Josef Quack

Ein wahrer Held, "Der Verdächtige" Simenons




Ohne die Wahrheit oder wenigstens die Wahrscheinlichkeit erzeugt man keine Spannung.

H. Verneuil

Le suspect (1938, Paris 1983, Der Verdächtige) ist einer jener Romane Simenons, die man erst dann aus der Hand legen möchte, wenn man sie ganz gelesen hat. Ein rasanter Anfang, dann gerät die Handlung ins Stocken, was den Helden an den Rand der Verzweiflung bringt. Schließlich gelingt es ihm, durch einen Handstreich die Stockung zu überwinden und sein Vorhaben glücklich zu Ende zu führen.

Kurzum, eine dramatische, von der ersten bis zur letzten Seite spannende Geschichte, die sich wie die Vorlage für einen Actionfilm liest, und man wundert sich, daß der Roman noch nicht verfilmt worden zu sein scheint. André Gide, der mit seinem Lob gewöhnlich sparsam ist, schrieb denn auch an Simenon, der Roman sei „vollauf geglückt“ (Br. 31.12.1938). Man kann es kaum glauben, daß dieser auch thematisch ansprechende und nachdenklich stimmende Roman in den Besprechungen über Simenon, soweit ich sie kenne, überhaupt nicht erwähnt wird, er scheint in der überwältigenden Fülle seiner Romane untergegangen zu sein.

Pierre Chave, französischer Deserteur, überzeugter Pazifist, derzeit in Brüssel als Regassistent an einem Theater tätig, ist der Wortführer einer Gruppe von Anarchisten in Paris. Eines Abends kommt Baron, ein gutwilliger, aber leichtfertiger Gesinnungsgenosse zu ihm, um ihm mitzuteilen, daß man in Paris ein Attentat auf eine Flugzeugfabrik plane. Kurz entschlossen macht Chave sich auf die Reise nach Paris. Es gelingt ihm, illegal die Grenze nach Frankreich zu überqueren. Am nächsten Nachmittag erreicht er eine Pension in Puteaux, damals ein Vorort, heute ein Viertel von Paris, wo er bis zum frühen Morgen durchschläft. Er macht sich auf den Weg nach Courbevoie, ebenfalls ein Vorort von Paris, beobachtet einen ganzen Tag lang die Flugzeugfabrik und entdeckt mehrere Beamte der Sûreté nationale.

Nur mit größter Mühe kann er Verbindung mit einigen Bekannten aufnehmen, sie trauen ihm aber nicht, weil sie ihn für einen Verräter halten, der der Polizei den geplanten Anschlag angezeigt hat und mit ihr nun zusammenarbeitet. Nachdem er sich zwei Tage und zwei Nächte auf den Straßen der Stadt herumgetrieben hat, findet er endlich den jungen Robert, der das Attentat ausführen soll, in einem Hotel mit der selbstgebauten Bombe und mit einem polnischen Anarchisten, der Chave mit einem Revolver in Schach hält.

In dem frühen Maigret-Roman Le pendu de Saint-Pholien (1931, Der Gehängte von Saint-Pholien) hatte Simenon eine Gruppe jugendlicher Nihilisten beschrieben, die als schwärmerische Verächter jeder Moral ein Verbrechen begehen (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, S.58). Hier schildert er nun eine Gruppe von zeittypischen Anarchisten, die gesellschaftspolitische Ziele im Auge haben, von denen wir allerdings kaum etwas Näheres erfahren.

Pierres Frau sagt über ihn: „Er ist ein Idealist. Er leidet darunter zu sehen, daß die Welt schlecht eingerichtet ist und er möchte sie verbessern“ (S.87). Wie angedeutet, richtet sich seine Revolte im Grunde gegen das Unglück der Menschen. Er hat eine elementare, physische Abneigung gegen das Leid der Menschen. Schmerzempfindich wie er ist, möchte er seiner Frau auch keine zweite Geburt zumuten. So nimmt er sich des jungen Roberts an, der „von Geburt unglücklich“ ist, ähnlich wie seine Freundin, die „ein vom Schicksal gezeichnetes Wesen“ ist (S.46; 98). Und er fühlt sich mit den mittel- und osteuropäischen Anarchisten solidarisch, die aus einem Land des Elends kommen, „une sorte de misère révoltée“, eine Art Elend, das zur Empörung drängt (S.105).

Am Rande bemerkt, erinnert Chaves fundamentale politische Intention an ein Wort des Philosophen Merleau-Ponty, es sei Aufgabe der Politik, den "Unsinn" in der Geschichte zu beseitigen. Er hat übrigens auch eine wichtige, in linken Kreisen des Nachkriegs einflußreiche Studie darüber geschrieben, daß Terror und Humanismus unvereinbar sind.

Entscheidend für die Handlung ist der ideologische Konflikt in der Gruppe, der durch zwei polnische Agenten, K. und Stephan, verursacht wird, die die pazifistische Idee ablehnen und für eine terroristische Aktion plädieren. Den Anschlag wollen aber nicht sie selbst ausführen, sie wählen dafür vielmehr Robert aus, das schwächste Mitglied der Gruppe, einen vom Schicksal geprägten Pechvogel. Daß die Chefideologen nicht selbst die Tat ausführen, sondern dafür ein jüngeres Mitglied indoktrinieren und in die Gefahr schicken, ist die bis heute gültige Einsicht in die Taktik terroristischer Gruppen.

Simenon ist jedoch weniger an dem ideologischen Konflikt interessiert als an der damit gegebenen zwischenmenschlichen Auseinandersetzung, dem „menschlichen Faktor“, um das treffende Wort Graham Greenes aufzunehmen. Pierre versucht das Attentat nicht nur aus ideellen Gründen zu verhindern, sondern auch deshalb, weil Robert sein Freund und er eifersüchtig auf jene Agenten ist, die Robert zu der Tat überredet haben: „Er wußte nicht mehr, ob er den Tod Unschuldiger vermeiden oder den kleinen Robert daran hindern wollte, eine Dummheit zu begehen, oder auch, sich verantwortlich für einen Teil der Tätigkeit der Gruppe glaubend, ob es wegen der Ruhe seines Gewissens geschah, das schlug.“ (S.135)

Pierres Intervention droht aber daran zu scheitern, daß er in Verdacht steht, ein Polizeispitzel zu sein. Darauf spielt der Titel des Romans an, es ist das engere Thema des Romans und besagt, daß eine Verständigung zwischen Menschen unmöglich ist, wenn ein Partner in Verdacht gerät, nicht redlich zu sein. Damit wird das wohl bedeutendste Leitmotiv im Werk Simenons angedeutet, das Problem, wie es überhaupt möglich ist, einen Menschen vollkommen zu verstehen. Es ist bekanntlich auch die hauptsächlichste Intention Maigrets.

Übrigens entspricht auch Chaves politisches Ziel, die schlecht eingerichtete Welt zu verändern, dem persönlichen Engagement Maigrets, der ein Schicksalsverbesserer (un raccommodeur de destins) sein möchte (cf. J.Q., Die Grenzen des Menschlichen, S.57). Dabei drängt sich einem das Urteil Brechts auf, der gelegentlich behauptet, in Simenons Romanen „rolle lauter Schicksal ab“ (Arbeitsjournal 17.4.42). Er hat dabei übersehen, daß Simenon sich dieses Problems durchaus bewußt war und mehrfach Personen geschildert hat, die das gegebene Schicksal nicht untätig hinnehmen. Außerdem widerspricht Maigrets innerste Berufung der Meinung Brechts, der sich bekanntlich an der marxistischen Lehre orientierte.

Das mögliche Scheitern seiner Mission aber bringt Pierre an den Rand der Verzweiflung: „Chave war niedergeschlagen; er war traurig. Traurig wie … Er hätte fast gesagt wie Christus! Eine bodenlose Traurigkeit. Eine graue, verzweifelnde Traurigkeit.“ (S.161) Wenn ich diesen Roman gekannt hätte, als ich über Simenons traurige Geschichten schrieb, hätte ich diese seltene Form einer zur Revolte führenden Traurigkeit natürlich berücksichtigen müssen. Daß diese anarchistische Revolte eine unübersehbare existentielle Dimension hat, zeigt sich auch in der Szene, die dem erfolgreichen Coup Pierres folgt. Er setzte sich auf eine Bank und wurde fast ohnmächtig: „Alles, was er machte, war seinen Kopf in zwei Hände zu nehmen und zu weinen. Plötzlich, heftig zu weinen, ohne Grund, mit der Empfindung, daß es sein ganzes Sein war, das ausströmte“ (S.171f.).

Zu erwähnen wäre noch, daß ein zweites Leitmotiv Simenons im Roman eine tragende Rolle spielt: das erzwungene Leben eines Menschen auf der Straße mit all seinen entwürdigenden Folgen der Verwahrlosung, die Situation eines Mannes, der beschattet oder verfolgt wird und sich aus dieser Falle nicht retten kann, eines Mannes, der allmählich, aber unaufhaltsam aus der Zivilisation ausgeschlossen wird. Sozusagen weltberühmt wurde dieses Motiv durch Gabriel García Márquez, der in dem Rapport „Dieselbe Geschichte, nur anders“ beschreibt, wie er zufällig die Erzählung „Der Mann auf der Straße“ las, ohne zu wissen, daß sie von Simenon stammt, und dies erst nach jahrzehntelanger Forschung herausfand. In dem Verdächtigen wird nun geschildert, wie es Pierre mit einiger List schafft, zwei Tage und zwei Nächte auf den Straßen von Paris durchzubringen, ohne von der Polizei entdeckt zu werden und ohne seine Würde zu verlieren.

Die Spannung des Romans entsteht nun nicht allein dadurch, daß eine an sich schon fesselnde Agentengeschichte erzählt wird, die entfernt an einen Roman Joseph Conrads erinnert, sondern auch dadurch, daß die Gegenwartshandlung nur selten durch Rückblicke unterbrochen wird. Der Hauptteil der Geschichte wird aus der Perspektive Pierres erzählt, außerdem berichtet ein objektiver Erzähler von zwei Nebenschauplätzen, der belgischen Untersuchung bei Pierres Frau und der Untersuchung und Beschattung der Sûreté nationale in ihrer Zentrale und rund um die Flugzeugfabrik. Zu beachten wäre dabei, daß Simenon den Szenenwechsel gelegentlich nach Art der filmischen Montage ausführt, in Form eines harten Schnittes, d.h. ohne überleitende Worte, oder in Form einer Überblendung: die Erwähnung Brüssels führt im nächsten Satz zum belgischen Schauplatz (cf. zur filmischen Montage, die Alfred Döblin systematisch in den Roman einführte, meinen Diskurs der Redlichkeit, S.23ff.).

Für Simenons vielgerühmten Realismus ist charakteristisch, daß er häufig genaueste Beobachtungen alltäglicher Art mitteilt. So auch hier ein Detail aus einem Fabrikgelände: „Eine Kreissäge schickte ein ständiges Brummen in die Luft, jedesmal mit einem schrilleren Lärm, wenn das Stück Holz fertig war und die Zähne nicht mehr schnitten“ (S.107).

Kafka gebraucht in seinem Tagebuch einmal die ungewöhnliche anschaulich-einprägsame Metapher von dem „Herausspringen aus der Totschlägerreihe der Tat und Beobachtung“, eine enigmatische Wortverbindung, über deren genauen Sinn die Kommentatoren sich lange den Kopf zerbrochen haben (cf. J.Q., Das authentische Selbstbild, S.83f.). Wenn man jene Metapher wörtlich nimmt, dann kann man von vielen Protagonisten in Simenons Romanen sagen, daß sie als Täterfiguren zu Verbrechern wurden und damit in die Totschlägerreihe gehören, allen voran der schreckliche Held in Der Schnee war schmutzig.

Von den Hauptpersonen der anderen großen Romane kann man jedoch mit Fug und Recht behaupten, daß sie nicht zu dieser Kategorie zählen, sondern sich durch einige besondere menschliche Qualitäten auszeichnen. Der gefürchtete Präsident findet seinen Frieden im Abschied von der Politik. Der mächtige Zeitungsverleger in den Glocken von Bicêtre bescheidet sich gerne mit der Situation eines der Sprache beraubten Kranken, der von jedem Engagement ausgeschlossen ist. Der Held in Der Sohn ist ein Mann, der die Strafe für seinen Sohn übernimmt, und der kleine Heilige ist deshalb ein großer Maler geworden, weil seine Kunst auf schlichter Menschlichkeit beruht und das Glück des Künstlers in der Betrachtung der Welt besteht. Das Geschick und das individuelle Wesen dieser Personen habe ich in meinem Buch über Simenons traurige Geschichten ausführlich beschrieben.

Von jenen Figuren unterscheidet sich Pierre Chave fundamental, er gehört in die Kategorie der Täter, aber nicht in die Totschlägerreihe, weil seine Aktion und sein Engagement dem Ideal der Menschlichkeit verpflichtet sind. Er ist Tatmensch und positiver Held zugleich, eine eher seltene Kombination bei Simenon. Als Gegner jeder Gewalt ist Pierre überzeugt, daß es nicht genügt, sich zu dem hehren politisch-gesellschaftlichen Ideal der Gewaltlosigkeit zu bekennen, sondern daß man unter Umständen auch bereit sein muß, aktiv Gewalttaten zu verhindern. Wenn man will, kann man in diesem humanen Verständnis von Politik die Ansicht Simenons ausgedrückt finden, dem sonst jede Art von Politik verdächtig ist. „Auch ich bin ein wirklicher Anarchist“, schreibt Simenon am 17. November 1960 in seinem Tagebuch und viele französische Intellektuelle der dreißiger Jahren dürften Piere Chaves pazifistischen Anarchismus geteilt haben.

Ich denke, daß durch diese Hinweise und Vergleiche die Bedeutung dieses kleinen, aber beziehungsreichen Romans, der sich Der Verdächtige nennt und Simenon auf der frühen Höhe seiner Kunst zeigt, einigermaßen klar und ausreichend begründet worden ist.

J.Q. — 27. September 2020

© J.Quack


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