Josef Quack

Nachklang

Peter Engel zum 75. Geburtstag





Der folgende Text stammt aus der soeben erschienenen Gedichtsammlung Engels Unter der schwarzen weiße Schrift. 75 Gedichte. 1972-2015. Ich möchte auf diesen Text deshalb hinweisen, weil er für den lyrischen Stil und den Gedankenkreis Engels durchaus exemplarisch ist (cf. J.Q., Über die Gedichte Peter Engels), und ich meine, daß, allgemein betrachtet, diese Art des literarischen Schreibens eine plausible Möglichkeit darstellt, heute, in prosaischer Zeit, wo man von Poesie wenig wissen will, Texte zu verfassen, die man noch Gedichte nennen kann.

Nachricht vom November

Der Baum vor meinem Fenster
zeigt Sturm:
Den Sommer über hat er
mein Zimmer beschirmt
mit verständigen Zweigen,
jetzt reißt er mir
mit fahrigen Ästen
den Himmel auf
und überzieht die Scheiben
mit Wolkenkrieg.
Erstaunt beobachte ich,
wie viel Kampf
er seinen restlichen Blättern
noch abverlangt.

Der wortkarge, in rhetorischer Hinsicht bewußt sparsame Text ist ungereimt und ohne ein prägendes Versmaß. Er ist von dem romantischen Ideal der Poesie, dem melodischen Lied, denkbar weit entfernt, kaum mehr als ein schmuckloser Spruch, der sich nur durch seine Zeilengliederung und ein paar nicht ganz gewöhnliche Sprachbilder von einem prosaischen Text unterscheidet. Der weitgehende Verzicht auf die formalen Reize des poetischen Ausdrucks hat zur Folge, daß der Sinn des Textes ein besonderes Gewicht erhält. Geschildert wird eine alltägliche Beobachtung, an die sich aber eine Reflexion anschließt, die nicht gerade gewöhnlich klingt. Der Sinn des Textes liegt offen zu Tage — auch dies ein typisches Merkmal der gegenwärtigen Dichtung, die alles andere als hermetisch oder esoterisch ist. Der Sprecher leitet von einem herbstlichen Naturphänomen für sich ein hoffnungsvolles Zeichen ab, ein Zeichen der Ermutigung in unvorteilhafter Lage.
So weit, so klar und einsichtig. Der schlichte Text würde aber doch ein wenig unterschätzt, wenn man nicht etwas Wesentliches bemerkte: seine literarischen Anspielungen, die erst seinen vollen Sinn ausmachen. Nun hat es aber mit literarischen Anspielungen eine besondere Bewandtnis, auf die zuerst Karl Kraus mit aller Bestimmtheit hingewiesen hat. Er erklärt nämlich, daß ein Autor sich vollständig im klaren darüber sein muß, welche Assoziationen sein Text im Leser hervorrufen kann: „Der Schriftsteller muß alle Gedankengänge kennen, die sein Wort eröffnen könnte. Er muß wissen, was mit seinem Wort geschieht. Je mehr Beziehungen dieses eingeht, um so größer die Kunst; aber es darf keine Beziehungen eingehen, die dem Künstler verborgen bleiben.“ (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S.42).
Nun ist evident, daß die „Nachricht vom November“ mindestes vier substantielle Anspielungen auf kanonische Texte der deutschen Lyrik enthält. Zunächst erinnert sie selbstverständlich an Gottfried Benns Novembergedicht „Tristesse“ mit den programmatischen Versen: „Und dann November, Einsamkeit, Tristesse, / Grab oder Stock, der den Gelähmten trägt — / die Himmel segnen nicht ...“. Engels Zeilen drücken eine Stimmung aus, die der wehmütigen Melancholie Benns geradezu entgegengesetzt ist und eher an das aktivistische Lob erinnert, das der junge Bert Brecht in seiner Hauspostille einem Baum spendet, der einen Sturm glücklich überstanden hat. „Morgendliche Rede an den Baum Griehn“ heißt dieses saloppe Gedicht, von dem sich Engels Sätze freilich dadurch unterscheiden, daß sie in einem ruhig konstatierenden Tonfall gehalten sind.
Die dritte Anspielung verweist auf ein Gedicht von Eichendorff, das eine analoge Beobachtung beschreibt: „Schaurig rühren sich die Bäume, / Wolken ziehn wie schwere Träume — / Was will dieses Graun bedeuten?“ Während Eichendorff aber das Naturphänomen der bewegten Dämmerung — "Zwielicht" heißt das Gedicht — als Allegorie für die moralische Zweideutigkeit und Unzuverlässigkeit des Menschen auslegt, verweist Engels Text auf den ermutigenden Sinn des herbstlichen Geschehens.
Dann braucht wohl nicht weiter nachgewiesen werden, daß „die Himmel aufreißen“ eine Wendung ist, die aus einem bekannten Adventslied stammt; hier aber erhält sie eine durchaus profane Bedeutung der Zuversicht, die wiederum dem trostlosen Ausblick widerspricht, den Benn vor Augen hat.
Man wird also gewiß sagen können, das Gedicht handle in bestimmter Hinsicht von einem Trost der Bäume. Da dies aber nicht wortwörtlich erklärt wird, kann man wohl kaum von einer direkten Anspielung auf das "Ende eines Sommers" von Günter Eich sprechen und den bekannten Vers: "Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume?"
Zuletzt soll nicht verschwiegen werden, daß diese Art der besinnlich nachfragenden, betrachtenden Dichtung einer ins Auge fallenden Gefahr ausgesetzt ist. Sie kommt der gegenwärtig beliebten Mode einer psychologisierenden, unverbindlichen Geisteshaltung recht nahe, die eine Art profane Spiritualität ist (cf. J.Q., Über Pascal Mercier, S.10). Mir scheint aber, daß die Nüchternheit von Engels Diktion verhindert, daß seine Texte dieser Gefahr erliegen.
Ich denke, daß diese Interpretation den Sinngehalt der „Nachricht vom November“ einigermaßen treffend beschreibt. Dem möchte ich nur noch hinzufügen, daß jene Texte der gegenwärtigen Lyrik noch am besten lesbar sind, die ein fernes Echo der kanonischen Gedichte der Literatur darstellen, Anspielungen auf große Poesie, von deren Bedeutung sie in diesem Fall einen guten Teil ihres Sinnes beziehen.

J.Q. — 9. Nov. 2015

© J.Quack


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