ihm folgen frostige Kälte und dichter Nebel. Während des Sturmes waren die Strom- und Telephonleitungen unterbrochen, man war auf Kerzenschein und Petroleumlicht angewiesen.

Die Krise

Was die näheren politischen Umstände angeht, so muß man zwei erzähltheoretische Grundsätze beachen, die hier zum Tragen kommen. Das erste Prinzip, das Umberto Eco genauer erklärt hat, besagt, daß die narrative Welt eines Romans eine semantisch arme Welt ist (Eco 269f.). D.h., daß selbst in einem ausführlichen Text keineswegs alle, sondern nur wenige Eigenschaften des narrativen Universums explizit beschrieben werden können — die allermeisten Eigenschaften werden stillschweigend als bekannt vorausgesetzt. Sie müssen im Bedarfsfall vom Leser aus seinem Wissensschatz ergänzt werden. Es wird z.B. als selbstverständlich vorausgesetzt, daß in einer realistischen Romanwelt dieselben Naturgesetze gelten wie in der Wirklichkeit, das gleiche gilt von der kulturellen Situation, den gesellschaftlichen, politischen Verhältnissen, der Geschichte. Wir nehmen die Dinge und Ereignisse eines Romans immer in einem umfassenden Horizont stillschweigend vorausgesetzten Wissens wahr, in dem Horizont unserer Lebenswelt.
Zweitens muß man den Grundsatz beachten, den Lessing für historische Dichtungen formuliert hat: „Der Dichter ist Herr über die Geschichte“ (Briefe Nr. 63). Das heißt nichts anderes, als daß er nicht zu historischer Treue verpflichtet ist, sondern die geschichtliche Szene samt den Akteuren und Abläufen im Sinne seines Werkes verändern kann. So ist der Präsident hier keine identifizierbare politische Person, sondern eine fiktive Gestalt, die jedoch in einem historisch getreuen Rahmen oder Umfeld lebt und handelt. Simenon setzt voraus, daß das politische Milieu des Romans mit der Realität der Dritten und Vierten Republik Frankreichs mit ihren instabilen Regierungsverhältnissen, wechselnden Parteienbündnissen und häufigen Kabinettswechseln übereinstimmt. So war der Präsident zweiundzwanzig Mal in der Regierung, acht Mal Ministerpräsident (S. 160). Von den historischen Personen kannte er Jean Jaurès, er hat das Attentat auf ihn miterlebt (S. 130). Man erinnere sich an die häufigen Regierungswechsel in jener Epoche: zwischen 1930 und 1936 hatte Frankreich 18 Regierungen, in der Vierten Republik zwischen 1947 bis 1958 gab es 25 Kabinette. Erst de Gaulle machte dieser politischen Lähmung mit dem Präsidialregime ein Ende und Frankreich wieder zu einem ernstzunehmenden Akteur in der Weltpolitik.
Es ist gut möglich, daß Simenon durch den Tod Éduard Herriots (1872-1957), der zu seiner Zeit eine beherrschende Figur der französischen Politik war, zu seinem Roman angeregt wurde. Herriot ist im März 1957 gestorben und Simenon hat das Buch im Oktober des gleichen Jahres geschrieben. Freilich hat er von Herriot, vom Alter abgesehen, wohl kaum einen Zug übernommen. Als Vorbild für Simenons Hauptfigur ist dieser dubiose Politiker auch gänzlich ungeeignet; Herriot hat zwar nicht mit der deutschen Besatzung kollaboriert, aber doch es abgelehnt, sich de Gaulle und der France libre anzuschließen (Scholl-Latour 276).
Dagegen hat man vermutet, daß Georges Clemenceau (1841-1929) das nähere Vorbild für Simenons Protagonisten gewesen sei (Assouline 824). Doch hat der Autor keine der historisch bedeutenden Taten Clemenceaus in seinem Roman explizit erwähnt: weder dessen Parteinahme für Alfred Dreyfus noch dessen Leistung als „Vater des Sieges“ von 1918 (Scholl-Latour 616); erst recht spricht er nicht vom Versailler Friedensvertrag, dessen nationalistisch kurzsichtiger spiritus rector Clemenceau ebenfalls war. Der Romanheld gleicht diesem Realpolitiker nur darin, daß er sich nach der vergeblichen Teilnahme an der Wahl zum Staatspräsidenten von der Politik zurückgezogen hat, so wie Clemenceau 1920 als Regierungschef zurücktrat, als er bei der Wahl zum Staatspräsidenten unterlag. Beide stimmen allenfalls in einigen Charakterzügen überein: wie Clemenceau ist auch Augustin ein herrischer, schroffer, das ironische Bonmot liebender Mann, selbstherrlich, geistig unabhängig und unbestechlich, wenn man mal davon absieht, daß Clemenceau in den Panamalskandal von 1892/93 verstrickt war, in dem viele Spekulanten ihr Geld verloren hatten — eine unrühmliche Handlung, wie man sie Simenons Hauptfigur unmöglich zuschreiben kann.
Andererseits spielt im Roman eine wirtschaftspolitisch folgenreiche Abwertung des Franc eine zentrale Rolle, ähnlich wie die Francabwertung von 1928 unter der Regierung Raymond Poincarés, die für die ökonomische Stabilisierung des Landes sorgte und bewirkte, daß Frankreich die Weltwirtschaftskrise weitaus besser überstand als andere Länder. Freilich findet sich im Roman keine Spur, die ausdrücklich auf Poincaré hindeutete. Der Präsident des Romans ist also eine erfundene Person, die aber durchaus glaubwürdig in die realen Verhältnisse der Zeit paßt.
Das Drama beginnt am Abend des 3. November, als nach achttägiger Regierungskrise Philippe Chalamont, Parteiführer der unabhängigen Linken, mit der Bildung des Kabinetts beauftragt wird und seine Antwort am nächsten Morgen bekannt geben will. Chalamont war Sekretär und Kabinettschef, engster Vertrauter des Präsidenten, bis er den Termin und die Höhe der erwähnten Abwertung seinem Schwiegervater verriet, einem reichen Bankier, der mit dem Wissen große Spekulationsgewinne machen konnte. Der Präsident zwang Chalamont damals, ein Geständnis zu schreiben, und er hat öffentlich versichert, daß er jede Regierungsbeteiligung Chalamonts verhindern werde — womit er andeutete, daß er dokumentarische Beweise besaß, die Chalamont diskreditierten. Der Verrat Chalamonts liegt nun sechzehn Jahre zurück (S. 73), gesehen haben sich die beiden zuletzt vor zwölf Jahren (S. 68), die letzte Präsidentschaft Augustins war vor zehn Jahren (S.11). Übrigens werden der Verrat und das Geständnis Chalamonts fast genau in der Mitte des Romans geschildert.
Wie ein gut unterrichteter Reporter, der im Radio zu Wort kommt, so erwartet auch der Präsident, daß Chalamont zu ihm fahren oder ihn anrufen werde, um den alten Zwist zu bereinigen und von dem Präsidenten außer Diensten das Plazet für seine Regierungsbildung zu erhalten. Doch der Präsident wartet vergeblich auf das Kommen und den Anruf Chalamonts. Zunächst erklärt er das Ausbleiben der Kontaktaufnahme mit den Verbindungsstörungen durch den Sturm. Als er jedoch am nächsten Morgen Gewißheit erlangt, daß Chalamont die potentielle Macht des Präsidenten einfach ignoriert, gerät er in eine schwere Nervenkrise, die er nur mit starken Medikamenten meistern kann.

Die Entscheidung

Die Frage aller Fragen, die den thematischen Höhepunkt des Romans bildet, ist nun, wie der Präsident sich entscheiden wird. Wird er sein Wissen um Chalamonts Verrat ausspielen und dessen Kabinett verhindern oder wird er darauf verzichten und seinen machtpolitischen Einfluß nicht geltend machen?
Um begreifen zu können, wie Augustin sich entscheidet, ist es unerläßlich, daß man sein Selbstverständnis als Politiker kennt. Einem ausländischen Leser, besonders einem deutschen, fällt sofort auf, daß alle Akteure des Romans einen ungebrochenen Nationalismus, einen unangezweifelten Patriotismus vertreten, eine politische Gesinnung, deren oberster Wert die Staatsräson und die Größe des säkularen, laizistischen Landes ist. Für Augustin ist bezeichnend, daß er seinen Lebenssinn im Streben nach Ruhm durch politisches Handeln erblickt. Er träumt davon, daß einmal eine Straße seinen Namen tragen werde (S. 130). Dieses Streben nach Ruhm im Dienst des Landes gleicht der antiken römischen Einstellung zum Staat. Und tatsächlich hat Augustin die „Höhe seines Ruhmes“ erreicht, als er mit seiner Energie das Land vor dem Abgrund rettet (S.69).
Die Eigenart seiner Staatsgesinnung erklärt er selbst in einem Gespräch mit Fumet, seinem Arzt und Freund: „Von einem gewissen Grad des Erfolges an ist ein Staatsmann nicht mehr er selbst, sondern wird Gefangener der öffentlichen Sache … es gibt einen Augenblick, ein Grad der Erhebung, wo die persönlichen Interessen und Ambitionen eines Mannes und die des Landes sich vereinen“ (S. 69f.). Damit wäre ein Verrat aus geistigen, moralischen oder psychologischen Gründen fast sicher ausgeschlossen.
Es ist das Ideal eines selbstlosen Politikers, der die Sache des Staates zu seiner eigenen macht. Dem entspricht auch sein Vorsatz, was er im Falle seiner Wahl zum Staatspräsidenten hätte durchführen wollen: „Er hätte vielleicht eine gewisse Straffung in das öffentliche Leben gebracht, und jene, die ihn am besten kannten, hatten von einem laizistischen Jansenismus gesprochen.“ (S. 70) Dieser Zug verbindet ihn wiederum mit Clemanceau, der ein rabiater Prediger des Laizismus war (Scholl-Latour 251).
Soweit das Ideal des uneigennützigen Politikers. Andererseits weiß Augustin aus seiner langen Erfahrung, daß es keinen einzigen Politiker in diesem schmutzigen Geschäft gibt, der nicht in einem gegebenen Augenblick seiner Karriere eine Gemeinheit begangen hätte (S. 110).
Was sein Selbstverständnis angeht, so heißt es zwar, daß er an nichts glaube (S. 100) — wobei natürlich seine Staatsgesinnung ausgenommen ist —, doch ist für ihn charakteristisch, daß er sich selbst so streng beurteilt wie die öffentlichen Dinge. Mit anderen Worten, er ist bestrebt, ehrlich gegen sich selbst zu sein und endlich die Wahrheit über sich selbst zu finden (S. 97). So kreisen seine Überlegungen um die Frage, ob die öffentliche Legende, die sich über ihn gebildet hat, der Wahrheit entspricht (S. 76), und er muß sich am Ende eingestehen, daß er selbst „die Legende eines integren Politikers“ geschaffen hat, die nicht der Wahrheit entspricht (S. 166). Es ist diese schonungslose Selbsterkenntnis, die dann seine Entscheidung in der Krise bestimmt.
Am Morgen des 4. November empfindet er eine tiefe Enttäuschung darüber, daß Chalamont während der Nacht nicht gekommen ist. Als er die Nachricht über seine Absicht hört, eine Regierung zu bilden, überfällt ihn eine unbeherrschbare „Bestürzung“ (le stupeur), muß er doch erkennen, daß Chalamont so gehandelt hat, als wäre der Präsident schon tot (S. 119f.). Er überlegt einen Augenblick, ob er Paris anrufen soll, um das neue Kabinett zu torpedieren, doch gibt er aus Gründen der Selbstachtung dem Impuls nicht nach, was ihn aber soviel Kraft kostet, daß es die Nervenkrise auslöst — eine Szene, die wie keine andere enthüllt, was für ein Mensch er ist (S. 135).
Endgültig entscheidet er sich erst nach einem tiefen Mittagsschlaf, nachdem er über einen seltsamen Traum nachgedacht hat. Im Traum hatte er erlebt, wie er sich von seinem Körper löst und sich von außen betrachtet, als gäbe es keine klare Grenze zwischen Leben und Tod, und er hatte erfahren, was „sublime Heiterkeit“ bedeutet und wert ist (S.169). Diese Einsichten bewirkten bei ihm eine „Umstürzung seiner Vorstellungen von den menschlichen Werten“ (S. 168). Die wesentliche Folge ist, daß er nun die politische Macht nicht mehr als höchsten Wert betrachtet, und er zieht die Konsequenz, daß er sich von diesem Aktionsfeld abwendet: „Die Wahrheit ist, daß er auf seinem inneren Forum entschieden hat, daß er davon abgekommen ist (qu’il était parti)“. Er hat sich von der politischen Machtausübung gelöst, das politische Engagement aufgegeben (dégagé), er spricht von dénouement, Loslösung, Abwendung (S.178, 170).
Dabei sollte man beachten, daß die Entscheidung, nichts gegen Chalamont zu unternehmen, kein Verzicht oder keine Resignation in dem üblichen Sinne ist, daß man auf eine Sache verzichtet, die man für wertvoll und an sich für erstrebenswert hält. Verzicht bedeutet hier vielmehr die Unterlassung einer Handlung in einer Sache, der man nun keine Bedeutung mehr beimißt. Der Verzicht des Präsidenten auf die politische Macht ist für ihn kein Opfer, sondern ein leichtes Zugeständnis in einer Sache, die ihm nun nichts mehr bedeutet.
Daß Simenon diese feine Unterscheidung in seiner Erzählung, die mit sparsamen theoretischen Reflexionen durchsetzt ist, so klar und glaubwürdig aufzeigen konnte, ist nicht der geringste Vorzug dieses Romans eines Verächters der Politik, der eine erstaunliche Sachkenntnis in politischen Dingen verrät. Die Hauptfigur als Politiker seiner Zeit und seines Landes ist erstaunlich realistisch gezeichnet, ebenso die entscheidende politisch-ökonomische Affäre. Vielleicht aber muß man noch mehr bewundern, mit welcher Subtilität Simenon den politisch-moralischen Entscheidungsprozeß seines Helden beschreibt, und daß es ihm gelungen ist, den überraschenden Gesinnungswandel des Protagonisten in für ihn lebenswichtigen Fragen durchaus überzeugend darzustellen, einen Gesinnungswandel, der nicht aus pragmatischen oder opportunistischen, sondern aus moralischen Gründen erfolgt. Dies alles aber wird nicht theoretisch mit den Begriffen erörtert, die ich hier in der Interpretation verwende, sondern in den lebensnahen Vorstellungen eines Menschen, der das politische Handwerk wie kein anderer kennt. Nichtsdestoweniger gibt der Roman mit diesem Ausgang zu erkennen, daß für Simenon das politische Handeln letztlich moralischen Maßstäben untergeordnet ist.
Schließlich wäre noch zu bemerken, daß die Selbsterforschung des laizistischen Präsidenten Züge einer profanen Beichte annimmt. Darin ähnelt dieser Roman dem Monolog der Glocken von Bicêtre, in dem überdies eine weitere Form des Desengagements verhandelt wird (cf. J.Q., Die Glocken von Bicêtre).

Maigret beim Minister

Man hat den Eindruck, daß Simenon Maigret chez le ministre (1954) nur geschrieben hat, um seine Verachtung gegenüber der Politik auszudrücken; Maigrets Verachtung der Politik wird jedenfalls schon auf den ersten Seiten betont (S. 9). Die politische Sphäre erscheint in diesem Roman als ein einziger Sumpf von Korruption, Erpressung, Machtmißbrauch und unehrenhafter Kumpanei. Dabei hatte Simenon den großartigen Einfall, als politische Hauptfigur eine Person zu wählen, die von diesen Übeln unberührt ist, Auguste Point, einen Abgeordneten aus der Provinz, der sich mit einigen Gesinnungsgenossen nach dem Desaster von Krieg und Kollaboration wählen ließ, um ein wenig Sauberkeit in diese Welt schmutziger Hände zu bringen. Point gesteht: „So seltsam es erscheinen mag, ich habe vor zwölf Jahren gerade deshalb zugestimmt, mich zur Wahl zu stellen, um gegen die Politik zu kämpfen“ (S. 20). — Nebenbei bemerkt, ist die Zeitangabe problematisch, wenn man von der Gegenwart des Romans ausgeht und Points parlamentarischen Start auf das Jahr der Befreiung datiert, wie hier angedeutet wird (S.55). Doch will ich mich bei diesem Punkt nicht weiter aufhalten.
Die geschickte Absicht des Autors aber will es, daß dem idealistischen Abgeordneten seine Integrität zum Verhängnis wird. Er wird gerade deshalb verleumdet, weil er sich einmal geweigert hat, einem korrupten und erpresserischen Parlamentarier die Hand zu geben. Maigret kann zwar den guten Ruf Points wieder herstellen, gewonnen aber hat am Ende jener politische Routinier: „Gewiß, Maigret hatte sein Ansehen gerettet. Point hatte aber nichts desto weniger die Partie verloren“ (S. 188).
Selbst diese spärlichen Andeutungen über diesen Detektivrom können ein wenig ahnen lassen, daß diese Geschichte meisterhaft aufgebaut ist, eine selten gelungene erzählerische Fabel, das Musterexempel einer präzisen narrativer Ereignisfolge, einer in sich schlüssigen Handlungsintrige, und wer das Genre kennt, weiß, wie selten eine überzeugend konstruierte Geschichte ist — der Begriff des Konstruierten ist hier natürlich frei von jeder pejorativen Nebenbedeutung, die er sonst als Gegensatz zum Organischen hat; der Begriff bedeutet hier vielmehr soviel wie konstruktiv. Ein begabter Geschichtenerzähler ist ein überaus seltenes Wesen in der Literatur, gerade auch auf dem Feld des Detektivromans, wo diese Gabe die notwendige Bedingung ist — man trifft sie leider nur ausnahmsweise an. Selbst die Großen des Genres, Dashiell Hammett und Rex Stout, haben nur wenige glaubwürdige, rundum geglückte Geschichten mit Hand und Fuß erfunden (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, 87ff.).
Doch will ich hier nicht die detektivische Seite des Romans näher beschreiben, sondern den politischen Aspekt. Hintergrund des Falles, den Maigret für den Minister aufklären soll, ist ein öffentlicher Skandal großen Ausmaßes, ein Unglück, das alle Anzeichen eines echten historischen Ereignisses an sich trägt, doch von Simenon gut erfunden ist. Ein Sanatorium in den Savoyer Alpen wurde durch einen Erdrutsch zerstört, wobei hundertachtundzwanzig Kinder den Tod fanden (S. 16). Skandalös ist das Unglück deshalb, weil es von einem Geologen, der von dem Bau abgeraten hatte, in einem Gutachten vorhergesagt worden war. Dieser Bericht, der die in die Affäre verwickelten Politiker und die Baufirma stark belastet, wurde Point, als dem zuständigen Minister für Öffentliche Arbeiten, übergeben, aber am nächsten Tag gestohlen, und es entsteht der Verdacht, Point und die beteiligten Politiker wollten den Bericht unterdrücken. Maigret klärt, wie vorauszusehen war, den Diebstahl auf und kann damit den Minister von dem schlimmen Verdacht reinigen.
Was das politische Thema angeht, so will ich noch drei Bemerkungen anführen, die wiederum belegen, daß Simenon den politischen Betrieb aus dem Grunde kennt. Zunächst sei erwähnt, daß Point gar nicht mehr wußte, wie er bei der Vorlage des Sanatoriums abgestimmt hatte — was bedeutet, daß ihm die Sache damals nicht wichtig erschien (S.18). Es zeigt außerdem, daß Abgeordnete über zahllose Gesetze und Anträge abstimmen müssen, die sie an sich gar nicht richtig beurteilen können.
Dem entspricht, daß Point, der von Beruf Anwalt ist, ein Ministerium übernehmen mußte, von dessen Aufgabe er praktisch nichts verstand. Er fühlt sich als Laie, der in einem Kreis von Fachleuten, die ihn insgeheim verachten, die Ziele seiner Regierungen durchsetzen und sachgerechte Entscheidungen treffen soll (S.20). Dieses Grundproblem einer Regierung in einem modernen Staat, der auf eine funktionierende Verwaltung angewiesen ist, hat Max Weber verschiedentlich, auch in seinem berühmten Vortrag über "Politik als Beruf" erörtert. Es geht um die politische oder demokratische Kontrolle der staatlichen Bürokratie, ein Problem, das offenbar in keinem Land der neueren Zeit wirklich zufriedenstellend gelöst werden konnte. Es ist eine der Hauptaufgaben der Regierungsmitglieder, der nur die wenigsten gerecht werden. Es versteht sich, daß auch Karl Popper in seiner Gesellschaftstheorie mehrfach das Problem behandelt hat. Auch Koeppen kommt darauf im Treibhaus zu sprechen, worüber sofort mehr zu sagen wäre. In den Memoiren Kissingers kann man nachlesen, daß es selbst Richard Nixon, der als autoritärer Regierungschef galt, niemals gelungen ist, die vollständige Kontrolle über die amerikanische Administration zu gewinnen (cf. J.Q., Zeitgeschichte, autobiographisch: Kissinger).
Schließlich sei noch eine unglaublich bissige Bemerkung Maigrets über den Unterschied zwischen gewöhnlichen Verbrechen und politischen Affären zitiert, die den Grad der Verachtung verrät, die er gegenüber der Politik hegt: „In einer kriminellen Affäre gibt es gewöhnlich einen Schuldigen, oder eine Gruppe von Schuldigen, die im Einklang handeln. In der Politik, da ist es anders, und der Beweis ist, daß man im Parlament so viele Parteien zählt.“ (S. 174) Man sieht sofort, auf wessen Seite Maigrets Sympathie ist.
Und zuletzt sei nicht verschwiegen, daß Lucas und Janvier, die engsten Mitarbeiter Maigrets, die Getreuesten der Treuen, es ihm verübeln, ja dagegen fast aufbegehren, daß er sie mit der Arbeit in einer zwielichtigen politischen Affäre betraut, ein unerhörter Vorgang in Maigrets Gefolge und ein weiteres Votum gegen die Politik.

Das Treibhaus

Da ich das Treibhaus (1953) in meinem Buch über Koeppen bis ins Einzelne besprochen habe, kann ich mich hier kurz fassen (cf. J.Q., Wolfgang Koeppen, 147-197). Koeppens zweiter Nachkriegsroman erzählt die Geschichte des Abgeordneten Felix Keetenheuve, der zwei Tage in Bonn verbringt, eine wichtige Parlamentsrede hält, mit ihr keinen Erfolg hat und sich danach, letztlich aus Gründen der existentiellen Verzweiflung, im Rhein ertränkt. Das Treibhaus handelt — in Erzählung und Reflexion — von dem Problem, was ein Intellektueller als Politiker unter den Bedingungen der frühen Bonner Republik ausrichten kann. Das Thema hat drei Aspekte und Koeppen hat diese Punkte nahezu erschöpfend dargestellt: die Rolle des Intellektuellen als aktiver Politiker, das Milieu der ersten Legislaturperiode der Bundesrepublik mit den Haupt- und Staatsaktionen und schließlich die geistige Physiognomie der Hauptperson, ihre Mentalität und ihr Privatleben.
Das Porträt des intellektuellen Politikers versteht man am besten, wenn man es auf der Folie der Auffassung betrachtet, die Max Weber in seinem Vortrag über Politik als Beruf vertreten hat. Im Kern kritisiert Weber die Intellektuellen, die sich auf gesinnungsethische Ideale berufen und politische Utopien verkünden, ohne die faktischen Bedingungen der konkreten Situation eigentlich zu kennen und ohne die vorhersehbaren Folgen ihres politischen Handelns zu berücksichtigen. Keetenheuve übernimmt Webers Charakterisierung, bewertet sie aber völlig anders. Wie Weber weiß auch er, daß die meisten Politiker gegenüber den Fachbeamten ihres Ressorts Dilettanten sind, die aber dennoch in diesem Rahmen ihre politischen Ziele mit Leidenschaft und sachlichem Augenmaß durchsetzen müssen.
Für Keetenheuve hat der Begriff des Intellektuellen als politischer Dilettant jedoch eine überwiegend positive Bedeutung. Anders nämlich als die Fachleute und die Berufspolitiker vertritt der Intellektuelle nicht partikulare Gruppeninteressen, sondern die universalen Ideale der Freiheit, der Menschenrechte. Man könnte sagen, Keetenheuve versteht sich, um ein prägnantes Wort Schillers zu gebrauchen, als „Abgeordneter der Menschheit“.
Was die politische Wahrheit des Romans, die satirisch gefärbte, aber historisch getreue Schilderung der geistig-politischen Restauration in der Bonner Republik angeht, so konzentriert sich Koeppen auf drei Themen oder Tendenzen: das Problem des Nazismus, das mit dem Ende des Hitler-Regimes keineswegs erledigt ist; die grundsätzliche Frage der neuen politischen Ordnung, die zu einer merkwürdigen Distanz zwischen Staatsorganen und Bürgern geführt hat und die einem einzelnen Volksvertreter nur geringe Wirkungschancen einräumt, und schließlich die Entscheidung über die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, die für Koeppen die Bestätigung aller restaurativen Tendenzen des neuen Staates darstellt. Zum letzten Punkt will ich nur anmerken, daß Keetenheuve in seiner Ablehnung der Wiederbewaffnung die genuinen Interessen des Volkes zu vertreten und im besten Sinne demokratisch zu handeln glaubt — gegen die Vertreter der an der Aufrüstung interessierten Gruppen.
Es ist diese poltisch-historische Authentizität, die den Roman berühmt werden ließ und bis heute seine unüberholte Qualität darstellt. So urteilte der Zeitgeschichtlicher Kurt Sontheimer treffend: „Keetenheuves Begegnung mit der Bonner Politik enthüllt — treffend, wenngleich oft zugespitzt — so viele Facetten der Wirklichkeit des politischen Lebens im deutschen 'Treibhaus', daß der Roman zum Verständnis deutscher Politik in der Adenauer-Zeit fast unersetzlich ist. Bis heute ist dieses literarische Bild der Adenauer-Zeit unter dem beherrschenden Gesichtspunkt ihrer restaurativen Tendenzen nicht mehr erreicht worden.“ (Zitat in: J.Q., Wolfgang Koeppen, 148).
Zu dem existentiellen Aspekt des Romans wäre in unserem Zusammenhang zu sagen, daß Keetenheuve die persönliche Verantwortung gegenüber den ihm anvertrauten konkreten Nächsten letztlich höher bewertet als die öffentliche Tätigkeit im Namen allgemeiner Interessen. Er glaubt, die Pflicht gegenüber seiner Frau verletzt und damit auch sein existentielles Interesse verletzt, d.h. sich gegen das Leben entschieden zu haben: „Ein Mensch genügte, dem Leben Sinn zu geben. Die Arbeit genügte nicht. Die Politik genügte nicht.“ (Koeppen 2,310)
Ich kann die ungewöhnlich subtilen Überlegungen Keetenheuves, die sich nur im Kontext der Existenzphilosophie und des kritisch gesehenen Existentialismus Sartres angemessen verstehen lassen, hier nicht im einzelnen nachzeichnen und bewerten. Ich will nur noch darauf hinweisen, was ich im Koeppen-Buch genauer erläutert habe, daß Keetenheuves Freitod keineswegs einfach zu erklären, sondern ein mehrdeutiges Ereignis ist, das letztlich unerklärt bleibt: Er ist ein politisches Symbol, das die Niederlage einer idealistischen Nachkriegspolitik bedeutet; er ist die Besiegelung der völligen Entfremdung des Protagonisten, und er ist auch ein Akt der radikalen Verweigerung, eine Absage an die totale Kommerzialisierung der Lebensverhältnisse (J.Q., Wolfgang Koeppen, 185).

Bericht über Bruno

Als ein politischer Roman im strengen Sinn ist Das Treibhaus in der deutschen Nachkriegsliteratur eine Ausnahme geblieben. Dem Roman läßt sich allenfalls noch Joseph Breitbachs Bericht über Bruno (1962) zur Seite stellen. Während Keetenheuve als Anwalt gegen die Macht einer reflektierten Gesinnungsethik in der Politik das Wort redet, geht es bei Breitbach um die Frage, ob die Machtausübung nur zynisch betrieben oder ob sie durch moralische Normen gemildert werden kann; konkret geht es in diesem Kriminal- und Erziehungsroman um den Schutz des Intimlebens vor staatlicher und öffentlicher Neugierde. Beschrieben wird ein Generationenkonflikt, bei dem sich die Alten und die Jungen in der Verfolgung ihres Ehrgeizes nichts nachgeben; geschildert wird, wie der Kommunismus in den sechziger Jahren für jüngere Intellektuelle des Westens wieder interessant werden konnte. So unterschiedlich die Konzeption der beiden Romane ist, in der Güte der politischen Einsichten sind sie ebenbürtig (J.Q., Wolfgang Koeppen, 168).
Diese kurze Zusammenfassung möchte ich ein wenig erläutern. Der Bericht über Bruno ist der Roman einer mißglückten Erziehung. Die Geschichte Brunos wird von seinem Großvater erzählt, Leiter eines Chemiekonzerns, Führer der liberalen Partei und zeitweise Innenminister eines kleinen westeuropäischen Landes mit konstitutioneller Monarchie. Er überwacht die Bildung seines Enkels, der von Privatlehrern unterrichtet und erzogen wird. Das Bild Brunos ist das Porträt eines grausamen, unduldsamen, eifersüchtigen, hochbegabten Egoisten, der von dem brennendsten Ehrgeiz besessen ist, ein zeitgenössischer Verwandter gleichgesinnter Figuren von Stendhal und Balzac. Mit 16 Jahren erlangt er die Hochschulreife, so daß er Mathematik und Soziologie studieren kann. Obwohl er seine Kontakte zu seinem mißratenen Vater und zu Kommunisten verheimlicht und eine Regierungsmaßnahme an eine oppositionelle Zeitung verrät, verlangt er von seinem Großvater, daß er ihm gegenüber vollkommen aufrichtig sei. Als der Erzähler bei einer Diplomatenjagd aus außenpolitischen Rücksichten zu einer Notlüge greift, bricht Bruno jede Beziehung zu ihm ab und flieht nach Moskau. Nach einigen Jahren kommt er zurück, um sich an einer Pressekampagne gegen die Regierung zu beteiligen und um später als Abgeordneter das Kabinett seines Großvaters zu Fall zu bringen.
Der Roman hat durchaus die Qualitäten eines spannenden Politthrillers, was auch daran liegt, daß Breitbach die Mechanismen des Regierungsapparats, die konkrete Handlungsweise eines Innenministers, dem Polizei und Abwehr unterstehen, genau kennt und authentisch beschreibt. Ihm sind sowohl die Interna des politischen Apparates vertraut als auch der enge Spielraum des kleinen Landes in der Außenpolitik und im Außenhandel. Es ist keine Frage, daß Breitbach weiß, wovon er in politischen Dingen spricht, und auf persönliche Erfahrungen mit handelnden Politikern verweisen kann, insbesondere auf die nähere Bekanntschaft mit russischen Diplomaten (cf. Durzak 55).
Vor allem aber ist der Bericht über Bruno auch ein Reflexionsroman, in dem, wie angedeutet, drei politische Themen zur Sprache kommen: die Kritik der russischen Variante des Kommunismus und die Kritik der marxistischen Ideologie, die wenige Jahre später von einigen K-Gruppen der Studenten wieder als Programm übernommen und mit blinder Intoleranz verkündet wurde. Mit seinem intellektuellen Hochmut ist Bruno der vorweggenommene Prototyp der späteren studentischen Fanatiker. Das zweite Thema betrifft das Verhältnis von Moral und Machtpolitik und drittens geht es um das Problem, wie die überholte restriktive Sittengesetzgebung, die dem Staat erlaubt, das Intimleben der Bürger zu überwachen, und der Sensationspresse Stoff für Erpressungen aller Art liefert, reformiert werden kann. Breitbach plädiert für die erotische Selbstbestimmung des Menschen, ein Ideal, das heute weithin anerkannt, damals aber gesetzlich keineswegs garantiert war — insofern kann man durchaus auch von einem politischen Tendenzroman sprechen, der jedoch eine intellektuelle Dimension aufweist, die dem Genre an sich gewöhnlich fehlt.
Im Zentrum der Diskussionen steht zweifellos die Frage, wie die politische Machtausübung durch moralische Normen eingeschränkt und erträglich gemacht werden kann. Besprochen werden auch die glanzlosen Probleme des politischen Alltags, wo ständig Interessen auszufechten und auszugleichen sind, und es geht um das prinzipielle Verhältnis von individueller Freiheit und staatlichem Zwang, den grundsätzlichen Konflikt zwischen Staatsräson und elementarer Menschlichkeit, die durch eine „von aller Moral gelösten Politik“ verletzt wird (S. 172ff.). Als Realist schlägt Breitbach keine Patentlösungen für diese Probleme vor, er erwägt nur pragmatische Lösungen, die von Fall zu Fall überdacht und geprüft werden können. Obwohl der Roman von einer spannenden Handlung getragen wird, ist er doch auch ein Ideenroman, in seinem Kern der Schauplatz scharfer ideologischer Auseinandersetzungen, eines Wettkampfes zwischen Geistern, dem erfahrenen Politiker, Chemiker und Wirtschaftskapitän und dem jungen nach politischer Macht strebenden Enkel.
Diese Eigenart verleiht dem Buch einen abstrakten Anstrich, was durch die sachliche, nüchtern protokollierende, präzise, aber farblose Prosa nachdrücklich unterstrichen wird. So konnte Klaus Günther Just zu Recht den Roman „außerordentlich rational und überbelichtet“ nennen. Er fügt aber, wiederum treffend, hinzu, daß der Roman auch ein unaufgeklärtes Geheimnis enthalte, das Geheimnis der menschlichen Seele, womit er die Bösartigkeit des Enkels meint (Wechselrede, 147). Was die psychische Wesensart Brunos angeht, so muß man an die Überzeugung des Erzählers denken, „daß man nur die Lebensbedingungen, nicht aber den Charakter des Menschen ändern könne“, womit er sagen will, daß es eine Illusion sei anzunehmen, der Sozialismus könne einen besseren oder neuen Menschen hervorbringen (S. 174). Der Erzähler scheint also der Meinung zu sein, daß der menschliche Charakter unveränderlich ist, was im Hinblick auf Bruno bedeuten würde, daß sein destruktives Verhalten gewissermaßen zu erwarten gewesen wäre. Das heißt aber nichts anderes, als daß seine Erziehung scheitern mußte.
Wenn wir uns nun an Simenons Präsidenten erinnern, so drängen sich drei Einwände auf, die man gegen die Erzählweise und den Sprachstil des Berichts über Bruno erheben muß.
Der Text ist auf weite Strecken in indirekter Rede verfaßt, was die Prosa schwerfällig, monoton und umständlich erscheinen läßt. Dadurch wird die sachliche Schärfe der Gespräche oft unnötig gemildert, die Dialoge werden ihrer Lebhaftigkeit beraubt. Ähnliches gilt für die Berichte und Nachrichten, die in diesem Modus ebenfalls weniger brisant klingen.
Vielleicht noch nachteiliger wirkt es sich aus, daß das Äußere der Romangestalten nur höchst selten beschrieben wird. Dem Roman fehlt recht eigentlich die physische Atmosphäre, die Simenons Werke so eindrucksvoll auszeichnet. Die sinnlich-körperlichen Umstände werden allenfalls in der meisterhaften Jagdszene beschrieben, sonst beherrscht die moralische Atmosphäre die Szene des Reflexionsromans. Dieses Manko ist jedoch in erzähltechnisch insofern gerechtfertigt, als der Erzähler des Romans kein professioneller Schriftsteller ist, sondern ein Mann, der sich beruflich allenfalls auf das sachliche Protokollieren versteht.
Drittens gereicht es dem Roman keineswegs zum Vorteil, daß der Ort der Handlung unbestimmt bleibt und kein konkretes Land genannt wird, auch dies ein Moment des Abstrakten, das den Roman kennzeichnet. Das ist insofern mißlich, als dem Roman deshalb der konkrete politisch-historische Horizont fehlt, innerhalb dessen man sich als Leser die geschilderten Personen und Ereignisse vorstellen kann. Dem Roman fehlt ein Echoraum für seine Realitätsbeschreibungen, die immer nur fragmentarisch sein können und aus der Erfahrung des Lesers ergänzt werden müssen. Anders dagegen der Roman Simenons, der auf die Verhältnisse der dritten und vierten Republik in Frankreich anspielt und damit eine Fülle historisch gegebener Tatsachen zur Verfügung stellt, die die Romanhandlung und die Figuren wirkungsvoll erhellen. Ähnlich steht es mit Koeppens Roman, der ohne den realgeschichtlichen Hintergrund der frühen Bonner Republik völlig unverständlich wäre.
Schließlich noch ein Wort zur zeitgenössischen Rezeption des Romans, die aus einer Mischung von treffender Charakteristik und krassen Fehlurteilen bestand. Man hat seine Vorzüge durchaus gesehen und gewürdigt, daneben aber auch manches falsch eingeschätzt. So spricht Durzak etwa von dem allwissenden Erzähler des Romans (Durzak 58), was in zweifacher Hinsicht falsch ist: erstens ist der „allwissende Erzähler“ eine absurde, höchst irreführende Kategorie der Erzähltheorie, auch deshalb, weil es in der ganzen Weltliteratur nirgends einen Erzähler gab, der wirklich alles weiß, und zweitens ist der erzählende Großvater bei Breitbach alles anderes als allwissend, sonst hätte er die Katastrophe verhindern können.
Unbegreiflich ist sodann, daß Karl Korn einen Vorzug des Romans darin sehen konnte, daß seine Prosa überwiegend durch die indirekte Rede geprägt ist (Wechselrede 209). In meinen Augen ein Beleg für die mangelnde sprachlich-ästhetische Sensibilität des Kritikers. Dagegen müßte man bei Justs Urteil von einem mangelnden moralischen Sinn sprechen, wenn er von der „luziferischen Schönheit“ Brunos redet (Wechselrede, 147). In Wirklichkeit ist Bruno eher das Beispiel eines widerlichen bösen Buben.

Schlußbemerkung

In einem Brief an Arno Schmidt (10.8.1960) verurteilt Alfred Andersch die „politische Ahnungslosigkeit“ deutscher Schriftsteller: „Die meinen, wenn sie irgendein sweeping statement von sich geben, dann wären sie wunder was für Kerle. Erklärungen gegen die Politik überhaupt herausgeben, erscheint mir ziemlich billig; es erspart die persönliche Entscheidung sowohl wie die Mühsal der Analyse.“
Was Andersch von einem politischen Autor fordert, das haben Simenon, Koeppen und Breitbach vorbildlich ausgeführt. Sie haben das innerste Wesen des modernen Politik- und Staatsbetriebes durchaus erkannt. Was Karl Popper abstrakt beschreibt, haben sie in Bild und Erzählung anschaulich dargestellt: „Das Fundamentalproblem der Staatstheorie ist das Problem der Zähmung der politischen Macht — der Willkür und des Mißbrauches der Macht — durch Institutionen, durch die die Macht geteilt und kontrolliert wird.“ (Popper 1995, 249)
Im einzelnen ist höchst erstaunlich, daß sowohl der Präsident als auch Keetenheuve sich am Ende von der Politik abkehren und zwar deshalb, weil sie im politischen Handeln nicht mehr den höchsten Wert sehen, der dem Leben einen existentiellen Sinn geben könnte. Die beiden Romane stimmen auch darin überein, daß sie das realgeschichtliche Tableau ihres Landes authentisch darstellen. Breitbachs Roman hat den Vorzug, daß er das epochenspezifische Phänomen, daß junge Intellektuelle sich vom Marxismus verführen lassen, vor der Studentenbewegung untersucht hat und die staatlichen Eingriffe in das Privatleben der Bürger scharf verurteilt. Koeppens Roman ist insofern einzigartig, als er die Rolle des Intellektuellen als Politiker überzeugend rechtfertigen kann.
Schließlich sei noch Simenons Ausspruch zitiert: „Ich hasse die Politik“ (Simenon 1977, 336). Es ist das Bekenntnis eines Anarchisten, der, wie im Maigret-Roman angedeutet, von der Herrschaft des Volkes träumt — ohne die Beteiligung und Vermittlung der sattsam diskreditierten Berufspolitiker. Freilich ist er skeptisch gegenüber seinem eigenen Urteil in tagespolitischen Angelegenheiten.
Am Ende will ich der Frage nach der ästhetischen Qualität der einzelnen Romane nicht ausweichen. Der Bericht über Bruno bezieht seinen Reiz vornehmlich aus der Schärfe der intellektuellen Auseinandersetzung und der bedrohlichen Folge der Ereignisse. Das Treibhaus besticht durch seine lebendige Milieuschilderung in einem überaus komplexen Erzählstil. Le président ist von geradezu klassischer Einfachheit der Erzählweise. Diese Stringenz und die Harmonie von natürlicher und moralischer Atmosphäre verleihen dem Roman die stärkste Eindringlichkeit und eine Realitätsdichte, die man nicht für möglich gehalten hätte. Der Maigret-Roman gefällt deshalb, weil er ein spannender Krimi über eine politische Affäre ist und anders, als erwartet, eine distanzierte, um nicht zu sagen, entspannte Haltung gegenüber der Politik einnimmt.

Literatur

Georges Simenon:
Le président (1957). Paris 1978.
Maigret chez le ministre (1954). Paris 1972.
Quand j’étais vieux (1970). Als ich alt war. Dt. L. Birk. Zürch 1977.

Breitbach, Joseph: Bericht über Bruno. Roman. Frankfurt 1962.
Durzak, Manfred: Gespräche über den Roman. . Frankfurt 1976.
Eco, Umberto: Die Grenzen der Interpretation. Dt. G.Memmert. München 1990.
Freund, J. Helmut u. a. (Hg.): Wechselrede. Joseph Breitbach zum 75. Geburtstag. Frankfurt 1978.
Koeppen, Wolfgang: Das Treibhaus. Roman (1953). In: Gesammelte Werke. Band 2. Frankfurt 1986.
Kracauer, Siegfried: Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit. Frankfurt 1973.
Popper, Karl: Auf der Suche nach einer besseren Welt. München 1995.
Quack, Josef: Wolfgang Koeppen. Erzähler der Zeit. Würzburg 1997.
—, Die Grenzen des Menschlichen. Über Georges Simenon u. a. Würzburg 2000.
—, Zur Datierung der Treibhaus-Handlung.
—, Geistige Wahlverwandtschaft. Wolfgang Koeppen und Alfred Döblin.
Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 3. 2006. 39-56.
Scholl-Latour, Peter: Leben mit Frankreich. Stationen eines halben Jahrhunderts. München 1991.
Weber, Max: Politik als Beruf (1919). Stuttgart 1993.

J.Q. — 4. März 2017

©J.Quack


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