Josef Quack

Lyrische Skizzen

Rez.: Poesie-Quadriga N° 4: Peter Salomon, Sylvia Geist, Peter Engel, Doris Gautschi. Eggingen: Edition Klaus Isele 2014.



Wenn des Dichters Mühle geht,
Halte sie nicht ein.
Wer uns einmal versteht,
wird uns auch verzeihn.

Goethe

Die Lyrik hatte im Literaturbetrieb schon immer einen schweren Stand. Die Verlage drucken seit Jahrzehnten lieber Romane als Gedichte und die Buchbesprecher wissen nicht, was sie zu den poetischen Publikationen sagen sollen. So hat sich der Brauch herausgebildet, daß nur ausgewählte Lyrikspezialisten Lyrisches besprechen, so wie bei Sportübertragungen Eiskunstlauf von Eiskunstlaufspezialisten kommentiert wird. Wobei man den feinen Unterschied nicht vergessen sollte, daß Eiskunstlauf doch wohl ästhetisch erfreulicher ist als der Durchschnitt der gegenwärtigen Literatur. Daneben gibt es noch die naivste Lösung des Besprechungsproblems, daß man Dichter über Dichtungen schreiben läßt, ein echter Buchhändlereinfall, über den schon Tucholsky gespottet hat.
Was ist angesichts des kläglichen Zustands, in dem sich sowohl die Gegenwartsliteratur samt Gegenwartslyrik als auch der Rezensionsbetrieb befinden, zu tun? Zunächst sollte man nicht nur die Hervorbringungen der großen Literaturverlage beachten, sondern auch die Publikationen der kleinen Liebhaberverlage in Augenschein nehmen, Publikationen, die mindestens so aussagekräftig sind wie die Produkte der etablierten Verlage, deren Ruf ein sehr vergängliches Ding ist, wie wir gerade wieder einmal erleben.
Dann aber sollte man die Dinge beim Namen nennen. Man sollte multikulturelles Gestammel Gestammel nennen und nicht, wie letztens geschehen, mit dem Büchnerpreis auszeichnen. Und man sollte die Liebhabereditionen nach den gleichen strengen Maßstäben beurteilen wie die Ausgaben der eingeführten Literaturverlage, die natürlich als Lektoren nur die kompetentesten Literaturkenner beschäftigen. Das setzt natürlich voraus, daß die Bücher der großen Verlage überhaupt streng beurteilt werden – jenes prämierte Machwerk ist in einem berühmten Literaturverlag erschienen und von Rezensenten großer Zeitungen mit Lob überschüttet worden.
Die vierte Nummer der Poesie-Quadriga bringt von vier Autoren Texte, die kaum verschiedener sein könnten. Peter Salomon präsentiert unter dem Titel „Schluß für heute“ knapp dreißig Gedichte, die keine übertriebenen Ansprüche in sprachlicher oder intellektueller Hinsicht erheben. Es sind meist formlose private Anekdoten bescheidenster Art, bei denen man sich unwillkürlich fragt: Was geht mich das an? Sie sind von einer so flüchtigen Konsistenz, daß man kaum einen Ansatz findet, der es rechtfertigte, sie kritisch zu überprüfen. Man könnte allenfalls sagen, daß man Einfälle, die nicht genug Masse haben, um für eine Erzählung zu taugen, auch nicht für Lyrik ausgeben sollte.
In jeder Hinsicht am ambitioniertesten ist der „Periodische Gesang“ von Sylvia Geist. Die Autorin orientiert sich offensichtlich an der romantischen Vorstellung, daß Poesie Wortalchemie sei. Sie wählt das periodische System der chemischen Elemente und schreibt zu jedem Element auf, was ihr dazu assoziativ, metaphorisch, wortspielerisch einfällt. Wasserstoff wird mit „anfangen“ verbunden, Helium mit „weiter“ und „weiß“, Stickstoff mit „Schweiß“ usw., die kümmerlichen Wortfolgen sind gelegentlich zudem mit aparten Fügungen garniert, was immer damit bezweckt sein mag. Das magere Ergebnis ist mehr oder weniger agrammatisch oder unlogisch. Man könnte es, in höflichen Worten, ein systematisches Geraune nennen, und es lohnt kaum die Mühe, darin einen tieferen Sinn zu suchen.
Der Titel des nüchternsten und sachlichsten Sachbuchs von Hoimar von Ditfurth, Am Anfang war der Wasserstoff, enthält mehr Poesie als diese bemühten Hervorbringungen der Autorin. Ihre dichterischen Versuche haben eine verdächtige Ähnlichkeit mit esoterischer Dichtung. Wenn dies der Fall sein sollte, dann kann man nur sagen, daß die Mode der weltanschaulichen Esoterik so sehr diskreditiert ist, daß eine esoterische Dichtung von vornherein unglaubwürdig ist.
Der üblichen Vorstellung von Dichtung als Evokation von Stimmungen und konzentriertem Ausdruck von Gefühlen kommt die Textfolge von Doris Gautschi „dass noch himmel über uns ist“ am nächsten. Es sind lakonische meditative Texte über alltägliche Naturerscheinungen und ihre Ausstrahlung auf das menschliche Gemüt, Texte ohne Metrum und Reim, so daß die Last, so etwas wie poetische Qualität zu generieren, allein auf der Kunst der Wortwahl und der Wortfügung, vor allem der Sprachbilder ruht.
Es ist nur schade, daß ausgerechnet das erste Poem eine verunglückte Metapher enthält, die den durchaus erwägenswerten Gedanken der Zeilen entwertet. Der Gedanke besagt, daß der Sprecher der Zeilen so sehr mit seinen Zweifeln beschäftigt ist, daß er vergißt, „daß noch himmel über uns ist“. Die nichtssagende Metapher handelt von dem unmöglichen, unvorstellbaren „Licht unter meiner Haut“.
Schade ist auch, daß Gautschi es für nötig hält, mehr als einmal eine einzige Metapher, eine einfache Wortwendung als Gedicht vorzulegen, was den Verdacht bestärkt, daß die ihren Texten eigene Wortkargheit meist nicht intendiertes Ausdrucksmittel ist, sondern Ausdrucksnot und simple Spracharmut. Das mag mit der besonderen Sprachsituation der Schweiz zusammenhängen, wo Hochdeutsch bekanntlich nicht die allgemeine Umgangssprache ist.
Von diesen Handicaps abgesehen und trotz ihrer oft gewagten Metaphern, muß man anerkennen, daß sie die Stimmung, die das erste Licht am Morgen hervorruft und uns die Dinge neu sehen läßt, das besondere Flair stiller Tage – „tage wie aus seide“ -, das letzte Licht in einem Talgrund oder der dunkle Beginn des Herbstes in den Bergen recht eindrucksvoll festzuhalten und wiederzugeben vermag. Trotz der vermeidbaren oder im Einzelfall unvermeidlichen Fehler wird man doch nicht bestreiten können, daß wir es hier mit wirklichen Gedichten zu tun haben. Sie hätten vor dem Druck eine strengere Prüfung, eine rigorose Auswahl verdient.
Der vierte im Bunde dieser Lyriker ist Peter Engel, dessen Editionen ich hier schon öfter besprochen habe. Er nennt die Folge seiner einundzwanzig Texte „Blicke und wie man sie lesen kann“. Er gibt damit zu verstehen, daß er ein Augenmensch ist, „bildersüchtig“, der bildenden Kunst leidenschaftlich zugetan, und gelegentlich Bildbeschreibungen, auch Selbstbildnisse, als Gedichte vorlegt. Ein Problem seines Schreibens besteht darin, wie man Erblicktes und Beobachtetes so in Worte fassen kann, daß der Eindruck des Gesehenen bewahrt und an den Leser vermittelt wird.
Eine zweite Eigenart seines Werkes gibt auch diese Auswahl leicht zu erkennen: fast alle seine Gedichte haben einen tagebuchartigen Charakter, es sind Skizzen, die in konzentrierter Form aufbewahren, was der Autor Tag für Tag an mehr oder weniger Wichtigem erlebt hat, wie ihm zumute war und was ihn bedrängt und bewegt hat. Ein Urlaubstag auf einer griechischen Insel, ein Hochsommertag im deutschen Norden, ein Tag vergeblichen Wartens.
Ein drittes Merkmal seiner Arbeit läßt sich auch an zwei Texten dieser Folge beobachten, seine Neigung, Erinnerungen an prägende Erlebnisse seiner Kindheit festzuhalten, so hier der „Historische Moment“, wo das ängstliche Kind beobachtet, wie nach Kriegsende befreite Gefangene einen Autounfall überleben und schnell das Weite suchen. Es ist das expressivste Poem der Folge.
Schließlich läßt sich nicht übersehen, daß Engel eine Vorliebe für poetologische Gedichte hat, für Reflexionen über mögliche Gedichte, über die immer wieder zu bewundernde Macht des dichterischen Wortes, daß man auf poetische Art mit Worten gleichsam Taten vollbringen kann.
Ein unerschöpfliches Thema, zu dem ich nur eines anmerken will. Wenn die Dichter der Vergangenheit, von Horaz bis Gottfried Benn, eine Ars poetica verfaßten, Gedichte über das Schreiben von Gedichten vorlegten, dann war damit immer auch ein Lob der Poesie im emphatischen Sinn gemeint. Wenn heute Autoren in ihrer künstlerisch asketischen Art auffallend häufig lyrische Texte über das Schreiben von Lyrik verfassen, statt frisch drauflos zu dichten, dann klingt da zwar gelegentlich auch noch ein Lob des Dichtens mit. Der Hauptton dieser Gattung des Schreibens verrät heute jedoch eine gewisse Verlegenheit, einen schwer zu beschwichtigenden Zweifel an Sinn und Zweck dieser Art von Literatur in unserer Zeit. Meines Erachtens wissen die klügsten Autoren, daß Rudolf Borchardt nicht nur für seine Zeit, sondern auch für unsere Gegenwart recht hatte, als er sagte: „Die Poesie einer Zeit ist nicht immer, ist nicht einmal meistens, in seinen Versen“.
Angesichts dieser Lage und angesichts der katastrophalen Verirrung der sogenannten Alltagslyrik, die in Wirklichkeit eine Abdankung der Lyrik war, gehört, wie gesagt, Mut dazu, heute noch Gedichte zu schreiben. Wir anderen aber sollten diese Texte wenigstens zur Kenntnis nehmen und unvoreingenommen beurteilen.

J.Q. — 12. August 2014

©J.Quack


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