Josef Quack

Wider die Lobeshymnen auf das Buch an sich




Timeo hominem uníus libri (Ich fürchte den Menschen eines einzigen Buches).

Thomas von Aquin

Das Jammern darüber, daß das Buch an und für sich im Zuge der digitalen Revolution bald zu verschwinden drohe, hat hierzulande einen Grad der Ignoranz und Heuchelei erreicht, der kaum noch zu ertragen ist.
Nicht nur Leute, die etwas vom Metier verstehen, sondern auch Zeitgenossen, die ein fadengeheftetes Buch nicht von einem geklebten Buch unterscheiden können, die nicht wissen, was Halbleinen und ein Franzband ist, die niemals von Folio und Oktavband gehört haben, die nicht erkennen, ob ein Buch in Tiefdruck oder Offsetdruck vorliegt, schwärmen in den beredtesten und wärmsten Worten von der haptischen, optischen, stofflichen, ja sogar von der Geruchs-Qualität des Buches! Leser, die nicht merken, daß heute die meisten Bücher im Satzspiegel Fehler aufweisen, greifen zu den höchsten Superlativen, um die angeblich so hohe und segensreiche Buchkultur zu rühmen, als habe diese Formation nicht auch den unsäglichsten Schund hervorgebracht und seine massenhafte Verbreitung erst ermöglicht.
Fehler im Satzspiegel, Anfangszeile eines Absatzes am Seitenende, finden sich auch in den Klassikerausgaben des Hanser-Verlages, in den Bänden des Deutschen Klassiker Verlages, in Ernst Jüngers Sämtlichen Werken, in Alfred Döblins Ausgewählten Werken und auch in Thomas Manns Gesammelten Werken aus den achtziger Jahren, übrigens die handlichste und lesbarste Ausgabe dieses Autors. Bei einem Textprogramm hat nun aber jeder Selbstschreibende die Möglichkeit, seine Dokumente oder sein Buch nach den sorgfältigen Regeln des Druckes so einzurichten, daß erste und letzte Zeilen eines Absatzes niemals allein auf einer Seite zu stehen kommen.
Es gab auch schon vor der Erfindung der Klebebindung Taschenbücher, sie waren wie die alten Reclam-Hefte mit Faden geheftet und teils sogar gebunden. Die Klebebindung aber hat die Herstellung von Taschenbüchern enorm vereinfacht und diese Buchsparte erst zu dem Massensektor gemacht, der er heute ist. Damit aber war das Buch als Wegwerfprodukt erfunden, und die Taschenbücher der fünfziger Jahre waren nach kurzer Zeit wirklich nur noch Altpapier, die Blätter dunkelten rasch, der Leim verlor seine Bindekraft oder wurde brüchig. Die Güte und Elastizität der Klebebindung wurden im Laufe der Jahre zwar erheblich verbessert, das Verfahren hat aber niemals den Standard der Fadenheftung erreicht. Und heute werden selbst die meisten gebundenen Bücher mit Klebebindung hergestellt.
Sogar ein Bestseller wie Der Name der Rose hat diese Aufmachung — wenn man das Buch einmal liest, verliert es seine Fassung: es sieht aus, als sei es schief gewickelt. In dieser Aufmachung, geklebt und gebunden, kommen nunmehr auch die literarischen Neuerscheinungen, die vergänglichste Ware der schöngeistigen Sparte, auf den Markt, während einigen Jahrhundertwerken der Philosophie nicht einmal diese bescheidene Gunst der äußeren Erscheinung zuteil wurde. Diese Bücher, die zum gründlichen und wiederholten Lesen bestimmt sind, gibt es nur im Taschenbuchformat – siehe etwa Quines Wort und Gegenstand oder Tugendhats Vorlesungen über die analytische Philosophie, ein Standwerk des letzten Halbjahrhunderts.
Selbst die Bibel, die jahrhundertelang am sorgfältigsten hergestellt wurde, auf das feinste Papier gedruckt, solidest gebunden war, erscheint heute in der billigsten Form, in Klebebindung, so die Einheitsübersetzung (Herder), deren buchtechnische Aufmachung genauso miserabel ist wie die Verdeutschung.
Der Rechtschreibe-Duden ist vor der verunglückten Rechtschreibe-Reform selbstverständlich in der dauerhaften Fadenheftung erschienen, nach der Reform mit ihren Stadien der wechselnden Schreibungen aber nur noch in der wenig strapazierfähigen Klebebindung, dafür aber mit einer CD, die es erlaubt, den Wortschatz in das Textprogramm zu integrieren – die digitale Ausgabe wird wichtiger als das gedruckte Format.
Man rede also nicht von einem geistigen Auftrag der Verleger oder von dem erhabenen Status der Buchkultur in unserem Land. Die deutschen Verlage haben es nicht einmal fertig gebracht, eine Klassiker-Reihe auf die Beine zu stellen, die in Druck, Seitenformat, Papier, Bindung und Einband gleichwertig wäre mit der französischen Bibliothéque de La Pleiade; von dem geschwätzigen, leicht verderblichen, der literaturtheoretischen Tagesmode verhafteten Kommentar vieler unserer Klassikerausgaben wollen wir erst gar nicht reden.
Die Rechtschreibereform ist übrigens ein Beispiel dafür, daß die Reformer die technischen Möglichkeiten der digitalen Form unterschätzt haben. Man erinnere sich, daß der Versuch, in den siebziger Jahren die Kleinschreibung im Deutschen einzuführen, damit begründet worden war, daß die Computerprogramme nur die Kleinschreibung kannten, der Verzicht auf die Großschreibung also für den technischen Fortschritt unerläßlich sei. Dieses Argument war durch und durch laienhaft, es verkannte das Potential, das in der Programmiertechnik steckt — sie beherrschte wenig später mühelos die Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung.
Den gleichen Fehler der programmtechnischen Ignoranz begingen die jüngsten Reformer, als sie die Regeln der Schreibung über die Maßen und wider alle Sprachvernunft vereinheitlichten und versimpelten — auch sie glaubten, man müsse die Hindernisse der Schrift beseitigen, um den weiteren Fortschritt der Digitalisierung möglich zu machen. In Wirklichkeit haben die Programmierer von Textprogrammen zwar praktisch einige Mühe, aber prinzipiell keine Schwierigkeit, mit den Besonderheiten der natürlichen Sprachen fertig zu werden. Tatsächlich ist ein gutes Textprogramm heute, was die sprachliche Kompetenz angeht, dem durchschnittlichen Benutzer nur zu oft überlegen. So gibt es zum Beispiel eine Funktion, den Inhalt von Texten kurz zusammenzufassen. Die Ergebnisse dieser Funktion sind im allgemeinen vernünftiger als die meisten Zusammenfassungen, die die wissenschaftlichen Autoren von ihren Texten selbst geben.
Oft hört man auch das Argument, das Buch sei, soweit es um die Veröffentlichung von Literatur und Wissenschaft geht, der digitalen Publikation überlegen, weil vor die Veröffentlichung das Lektorat geschaltet sei, das die Texte prüft, auswählt und verbessert. Wiederum vergißt man, daß diese an sich durchaus löbliche Instanz es nicht verhindern konnte, daß eine Unmasse von minderwertigen Romanen und unnützen, überflüssigen oder gar schädlichen Sachbüchern das Licht der Welt erblicken konnte. Und man vergißt, daß es zwar eine Handvoll qualifizierter, belesener und geistig reger Lektoren gab, daneben aber eine Menge von Anfängern (in jeder Bedeutung des Wortes) oder unsensiblen Lektoren, die unfähig waren, die Bedeutung erstrangiger Werke zu erkennen. Die Zahl guter Romane, die hierzulande von den renommiertesten Verlagen abgelehnt wurden, ist beschämend hoch, erst recht die Zahl der Romane, die trotz des Zweifels der Verlage dann doch viel beachtet wurden.
Man kann es nur als geistigen und kulturellen Fortschritt bezeichnen, daß mit dem Internet die Möglichkeit gegeben ist, Texte ohne die Vormundschaft uneinsichtiger Lektoren und uninteressierter Verlage selbst zu veröffentlichen und zu verbreiten. Der Gewinn an persönlicher Freiheit ist zu offensichtlich, als daß dagegen die Bedenken einer nachrangigen Fertigungsbranche in Betracht kämen.
Erstaunlich in der Diskussion über die angeblich von der Digitalisierung bedrohten Buchkultur ist, daß dabei niemals das Argument auftaucht, daß bis heute Papier das sicherste Speichermedium ist. Nach zwanzig Jahren lassen sich die 5-Zoll-Disketten nicht mehr von den üblichen Computern lesen, und um die 3½-Zoll-Disketten lesen zu können, braucht man heute ein Zusatzgerät, das gleiche gilt für die Zipp-Disketten, und diese Zusatzgeräte bekommt man nur noch bei speziellen Anbietern. Hinzukommt der Wechsel in den Textformaten sowie die materialbedingte begrenzte Haltbarkeit der Speichermedien, die bei CDs und Magnetbändern höchsten auf einige Jahrzehnte geschätzt wird, was die Digitalisierung von Bibliotheken auch in Zukunft vor einige Probleme stellt. Die digitalisierten Bestände müssen ständig überwacht und neu gesichert werden. Man muß kein Prophet sein, um voraussagen zu können, daß das Buch in einigen Kernbereichen unserer sprachlichen Kultur als Träger von Informationen erhalten bleiben wird.
Daß das Buch aber in unserem Alltag schon längst nicht mehr ein Objekt der Begierde ist, ersieht man daraus, daß die Zeitungen vor Jahrzehnten mit Buchprämien um neue Leser warben, heute aber mit Vorliebe technisches Spielzeug als Lohn für die Werbung in Aussicht stellen. Das aber ist nur folgerichtig, da es ja kaum noch Bücher gibt, die in Druck und Einband, vom Inhalt zu schweigen, die Güte früherer Exemplare ihrer Art aufweisen.
Ob die Zeitungen mit der Herausforderung des Internets fertig werden, läßt sich heute noch nicht abschätzen. Wenn man sich vor Augen hält, daß sie auch nach einem halben Jahrhundert nicht mit dem Ärgernis des mit Zwangsabgaben finanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu Rande gekommen sind, muß man in dieser Hinsicht skeptisch sein. Sie haben niemals begriffen, daß das öffentlich-rechtliche Mediensystem, das sich nun auch im Internet eingenistet hat, ein Unding ist, das besser nicht wäre — allerdings ist es das rechte Medium für ein Volk von Untertanen. Statt dessen besuchen die Matadore der privaten Presse gerne die öffentlich-rechtlichen Schwatzrunden, und ihre Blätter berichten Tag für Tag über TV-Ereignisse, die keine sind.
Wenn den Meinungsäußerern der Zeitungen in ihren Kommentaren nichts Gescheiteres einfällt als einem x-beliebigen Webnutzer, der spontan und salopp von sich gibt, was er über eine Sache denkt, wenn die Zeitungen ihre Informationen gar aus manipulierbaren und oft genug tatsächlich manipulierten Internetquellen beziehen, wenn ihre Reporter nach dem Vorbild des unaufhörlichen Geplauders im Internet sich in endlosen Belanglosigkeiten verlieren — siehe die überflüssig vorhandenen Berichte aus Berlin —, fragt man sich, wozu die Zeitungen überhaupt noch gut sind.
Der eingangs zitierte Ausspruch des Thomas von Aquin hat folgenden Sinn: Der Mensch, der nur ein Buch kennt, der es aber genau kennt, ist ein furchtbarer Gegner. Selbstverständlich ist damit ein gewichtiges philosophisches oder wissenschaftliches Werk gemeint. Diese Bedeutung kommt in etwa dem nahe, was Karl Popper, der selbst vermutlich niemals einen Traktat des Thomas gelesen hat, einmal mit den Worten formulierte: "Ein Mensch, der ein Buch aufmerksam liest, ist ein seltenes Wesen". Später hat man jenen Ausspruch dann gelegentlich auch als die Charakteristik eines beschränkten, unbelehrbaren Lesers gedeutet: Ich fürchte einen Menschen, der nur ein Buch gelesen hat und nur dieses Buch gelten läßt. Die Quelle des Ausspruches und seine beiden Lesarten sind übrigens im kleinen Larousse angeführt.
Für das hiesige Buchwesen ist bezeichnend, daß die Blütenlese griechischer und lateinischer Zitate in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Veni, vidi, vici, weder den Autor noch die Hauptbedeutung des Ausspruchs, sondern nur die sekundäre Auslegung kennt: Ich fürchte den, der nur ein einziges Buch gelesen hat. In dieser Variante eignet sich der Ausspruch allerdings vortrefflich als Motto für die bedrängte Buchbranche.

J.Q. — 13. Okt. 2012

©J.Quack


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