Josef Quack

Die Furie des Verschwindens über Buchmarkt und Buchleser




Das Wohl eines Buches besteht darin, gelesen zu werden.

U. Eco

Die Bücher haben die gleichen Feinde wie die Menschen: das Feuer, die Nässe, die Tiere, die Zeit; und ihren eigenen Inhalt.

P. Valéry

Vor kurzem informierte ein Zeitungsartikel, „Zur Krise des Lesens“ (FAZ, 20.1.2018), recht treffend über das Schrumpfen des Buchmarktes und den Schwund der Bücherleser. Die Autorin erklärt dies damit, daß die Leute sich immer mehr mit visuellen und digitalen Medien beschäftigten, was kein Mensch bestreiten kann. Doch hat sie vergessen, die am nächsten liegende, die entscheidende Frage zu stellen: ob es nämlich heute in der Belletristik wirklich noch Bücher gibt, die zu lesen sich wirklich lohnt?
Gewiß gibt es eine Menge billiges Lesefutter, backsteindicke, kurzlebige Schmöcker, meist aus amerikanischen Schreibfabriken, doch wann ist denn zuletzt ein seriöser Roman erschienen, den man wirklich gelesen haben sollte, ein Roman wie Pascal Merciers (d.i. Peter Bieri) Nachtzug nach Lissabon (2004) (cf. J.Q., Aufsatz) oder Uwe Tellkamps Der Turm (2008) (cf. J.Q., Rezension)? Intelligente Unterhaltung und Belehrung in gutem Deutsch? Und was das Sachbuch angeht, wo ist denn der Autor, der komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge so klar und verständlich erklären könnte wie Hoimar von Ditfurth in den siebziger und achtziger Jahren? Es scheint nicht mal kundige Autoren zu geben, die seine Bücher in einem Nachwort auf den neuesten wissenschaftlichen Stand bringen könnten. Und wo sind die Geschichtsschreiber, die nicht nur mehrbändige Wälzer produzieren, sondern auch als begabte Schriftsteller gelten können wie Golo Mann, Sebastian Haffner oder Joachim Fest?
Auch wurde in dem Artikel nicht bedacht, daß der hochorganisierte, aber geistig sichtlich unterernährte Literaturbetrieb mit der Inflation der Literaturpreise alles andere als eine Empfehlung für die Bücher ist, da die Preise allesamt ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Am unglaubwürdigsten sind natürlich die vom Buchmarkt selbst gestifteten und gesponserten Preise, reine Reklameveranstaltungen ohne literarische Bedeutung. Der Buchpreis zur Messezeit wurde wohl ersonnen, um auf künstlichem Weg Bestseller zu kreieren – in dem naiven, längst widerlegten Glauben, daß ein Literaturpreis den Absatz eines Werkes automatisch steigern würde, und in der irrigen Annahme, literarisch hochstehende Bestseller ließen sich planen. So weit man sehen kann, ist der Erfolg dieser Reklamemaßnahme bisher recht bescheiden ausgefallen und, was wichtiger ist, ein Roman von Format wurde auf diese Art nicht begünstigt, aus dem einfachen Grunde, weil keiner vorhanden war.
Zu den Fördermaßnahmen des Buchmarktes muß man auch die Frankfurter Poetik-Vorlesung rechnen, die von ein paar Verlagen getragen und betreut wird. An anderer Stelle habe ich auf den recht kümmerlichen dichterischen Ertrag dieser Veranstaltung heute und die beachtliche Qualität der Vorlesungen von früher hingewiesen (cf. J.Q., Wozu Poetik-Vorlesungen?). Die Autoren der jüngsten Vorlesungen haben ihre Sache noch schlechter gemacht, als dort berichtet, so daß man nicht mal ihre Namen erwähnen müßte.
Eine Ausnahme war Michael Kleeberg, der im Juni 2017 sich recht vernünftig, d.h. kritisch und skeptisch über den arabischen Frühling, den politischen Islam und davon geprägte, vormoderne Gesellschaften äußerte und die deutsche Neurose beklagte, sich für alle Zeiten schuldig zu fühlen. Aber prompt bekam Kleeberg wegen seiner nüchternen, rationalen Einschätzung unbestreitbarer Tatsachen den Protest politisch-korrekter Akademiker zu spüren – was ein höchst verdächtiges Symptom für die geistige Verirrung dieser ideologisch festgelegten Dozenten und Studenten ist. Der Tadel zeigt nämlich nichts anderes, als daß diese verblendeten Zeitgenossen eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung aufgegeben haben, nämlich das Recht auf die Kritik der Religion im Namen der Vernunft. Mit Wissenschaft, die an dieser Stätte gepflegt werden sollte, hat die ideologisch motivierte Meinungssteuerung dieser fälschlich sogenannten Geisteswissenschaftler rein gar nichts zu tun.
Die Poetik-Vorlesung dieses Winters war dagegen wieder über die Maßen enttäuschend. Silke Scheuermann, guttural, unartikuliert, zu schnell sprechend, nervös immer wieder Wasser trinkend, war kaum verständlich und was sie zu sagen hatte, war kaum der Rede wert (30.1.2018). Es konnte nicht überraschen, daß sie, ihr eigenes Schreibvorhaben erläuternd, sich auf Virginia Woolf, die anämische Patronin feministischer Literaturbetrachtung, berief. Was sie aber von ihr behauptete, war in bestimmter Hinsicht nicht nur falsch, sondern unsinnig. Sie behauptete, Woolf habe den allwissenden Erzähler abgeschafft. In der Theorie des Erzählens von Franz Stanzel kann man nachlesen, daß es einen allwissenden Erzähler in der Literatur niemals gegeben hat - was es aber nicht gibt, kann man auch nicht abschaffen. Auch hat die Poetik-Dozentin nicht gemerkt, was man bei Graham Greene nachlesen kann, daß und warum Woolf in ihren Romanen durchweg nur Schattengestalten hervorgebracht hat, die im Vergleich zur Vitalität der Figuren von Joyce ausgesprochen leblos wirken. Auch scheint unsere Autorin das Problem nicht gesehen zu haben, ob der innere Monolog bei Woolf als Bewußtseinstrom aufgefaßt wird, der ein Konstrukt einer wissenschaftlich längst überholten Assoziationspsychologie ist.
Übrigens ist der Begriff des allwissenden Erzählers gelegentlich ein polemisches Schlagwort, das man keineswegs ernstnehmen darf. Wenn Sartre den Begriff gegenüber Mauriac gebraucht, so ist dies ironisch gemeint und soll die religiös orientierte Einstellung Mauriacs treffen. Heute wird dieser Begriff, ebenso wie der „Bewußtseinsstrom“, gerne noch in der amerikanischen Literaturtheorie verwendet, was nicht gerade für die transatlantischen Literaturausdeuter spricht.
Schließlich, wo gibt es denn heute in der englischen Literatur einen Romancier, den man mit Graham Greene vergleichen und auf eine Stufe stellen könnte? Gewiß, John le Carré ist dankenswerterweise immer noch als Schriftsteller tätig, aber das gleiche Format wie Greene wird man ihm doch nicht zusprechen können. Damit ist nur gesagt, daß es auch außerhalb unseres Landes heute keine Romanciers von Rang mehr gibt, die ein großes Publikum ansprechen und den Buchmarkt intellektuell anziehend machen könnten.
Die besprochene Vorlesung vom 30.1.2018 wurde von schätzungsweise 300 bis 350 Leuten besucht, vorwiegend älteren Herrschaften, von auffallend wenigen jungen Menschen, Studenten – vielleicht ein Beleg dafür, daß die junge Generation das Bücherlesen nicht besonders schätzt? Es könnte aber auch sein, daß sie diese Autorin nicht besonders schätzt, in welchem Falle man von einem gesunden Instinkt der jungen Leute sprechen könnte. Mir ist es in der Tat schleierhaft, warum im Leben stehende Menschen sich abends aufmachen, um sich eine derart kümmerliche Vorlesung anzuhören. Wie bescheiden doch die geistigen Ansprüche mancher Leute sind! Wären die Leser anspruchsvoller, hätten wir vielleicht auch eine bessere Literatur und einen kompetenteren Literaturbetrieb.

P.S.

Die „Furie des Verschwindens“ ist eine Metapher, die aus Hegels Phänomenologie des Geistes stammt und von Hans Magnus Enzensberger zu unserer Zeit in einem verrätselten Gedicht aufgegriffen wurde (cf. J.Q., Über die Rückschritte der Poesie dieser Zeit, S. 89f.).

J.Q. — 5. Feb. 2018

© J.Quack


Zum Anfang